Burgdorf / Schorm | C.R.E.D.O. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

Burgdorf / Schorm C.R.E.D.O.


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95765-726-8
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

ISBN: 978-3-95765-726-8
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der Vergangenheit brachte die Science-Fiction einige herausragende Werke hervor, die die religiöse Thematik aufgriffen. Die bekanntesten sind wahrscheinlich »A Cantacle for Leibowitz« von Walter M. Miller jr., Michael Moorcocks »I.N.R.I.« oder Gore Vidals »Messias«. Dass STAR WARS mit der »Macht« eine religiöse Konnotation hat, liegt auf der Hand. STAR TREKs »Deep Space Nine« nutzt eine stark religiös und spirituell ausgerichtete Kultur als Handlungselement: die Bajoraner. Ein ähnlicher, wenn auch deutlich pantheistischerer Ansatz prägt die »Avatar«-Filme der jüngeren Vergangenheit. Trotz der »Science« im Namen des Genres scheint kein Widerspruch zu existieren, obwohl sich das wissenschaftliche und das magische (religiöse) Weltbild fundamental widersprechen; zumindest, was den Denkmodus angeht. Letztendlich ist es der Inbegriff des Kulturkampfes. Das Thema ist unverändert aktuell, man muss sich nur umsehen. Unsere Autoren haben sich mit Engagement der Religiosität angenommen und die Ergebnisse sind vielfältig. Der eine oder andere ketzerische Gedanke wird sich dabei wohl eingeschlichen haben. Und am Ende ist es eine Frage des Glaubens - Titelbild von Rainer Schorm

Die Autoren werden im Buch ausführlich vorgestellt.
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Karl-Ulrich Burgdorf: Azazel


1


Das Leben ist schön. Und wie gut doch unsere zweibeinigen Diener zu meinem Bruder und mir sind! Sie weiden uns auf einer grünen Aue und striegeln jeden Tag unser Fell, bis es wie Seide glänzt. Manchmal schneiden sie auch mit ihren lustig blitzenden Messern Stücke von den Früchten ab, die sie sich selbst als Speise mitgebracht haben, und lassen uns davon kosten. Wir wiederum bedanken uns dafür, indem wir munter umherspringen und dabei manchmal kleine Scheinkämpfe aufführen, was stets ein fröhliches Lachen bei ihnen hervorruft. Und auch unserer Mutter scheint zu gefallen, was sie sieht, denn ihr lautes Meckern zeigt uns, wie stolz sie auf ihren Nachwuchs ist.

2


Wie schnell doch die Zeit vergeht! Eben waren wir noch junge Zicklein, die an den Zitzen ihrer Mutter saugten, und nun sind wir schon prachtvolle junge Böcke!

Heute scheint ein ganz besonderer Tag zu sein, denn unsere Diener sind viel besser gekleidet, als es sonst üblich ist. Auch meinen Bruder und mich machen sie ganz besonders fein, indem sie uns doppelt so gründlich striegeln. Ja, sie säubern und polieren sogar unsere Hufe und legen uns schöne Halsbänder um! Passanten, die an unserer Weide vorüberkommen, rufen ihnen zu: »Gesegneten Jom Kippur! Bringt ihr sie jetzt zum Tempel?« Worauf unsere Diener antworten: »Sind schon dabei! Sind schon dabei!« und schöne lange Leinen an den Halsbändern befestigen. Dann öffnen sie zum ersten Mal das Gatter für uns und geleiten uns hinaus ins Freie. Eine lange gepflasterte Straße führt den Berg hinauf, und nun verstehen wir auch, wozu die Leinen gut sind, denn überall drängen sich Massen von Zweibeinern. Wie leicht könnten wir unangeleint in all diesem Trubel doch verloren gehen! »Da kommen sie!« rufen die, an denen wir vorübertrippeln. Wie es scheint, sind wir also als Ehrengäste der Mittelpunkt dieses Festes. Und so ist es, denn als wir das große Steinhaus erreichen, das »der Tempel« genannt wird, dürfen wir an allen anderen vorbei bis in die innerste Kammer einziehen, was den Zweibeinern offenbar nicht erlaubt ist.

