E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Bunzl Die Cogheart-Abenteuer: Das Mondamulett
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95762-297-6
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine mysteriöse Geschichte voller Gefahren und rätselhafter Geheimnisse | 2. Teil der fantastischen Jugendbuch-Reihe für Kinder ab 10 Jahren
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-95762-297-6
Verlag: Lago
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Bunzl ist ein preisgekrönter Trickfilmzeichner, Autor und Filmemacher. Er wuchs als Sohn eines Antiquitätenhändlers und einer Künstlerin mit seiner Schwester in einem großen viktorianischen Haus auf. Wie Lily und Robert liebt er Abenteuer und Groschenromane und hätte zu gern auch einen mechanischen Fuchs. 'Das ewige Herz' ist sein Debütroman und wurde für zahlreiche Auszeichnungen nominiert. N/A
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VORGESCHICHTE
Jack trat durch den Spalt in die Nacht hinaus. Der Hof war still und der Mond hinter dicken dunklen Wolken verborgen.
Neben der Tür ging er in die Hocke und schaufelte mit seinen Händen Schlamm aus einer Pfütze, den er sich auf sein weißes Haar strich. Übel riechende Matschklumpen liefen an seinem vernarbten Gesicht hinunter und sickerten in seine Augen, seine Nase und seinen Mund; er hätte würgen mögen.
Ein Suchscheinwerfer fegte vorbei und ließ den Umriss der vergitterten Fenster aufscheinen. Jack kauerte sich tief hinunter auf den Boden und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Der Gefängnishof, die Zellen, der Wachturm, der hohe Einfassungszaun, das Pförtnerhaus, die Eisentore, die hohe, mit Eisenstacheln gespickte Steinmauer: alles unerreichbar. Während seiner langen, glorreichen Geschichte war kein Gefangener je aus dem Gefängnis Pentonville entkommen ...
Er hatte jedoch bereits schwierigere Situationen gemeistert. Es war ein Fehler gewesen, ihn nach fünfzehn Jahren in Hochsicherheitsverwahrung unter ständiger Überwachung hierher ins Ville in eine gewöhnliche Zelle zu verlegen. Die Wärter hatten ihn in den vergangenen Wochen kaum beachtet; sie hatten ihn sogar rausgelassen, um sich Bewegung zu verschaffen. Sie hätten es besser wissen sollen. Aufgrund ihrer Dummheit wäre er bald schon der berüchtigtste Ausbrecher der Welt und ihr größter Entfesselungskünstler!
Er kroch in Richtung des Zauns und zog sich an dem Drahtgeflecht nach oben, kletterte hinauf, schwang sich flink hinüber und ließ sich auf die andere Seite fallen. Mit einem schmatzenden Geräusch landete er und raste auf das Haupttor und die Außenmauern zu.
Am Pförtnerhäuschen zog sich eine Regenrinne empor. Jack streifte seine schmutzigen Hände an seiner Brust ab, nahm einen tiefen Atemzug und fing an zu klettern.
Als er oben angekommen war, zog er sich an der Rinne auf das glitschige Dach und über ein Flickwerk aus Teer und Ziegeln. Über ihm in der Dunkelheit zeichnete sich die Außenmauer ab. In den Fugen sammelten sich Blätter und grüne Mooskügelchen, ein perfektes Versteck für kleine Gegenstände, die jemand sicher verwahrt wissen wollte.
Jack wühlte in einer solchen Fuge und zog ein teerverschmiertes Wirrwarr an Tauen daraus hervor. Er hatte sie im Lauf der vorherigen sieben Tage vor der Werg-Hütte gegen andere Ware eingetauscht. Sie waren ein Bestandteil seiner geheimen Fluchtausrüstung.
Er begann, sie aneinanderzuknüpfen, überprüfte dabei sorgfältig jeden Knoten und zog sie gut fest.
Vor langer Zeit hatte er Fin das beigebracht. Ein guter Knoten könne den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten, hatte er dem Jungen erklärt. Insbesondere für einen Entfesselungskünstler oder einen zum Tod durch Hängen Verurteilten. Bisher war er vom finalen Strick zum Glück verschont geblieben.
