Busch | Angelus Mortifer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 308 Seiten

Busch Angelus Mortifer


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96089-196-3
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 308 Seiten

ISBN: 978-3-96089-196-3
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er ist einer von den Todesengeln, die die Menschen am Ende ihrer Zeit ins Licht bringen. Es gibt keinen Himmel und es gibt keine Hölle. Erst recht keinen alten Mann mit Bart und Nachthemd irgendwo in den Wolken. Es gibt lediglich das Schicksal, das entscheidet, wann eine Lebensuhr abgelaufen ist. Was nach dem Licht kommt, das die Sterbenden anstreben, hat sich ihm nie offenbart. Keiner kehrte daraus zurück, um darüber zu berichten. Er ist Dry. Ein Unsterblicher, der sich in ein Kind der Nacht verliebt. Aber Llewellyn hat andere Probleme, als sich mit einem einsamen Todesengel zu beschäftigen.

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Kapitel 1


„Hilfe!“

Kendalls Lunge brannte und sein Herz raste. Vom puren Grauen gejagt, stürmte er voran.

„Hilfe!“, stieß er keuchend hervor, während er durch die Nebelschleier floh und das zarte Gespinst wie Spinnenseide zerriss. Die blanke Angst saß ihm im Nacken und der Schweiß lief ihm unangenehm klebrig über den Rücken. Seine grünen Turnschuhe trommelten stakkatoartig über den Asphalt. Während er rannte, wagte er einen Blick zurück, obwohl er wusste, dass das überhaupt nicht klug war. Dass ihn diese winzige Bewegung wertvolle Sekundenbruchteile seines Vorsprungs kosten würde. Es war wie ein Zwang. Zu erkennen war nichts, da der Nebel seinen unheimlichen Verfolger verbarg. Aber er war da. Kendall konnte die unsägliche Boshaftigkeit, die er ausstrahlte, regelrecht spüren. Wie zur hämischen Bestätigung seiner Wahrnehmung vernahm er das Kratzen von Krallen auf Stein, ein leises Hecheln, gefolgt von einem bedrohlichen Knurren. Kendall presste eine Hand auf seine verletzte Seite und hetzte quer über die Straße. Sein Angreifer hatte Blut geleckt und er ahnte, dass allein dieser Geruch die Bestie auf seine Spur bringen würde. Der Nebel bot ihm keinerlei Chance, dem Verfolger zu entkommen. Sollte ihm allerdings die Flucht durch den Park gelingen, hätte er beinahe die rettende Insel – sein Zuhause – erreicht. Er würde die Tür hinter sich zuschlagen und in der Sicherheit seiner Wohnung … Ein schauriges Heulen erklang viel zu nah hinter ihm. Vor Schreck geriet Kendall ins Stolpern.

Er begriff nicht, wovor genau er eigentlich davonrannte. Erst vor wenigen Minuten war er gut gelaunt aus dem Studentenpub auf die Straße getreten, um nach einem Glas Bier gemütlich nach Hause zu schlendern. Er mochte diese frühen Nächte, in denen die Straßen menschenleer waren und der Londoner Nebel zäh über die Bürgersteige kroch. In weiße Schwaden gehüllt wirkte die englische Metropole anders, still und unwirklich wie eine geheimnisvolle Märchenwelt. Und genau wie in einem Märchen war aus einer Einfahrt plötzlich ein geiferndes Etwas gesprungen. Kendall hatte lediglich einen kantigen Schädel mit breitem Fang und verflucht viele Reißzähne registriert, als dieses … dieses Ding nach ihm schnappte. Es war Glück im Unglück gewesen, dass diese fürchterlichen Zähne hauptsächlich seinen Ledergürtel erwischten und sich nicht festbeißen konnten. Dennoch blutete er aus einer schmerzhaften Fleischwunde. Er hatte sich nicht lange aufgehalten, um das hässliche Ding näher zu betrachten oder auf einen zweiten Angriff zu warten, sondern war wie von Sinnen losgerannt, um sein Heil in der Flucht zu finden. Jeder Hundebesitzer hätte ihm gesagt, das Weglaufen eine ganz, ganz blöde Idee war. Aber er hatte das Finstere, das Böse in dem Angreifer gespürt. Wie Krebsfraß hatte das Gefühl an seinen Knochen genagt. Kalt und unerbittlich. Darum war er blindlings losgestürmt.

