Burger | Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Burger Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8369-9220-6
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-8369-9220-6
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Draußen fliegt die Welt vorbei. Asta sitzt im Zug und vor ihr liegt der schönste Sommer aller Zeiten, bestimmt! Denn in Geschrey, am Ende der Welt, scheint die Sonne länger, der Regen ist weniger nass, die Zeit läuft langsamer - und hier wohnt Ringo. Mit ihrem besten Freund will Asta im See baden, abhängen, Eis essen, Blödsinn machen. Und Theater spielen: In diesem Sommer kriegt sie das erste Mal eine kleine Rolle im Sommertheater, das ihre Eltern jährlich in Geschrey inszenieren. Doch dann kommt alles ganz anders. Plötzlich ist Ringo der Star und Asta ist abgehängt. Hält das ihre Freundschaft aus?

Judith Burger ist 1972 in Halberstadt geboren und lebt seit fast dreißig Jahren in Leipzig. Nach ihrem Studium der Kultur- und Theaterwissenschaften arbeitete sie lange Zeit als Werbetexterin. Seit einigen Jahren ist sie redaktionelle Mitarbeiterin bei MDR Kultur. Außerdem schreibt sie Radio-Features. Ihre Kinderromane Gertrude grenzenlos und Roberta verliebt wurden von Presse und Lesern begeistert aufgenommen. 2019 erhielt sie für Gertrude grenzenlos den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.
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1


Draußen fliegt die Welt vorbei. Wie ein Taschentuch, das man aus dem Zugfenster hält und dann loslässt, damit der Wind es fortträgt. Loslassen, und zack, weg ist das Taschentuch. Rausgucken, und zack, ist wieder ein Stückchen Welt vorbeigezogen. Es stört mich nicht im Geringsten, denn ich fahre nach Geschrey, da brauche ich die Welt nicht, denn dort ist sie zu Ende. Dort läuft die Zeit langsamer und ich werde dort lauter schöne Dinge machen. Und das Schönste: Ich bin die ganze Zeit mit Ringo zusammen, meinem besten Freund. Der Sommer gehört uns. Und dieses Jahr wird alles noch schöner. Ganz unheimlich wunderbar großartig schön. Von mir aus könnte der Zug noch schneller fahren.

Draußen sieht alles noch genauso aus wie vor einem Jahr und wie in dem Jahr davor und in dem Jahr davor … Dort, hinter den Bäumen, ist das Seeufer, an dem ich letztes Jahr das Wort Mosaikjungfer gelernt hab. Eine Mosaikjungfer ist eine Libelle. So was weiß Ringo, er ist der klügste Junge der Welt. Der wird Augen machen, wenn er meine Neuigkeiten hört! Ich muss jetzt schon durch die Fensterscheibe grinsen, so als würde er auf der anderen Seite sitzen. Eigentlich voll peinlich, einfach so ins Fenster grinsen, aber egal, es ist sowieso fast niemand mehr im Abteil außer mir, es fahren ja nicht so viele Leute nach Geschrey. Aber bald, wenn endlich Premiere ist, dann werden sie kommen. Ich kann es kaum erwarten! Ich auf der Bühne! Hammer!

Doch trotz der Vorfreude ist da noch ein blödes Gefühl. Wahrscheinlich, weil ich meinen Text immer noch nicht richtig auswendig kann. Aber das krieg ich schon hin.

Doch, ich weiß, warum dieses Gefühl da ist, es ist, weil Ringo die letzten Tage nicht mehr auf meine Nachrichten geantwortet hat. Das fühlt sich irgendwie an wie ein Schatten vor der Sonne. Er schreibt sonst immer zurück! Immer! Keine Ahnung, was los ist. Ach, alles wird sich klären und sowieso wird es der tollste Sommer. Und ich werde berühmt! Quatsch, natürlich nicht, oder vielleicht doch, ein klitzekleines bisschen.

