Buntin | Marlena | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 367 Seiten

Reihe: Eichborn

Buntin Marlena


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-4882-8
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 367 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7325-4882-8
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die fünfzehnjährige Cat ist neu in der Stadt, einsam und unglücklich - bis sie ihre Nachbarin kennenlernt, die wunderschöne und unberechenbare Marlena. Eine Freundschaft beginnt, voller Versprechungen, intensiv und gefährlich wie die Jugend selbst: erste Drinks, erste Zigaretten, erste Küsse. Marlena aber wird immer riskanter - und Cat wird ein Versprechen brechen, das sie jetzt, Jahrzehnte später, einholen wird.

Die atemberaubende Geschichte zweier Mädchen und einem Jahr im ländlichen Michigan, das die eine ihr Leben kosten wird und die andere für immer verändern.

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New York


Sage mir, was du nicht vergessen kannst, und ich sage dir, wer du bist. Ich lösche alle Lichter in meiner Wohnung, und mit der Dunkelheit kommt sie. Die U-Bahn im Tunnel reißt das Auge auf, und da steht sie auf dem Gleis, ihr blondes Haar flattert im Wind. Im Supermarkt läuft eines unserer alten Lieder, ich stehe zwischen den Cornflakesregalen und verliere die Orientierung. Manchmal, wenn ich spätabends vor meiner Wohnungstür stehe und der Schlüssel nicht ins Schloss finden will, fällt mein Blick auf mein Spiegelbild am Ende des Flurs, und dann sehe ich sie. Sie wartet.

Marlena und ich sitzen in Ryders Van. Sie hat die Schlüssel aus seiner Jeans geklaut, früh am Morgen, als er noch geschlafen hat. Der Frühling ist besinnungslos in einen prächtigen Sommer gekippt, wir tragen Flip-Flops aus der Drogerie, in unseren Haaren klebt Salz, unser Atem ganz Zigaretten und Kirschlipgloss und Wein von gestern Abend. Ich streife die Badelatschen ab, strecke die Beine aus, lege die Füße auf das Armaturenbrett und presse die Zehen an die Windschutzscheibe, wie immer, wenn ich mit Marlena allein bin. Ryder behauptet, ich hätte sein Auto ruiniert, die Flecken würden nie mehr rausgehen, aber das ist mir egal. Marlena hat meine Füße auf ihre Knie genommen und mir die Zehennägel lackiert. Warnorange. Ihre Farbe.

Wir haben die Fensterscheiben heruntergelassen, der Fahrtwind löst einzelne Strähnen aus meinem Pferdeschwanz und zieht sie mir quer übers Gesicht, sodass alles, was ich sehe, gebrochen ist. Es ist ein ganz normaler Tag, wir sind unterwegs zum Strand. Um unter Wasser die Luft anzuhalten, bis die Lunge um Gnade fleht. Um uns die Wellen an den Bauch klatschen zu lassen, bis der Atem stockt, um säuerlich prickelndes Bier aus unbewachten Kühlboxen zu trinken. Unsere Handtücher werden sich an der Sonne ausrichten wie wandernde Kompassnadeln, wir werden dieselben zwei Zeitschriften hin- und hertauschen, bis die Sonne untergeht und das Wasser glüht wie Feuer. Wenn wir die Füße aus dem kühlen Sand ziehen und endlich nach Hause fahren, werden wir einen Sonnenbrand haben, später dann Fieber.

Wir tun so, als wären wir ganz normale Mädchen mit kleinen Geheimnissen. Wir hören Joni Mitchell in voller Lautstärke. Jede Zeile ist eine Botschaft an uns, und ich singe so laut mit, dass Marlena ihre eigene Stimme nicht mehr hört. Pssst, sagt sie, mir platzt gleich das Trommelfell. Ich singe noch lauter.