Auf einmal befand sich Gras statt Asphalt unter den Sohlen seiner Turnschuhe. Er hatte den Potters Fields Park erreicht, der in der Nähe der Tower Bridge und seinem Zuhause lag. Inzwischen hatte er heftiges Seitenstechen und sein Atem brannte in der Lunge. Wieder schaute er über die Schulter zurück und dieses Mal entdeckte er gleich mehrere gedrungene Schemen in dem Nebel. Beinahe hätte Kendall vor Angst und Verzweiflung geschrien.

Das Ding war nicht allein!

Panisch rannte er zwischen den Birken hindurch und über die feuchte Wiese. Erneut ertönte das schaurige Heulen und dieses Mal wurde der Laut direkt hinter ihm ausgestoßen. Keinen Herzschlag später prallte etwas wuchtig gegen seine Beine. Mit einem hilflosen Aufschrei schlug Kendall der Länge nach hin, schnappte verzweifelt nach Luft und versuchte, sofort auf die Füße zu kommen. Doch etwas hatte ihn am Hosenbein gepackt und zerrte grausig knurrend daran. Einen Moment später gruben sich scharfe Zähne in seine Wade. Ein weiterer Schrei entfuhr ihm, dieses Mal vor Schmerz. Instinktiv trat er heftig zu und wurde mit einem überraschten Winseln belohnt. Sein Bein brannte wie Feuer, allerdings gaben ihn die Fänge frei. Dafür grollte es jetzt rings um ihn herum, unbarmherzig und voller Bösartigkeit. Kendall warf sich auf den Rücken und starrte seine Verfolger an, die ihn lauernd umkreisten und aus flammenden Augen fixierten. 

Tollwütige Hunde, war sein erster Gedanke, den er gleich darauf berichtigen musste. Diese Hunde hatten keine Pfoten, sondern etwas, das ihn entfernt an Affenhände mit langen Krallen erinnerte. Außerdem schienen sie keine Schwänze zu haben, und Hunde mit derartigen Muskelpaketen am Körper waren ihm nie zuvor begegnet. Und obendrein hatten Hunde üblicherweise keine spitzen Dornenfortsätze auf ihren Rücken, die sie mit einem Rasseln aufstellen konnten.

„Verdammt! Was seid ihr?“, flüsterte er den Gestalten ungläubig entgegen. Dies war offenbar ein Fehler, denn wie auf Kommando sprangen sie auf ihn zu. Schützend riss Kendall die Arme in die Höhe. In derselben Sekunde wischte ein scharfer Luftzug an seinem Gesicht vorbei. Wütendes und schmerzerfülltes Heulen erscholl und irgendetwas Klebriges, Feuchtes spritzte über ihn hinweg. Erleichtert schluchzte Kendall auf. Jemand war ihm zu Hilfe gekommen und er erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen schwarzen Ledermantel, helles Haar und … ein Schwert? Trotz der tödlichen Situation begann Kendall zu lachen. Es klang selbst in seinen Ohren hysterisch. War etwa eine schmalere Version von He-Man aus einem Comic entsprungen? Und warum auch nicht, denn diese schrecklichen Dinger mussten ebenfalls von irgendwoher kommen. Dabei war He-Man, eine der muskelstrotzenden Figuren der Masters of the Universe mit seiner Prinz-Eisenherz-Frisur, längst aus der Mode gekommen. Sein Helfer hatte mit ihm bis auf das Schwert auch wenig gemein.

Das Lachen verging ihm schlagartig, als sich die Angreifer aufteilten. Zwei dieser seltsamen Hunde gingen auf den Fremden los, die anderen beiden wandten sich erneut Kendall zu. Einer von ihnen humpelte deutlich und knickte beim Laufen mit der Pfote weg, was ihn aber nicht daran hinderte, unaufhaltsam näher zu kommen.

