Burke | Im Süden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Burke Im Süden

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-32491-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-32491-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ausgezeichnet mit dem Edgar-Award - der neue Roman vom König der amerikanischen Spannungsliteratur

»Im Süden« ist ein fesselndes, actiongeladenes Historiendrama vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs und der Zeit der Sklaverei, in dem Gut und Böse um die Vorherrschaft kämpfen.

Als Hannah Laveau, eine der versklavten Frauen, die auf einer Plantage arbeitet, des Mordes beschuldigt wird, begibt sie sich zusammen mit einer abolitionistischen Lehrerin auf die Flucht vor dem örtlichen Constable und den Sklavenfängern, die in den Bayous ihr Unwesen treiben.

Der Roman behandelt einen Teil der historischen Vergangenheit Amerikas, der unsere Gegenwart in einem scharfen Licht erscheinen lässt.

James Lee Burke, 1936 in Louisiana geboren, wurde bereits Ende der Sechzigerjahre von der Literaturkritik als neue Stimme aus dem Süden gefeiert. Nach drei erfolgreichen Romanen wandte er sich Mitte der Achtzigerjahre dem Kriminalroman zu, in dem er die unvergleichliche Atmosphäre von New Orleans mit packenden Storys verband. Burke wurde als einer von wenigen Autoren dreimal mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet, zuletzt 2024 für »Im Süden«. 2015 erhielt er für »Regengötter« den Deutschen Krimi Preis. Er lebt in Missoula, Montana.

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1
WADE LUFKIN


Ein Morgen auf der Plantage Lady of the Lake kann ein wunderbares Erlebnis sein. Besonders im Spätherbst, wenn der Himmel strahlend blau ist, eine leichte Brise durch die Sümpfe streicht, sich das Spanische Moos in den Bäumen sacht bewegt und Tausende von Enten quaken, am Ende einer langen Reise in den Süden. Aber in dieser Zeit der Kämpfe und des Schmerzes ist es schwer, solche ergreifenden Momente zu genießen. So etwa gestern Abend, als unsere Invasoren aus dem Norden den Himmel mit Leuchtgranaten erhellten, die in gelblichen Rauchwolken detonierten und in spinnenbeinähnlichen Gebilden auf das Gras und den Sumpf niedergingen.

Ein Stück glühenden Metalls landete keine zehn Meter von meinem Stuhl und der Staffelei entfernt, an der ich malte. Ich würde gerne sagen, dass ich tapfer bin und mich an die furchtbaren Verheerungen gewöhnt habe, die Kanonenfeuer bei Menschen und Tieren bewirken kann. Aber das wäre gelogen. In meinem linken Bein steckt immer noch ein Minié-Geschoss, daher weiß ich sehr genau, welchen Schaden Billy Yank anrichtet, wenn er aus vollen Rohren feuert. Die Wahrheit ist, dass ich den Zorn unserer Feinde genauso fürchte wie den Zorn Gottes. Gleichzeitig wünsche ich mir, durch Seine heilige Flamme von einer Schuld gereinigt zu werden, von der ich nie geglaubt hätte, dass ich sie auf mich laden könnte.

1862 war ich mit der 8th Louisiana Infantry nach Virginia gezogen, weil unsere Offiziere mir versprochen hatten, ich würde als Assistent eines Chirurgen dienen und niemals das Blut meiner Mitmenschen vergießen müssen.

Ja, in meiner Naivität war ich überzeugt, dass ich niemals das Kainsmal tragen würde. Selbst dann nicht, wenn meine Vorgesetzten ihr Versprechen brechen und mir befehlen sollten, zur Waffe zu greifen und auf die Reihen der Jungs zu feuern, gegen die ich keine Abneigung hegte. Ich sägte also Gliedmaßen ab und stapelte sie zu Haufen, bei der ersten und zweiten Schlacht von Manassas, und vor allem bei Sharpsburg, wo die 8th Louisiana in einem Maisfeld in der Nähe von Dunker Church niedergemäht wurde. Durch ein Fenster sah ich, wie diese armen Kerle fielen, und ich rannte in das Getümmel und schleppte sie hinein, die Nordstaatler ebenso wie die Südstaatler, die Lebenden ebenso wie die Toten, und ich betete für uns alle.

Sharpsburg hat uns gelehrt, dass man nicht sterben muss, um in die Hölle zu kommen.

