E-Book, Deutsch, Band 1, 587 Seiten
Reihe: Die Töchter Cornwalls
Burgh Die Töchter Cornwalls: Morgenröte - Band 1
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-453-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 587 Seiten
Reihe: Die Töchter Cornwalls
ISBN: 978-3-96655-453-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anita Burgh wurde 1937 in Gillingham, UK geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Cornwall. Ihre 24 Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und feierten international Erfolge. Mittlerweile lebt Anita Burgh mit ihrem Mann und zwei Hunden in einem kleinen Dorf in den Cotswolds, Gloucestershire. Bei dotbooks veröffentlichte Anita Burgh ihrer Romane »Das Erbe von Respryn Hall«, »St. Edith's: Hospital der Herzen«, »Glückssucherinnen«, »Der Weg zum Herzen einer Frau«, »Wo deine Küsse mich finden«, »Das Lied von Glück und Sommer«, »Wo unsere Herzen wohnen« Außerdem veröffentlichte Anita Burgh bei dotbooks ihre Familiensaga »Die Töchter Cornwalls« mit den drei Einzelbänden: »Morgenröte«, »Sturmwind« und »Dämmerstunde«
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Erstes Kapitel
1
Alice Tregowan hatte eine unkonventionelle Erziehung genossen. Etty, ihre Mutter, haßte sie. George, ihr Vater, schien sich ihrer Existenz nicht einmal bewußt zu sein.
So war es nicht immer gewesen. Früher einmal hatte Etty eine so enge Beziehung zu ihren Kindern gehabt, wie man es von einer reichen jungen Mutter im England des Jahres 1881 erwarten konnte, das heißt,, ihr pflichtbewußtes, jedoch nur halbherziges Interesse hatte deren Kleidung, Umgangsformen sowie ihrer Gesundheit und Ernährung gegolten. Jeden Tag zur Teestunde wurden die Kinder zum Spielen in ihr Boudoir gebracht, wo sie in träger Schönheit auf einer Chaiselongue lag und sich für die unvermeidlichen Anstrengungen eines weiteren Abends, der gesellschaftlichen Verpflichtungen galt, ausruhte.
Die Art der Kinderspiele hing vom Erschöpfungszustand der Mutter ab. Falls sie nicht zu müde war, konnte es geschehen, daß sie ihnen vorlas, mit ihnen Mikado oder manchmal sogar eine Runde »Happy Families« spielte. Doch meistens war sie zu müde und lag mit geschlossenen Augen da, die Hände kraftlos verschränkt auf ihrem Körper ruhend – einem üppigen Körper, der für ein paar kurze Stunden vom Käfig ihres Korsetts befreit und nun bequem in ein mit Spitzen besetztes und besticktes Negligé gehüllt war.
In diesem Fall wurde von den Kindern erwartet, daß sie leise spielten. Problematisch dabei war nur, daß der mit Möbeln überladene Raum jede Bewegungsfreiheit aufs äußerste einschränkte. Die kleinen Tische waren mit Kästchen, Fotografien in Silberrahmen und Nippes vollgestellt – alles kostbare Gegenstände, die von keiner Kinderhand berührt werden durften. In diesem Raum schien jedes nur erdenkliche Material vorhanden zu sein. Jade und Malachit wetteiferten mit Onyx, Lack mit Bronze; Kristall funkelte, Perlmutt schimmerte. Eisen und Messing bildeten Rahmenwerk. Spitze, Chintz, Brokat, Seide und Satin, gerüscht und gerafft, stritten um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Die Vorhänge an den hohen Fenstern waren stets halb geschlossen, die Jalousien heruntergelassen, denn Lady Tregowan fürchtete, daß ein Sonnenstrahl ihren Alabasterteint ruinieren und ihr Gesicht mit Sommersprossen verunzieren könnte. Sommer wie Winter brannte im Kamin ein Feuer und überhitzte den Raum derart, daß sogar die Blätter der Palme, die in einem Kübel in der Ecke stand, trübe vor sich hinwelkten.