„Weg!“, schrie Kendall mit sich überschlagener Stimme. „Lasst mich!“ 

In einer abwehrenden Geste rammte er brüllend seinen Arm dem Raubtiergebiss entgegen, das es auf seine Kehle abgezielt hatte. Die Fänge bohrten sich gnadenlos in sein Fleisch. Der zweite Angreifer vergrub seine scharfen Zähne in Kendalls Fuß, verhinderte damit einen weiteren Fluchtversuch und begann ihn quer über den Rasen zu ziehen. Panik und die schreckliche Angst vor dem nahenden Tod überwältigten ihn, sodass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und es ihm die Kehle zuschnürte. Er wusste nur, dass er nicht zerrissen und zerfetzt in diesem Park enden wollte. Plötzlich hörte er ein wildes Schlagen und Flattern, bemerkte den Schatten schwarzer, riesenhafter Schwingen, die ihn auf einmal umgaben und ein heftiges Rucken, das durch seinen kompletten Körper ging. Dann löschten Entsetzen, Furcht und Schmerz sein Bewusstsein aus.

***

Llewellyn wischte sich Blutspritzer von der Wange und säuberte seine Klinge an dem borstigen Fell des erschlagenen Ars Awad, bevor sich der Kadaver zersetzen konnte. An seinem Ohr zischelte es besorgt.

„Mir ist nichts passiert, Ahatsu.“

Eine kleine eidechsenhafte Gestalt mit dunkelblauen Streifen in ihren feinen, türkisfarbenen Schuppen ließ sich auf seiner Schulter nieder, wo sie weiterhin aufgeregt mit ihren ledernen Flügeln flatterte und ihm prüfend aus leuchtend gelben Reptilienaugen ins Gesicht starrte. Ein agiler, drachenähnlicher Schwanz peitschte aufgeregt hin und her. Vier kräftige Klauen krallten sich in seinem Mantel fest.

„Beruhige dich, mein kleiner Freund. Ich sagte doch, mir ist nichts geschehen. Heute waren sie gar nicht hinter mir her.“ Llewellyn drehte sich um und spähte zu dem Fremden hinüber, der reglos im blutbefleckten Gras lag.

„Sie wollten ihn“, stellte er leise fest. Die kleine Echse und er starrten den Fremden nachdenklich an.

„Hast du beobachtet, was eben geschehen ist?“, fragte er endlich seinen geflügelten Begleiter. Ein leises Quieken antwortete ihm. Llewellyn verbarg das Schwert unter seinem langen Mantel und näherte sich dem Bewusstlosen. Er war sich nicht ganz sicher, was sich hier gerade abgespielt hatte. Die zwei Ars Awad hatten ihn angegriffen, während sich die beiden anderen auf ihr ursprüngliches Opfer stürzten. Gleich darauf ertönte vollkommen unerwartet ein gewaltiges Rauschen, ein heftiger Luftzug war aufgekommen, gefolgt von dem schrillen Heulen der Ars Awad, als ihre Knochen wie trockene Zweige brachen. Nachdem Llewellyn seine Gegner erledigt hatte, konnte er nur noch einen dunklen Umriss zwischen den Nebelschleiern erhaschen und gleich darauf war schon wieder alles vorbei.

Neben dem Fremden kniete er sich in das Gras und musterte ihn neugierig. Das schwarze Haar hing dem Bewusstlosen strähnig in die verschwitzte Stirn, auf der sich ein langer Kratzer befand. Ein dunkler Bartschatten lag auf der haselnussfarbenen Haut und um die langen Wimpern hätte ihn jede Diva beneidet. Er blutete aus mehreren üblen und tiefen Fleischwunden, der Geruch stieg Llewellyn prickelnd in die Nase. Außerdem lag der Fremde in einem Kreis ausgerissener, tiefschwarzer Federn sowie den zerfetzten Überresten seiner Jacke und seines Pullovers. Der Anblick dieses hilflosen Mannes berührte etwas tief in ihm, etwas, das er nicht benennen konnte.

Ahatsu gab ein leises, kollerndes Geräusch von sich und riss Llewellyn damit aus seiner intensiven Betrachtung....



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