Dann kam der Winter, und wir waren müde von all dem Schlamm, der Kälte, den kurzen grauen Tagen und der Tatsache, dass die Yankees nicht aufgaben und sich nach Hause verzogen, so wie unsere Anführer es prophezeit hatten. Unglücklicherweise wird eine Armee, die nicht marschiert und nicht kämpft, unruhig und übellaunig. Als ich einen Spaziergang in einem verschneiten Wald entlang eines Bachs machte, sah ich einen Burschen in meinem Alter auf einem Felsen sitzen. Er las ein Buch, trug einen schwarzen Filzhut auf dem Kopf und hatte eine graue Decke um die Schultern geschlungen, die vor Kälte ganz steif war. Ein paar Meter weiter lehnte ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett an einem Baum.

Der Soldat auf dem Felsen war in sein Buch vertieft, einen Gedichtband von Robert Browning. In meiner Hemdtasche hatte ich in einem Tabakbeutel Kaffeebohnen, und in meinem Tornister trug ich zwei Zinnbecher sowie einen halben Laib Brot und ein Stück Schinken bei mir. Ich hatte auch meine Bibel dabei. Es war eine Woche vor Weihnachten. In der Tristesse dieses Tages dachte ich daran, wie schön es wäre, mein Essen und meine Bibel mit einem Kameraden zu teilen, der die gleichen Gedichte liebte wie ich und der sich wahrscheinlich ebenso wie ich danach sehnte, seine Familie wiederzusehen.

»Wenn Sie ein paar Äste sammeln und ein Feuer machen, habe ich die Zutaten für ein Festmahl«, sagte ich.

Er antwortete nicht. Er hielt das aufgeschlagene Buch vor sein Gesicht und verbarg es wie hinter einer Maske.

»Ich hoffe, ich habe Sie nicht gestört«, sagte ich.

Langsam ließ er das Buch sinken. Da fiel mein Blick auf sein Gewehr. Es war ein Springfield. Im Jahr 1862 sah man nur selten Springfields bei den Grauröcken unserer Armee.

»Ich bin unbewaffnet, Sir«, sagte ich.

Er schlug sein Buch zu, ohne die Stelle zu markieren, und legte es neben sich auf den Felsen. Sein Gesicht war im Schatten der Hutkrempe verborgen. Er ließ die Decke von den Schultern gleiten und griff in seinen Mantel. Er war marineblau und hatte goldene Epauletten. Aus dem Hosenbund zog er einen kleinen Revolver und richtete ihn auf mich.

»Ich wollte nichts Böses«, sagte ich.

Er spannte den Hahn mit dem Daumen.

»Bitte, Sir«, stammelte ich.

In seinen Augen war kein Zorn. Aber auch keine Gnade.

Und auch sonst nichts, um genau zu sein.

»Sir, ich bin gleich weg. Ich bin der Assistent des Chirurgen. Ich bin kein Soldat.«

Ich weiß nicht, ob seine Hand zitterte oder ob er den Revolver nicht richtig zu fassen bekam, aber er schoss trotzdem, und die Kugel durchschlug meinen Mantel. Der Yankee-Offizier schien genauso erschrocken zu sein wie ich, aber das hielt ihn nicht davon ab, bei seiner versehentlichen oder vorsätzlichen Entscheidung zu bleiben, die unser beider Leben für immer verändern sollte. Er zielte jetzt mit beiden Händen und drückte ab. Der Hahn schnappte hart auf eine Patrone, die nicht zündete.

Er wirkte verblüfft oder erschrocken, und ich fragte mich, ob er wirklich im Zorn geschossen hatte. Aber für solche Überlegungen blieb mir keine Zeit. Mein Herz klopfte so laut, dass ich glaubte, mein Kopf würde explodieren.

Dann übernahm ein unbekanntes Wesen in mir die Kontrolle über meinen Körper und meinen Geist. »Du verdammter Bastard«, rief ich und rannte zu dem Gewehr. »Das wirst du mir büßen.«

Er versuchte erneut, den Revolver mit beiden Daumen zu spannen. Aber ich hatte jetzt sein Springfield und rammte ihm das Bajonett in die Brust. Es bohrte sich durch Knochen und Muskeln bis in einen Lungenflügel. Ich spürte, wie sein Gewicht über die Klinge sank, während er sich mit bloßen Händen von ihr wegzudrücken versuchte. Er ging auf die Knie, und seine Augen quollen hervor, groß und braun wie polierte Kastanien, während seine Hände nach dem Lauf des Gewehrs griffen.

Aber ich war noch nicht fertig. Ich riss das Bajonett aus der Wunde, zielte auf sein Herz und stieß ein zweites Mal zu, wobei ich mich mit aller Kraft gegen den Gewehrschaft stemmte, bis die Spitze des Bajonetts aus seinem Rücken trat und ihn im Schnee festnagelte. Langsam öffneten sich seine Lippen und stülpten sich vor, dann fielen seine Arme ausgestreckt zur Seite, wie bei einem gekreuzigten Christus. Im Sterben sprach er kein Wort.