Dahinten in der Landschaft fließt die Wipper, eigentlich gurgelt sie nur vor sich hin, statt zu fließen, weil sie ein kleines Flüsschen ist. Komisch eigentlich, dass es »Geschrey an der Wipper« heißt, als ob man Geschrey ohne den Fluss nicht finden würde. Gut, die Wipper ist schon ein paar Meter breit, aber eben niemals im Leben so groß wie die Elbe. Ich weiß noch, wie ich letztes Jahr mit Ringo in der Wipper stand, an einer besonders flachen Stelle, und wie wir kleine Dämme gebaut haben. Das Wasser ging mir gerade bis zum Knie. So was mache ich nur in Geschrey, zu Hause würden mich Wanda und Hayet bestimmt auslachen. Aber hier kriegt es keiner mit, außer Ringo, der findet alles normal. Mit Ringo ist nichts blöd. Wir streiten uns überhaupt nie.

In Geschrey ist einfach alles anders. Die Abende dauern länger und es ist nicht schlimm, wenn man dann doch irgendwann ins Bett muss. Und früh aufstehen muss man gleich gar nicht, denn ich wache meist von allein früh am Morgen auf und es fühlt sich trotzdem nicht an wie früh aufstehen. Die Sonne scheint wärmer, ein Lagerfeuer knistert lauter, der Regen ist nicht so nass wie anderswo und ich muss Mama und Papa nicht immer sagen, wo ich hingehe und wann ich wiederkomme. In Geschrey darf ich mehr als zu Hause. Ich darf nun auch schon das zweite Mal allein mit dem Zug nach Geschrey fahren. Mama und Papa sind schon längst dort und proben das Stück, aber ich hab erst seit heute Ferien. Die letzten vier Wochen musste ich bei Oma wohnen.

Der Zug fährt am Wald vorbei. Auf irgendeinem der großen Findlinge in dem Wald hab ich mal Asta war hier reingeritzt, total peinlich, würde ich heute niemals machen! Kann man eigentlich die Waldbühne vom Zug aus sehen? Ich stelle mich hin. Nein, die Bäume sind zu hoch, aber irgendwo da hinten muss sie sein, mitten im Wald. Dort werde ich in diesem Sommer auf der Bühne stehen! Asta Hennemann auf der Waldbühne in Geschrey an der Wipper! Das klingt gut! Schließlich heiße ich ja auch nach Asta Nielsen. Das war eine berühmte Stummfilm-Schauspielerin, ich hab sie mir mal auf Youtube angeguckt.

»Nächster Halt: Geschrey an der Wipper.« Die Tonbandstimme säuselt, als würde der Zug geradewegs ins Schlaraffenland einfahren. »Ausstieg in Fahrtrichtung links.«

Der Zug ruckelt und beinahe berührt meine Nase die Fensterscheibe, die ganz eklig verschmiert ist. Wenn ich ein Stück abrücke, kann ich mich in der Scheibe sehen, meine langen lockigen Haare, auf die Wanda immer neidisch ist. Heute trag ich sie offen. Ob man noch mehr von der Landschaft sieht, wenn man die Augen ganz weit aufreißt? Asta Nielsen konnte ihre Augen auch ganz groß machen, das sieht manchmal gruslig aus in diesen uralten Schwarz-Weiß-Filmen.

Nee, geht nicht. Das sieht komisch aus, Ringo würde jetzt bestimmt lachen.

Da ist sie ja, die große Streuobstwiese, die irgendwie aussieht wie ein Bild aus den Bilderbüchern, die ich als kleines Kind hatte.

Halt! Dort ganz am Rand, das ist er doch! Das ist Ringo! Jetzt presse ich meine Nase doch an die Scheibe und hebe den Arm, als ob ich winke. Aber der Zug ist schon vorbei, die Gestalt wird immer kleiner. War das wirklich Ringo? So dünn und so lang! Aber sicher! Ich erkenne doch Ringo Bode, selbst aus einem vorbeifahrenden Zug! Sah er traurig aus? Bestimmt nicht, der wartet nur auf mich.

