Bundi | Die letzte Kolonie | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Bundi Die letzte Kolonie


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-903061-86-6
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-903061-86-6
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Abenteuerroman, Dystopie und philosophischer Thriller in einem: Markus Bundi erzählt die Geschichte der letzten menschlichen Kolonie, die unter Tage in einem permanenten Dämmerzustand lebt. Doch ein Experiment lässt einige der Unterdrückten aufbegehren ... Leserin und Leser finden sich wieder in der futuristischen Vision einer von Kapitalismus, Umweltschäden und Pandemien gezeichneten Menschheit, die sich unter ihren Füßen eine zweite Welt geschaffen hat. Aber was passiert, wenn die Unteren nach oben streben und die Oberen nach unten expandieren wollen? In einer präzisen, lakonischen und treibenden Sprache schaltet Bundi virtuos zwischen Unter- und Oberwelt hin und her. Er beschreibt fantastische Gegenden, abenteuerliche Fluchten und merkwürdige Rituale. Geheimnisvolle Figuren geben Rätsel auf: Was weiß der graue Mann? Warum tötet die Walküre? Welche Rolle spielen die Goner, und wie leben die Toffler und Pilzer? Bundis Roman ist lesbar als Tragikomödie oder als absurdes Theater, denn Ernst und Spiel lassen sich zuweilen nur schwer voneinander unterscheiden. 'Was andere Autoren auf einer ganzen Seite nicht erzählen, erzählt Markus Bundi in einem einzigen Satz.' Matthias Politycki

MARKUS BUNDI, 1969 geboren, lebt heute in der Nähe von Zürich. Er studierte Philosophie und Germanistik, arbeitete als Sport- wie auch als Kulturredakteur und unterrichtet seit vielen Jahren an der Alten Kantonsschule Aarau. Seit Beginn des Jahrhunderts publiziert er literarische und essayistische Texte. Zuletzt von ihm erschienen: Planglück (Erzählungen, 2017), Ankunft der Seifenblasen (Gedichte, 2018), Alte Bande (Kriminalroman, 2019) sowie Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte (Erzählungen, 2020). Für seine Arbeiten als Schriftsteller und Herausgeber wurde er mehrfach ausgezeichnet.
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2

Als nach Gregors Abreise die Reserven des Anderwassers im Spect zur Neige gingen, machte sich Florio auf den Weg. Er kannte sich in den Chargen aus, wusste, wie man sich im System zu bewegen hatte, und er hatte von Gregor eine alte Zugangskarte bekommen. Bis dahin jedoch hatte er die dunklen Abschnitte und die schmalen Gänge gemieden. Zu viele verschwanden auf unerklärliche Weise.

Seit einiger Zeit fürchtete sich Florio vor Schimpansen, Manipeters Wunderfabelwesen, die sie zuweilen gemeinsam besangen, ohne jedoch zu wissen, was oder wer ein Schimpanse war. Ein Wesen ohne Hemmungen, ihnen nicht ganz unverwandt, so viel stand fest. Womöglich aber waren Schimpansen auch so etwas wie Riesenratten. In diesen Größenordnungen hatte Florio einige Male geträumt.

Das System war nicht für weite Wege angelegt, jeder wusste, in welche Charge er gehörte, und am besten blieb man, wo man war. Die persönlichen Plastikkarten öffneten nur wenige Türen. Der Passepartout, so hatte Gregor jene Karte genannt, die er ihm noch ausgehändigt hatte, würde ihm Zugänge verschaffen, von denen er nicht einmal ahnte, dass es sie gab.

Wenn Florio sich außerhalb des Spects befand und nicht in seiner Kammer war, fühlte er sich unwohl, sobald er Geräusche oder Gerüche wahrnahm, deren Herkunft er nicht kannte, die er nicht auf eine Ursache zurückführen konnte. Fremde Gesichter irritierten ihn, die ausdruckslosen wie die neugierigen, und im Zweifelsfall, dafür reichte schon ein Fingerschnippen aus der Ferne, fühlte er sich beobachtet. Auf Gregors Wegbeschreibung aber war Verlass. Florio passierte die Esszeile und kam beim ovalen Brunnen an, wo sich jeweils noch mehr Leute versammelten als im Spect. Die Leute kamen aus vielerlei Gründen zur Quelle des Ursprungs, wie der Brunnen auch genannt wurde. Hier bediente man sich, labte sich am Wasch. Hier suchte man nach bekannten Gesichtern, an diesem Brunnen wurde auch Tauschhandel getrieben. Wer etwas suchte, das er brauchte, kam zur Quelle des Ursprungs und brachte etwas mit, von dem er hoffte, ein anderer würde darauf anspringen.