Ich möchte meine Kriegserlebnisse nicht wieder aufleben lassen, daher hoffe ich, die Kämpfe bleiben im Osten oder hören ganz auf. Aber das ist reines Wunschdenken. Und die Schwarzen aus Afrika wissen das auch. In allen Gemeinden wurde ihnen verboten, auf den Feldern zu singen, denn Singen ist die Telegrafie der Afrikaner, und oft sind ihre Lieder nicht das, was sie zu sein scheinen. Welch eine Ironie. Wir behaupten, die überlegene Rasse zu sein, haben aber Angst vor Menschen, die nie gelernt haben, zu schreiben und zu rechnen.

Im Juni 1861 erhängten die Bürger von St. Martin sechs Sklaven und einen Weißen, die einen Aufstand geplant hatten. Andere wurden »disziplinarischen Maßnahmen unterworfen«. So lautete die in der Lokalzeitung verwendete Umschreibung. Auch das Wort »Sklave« tauchte in dem Artikel nicht auf. Wir haben uns ein Wörterbuch der Heuchelei geschaffen, das es uns erlaubt, Sklaven »Bedienstete« zu nennen. Ich schäme mich, Männern die Hand zu geben, von denen ich weiß, dass sie an den Hinrichtungen beteiligt waren, und ich meide sie, wenn ich ihnen in meiner Kirchengemeinde begegne.

Trotzdem finde ich keine Ruhe. Ich habe für Mr. Lincoln gestimmt, aber ich bin mit seiner Politik nicht einverstanden. Nach der Besetzung von New Orleans wurde an der Münzanstalt die amerikanische Flagge gehisst und sofort von einem Mob wieder heruntergerissen. Ein berufsmäßiger Spieler wurde dabei erwischt, wie er ein winziges Stück der Flagge im Knopfloch trug, und General Butler, dieser heimtückische Haufen Walsperma, war sich nicht zu schade, den armen Kerl am Fahnenmast der Münzanstalt aufzuhängen.

Aber ich fürchte, ein Ortswechsel wird mein Problem nicht lösen. Ich glaube, der wahre Feind ist der Affe, der noch in uns allen lebt. Voltaires Empfehlung an die Menschheit war es, unsere eigenen Gärten zu pflegen und die Verrückten ihrer Wege ziehen zu lassen. Dasselbe gilt für Charles Dickens. Erinnern Sie sich an Mr. Dick? Er sagt zu David Copperfield: »Es ist eine verrückte Welt. Sie gleicht einem Irrenhaus, Junge!« Mr. Dick war in der Irrenanstalt von Bedlam gewesen und trug Schreibfedern im Haar, falls er einen Gedanken notieren wollte. Lesen Sie unbedingt, was er über den Pöbel bei öffentlichen Hinrichtungen zu sagen hat. Vermutlich war Mr. Dickens ein einsamer Mensch.

Genug davon. Ich bin ein Mann ohne Heimat, ohne Ziel, ein Gast auf der Plantage meines Onkels, und ich male Vögel. Aber eine junge Kreolin namens Hannah Laveau hat es mir angetan. Mein Onkel hatte sie vor einem Jahr auf dem Sklavenmarkt in New Orleans gekauft, kurz bevor die Stadt kapitulierte, und sie dann als sogenannte Lohnsklavin an einen Bekannten am Spanish Lake vermietet.

Das Mietverhältnis dauerte keinen Monat. Mein Onkel fuhr eigens mit seiner Kutsche zum Spanish Lake und holte sie in sein Haus nach St. Martin, ohne...


Wagner, Alexander
Alexander Gerald Wagner studierte Literaturwissenschaft und Übersetzen in Frankfurt am Main. Er lebt als Autor und Übersetzer in München.

Burke, James Lee
James Lee Burke, 1936 in Louisiana geboren, wurde bereits Ende der Sechzigerjahre von der Literaturkritik als neue Stimme aus dem Süden gefeiert. Nach drei erfolgreichen Romanen wandte er sich Mitte der Achtzigerjahre dem Kriminalroman zu, in dem er die unvergleichliche Atmosphäre von New Orleans mit packenden Storys verband. Burke wurde als einer von wenigen Autoren dreimal mit dem Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet, zuletzt 2024 für »Im Süden«. 2015 erhielt er für »Regengötter« den Deutschen Krimi Preis. Er lebt in Missoula, Montana.



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