Alice fürchtete sich vor diesem Zimmer und davor, darin etwas zu zerbrechen, so wie sie sich vor ihrer Mutter fürchtete. In Gesellschaft war Etty eine schöne, anmutige, geistreiche und fröhliche Frau. Ihren Kindern war sie ein Rätsel. Einen Augenblick schenkte sie ihnen ihre volle Aufmerksamkeit, doch im nächsten Moment war sie über die Maßen verärgert und wies ihre Kinder von sich. Von einer Minute zur anderen wechselte ihre Stimmung. Alice gefielen die täglichen Besuche bei ihrer Mutter überhaupt nicht.
In ihrem Londoner Haus hatten die Kinder unter dem gläsernen Kuppeldach ihre Suiten – Schlaf- und Wohnzimmer, ein Schulzimmer, die Zimmer der Kindermädchen und eine winzige Küche, in der Toasts und heiße Schokolade zubereitet wurde. Die Einbauschränke reichten vom Boden bis zur Decke und waren zum Bersten mit Kleidung gefüllt, dem Besten, was das White-House-Geschäft zu bieten hatte. Jedes Spielzeug, das sich ein Kind nur wünschen konnte, war vorhanden.
In diesem Reich herrschte das Kindermädchen Queenie Penrose mit ihren zwei Gehilfinnen. Queenie mit ihrem fülligen Körper und üppigem Busen, der so weich wie das weichste Daunenkissen war, und deren großflächiges, gutmütiges Gesicht mit den runden Wangen rot wie ein Apfel glänzte. Queenie, deren Nacken nach Seife und Biskuits roch, bedeutete Wärme, Sicherheit und Liebe.
Etty betrat nur gelegentlich das Kinderzimmer – rauschte in ihren knisternden Seidenkleidern mit funkelnden Juwelen herein, verströmte den Duft eines teuren Parfüms und die huldvolle Freundlichkeit einer Königin aus einem weit entfernten Land.
Von den vergitterten Fenstern aus konnten die Kinder, wenn sie sich auf Zehenspitzen stellten, das geschäftige Treiben auf dem Platz unten beobachten, das je nach Tageszeit vom Kommen und Gehen der Lieferanten bestimmt wurde. Morgens erklang als erstes das Klappern der Kannen, aus denen die Milch, frisch von den Kühen im Hyde Park, in hohe, weiße, emaillierte Krüge geschöpft wurde, die von dem Küchenmädchen an die Tür gebracht wurden. Dann kamen der Briefträger, der Fleischerjunge mit dem quietschenden Handkarren, der alte Blumenverkäufer, der Fischverkäufer, der Garnelenverkäufer und die hübschen Obstverkäuferinnen. Später folgte der Leierkastenmann mit dem Äffchen, das biß. Und im Winter erklang die Glocke des Muffinverkäufers, der einen Hut trug, der so flach wie ein Brett war.
An den meisten Abenden, wenn es sich Queenie mit einem Krug Stout und einem Schauerroman in ihrem Zimmer gemütlich gemacht hatte, stahlen sich Alice und Oswald aus ihren Betten und kauerten an der Treppe. Dort spähten sie durch die Balustrade in das mit einem Drahtnetz geschützte Treppenhaus hinunter. Das Netz war gespannt worden, nachdem Oswald einen Spielzeugzug hatte hinunterfallen lassen, der nur um Haaresbreite den Kopf eines Lakaien verfehlte. Weit unten zischten die Gaslichter in ihren reichverzierten Messingleuchtern. Die Kinder beobachteten das Kommen und Gehen der Freunde ihrer Eltern wie durch das verkehrte Ende eines Teleskops. Die Kleider der Damen raschelten und knisterten. Die bauschigen Röcke waren mit Rüschen, Schleifen und Spitzenvolants geschmückt und im Rücken gerafft, so daß die Damen wie farbige Glocken dahinschwebten. Die Gäste bildeten auf dem schwarzweißen Marmorfußboden wie in einem Kaleidoskop ständig wechselnde Muster.
Wenn die Tregowans auf ihren riesigen Besitz in Berkshire reisten; folgten die Kinder mit den Dienstboten nach. Dort durften sie sich ausschließlich in ihren Quartieren aufhalten, doch die Kinderzimmer waren noch geräumiger, und sie genossen mehr Freiheit, denn sie spielten im Park und am Fluß und ritten begeistert auf ihren Ponies.