Marlena tritt aufs Gaspedal, und der Van röhrt einen steilen Hügel hinauf. Die Straße ist eigentlich eine Sackgasse und endet am See. Die Tachonadel springt – über das Limit von fünfundfünfzig Meilen pro Stunde, eine Minute später sind es über siebzig. Der Fahrtwind dringt ins Auto, er ist so aufdringlich und laut, dass meine Haare gegen meinen Hals peitschen und ich die Musik nicht mehr hören kann. Meine Stimme überschlägt sich, ich nehme die Beine runter. Ich versuche, das Beifahrerfenster zu schließen, aber Marlena hat die Kindersicherung aktiviert. Sie dreht den Kopf und grinst mich an, der Wagen kommt von der Straße ab, und Kies spritzt in die Höhe. Marlena reißt das Steuer herum, die Tachonadel zittert und schiebt sich über die fünfundachtzig. Marlenas Pferdeschwanz hat sich fast aufgelöst, ich frage mich, ob sie überhaupt noch etwas sieht, ob sie vielleicht nicht merkt, dass wir mit fast neunzig Sachen unterwegs sind und dass sich ein neuer, bitterscharfer Geruch in den Wind gemischt hat. Die Innereien des Autos brennen. Wir fahren immer schneller. Ich kichere und sage ihr, sie soll langsamer fahren, ein paar Sekunden später bitte ich sie, verdammt noch mal langsamer zu fahren, und als sie nicht reagiert, schreie ich sie an, sie sei ja verrückt, sie mache mir Angst, ich wolle sofort aus dem beschissenen Van aussteigen, wir werden sterben, sie wird uns noch umbringen. Mit über hundert Meilen pro Stunde rasen wir bergauf, der Van bebt. Oben auf der Kuppe hebt es uns in die Höhe, bei der Landung strecke ich die Arme aus und werde gegen das Handschuhfach geschleudert. Marlena bremst nicht, wir brettern bergab, ich taste nach dem Sicherheitsgurt. Vor uns taucht der Michigansee auf, karibisch blau, das Licht zwinkert auf den Wellen. Der Steilhang, der Parkplatz, der Trampelpfad zum Strand sind keine halbe Meile mehr entfernt.

Sie hat gar nicht vor, anzuhalten, und ganz kurz spüre ich ein fremdartiges Gefühl, eine Rage, zu gleichen Teilen zusammengesetzt aus Furcht und Sehnsucht. Fahr doch, denke ich, na los, fahr doch, ich schmecke Galle, aber ich bin es so leid, immer diejenige zu sein, die sagt: Nein, sei vorsichtig, stopp. »Was, wenn ich einfach weiterfahre?«, ruft sie. Erst viel später wurde mir klar, dass sie höchstwahrscheinlich high war, dass sie (ungefähr) zu jener Zeit Zugriff auf das Großhandels-Oxycodon hatte, vierzig Milligramm pro Pille. Ich erinnere mich an die Tabletten, als wären sie ein Teil von ihr, wie ihre Augen oder ihre ungewaschenen, strähnigen Haare.

Der See ist größer als der Himmel. Wie lange werde ich nach dem Aufprall wohl brauchen, um die Seitenscheibe einzutreten, wenn meine Flip-Flops an die Decke schweben und mein Körper nach Sauerstoff schreit? Marlena ist keine gute Schwimmerin.

Und dann bremst sie doch, ein paar Autolängen vor der Kante. Der Van rast im Zickzack über eine durchgezogene Linie, schlingert auf den Außenkanten der Reifen dahin. Ein Ruck und ein Kreischen, wir bleiben stehen. Ich werde nach vorn gedrückt, der Sicherheitsgurt schneidet mir in die Haut zwischen den Brüsten. Die Stoßstange berührt fast den Bretterzaun am Ende des Parkplatzes, dahinter fällt die Böschung steil und über hunderte von Metern auf einen sichelförmigen Kiesstrand ab. Ich bin den Tränen nah, mein Puls galoppiert, und ich bin wütend, dass sie das weiß. Das Auto seufzt, der Motor tickt vor Erleichterung.

»Ach, komm schon«, sagt Marlena, außer Atem und einen Hauch zu spät. »Glaubst du wirklich, ich würde zulassen, dass dir was passiert?« Wie immer, wenn sie nervös oder aufgeregt ist, breiten sich hektische Flecken an ihrem Hals aus, ein feines rotes Spitzenmuster, das sich von den Schlüsselbeinen über den sehnigen Hals bis an ihren Kiefer zieht. Sie krallt die Nägel ihrer rechten Hand in mein Knie und spreizt die Finger, und mich durchläuft ein Schauder.