Florio war länger nicht mehr an diesem Sammelplatz gewesen, die Kapuzenmänner schreckten ihn ab, wer sein Gesicht verbarg, hatte auch anderes zu verbergen. Hier wurden Waren feilgeboten, die es gar nicht gab, hier wurden Dinge verhandelt, die kaum einer verstand, wenngleich jeder so tat, als ob. Du gehst dann in die Richtung weiter, wo du nichts vermutest, wo es am dunkelsten ist – Gregors Stimme.

Es fiel Florio nicht leicht, sich gegen seinen Instinkt und für die Schimpansen zu entscheiden. Es gab viele dunkle Ecken, doch nur aus einer Richtung kam niemand. Dorthin musste er. Florio umrundete ein weiteres Mal das Oval des Brunnens, wurde von einer Frau angerempelt, die ihn kurz anstarrte und fluchend an ihm vorbeizog. Ein kleiner Kapuzenmann zupfte ihn am Ärmel, flüsterte ihm etwas zu, mehr ein Raunen war’s, ein Angebot oder eine Anfrage. Florio verstand nicht. Für seinen Passepartout hätte er wohl alles bekommen, und geriete er an den Falschen, er würde ohne Umschweife in Ketten gelegt, unschädlich gemacht – oder Schlimmeres.

Das Grundrauschen nahm zu, wenigstens kam es Florio so vor. Hatte er eben das Wort »Fleisch« vernommen? Ein Mädchen, das sich ihm untergehakt hatte, ohne dass er das mitbekommen hätte, zwinkerte ihm zu, lächelte, doch das war ein falsches Lächeln, ein verzerrter Mund in einem schiefen Gesicht. Er wand sich aus der Verhakung, hörte nicht mehr hin, machte einen Schritt zur Seite, vernahm ein verächtliches Zischen der Kleinen und schielte wieder in das Dunkel, zu jenem Ort, wo er hinmusste. Unbeobachtet. Was vom Brunnen aus gar nicht möglich war. Unauffällig. Auch das ließe sich kaum bewerkstelligen. Wie selbstverständlich? Florio versuchte es. Er stapfte los, nicht zu schnell und nicht zu langsam, um aus dem Rauschen heraus in das Dunkel hinein zu gelangen – und verschwand darin.

Zu seiner Überraschung fand er den beschriebenen Schacht sofort. Florio vermied es, sich umzudrehen. Er hätte niemanden entdeckt, stattdessen die Umrisse einer Überratte erahnt, einen Schatten, der ihm folgte. Das geschah aber auch so, in seinem Kopf wechselten sich die Gestalten der Verfolger ab. Als er um eine Ecke bog, lag ein spärlich beleuchteter Raum vor ihm, nicht mehr blau, vielmehr grüngräulich, so schien es ihm, eine Lichtquelle ließ sich nicht ausmachen. Florio gelangte an die Stahltür, wie er schon so manche gesehen hatte, sie gehörte zu den unüberwindbaren Hindernissen der Charge. Eigentlich. Er schob den Passepartout in den dafür vorgesehenen Schlitz neben der Tür. Kaum war die Karte im Innern verschwunden, wurde sie wieder ausgespuckt. Florio schoss das Blut in den Kopf, mehr als zwei weitere Versuche hatte er nicht. Er nahm die Karte wieder an sich und überprüfte, ob er nicht versehentlich seine eigene in den Schlitz geschoben hatte. Eine unnötige Überprüfung, denn darauf hatte er schon zuvor geachtet. Er konnte umkehren oder es noch einmal versuchen. Oder warten. Doch worauf? – Ein Selbstgespräch würde ihm vor dieser Tür nicht weiterhelfen.

Er hauchte das Plastik an, rieb den Passepartout sanft am Stoff seines Pullovers, erst die eine, dann die andere Seite, atmete tief ein und steckte das Ding mit heißen Fingern ein weiteres Mal in den kalten Schlitz. Es klickte, es klackte, und die Tür öffnete sich.

Florios Körper durchflutete ein Strom, er spürte Kräfte, von denen er bislang nichts gewusst hatte; als hätte ihn jemand oder etwas aufgezogen, er war im Begriff, eine Schwelle zu übertreten. Die Möglichkeit, sich abzuwenden, umzukehren, war keine mehr. Hier und jetzt begänne seine Geschichte. Bevor die Tür es sich noch einmal anders überlegte, zog Florio den Passepartout, der wieder frei gegeben worden war, aus dem Schlitz und machte den Schritt auf die andere Seite.

Die Stahltür hinter ihm hatte sich mit demselben Klicken und Klacken wieder geschlossen, einen Verfolger gab es nun nicht mehr, wenn es zu einer Begegnung käme, dann lag diese vor ihm. Wie im Rausch ging er durch die Korridore und Gänge, ob Riesenratte oder Schimpanse, wer oder was auch immer auf ihn wartete, er war auf dem richtigen Weg, wenngleich das Licht immer spärlicher wurde.