Der Besitz in Berkshire hieß Fairhall. Das ursprünglich in der Bauweise der Zeit Jakobs I. errichtete Haus war von einem Vorfahren der Tregowans niedergerissen und im klassischen georgianischen Stil wiederaufgebaut worden, bis die jetzige Generation mit ihrer Vorliebe für das Moderne umfangreiche Veränderungen hatte vornehmen lassen und die ehemals perfekten Proportionen mit Strebepfeilern, Zinnen, Spitzbögen und Kuppeln verschandelt worden waren. Nur im Inneren konnte ein aufmerksamer Betrachter noch gelegentlich einen klassischen Bogen, die Überreste eines Säulenganges oder den Teil eines eleganten Kaminsimses entdecken, die der Zerstörung entgangen waren.
In diesem Haus gab es keine kleinen Räume. Einer schien größer als der andere zu sein. An der Dekoration war nicht gespart worden. Die mit Stuck verzierten Decken leuchteten in Karmesin- und Blautönen und waren reichlich mit Blattgold verziert. Holz- und Balkenwerk schmückten Schnitzereien, die jedes nur erdenkliche Tier und mythische Gestalten darstellten. Riesige Gemälde von modernen Künstlern hingen an den Wänden. Die Möbel ergänzten den pompösen Rahmen – ein Büfett war so groß wie ein Baum, der Speisezimmertisch bot Platz für ein Bataillon.
Die längste Zeit des Jahres stand das Haus in seiner stillen, grotesken Pracht leer, doch wenn die in Mode gekommenen Parties veranstaltet wurden, wimmelte es darin von Leuten. Etty und George liebten Gesellschaften im großen Stil und bewältigten die damit verbundenen Aufgaben mit Nonchalance. George Tregowan war auf sein neues Haus so stolz wie auf seine Frau. Als physisch sehr attraktiver Mann, doch von beschränkter Intelligenz, beobachtete er versonnen seine schöne Frau, die glänzender Mittelpunkt jeder Gesellschaft war. Etty war ihm geistig weit überlegen, aber er bewunderte ihre Klugheit. Für ihn war sie ein wunderschönes, kluges Kind, dem er jeden Wunsch erfüllen wollte und dessen Launenhaftigkeit er mit Nachsicht ertrug. Auf sehr diskrete Weise – die ihr gesellschaftlicher Status verlangte – waren sie einander untreu. Er hatte seinen Sohn, also duldete er ihre Abenteuer. Er dachte weder an Liebe, noch sprach er davon: derlei Sentimentalitäten entsprachen nicht seinen Vorstellungen von männlicher Würde. Auch wenn er viele Liebschaften hatte, galt Etty seine unverbrüchliche Loyalität.
Einmal im Jahr, im Frühjahr, fuhren die Familie und Queenie, Ettys Zofe, Georges Kammerdiener und Phillpott, der Butler, quer durch die Stadt nach Paddington und bestiegen ihren privaten Salonwagen für die Reise zu ihrem anderen Besitz im Westen.
Ihr Waggon wurde an den regulären Zug angekoppelt, in dem weniger bedeutende Leute reisten. Alice liebte diese Reise. Aufgeregt lauschte sie dem Zischen und Fauchen der Lokomotive im Bahnhof, die ungeduldig auf die Abfahrt zu warten schien. Der Salonwagen war mit rotem Plüsch, Gold und glänzendem Mahagoni ausgestattet. Winzige Öllämpchen verbreiteten sanftes Licht, und die goldenen Troddeln an ihren Schirmen schaukelten im Rhythmus des fahrenden Zuges. Der Salonwagen war wie ein Miniaturhaus auf Rädern, wo in der kleinen Küche Phillpott ihre vorgekochten Speisen wärmte.
Alice liebte diese Reise so sehr, daß ihr Ende nur durch die Vorfreude auf Gwenfer erträglich war. Ihr und ihrem Bruder war Gwenfer das liebste Heim von allen.
Gwenfer. Es lag, vor der Außenwelt verborgen, zwischen zwei hohen Klippen, die der Wind umbrauste und deren Fuß von Wogen gepeitscht wurde. Auf den Felsenspitzen wuchsen keine Bäume, denn ihre Wurzeln fanden in dem kargen Boden nicht genug Halt, um...




