E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Burstein Eroberung des Elfenbeinturms
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99065-085-1
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Streitschrift für eine bessere Kultur
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-99065-085-1
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fabian Burstein, geboren 1982 in Wien. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Im Autorenleben Verfasser von Romanen und Sachbüchern. Biograf der österreichischen New-WaveLegende Hansi Lang. Seit 10 Jahren vorwiegend in Deutschland als Leiter für Kulturinstitutionen, Festivals und diverse künstlerische Formate verantwortlich. Aktuell Leiter des Kultur- und Veranstaltungsprogramms der Deutschen Bundesgartenschau 2023 in Mannheim und Geschäftsführer der Wiener Psychoanalytischen Akademie.
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Kultur ohne Ideologie. Oder: der Untergang kulturpolitischer Visionen
Genauso, wie sich kulturelle Angebote nicht von der Gesamtheit gesellschaftlicher Angebote abgrenzen lassen, lässt sich auch Kulturpolitik nicht von den gesamtpolitischen Entwicklungen abkoppeln. Unsere kulturpolitischen Probleme haben eine lange Vorgeschichte, die eine allgemeine Betrachtung der politischen Stimmungslage notwendig macht. Dazu lohnt sich als Warmup eine Wahlkampfrecherche bei den großen Volksparteien in Österreich, also bei Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen. Immerhin haben diese beiden Lager die politische Landschaft nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich mitgeprägt und in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit über charismatische Chefideologen wie Josef Klaus und Bruno Kreisky solche massiven Prozentpolster aufgebaut, dass sie noch heute davon zehren und als Seniorpartner in kleinen Koalitionen oder als Großkoalitionäre die Geschicke Österreichs lenken. Dieses Überwasserhalten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Wähler:innenpotenzial der traditionellen Großparteien erodiert – oder etwas unschöner ausgedrückt: wegstirbt. Übrig bleiben Verluste, die Wähler:innenströme hin zu populistischen Parteien aus dem rechtsextremen Lager offenbaren. Daran ändert auch das temporäre Aufbäumen von politischen »Talenten« in den arrivierten Parteien nichts, die den Niedergang durch punktuelle Wahlerfolge unterbrechen. Eine kurze Wahlkampfposterrecherche, zu der jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch der »Generation Google« fähig ist, bringt folgende Zukunftsvisionen:
»Klarheit schaffen«, »Damit du bekommst, was dir zusteht«, »Tun, was richtig ist«, »Veränderung mit Verantwortung«, »Mit sicherer Hand für Österreich«, »Gemeinsam für Österreich«, »Die neue Wahl«, »Wohlstand muss gerecht verteilt werden«, »Im Interesse Österreichs« und so weiter.
Was sagt uns diese Aneinanderreihung von Nullbotschaften, die Parteizentralen allen Ernstes als politische Positionierung verkaufen und dafür auch Wahlkampfförderung abgreifen? Sie sagt uns folgendes:
Die politischen Protagonist:innen brennen nicht mehr für politische Botschaften, die einer Ideologie entspringen. Sie haben keine Ideale, keine Träume, keinen Mut. Sie sind leer, kalt, orientierungslos. Sie wollen nicht einzigartig sein. Sie vertreten das unmögliche Versprechen »Alles für jeden«, weil sie den politischen Apparat nicht mehr als Rahmen für Weltverbesserung gemäß einer bestimmten politischen Gesinnung verstehen. Im besten Fall wurde der Wille zur Ideologie durch den Willen zur Verwaltung ersetzt. Daraus sind die lähmenden Mühlen des öffentlichen Apparates hervorgegangen, in denen Sachbearbeiter:innen das Telefon zehnmal klingeln lassen, bevor sie abheben – »Sonst denken die Leute, wir hätten nix zu tun«. Diese Leute brennen für gar nichts und schon gar nicht für die – Orientierung suchenden – Bürger:innen, die sie eigentlich umsorgen sollten. Wir dürfen mit diesen Systemerhalter:innen aber nicht zu hart ins Gericht gehen: Sie sind das Produkt jener politischen Köpfe, die sie ideologiebefreit durch die Gezeiten lenken.
Im schlimmsten Fall ist das Feuer der Ideologie dem Feuer der Macht gewichen. Ein paar Funktionär:innen, die es sich im Schoß ihrer Gesinnungsgemeinschaft bequem gemacht haben, kämpfen um ihr Ego und ihre Altersvorsorge, die sich wesentlich besser gestalten lässt, wenn es sogenannte »Regierungsverantwortung« und damit Zugriff auf einen Arbeitsplätzepool im öffentlichen beziehungsweise im staatsnahen Bereich gibt.
Das führt mich zu folgender Behauptung: Die oft beklagte Entpolitisierung der Jugend, die sich in geringer Wahlbeteiligung, rudimentärer politischer Bildung und Rückgang des politischen Engagements widerspiegelt, ist in Wahrheit eine Entideologisierung der Jugend. Die Entideologisierung bringt die Unfähigkeit mit sich, in irgendeiner Weise für Belange des Gemeinwohls, und dazu zählt auch Kultur, zu brennen.
Die Jugend brennt nicht für den Generationenvertrag, der das solidarische Zusammenspiel zwischen Alt und Jung regelt.
Sie brennt nicht für den Humanismus, der uns Kultur, Bildung, Freiheit, Gerechtigkeit beschert hat.