Florio passierte mit Schwung ein Drehkreuz, kam an der von Gregor vorausgesagten verglasten Kabine vorbei und blieb vor den drei Treppen stehen. Er zuckte zusammen. Ein kaum vernehmbares Klacken hatte die Stille durchbrochen. Kein Klacken war’s, ein Zungenschnalzen. Jemand anderes lotete hinter ihm den Raum aus. Du kannst die Augen schließen, nicht aber die Ohren. Florios Euphorie war verflogen. Er kauerte jetzt am Boden, wartete. Die Sinne schärfen, Ruhe bewahren. Er hätte seine innere Stimme gern auf stumm geschaltet, und noch lieber wäre er losgerannt. Die Finsternis jedoch hielt ihn am Boden, die Luft war merklich kühler geworden, und das Dunkel begann, ihn einzukreisen. Der Verfolger verhielt sich ruhig. Aus welchem Winkel war er aufgetaucht, aus welchem Loch hervorgekrochen?

Nichts denken, die Sinne schärfen. Er müsste doch, wenn ihm der andere zu Leibe rücken wollte, das Quietschen des Drehkreuzes hinter sich hören? Und wenn es jemand übersprungen hätte? Die Drehkreuze waren von soliden Gittern umrahmt und ließen sich nicht umgehen. Keine Frage, ein Schimpanse konnte sich da durchmogeln, irgendwie. Florio öffnete den Reißverschluss seiner Jacke, griff in die Innentasche und fühlte den Griff des Messers. Er war gewappnet, bildete er sich ein, er war bewaffnet, das war mehr als ein Zahnstocher, machte er sich Mut, wehrlos war er nicht. Er richtete sich langsam wieder auf, wählte eine der beiden Treppen außen. Metallstiegen. Er würde nicht geräuschlos nach unten gelangen, doch auch kein anderer. Er würde sich nicht überraschen lassen, es sei denn, sein Verfolger tauchte aus dem Nichts auf.

Er träumte nicht, alles ging mit rechten Dingen zu. Vorstellungen ausblenden, Sinne einschalten. Die linke Hand am Schaft des Messers, die andere an der Seitenverschalung der Treppe, nahm Florio behutsam Stiege für Stiege. Es geht abwärts, dachte er, ein überflüssiger Gedanke, dachte er, doch mit jedem Tritt öffnete sich unter ihm der Raum ein Stück weit, so kam es Florio vor, mit jedem Schritt betrat er Neuland. Er war ein Unbefugter, ein Angstwesen auf Abwegen. Er blieb abrupt stehen, horchte, ging weiter, ein warmer Luftzug strich ihm um die Wangen.

Am unteren Absatz angekommen, glaubte Florio, kleiner geworden zu sein. Doch er war nicht geschrumpft, sein Körper hatte sich lediglich zusammengezogen. Er musste sich wieder aufrichten, sich frei machen, tief ein- und ausatmen. Er hob den Kopf, schaute um sich, entdeckte jenen von Gregor angekündigten Seitengang. Ob er dem andern hier auflauern sollte? Er war nicht fürs Zustechen geschaffen, im Affekt, das ja, das vielleicht, wenn ihn jemand angriffe, würde er sich zur Wehr setzen. Einer Riesenratte würde er Widerstand leisten. Die Geräusche blieben aus.

Vielleicht war er bislang unentdeckt geblieben, jenen Verfolger in seiner Vorstellung konnte er weder abschütteln noch umbringen. Endlich ließ er den Griff des Messers los, zog den Reißverschluss hoch und setzte seinen Gang fort.

Auf Gregor vertrauend, tastete sich Florio vorsichtig die Wand entlang, spürte etwas Zähflüssiges an den Fingerspitzen, wollte aber nicht wissen, was es war. Sich weiter vorantasten, langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Die Dunkelheit war noch das Geringste, die Stille bedrängte ihn, und etwas schien in der Luft zu liegen, das ihn zugleich lähmte und anstachelte. Unterschiedliche Luftströme, feine...


MARKUS BUNDI, 1969 geboren, lebt heute in der Nähe von Zürich. Er studierte Philosophie und Germanistik, arbeitete als Sport- wie auch als Kulturredakteur und unterrichtet seit vielen Jahren an der Alten Kantonsschule Aarau. Seit Beginn des Jahrhunderts publiziert er literarische und essayistische Texte. Zuletzt von ihm erschienen: Planglück (Erzählungen, 2017), Ankunft der Seifenblasen (Gedichte, 2018), Alte Bande (Kriminalroman, 2019) sowie Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte (Erzählungen, 2020). Für seine Arbeiten als Schriftsteller und Herausgeber wurde er mehrfach ausgezeichnet.



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