Einige Minuten später hält der Zug mit einem Ächzen. Mein riesiger Rucksack lässt mich zum Ausgang torkeln, so schwer ist der. Und da steht auch schon Papa!

»Astalavista«, brüllt er über den Bahnsteig. Ich muss kichern, lasse den Rucksack fallen und springe Papa in die Arme. Hinter ihm steht Mama, die leicht die Augenbrauen nach oben zieht.

»Christian, nicht so doll!«

Dann nimmt Mama mich in die Arme.

»Schön, dass du endlich da bist.«

»Aber keine Angst«, sagt Papa. »Geprobt wird erst morgen. Jetzt wird erst mal angekommen.«

In Geschrey kommt es mir immer so vor, als ob hier gar keine Leute wohnen, weil kaum jemand auf der Straße ist. Vielleicht, weil die Fußwege so schmal sind. Viele Menschen haben dort nicht Platz. Es reicht nicht mal für mich, Papa und Mama in einer Reihe. So laufe ich hin und her, mal neben Papa, mal neben Mama.

Die Eisdiele gibt es noch. Ich brauch bloß zu gucken und Papa zieht schon das Portemonnaie aus der Hose.

»Aber wunder dich nicht, in der Eisdiele sind moderne Zeiten angebrochen«, sagt er und grinst.

Gleich darauf sehe ich, was er meint: Es gibt Eissorten mit Salbeigeschmack, Rose-Minze, Gurke-Joghurt oder Lavendel-Quinoa. Puh.

»Gibt’s kein Schlumpfblau?«

Die Eisverkäuferin verzieht das Gesicht. »Nein, so was haben wir nicht.«

»Letztes Jahr gab’s das noch«, protestiere ich und nehme Schoko und Vanille, das wurde zum Glück noch nicht abgeschafft. Sie gibt mir mein Eis und dreht sich dann einfach um, sie sagt nicht »Auf Wiedersehen« und dann merke ich, sie hat nicht mal »Guten Tag« gesagt. Das ist völlig untypisch für Leute aus Geschrey. Eigentlich laufen immer alle über vor lauter Freundlichkeit, vor allem bei Papa und Mama. Sie sagen dann so was wie: »Einen wunderschönen guten Tag, Herr Hennemann«, oder: »Wie schön, dass Sie wieder bei uns sind, Frau Hennemann«. Ich fand das immer sehr übertrieben, aber Papa hat gesagt, das ist, weil es in Geschrey sonst niemanden gibt, der als Musiker oder Regisseurin arbeitet.

Auf dem schmalen Fußweg kommt uns eine bekannte Gestalt entgegen: Uli. So ist das in Geschrey: Trifft man mal jemand, dann kennt man ihn meistens.

»Nein, die Asta! Die wird immer länger«, ruft Uli und umschließt meine rechte Hand ganz vorsichtig mit seinen beiden großen, schwieligen Händen. Ich muss auf seine buschigen Augenbrauen gucken, einzelne lange Haare hängen aus ihnen herunter, aber selbst die sind freundlich. Uli riecht wie immer nach Pfeifentabak, ein Geruch, den ich nur aus Geschrey kenne.

»Tolle Sachen machen deine Eltern wieder«, sagt Uli, ohne Mama und Papa anzugucken, und deutet mit der Hand in die Richtung, wo der Wald liegt.

»Und ich mache mit«, sage ich, ein bisschen zu laut und zu schnell. Uli nickt lächelnd. Natürlich weiß er längst schon alles und war bei den Proben, denn er ist eigentlich immer da. Ich rücke noch ein Stück näher an Uli heran, sodass ich auch seine weißen Bartstoppeln auf dem faltigen Hals sehe.

»Ach, der Uli, der hat noch ganz andere Zeiten auf der Waldbühne erlebt«, seufzt Mama, als Uli weitergegangen ist.

»Welche denn?«

»Uli hat, glaube ich, sein ganzes Leben auf der Waldbühne verbracht. Er hat sich schon immer um alles gekümmert, dass die Bühne und der Zuschauerraum in Schuss sind, dass abends genug Licht da...



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