E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Bundschuh Heilpädagogische Psychologie
5. überarbeitete und erweiterte Aufl 2023
ISBN: 978-3-8463-6091-0
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-8463-6091-0
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
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Prof. em. Dr. phil. Konrad Bundschuh war Ordinarius und Inhaber des Lehrstuhls für Verhaltensgestörtenpädagogik und Geistigbehindertenpädagogik am Institut für Sonderpädagogik, Ludwig-Maximilians-Universität München.
Autoren/Hrsg.
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Einleitung
Praktische und wissenschaftliche Probleme fordern im Zusammenhang mit Störungen in den Bereichen Lernen, Verhalten und speziell auch Emotionen, allgemein Beeinträchtigungen, Behinderungen und behindernden Bedingungen Heilpädagogische Psychologie heraus. Der gesamte schulische Bereich ist von einem Anstieg multidimensionaler und komplexer Fragestellungen im Hinblick auf individuellen Diagnose-, Förder- und Lerntherapiebedarf geprägt. Die bisherigen eher „klassischen“ Arbeitsfelder Lernbehinderungen, Lernstörungen, geistige Behinderung, Verhaltensstörungen, Sprachstörungen und -behinderungen, körperliche Behinderung, Beeinträchtigungen und Behinderung der Sinne (Seh- und Hörbehinderung) haben sich angesichts verstärkter und immer komplexerer Not- und Problemsituationen von Kindern bis in die Bereiche Regelschule und weiterführende Schulen erweitert. Diese aktuellen Problemfelder sind teilweise durch Schüler mit Verhaltens-, Lern- und Leistungsstörungen, Ängsten, psychosomatischen Auffälligkeiten (Essprobleme, Bauch- und Kopfschmerzen, Tics, Obstipation, Magenbeschwerden, Einschlafschwierigkeiten etc.) sowie durch die Abhängigkeit von Medikamenten, Drogen und Alkohol gekennzeichnet. Wir haben es in allen Schularten zunehmend auch im Kontext der Corona-Pandemie mit einer Heterogenität der Schülerschaft zu tun, wie sie bisher noch nicht festgestellt wurde. Entwicklung, Schullaufbahn und Leben von ca. 25 % der Kinder in der Regelschule erweisen sich nicht als positiv. Diese Kinder gelten als lern-, leistungs- und / oder sozial-emotional allgemein als verhaltensgestört und damit meist auch als erziehungsschwierig. Es handelt sich dabei um Schüler, die durch das Erleben permanenter Frustrationen und Ängste in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit gefährdet sind. Zu der genannten Anzahl kommen ca. 40 % der Kinder und Jugendlichen, die durch die Corona-Epidemie größtenteils massiv in ihrem Lernen, im Sozial- und Emotionalbereich, ja auch im physischen Bereich gestört wurden und. für längere Zeit darunter mehr oder weniger schwer leiden. Ein kritisches Hinterfragen der Lehrplaninhalte, pädagogischer und didaktischer Methoden, eigentlich eine Diagnostik des Problemfeldes Schule und deren Umfeldbedingungen ist längst überfällig.
Erst recht im Förderschulbereich kann man von einer heterogenen Schülerschaft sprechen, die von geistiger Behinderung und damit Mehrfachbehinderung, von der Sinnesbehinderung bis hin zum überdurchschnittlich intelligenten, aber schwer verhaltensgestörten Kind reicht. Darunter finden sich Schüler mit Wahrnehmungsstörungen unterschiedlicher Art, mit Teilleistungsstörungen, gravierenden Lese- und Schreibproblemen, Dyskalkulie, Erziehungsschwierigkeiten, mit psychischer und physischer Frühdeprivation, mit Ängsten, autistischen Zügen, seelischer Behinderung und Hyperaktivität – allgemein gesehen: Schüler mit kognitiven und emotionalen Strukturierungs- und Verarbeitungsstörungen sowie Schüler, die unter primär behindernden Bedingungen außerschulischer Art aufgewachsen sind und aktuell leben, bei denen eine Kind-Umfeld-Analyse dringend geboten ist. Dabei muss man erkennen und feststellen, dass es diese Störungen und Behinderungen in linearer oder einheitlich-homogener, klar abgrenzbarer Form nicht gibt. Wir haben es sowohl mit den Phänomenen Heterogenität, Individualität, Mehrfachstörung und -behinderung von Schülern als auch in allen Schularten mit teilweise gravierend behindernd wirkenden Umfeldbedingungen wie z. B. Armut, Erziehungsfehlern, -problemen, -notständen und soziokultureller Benachteiligung zu tun.
Daraus erwächst – unter bildungspolitischem Aspekt betrachtet – die Aufgabe, Kindern und Jugendlichen ein von ihrem spezifischen Förderbedarf, von ihren Ressourcen und Kompetenzen bestimmtes, also beobachtungs- und diagnosegeleitetes, vor allem differenziertes Förder- und ggf. Therapieangebot in allen Schularten, speziell im Förderschulwesen, insbesondere auch im lerntherapeutischen Arbeitsfeld bereitzustellen. Zieldifferentes Lernen wird orientiert an den jeweiligen Möglichkeiten bzw. der Entwicklungsstufe des jeweiligen Schülers angestrebt.
Die Bedeutung, ja dringende Notwendigkeit der Heilpädagogischen Psychologie in den Arbeitsfeldern Sonder- und Heilpädagogik, Allgemeinpädagogik, Psychologie sowie Lerntherapie ist unbestritten.