Dort, in der inneren Kammer, warten schon festlich Gekleidete darauf, uns willkommen zu heißen. Sogleich vollführen sie ein Ritual, das wir nicht recht verstehen und das sie »das Werfen der Lose« nennen. Daraufhin tritt ein besonders prächtig gekleideter Zweibeiner zu uns und legt eine Hand auf den Kopf meines Bruders. »Dieser«, so spricht er, »gehört Gott. Und dieser« – nun legt er die Hand auf meinen Kopf – »gehört Azazel!« Dies scheint ein wichtiger Teil des Rituals zu sein, das an diesem Feiertag, dem Jom Kippur, eingehalten werden muss, was immer das auch bedeuten mag.

Der Diener, der meinen Bruder bis hier hinauf zum Tempel geführt hat, verneigt sich nun tief vor dem prächtig Gekleideten und übergibt ihm die Leine, worauf der Prächtige meinen Bruder zu einem steinernen Tisch in der Mitte der Kammer führt, auf dem ein Feuer brennt. Dort wartet schon ein anderer Mann, der ein blitzendes Messer in der Hand hält, mit dem er gewiss gleich Früchte zerteilen wird, um meinen Bruder damit zu füttern.

Stattdessen aber führt er das Messer an die Kehle meines Bruders, und aus dem lustigen Blitzen wird ein mörderisches, denn mit einem schnellen Schnitt schneidet der Mann meinem armen Bruder den Hals durch. Mein Bruder versucht noch einmal zu meckern, aber das Einzige, was er hervorbringt, ist ein gurgelndes Geräusch, das vom herausströmenden Blut erstickt wird. Der Prächtige aber hält einen großen Kelch unter seine Kehle, in dem er dieses Blut auffängt. Sofort beginnt er, seine Finger in den Blutkelch zu tauchen und Tropfen in das Feuer zu sprengen, sodass sie mit lautem Zischen vergehen. Aber damit hat der Schrecken noch nicht sein Ende. Der Mann mit dem Messer führt dieses nun am Körper meines Bruders entlang und zerschneidet dadurch an verschiedenen Stellen sein seidig glänzendes Fell. Anschließend greift er kraftvoll zu und reißt meinem Bruder das gesamte Fell vom Leibe, sodass alles, was vom Gespielen meiner Kindheit übrig bleibt, eine einzige blutig rohe Masse ist. Und auch das ist ihm anscheinend nicht genug, denn mit geschickten Schnitten trennt er ein Stück Fleisch aus dem geschändeten Leib und übergibt es an den Prächtigen, der es in das Feuer auf dem großen Steintisch wirft.

Ich stehe wie erstarrt. Mein ganzer Körper beginnt zu zittern, und ich schäme mich nicht zu sagen, dass es mir in diesem furchtbaren Augenblick nicht einmal gelingt, mein Wasser bei mir zu behalten. Sofort beugt sich jener Diener, der mich an der Leine führt, vor und wischt meinen Harn rasch mit einem Tuch weg, ganz so, als sei das, was ich da gerade getan habe, höchst unziemlich. Aber geziemt es sich denn, meinen Bruder auf so grässliche Weise vom Leben zum Tode zu befördern?

Erst in diesem Augenblick kommt mir der Gedanke, dass ich vielleicht der nächste sein werde, den der Mann mit dem Messer gleich schlachten wird, und ich beginne vor Trauer und Verzweiflung so laut zu meckern, dass es durch die ganze Tempelkammer hallt. Aber wie es scheint, ist für mich ein anderes Schicksal vorgesehen, denn nun wäscht sich der Prächtige seine blutigen Hände in einer Schale mit Wasser, trocknet sie sorgfältig mit einem Tuch ab, das ihm einer seiner Begleiter reicht, und kommt erst dann zu mir herübergeschritten. Als er versucht, mir die Hände auf den Kopf zu legen, stoße ich mit meinen Hörnern nach ihm, aber sofort hält jener Diener, der mich an der Leine führt, meinen Kopf fest, sodass ich nur noch zur Gegenwehr schwach mit den Hufen scharren kann. Und so muss ich es erdulden, dass diese Mörderhände meinen Kopf berühren.

»Auf dich, der du Azazel geweiht bist«, spricht nun der Prächtige, »lege ich alle Sünden meines Volkes, auf dass du sie hinausträgst in die Wüste und wir für immer von ihnen befreit seien.« Und zu dem Diener: »So geh nun und bring ihn in die Wüste.« Woraufhin der Diener sich verneigt und mich hinter sich herzieht, aus der Kammer heraus, in der mein Bruder für etwas, das sie »Gott« nennen, ermordet worden ist.