Seine Gedanken an die alten Zeiten führten Jack zur Erinnerung an seine Frau und zu dem Plan, den sie vor langer Zeit ausgeheckt hatten, um seinen größten Schatz zu verstecken – den Blutmonddiamanten. Artemisia war vielleicht nicht mehr am Leben, aber bald, sehr bald, würde der große schöne Stein wieder ihm gehören. Und, oh, was für ein diamantener Tag würde das sein!
Jack prüfte den letzten Knoten und band einen schweren Stein ans Ende des Taus. Dann stand er auf und begann, es um seinen Kopf kreisen zu lassen wie ein Lasso. Er gab immer mehr Taulänge dazu, bis der Stein an Geschwindigkeit gewann. Als er schließlich in einem weiten Bogen über seinem Kopf schwirrte, lockerte Jack seinen Griff.
Der Stein flog durch die Luft und in hohem Bogen über die Außenwand hinüber. Einen Moment lang zuckte das Tau und versuchte, sich freizuwinden, doch Jack hielt es gut an seinem Ende fest, und so fiel der Stein auf der anderen Seite der Mauer mit einem dumpfen Schlag auf die Erde.
Einen Moment lang wartete er lauschend ab ...
Uhuuu! Uhuuu!
Ein Käuzchen-Ruf – das Signal, dass die Luft rein war.
Wieder kam ein Suchscheinwerfer rasch näher.
Jack ließ sich bäuchlings auf das Ziegeldach fallen, sprang auf, als er über ihn geschweift war, zog das Tau straff und stemmte sich mit seinem Körpergewicht dagegen.
Die Knoten hielten – hatte er es doch gewusst.
Für besseren Halt zerkratzte er die Sohlen seiner Stiefel auf dem Teerbelag des Dachs.
Dann begann er zu klettern.
Die Fugen zwischen den Steinen boten ihm einen guten Halt. Die Oberseite der Mauer lag etwa fünf Meter über ihm, doch er brauchte nur wenige Sekunden, um dorthin zu gelangen und geschickt über eine Reihe von Metallspitzen zu hüpfen, die den Mauerwall sicherten. Dann machte er sich daran, sich auf der anderen Seite auf die Straße herabzulassen.
Finlo stand unten und trug eine ramponierte Melone. Er war ein bisschen größer als sein Vater, wobei das nicht sonderlich viel hieß – alle Doors waren eher klein geraten. Als fünfzehnjähriger Teenager war er ein mageres, bedauernswertes Bürschchen gewesen. Allerdings hatte er seitdem ein paar Zentimeter draufgelegt und war zum Mann herangewachsen. Vielleicht, dachte Jack, wäre er bei dieser Mission doch noch zu etwas Nutze.
Jack kam auf dem Gehsteig neben seinem Sohn auf und umarmte ihn. Schnüffelnd reckte er seine Nase in die Luft. »Riech doch mal diesen pfeffrigen Duft, Fin. Den habe ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr empfunden!«
Finlo nahm einen tiefen Atemzug. »Was meinst du?«
»Freiheit!«
Mit seinem von Narben entstellten Gesicht lächelte er ihn an. Als er auf den Gefängniseingang zuschritt, in ein paar Metern Entfernung entlang der Mauer, begann eine laute Sirene zu heulen.
»Dad, bitte«, rief Finlo leise. »Wir müssen hier weg.«
»Leise! Ich habe noch ein Ass im Ärmel ...« Jack zauberte eine Spielkarte hervor und befestigte sie am Gefängnistor.
Als er seinen Arm sinken ließ, sah Finlo, welche Karte es war: der Karobube.
»Und jetzt«, sagte Jack, während er in die Dunkelheit glitt, »verschwinden wir.«
KAPITEL 1
Im Lauf ihres kurzen Lebens war Lily Hartman nicht nur einmal, nein, gleich zweimal von den Toten wiederwacht. Keines der beiden Male war sonderlich angenehm gewesen. An das erste Mal dachte sie nicht gerne zurück; das zweite Mal vergessen zu können wünschte sie sich jeden Tag von Neuem.