Am liebsten würde ich ihr ins Gesicht spucken und mich abwenden von ihr, von allem, was ich ihr zuliebe getan habe, wozu ich geworden bin. Auf einmal ist der Wunsch so stark, dass ich drauf und dran bin, es wirklich zu tun. Ich schiebe meine Hände unter die Oberschenkel, damit sie nicht sieht, wie sehr ich zittere. Der Van steht längst still, doch das Duftbäumchen am Rückspiegel flattert wild hin und her. »Cat«, sagt sie, und es ist keine Frage. Ich liebe diese Hemmungslosigkeiten. Ich verzehre mich danach. Aber warum höre ich, wenn ich mich im Stillen frage, ob ich dafür mein Leben wegwerfen will, ein lautes Nein?

Ich blinzele, bis da keine Tränen mehr sind. Ich lache und werfe den Kopf in den Nacken, und sie lacht auch, und das schreckliche Gefühl, das eben noch zwischen uns stand, löst sich auf. Nur ein winziger, harter Splitter bleibt zurück, mein auf ewig. Wir schnappen uns die Supermarkttüte vom Rücksitz und klettern über den steilen Pfad auf den Strand hinunter. Schon vergesse ich, was mich eben noch innerlich versengt hat. Mach schon, tu es einfach, blöde Kuh. Jetzt singt sie wieder, »California«, es geht um Küsse für ein Schwein im Sonnenuntergang, ums Nachhausekommen. Meine Stimme jagt ihrer Stimme nach.

Die Songs von Joni Mitchell waren wie gemacht für Marlena. In den höheren Lagen fühlte sie sich am wohlsten, sie traf fast jeden Ton und konnte Jonis kraftvolles Vibrato perfekt nachahmen. Jede Silbe ein klingendes Glöckchen. In dieser Erinnerung höre ich Marlena zum letzten Mal »California« singen, obwohl es in Wirklichkeit anders gewesen sein muss. Es war eines ihrer Lieblingslieder, und am See waren wir mindestens vier Monate vor ihrem Tod. Sie ist tatsächlich ertrunken, aber nicht so, wie ich es mir an jenem Nachmittag ausgemalt hatte. Ryders Lieferwagen hat keine Absperrung durchbrochen, es gab kein lautes Klatschen, kein Geschrei am Strand, und kein Rettungsschwimmer hat sich ins Wasser gestürzt. Obwohl ihr das bestimmt gefallen hätte.

Marlena ist in einem eissplittrigen, keine zwanzig Zentimeter tiefen Bach ertrunken, in einem Waldstück nahe Kewaunee, wo sie an einem dämmrigen Novemberabend nichts zu suchen hatte. Sie trug eine meiner alten Jacken und ein Paar ausgelatschter Keds, um das die Polizei viel Aufhebens machte. Neben dem Tablettenfläschchen und ihrem Klapphandy fand sich jede Menge loses Kleingeld in ihrem Stoffbeutel, es muss herumgeklimpert haben, als sie durch den Wald lief. Sie hat sich den Kopf sauber und heftig an einem Findling am Ufer aufgeschlagen, angeblich ist sie gestürzt und bewusstlos geworden und ausgerechnet so hingefallen, dass Mund und Nase unter Wasser waren.

Die Fakten sind belegt, aber spärlich: wo sie gefunden wurde, was sie trug, was sie bei sich hatte. Zum letzten Mal lebend gesehen wurde sie um 17:12 Uhr, von Jimmy, meinem großen Bruder. Er konnte sich deutlich an die blinkenden Ziffern im Armaturenbrett erinnern. Obwohl er mir später, als er einmal besonders mutlos und betrunken war, erzählt hat, dass er vielleicht auf die Uhr geschaut hat, als sie zu ihm ins Auto stieg. Oder möglicherweise, sagte er, war er um 17:12 Uhr losgefahren, um sie abzuholen. Es muss unerträglich für ihn gewesen sein, den Überblick über den zeitlichen Ablauf verloren zu haben. Denn eigentlich glaubt keiner von uns beiden, dass es nur ein Unfall...



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