Ich begreife gar nichts mehr. Auf mir, der ich statt Ehrengast eines schönen Festes zu sein, offenbar nur der Unbedeutendsten einer bin, sollen die Sünden eines ganzen Volkes lasten? Ich soll schuldig sein an allem, was die Zweibeiner Böses getan haben, und damit womöglich sogar am Tode meines Bruders? Was ist das für ein Wahnsinn, der diese Zweibeiner befallen hat? Und dieser Wahnsinn endet nicht etwa mit den Worten des Prächtigen, nein, auch während ich die Straße entlanggeschleift werde, beugen sich andere Zweibeiner zu mir herunter und berühren mich mit ihren groben Händen. »Nimm auch meine Sünden mit!« »Und meine auch!« So geht es weiter und weiter, den ganzen langen Weg bis zu jenem Tor, das offenbar zu dem führt, was die Zweibeiner eine ›Wüste‹ nennen. Es ist dies ein Ort, an dem ich noch nie gewesen bin und der sich von allem unterscheidet, was ich bisher in meinem allzu kurzen Leben kennengelernt habe – eine Einöde voller Felsen, nur spärlich hier und da mit stacheligen Büschen bestanden. Und dort hinaus soll ich also gejagt werden, weil ich einem geweiht bin, der Azazel heißt? Wahnsinn, Wahnsinn und nochmals Wahnsinn! Aber dann begreife ich, dass der Diener keineswegs vorhat, mich in die Wüste zu entlassen, denn nachdem wir eine Weile gegangen sind, kommen wir an den Rand einer Klippe.

»Da wären wir also«, sagt der Diener. »Ich habe dich immer sehr gemocht, und das, was ich jetzt tun muss, tue ich fürwahr nicht gerne, aber so ist es nun einmal, wenn man durch das Werfen des Loses zum Sündenbock bestimmt ist.« Er will mich also über den Rand der Klippe in den Abgrund hinunterstoßen! Aber so einfach werde ich es ihm nicht machen, denn auf eine Sünde mehr oder weniger kommt es mir jetzt wahrlich nicht mehr an. Also senke ich den Kopf und ramme ihm meine Hörner in die Weichteile, sodass er sich zusammenkrümmt, vor Schmerz laut aufschreit und zugleich die Leine loslässt, an der er mich in den Tod führen wollte. Diesen Augenblick nutze ich aus und renne davon, so schnell mich meine kleinen Hufe tragen.

Aber wohin soll ich mich wenden? Auf die grüne Aue, wo meine Mutter auf die Rückkehr ihrer Söhne wartet, kann ich nicht zurück, denn dort würde man mich sofort wieder einfangen und mich erneut hierher zur Klippe schleifen, um mich in den Tod zu stürzen. Auch die Stadt der Zweibeiner muss ich auf jeden Fall meiden, denn dort erwartet mich dasselbe Schicksal. Und so bleibt mir nur die Wüste, die offenbar das Reich jenes Azazel ist, dem man mich geweiht hat.

3


Stunde um Stunde renne ich, immer tiefer in die Wüste hinein. Die Hitze ist mörderisch, meine kleinen Hufe schmerzen von dem felsigen Untergrund, und schließlich verfängt sich meine Leine in einem der stacheligen Sträucher. Wenn ich mir Mühe gäbe, könnte ich sie vielleicht noch lösen, aber nun wird mir klar, dass ich am Ende meines Weges angekommen bin. Hier, in dieser Wüste Azazels, in der es keinen Tropfen Wasser gibt, werde ich elendiglich verschmachten, denn schon jetzt ist meine Kehle vom Durst wie ausgedörrt, und meine Zunge liegt mir wie ein trockener Klumpen im Maul. Warum also weiterlaufen, wo zum Sterben ein Ort so gut ist wie der andere?

Aber da rauscht es über mir in den Lüften, und ein Schatten fällt über mich. Bist du das, Azazel? Bist du tatsächlich gekommen, um den uns aufgezwungenen Pakt zu erfüllen und deinen Diener zu dir zu nehmen, oder träume ich das nur? Wenn du es wirklich bist, dann will ich dein sein als dein Getreuer im Kampf gegen jenen, den die Zweibeiner »Gott« nennen....



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