Sie brennt nicht für fundamentale Grundrechte – ihr Recht auf freie Meinungsäußerung, ihr Recht auf sinnstiftende Bildungsangebote, ihr Recht auf Chancen am Arbeitsmarkt.
Sie brennt nicht für ihr Recht auf kulturelle Teilhabe und auf kulturelle Bildung im Schulsystem, obwohl das Thema Kultur in der Verfassung verankert ist.
Sie brennt nicht für ihr Recht, sich in Austausch mit anderen Kulturkreisen zu begeben, und sie brennt schon gar nicht für ihr Recht, in politische Meinungsbildungsprozesse eingebunden zu werden und dafür die nötigen Grundvoraussetzungen mit auf den Weg zu bekommen.
Dass sie für all das nicht brennt, ist jenen Karrierist:innen zu verdanken, die Politik zu einer selbstreferenziellen Heißlufthülle umgedeutet haben. Eine Hülle, die ihnen Zuflucht vor den harten Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, etwa dem freien Arbeitsmarkt oder dem zivilgesellschaftlichen Engagement in Ehrenämtern, bietet.
Zusammenfassend kann man sagen: Wir haben eine dramatische Ideologiekrise. Diese Ideologiekrise hat sich von der Politik in die Kulturszene übertragen. Es regieren Schlagworte, Lippenbekenntnisse und eine Verliebtheit in berufliche Lifestyle-Konzepte. Es ist schick, in der Kultur zu arbeiten, wegen der Künstler:innen, der Eröffnungen, Vernissagen und Premieren, der Gästelisten und der originellen Klamotten, die hoffentlich auf die Außenwahrnehmung der Trägerin, des Trägers abfärben. Vielfach fehlt aber der idealistische Antrieb. Politik und Kultur schaukeln sich in ihrer Ideologielosigkeit auf. Weil die Kulturmanager:innen und Künstler:innen die Legislative und deren Wählerschaft ratlos hinterlassen, reagieren diese weitgehend ratlos mit weltfremden Programmen und Ansprüchen. Weil die Kulturmanager:innen und Künstler:innen nicht mehr als gnadenlos-kritische Beobachter:innen des gesellschaftlichen Alltags fungieren, hat die Politik die Angst vor ihnen verloren und straft das Segment mit der schlimmsten aller möglichen Politstrategien ab: mit totaler Ignoranz. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass das Amt des »kulturpolitischen Sprechers« innerhalb der Fraktionen eher Strafversetzung als Vertrauensbeweis ist. Expert:innen direkt aus dem Kulturbetrieb oder zumindest Fraktionsmitglieder mit klarer kulturpolitischer Handschrift in ihrer bisherigen Vita? Fehlanzeige! Die frisch Bestellten versuchen ihre Qualifikation dann meist mit dem Umstand zu untermauern, dass sie »gerne und häufig Kulturveranstaltungen besuchen«. Solche halbgaren Herleitungen reichen im schlimmsten Fall sogar für einen Platz in der Bundesregierung. Im Januar 2020 fragte die die frisch bestellte Staatssekretärin für Kunst und Kultur, Ulrike Lunacek, nach ihrer kulturellen Prägung. Die zweifelsfrei integre Europapolitikerin antwortete mit einer deprimierenden Offenherzigkeit: »Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, mein Vater war Sängerknabe, die Eltern haben uns viel in die Oper mitgenommen. Später habe ich selbst Tanz gemacht, vor allem Kontaktimprovisation.« Und: »Überhaupt freue ich mich sehr darauf, künftig mehr Konzerte, Theater, Ausstellungen zu besuchen.« Mit diesen fachlichen Grundvoraussetzungen übernahm Lunacek ein Bundeskulturbudget von rund 460 Millionen Euro – ein schwerer Rückschlag in der kulturpolitischen Personalpolitik. Ehrlicherweise muss man sagen, dass dieser Fehler zügig eingesehen wurde: Nach Ulrike Lunaceks unvermeidlichem Rückzug kam die ehemalige Leiterin der Sektion Kunst und Kultur im Bundeskanzleramt, Andrea Mayer, zum Zug. Ihre unbestreitbare Expertise und ihr ganzheitlicher Blick auf die Kulturszene führten zu einem Verhandlungserfolg für das Kulturbudget 2022, das gegenüber dem Vorjahr um rund 60 Millionen stieg. Ihre Chancen stehen gut, dass sie schon bald in einer Reihe mit kulturpolitischen Kapazundern wie dem ehemaligen Wiener Kulturstadtrat Peter Marboe, dem früheren Kulturminister Rudolf Scholten oder Wiens allererstem Nachkriegskulturstadtrat Viktor Matejka steht. Matejka ist übrigens auch ein Beispiel dafür, wie Kulturpolitik symbolische Politik für das gesamte gesellschaftliche Spektrum betreiben kann: Er war es, der verstärkt die Idee von Volksbildung mit dem Thema Kultur verknüpfte und Wien damit ein eigenständiges kulturpolitisches Profil verpasste. Und er war es auch, der in seiner offiziellen Funktion die Einladung an die Vertriebenen der Nazi-Diktatur aussprach, trotz der unverzeihlichen Verbrechen des Dritten Reichs nach Österreich zurückzukehren. Diese Einladung ist nicht nur ein Sinnbild für Anstand – sie ist auch Sinnbild für kulturpolitischen Weitblick. In der Gesamtheit der Exil-Überlebenden befanden sich auch Vertreter:innen jener kritischen Kulturelite, die...