Ihr erstes Nahtoderlebnis hatte sie im Alter von sechs Jahren gehabt. Damals war sie in einen schrecklichen Dampf-Automobil-Unfall verwickelt gewesen, bei dem ihre Mutter getötet und sie lebensgefährlich verletzt wurde.
Ihre zweite Nahtoderfahrung hatte sich letzten Winter zugetragen - kaum drei Monate nach ihrem dreizehnten Geburtstag. An diesem kalten Novembertag war Lily von jemandem angeschossen worden, dem sie von ganzem Herzen vertraute; und nur dank der Unerschrockenheit ihrer Freunde Robert und Malkin und der gewaltigen Kraft des Ewigen Herzens - einer großartigen Erfindung ihres Vaters - hatte sie überlebt.
Auch wenn es sie zurück ins Leben gebracht hatte, hatte das Ewige Herz Lily verändert. Sie war jetzt ein Hybrid mit einem Uhrwerk-Herz, das vielleicht für immer ticken würde. Ein Mädchen mit ungeahnten Geheimnissen – denn wem konnte sie davon erzählen, wenn doch alle außerhalb ihrer Familie Hybriden und Mechaner für weniger wert hielten als Menschen?
Nicht, dass Lily gerne bei solchen Gedanken verweilt hätte. An diesem Morgen fühlte es sich so an, als lägen ihre Schwierigkeiten ganz und gar hinter ihr. Sie lag auf dem Rücken auf der sich erwärmenden Erde, erfreute sich am kribbeligen Gefühl, lebendig zu sein, und ließ ihre Gedanken zu den Verheißungen des langen Sommers schweifen, der vor ihr lag.
Malkin, ihr mechanischer Hausfuchs, lag zusammengerollt neben ihr, eines seiner schwarzen Knopfaugen wachsam geöffnet.
»Sollten wir nicht drinnen sein?«, meckerte er und nagte verächtlich an einem seiner mit Kletten übersäten Beine. »Es ist gleich Zeit, zu frühstücken.«
»Du frühstückst doch gar nicht, Malkin«, sagte eine zweite Stimme. Robert, Lilys anderer bester Freund auf der ganzen weiten Welt, pflückte ein paar Meter entfernt Pusteblumen. Eine steckte er sich ins Knopfloch. Das sah fast so gut aus wie die Gänseblümchenkrone, die Lilys flammendrotes Haar schmückte. Fast, aber nicht ganz.
Mit einem Geräusch wie eine fehlzündende Maschine spuckte Malkin einen ekligen Haarballen aus. »Aber ich kann das Frühstück förmlich riechen«, beharrte er. »Vor allem Mrs Rusts klumpiges Porridge. Es ist die wichtigste Mahlzeit des Tages – die wollt ihr doch nicht etwa verpassen.«
Wahrscheinlich würden sie es verpassen, weil sie früh aufgestanden waren, um draußen nach dem Post-Zep auf seinem Morgenflug von London Ausschau zu halten, wie sie es so oft taten. Wenn er so gegen halb acht über Brackenbridge hinwegschwebte, wusste Lily, dass mit der Welt alles in Ordnung war. Dann rannten sie und Robert zu ihren Fahrrädern, sausten kreuz und quer durchs Dorf, über Berg und Tal, bis zum Flughafen, wo sie Papas Post abholten.
An diesem Morgen jedoch war die Nachtpost wirklich äußerst spät dran. Sie saßen jetzt bereits gut fünfundvierzig Minuten auf dem unteren Feld und warteten auf die Ankunft des Zeps.
Lily nahm einen Groschen aus ihrer Tasche und drehte ihn in ihrer Hand hin und her. »Bei Kopf bleiben wir. Bei Zahl gehen wir.«
Sie warf die Münze in die Luft und ließ sie in ihren Schoß fallen. »Kopf. Wir bleiben.«
»Du hast mich gar nicht nachsehen lassen«, stänkerte Malkin. Es hätte so oder so ausgehen können.«
»Tja, aber rein zufällig war es so, wie ich wollte.«
»Wie immer«,...