Durch den immer umfangreicheren Einbezug psychologischer Inhalte in das sonder- und heilpädagogische sowie lerntherapeutische Arbeitsfeld und die damit verbundenen Herausforderungen hat die Heilpädagogische Psychologie in den vergangenen Jahren weiter an Bedeutung gewonnen. Es besteht die dringende Notwendigkeit, hierzu eine Informationsbasis zu schaffen. Gefragt ist auch Orientierungswissen nicht nur im Zusammenhang mit der Zunahme wissenschaftlicher Fragen und Erkenntnisse, sondern auch im Hinblick auf Wert- und Sinnorientierung im Kontext sonder- und heilpädagogischen Denkens und Handelns. Angesichts der doch über 7 % Kinder und Jugendlichen, die – im Zusammenhang mit vorgegebenen Curricula in den allgemeinen Schulen – hohen bis sehr hohen Förderbedarf und weiteren ca. 20 %, die einen zeitweiligen Förderbedarf in den Bereichen Lernen und Verhalten, geistige sowie soziale und emotionale Entwicklung aufweisen, wird die strukturierte und systematische Darstellung psychologischer Teildisziplinen und der damit verbundenen Handlungsfelder notwendig.
Ein wichtiges Motiv für dieses Buch liegt also in der Notwendigkeit, eine informative Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung angesichts wachsender Lern- und Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Entwicklung, Lernen, Diagnostik, therapiewirksame Prozesse, soziale Problemstellungen und das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung bilden die Brennpunkte in den Bereichen Sonder- und Heilpädagogik sowie Lerntherapie, integriert in die Frage nach bestmöglicher Erziehung, Förderung, Unterrichtung und ggf. Therapie.
Die Defekt- und Defizitorientiertheit traditioneller diagnostischer Ansätze könnte zur Grenze der Erziehung von Kindern mit Behinderungen werden, vielleicht die Legitimation für die langfristige Aufnahme in eine mehr oder weniger gut geführte Institution oder Einrichtung bedeuten. Wie sicher erweisen sich schon die Diagnosen von Ärzten, Psychologen, Lehrern und Sonderschullehrern hinsichtlich einer bestimmten Ätiologie oder eines Erscheinungsbildes? Was wissen wir wirklich genau über die organischen, sozialen und sonstigen Bedingungen, die z. B. für Wahrnehmungsstörungen, geistige Behinderung, Lernbehinderung, Teilleistungsstörung oder Autismus als verantwortlich gelten? Sind solche Diagnosen nicht häufig geradezu fixiert auf die Behinderung mit dem Ziel einer noch exakteren, differenzierteren, fokussierteren Beschreibung ohne Berücksichtigung des ganzen Kindes und seiner Familie mit all den Sorgen und Nöten in einer problemvollen Situation, die durch die Corona-Pandemie noch verschärft wurde und wird? Ging nicht aus Theorien und damit zusammenhängenden Diagnosen z. B. die ganz spezielle Konzeption „geistige Behinderung“, „Lernbehinderung“ sowie „Behinderung“ im Allgemeinen hervor?
Die im Gefolge des Deutschen Bildungsrates entstandenen Publikationen der 1970er Jahre, speziell Handbücher mit ihren zahlreichen und unübersehbaren Systematisierungsversuchen über „Behinderte“ mit ihren Auswirkungen auf wissenschaftliches Denken, Lehre und die Praxis, haben es nicht gerade gefördert, Menschen mit Behinderungen und ihre unmittelbaren Bezugspersonen zu Handlungs- und Aktivitätsträgern ihrer eigenen Belange, d. h. autonom werden zu lassen. Insofern wirken traditionelle Aussagen im Zusammenhang mit Behinderungen im wissenschaftlichen Bereich auch kontraproduktiv.
Deshalb ergeben sich gerade für Wissenschaftler der Gegenwart Aufforderung und Notwendigkeit zur Befreiung von einer verengten defektorientierten Sichtweise und die Aufforderung zur Suche nach einer neuen Wahrnehmung von Kindern mit Behinderungen in Richtung Ressourcen, Kompetenzen, Möglichkeiten und Können. Befreiung tut Not, will man die Fragen und Probleme wieder ursprünglich und neu zugleich sehen.
Wissenschaft des Aufbruchs
Sonderpädagogik war einst die Wissenschaft des Aufbruchs, der Unruhe, – der eingestandenen – ungelösten und an sich häufig unlösbaren Probleme einer menschlichen Wirklichkeit voller Verletzbarkeiten. Sie stand damit der Wirklichkeit einer von Zerstörung und Zerfall bedrohten, noch von Menschen bevölkerten Umwelt, dem Leben näher als manche anderen – „unanfechtbaren“ – Wissenschaften, die in nahezu atemberaubendem Tempo und mit vielleicht präzisesten Technologien die Welt, und damit den Menschen, perfektionieren möchten. Sie verdrängen dabei ihre eigene Vulnerabilität und Vergänglichkeit, haben in Wirklichkeit durch ihre Perfektion den Hebel für die totale Zerstörung bereits angesetzt. Die Millionen Kinder, die täglich hungern, verhungern, an heilbaren Krankheiten sterben, keine Schulen besuchen können, in Deutschland auch die enorme Zunahme von Ängsten, psychischen Störungen sowie Lernblockaden und der drastische Anstieg von Armut, sind der eigentliche Ausdruck des Behindert-Seins von Menschen.
Erst wenn wir sogenannten „Nichtbehinderten“ lernen, den Aspekt der Menschlichkeit, des Gestört- und Behindert-Seins sowie Vulnerabilität allgemein als zum Wesen des Menschen gehörend zu begreifen, unsere zahlreichen Behinderungen und Grenzen bewusst wahrzunehmen, können wir den Weg zum Kind und zum Menschen mit seinen speziellen Problemen in seiner besonderen Situation finden.
Sonder- und Heilpädagogische Psychologie markierte bisher wie ein roter Faden sonder- und...




