E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Busch Deutschland, Deutschland ohne alles
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-1795-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum Europas größte Wirtschaftsmacht ein sozialer Pflegefall ist
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-7407-1795-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Busch, Jahrgang 1973, arbeitet als Redakteur und Moderator bei Radio Bremen. Nach dem Studium der Soziologie, Politik und Germanistik an der Universität Hamburg promovierte er im Bereich Kommunikationswissenschaften mit einer Arbeit über die ganzheitliche Markenführung von Radiosendern. Zwischenzeitlich lehrte er an der Hochschule Bremen Radio-Journalismus. Martin Busch ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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Ohne Kontinuität
Der Philosoph Arnold Gehlen schrieb in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der "Verschwommenheit der Wirklichkeit in der im Aufbau begriffenen Erdumfangskultur". Wie sehr sich die Unbestimmtheit binnen eines halben Jahrhunderts steigern würde, konnte er nicht ahnen. Unsere Kinder wissen nicht einmal mehr, welche Farbe die Farbe der Polizei ist: blau oder grün? Selbst Stadthallen werden von den klammen Kommunen heutzutage genötigt, alle paar Jahre den Namen zu wechseln. Und der Chef eines öffentlich-rechtlichen Radioprogramms war enttäuscht, als Hörer bei einer Umfrage sagten, die Nachrichten klängen wie Nachrichten. Die Dekonstruktion des Begriffs- und Symbol-Kosmos' ist kein Ausdruck von Liberalität und Fortschritt, sondern von Verwirrung. Die Mode-Expertin Barbara Vinken bemängelte in einer Kolumne, die Menschen wüssten heute auch nicht mehr, was man in welchen situativen Kontexten anzieht. Stattdessen diskutieren wir über die Notwendigkeit öffentlicher Toiletten für Zeitgenossen, die weder ein stilles Örtchen für Frauen noch für Männer aufsuchen möchten. Von der Norm- zur Abweichungs-Hörigkeit.
Eigentlich rief man zwischen 20 Uhr und 20.15 Uhr niemanden an. Eigentlich war die Mutter immer da, wenn man aus der Schule nach Hause kam. Eigentlich hatte der Vater keinen befristeten Job. Eigentlich war ein Schwimmbad in der Nähe eine Selbstverständlichkeit. Eigentlich hatten die Geschäfte sonntags geschlossen. Eigentlich trug der Mittelstürmer immer die neun auf dem Rücken. Eigentlich trat man am Boden liegenden Menschen nicht gegen den Kopf. ZDF-Moderator Claus Kleber hat es mal auf den Punkt gebracht: "Es sind uneigentliche Zeiten." (Dass weibliche Teilnehmer des Gesangs-Wettbewerbs ESC, der mal Grand Prix hieß, früher eine weiße Gitarre hatten und keinen Vollbart, ist verglichen damit kaum der Erwähnung wert.)
Jean-Jacques Rousseau schrieb bereits 1762, dass sich die Verhältnisse ständig änderten. Doch erst seit dem digital gefärbten neoliberalen Zeitalter wird dieser Wandel zur ernsten Gefahr für das Gemeinschaftliche. "Die Welt war noch nie so unfertig!", sagt die Werbung. Der medial vollkommen überfrachtete Alltag in einem unangenehm marktwirtschaftlichen Umfeld hat einen Unstetigkeit feiernden Individualismus hervorgebracht, der den Ellbogen zum bestausgebildeten Körperteil werden ließ und der kurz davor ist, die soziale Kernschmelze auszulösen.
Das Gehirn lechzt vom ersten Lebenstag an nach Regeln. Denn sie helfen, die Welt in unseren Augen stimmig erscheinen zu lassen, kohärent. Gibt es keine dauerhaften Muster, stürzt dies den Menschen ins Wahrnehmungs-Chaos. Der Satz "Alles muss seine Ordnung haben!" ist nicht versprachlichte Spießigkeit, sondern repräsentiert ein Naturgesetz, ein Gesetz der menschlichen Natur. Es ist, wie der Soziologe Alexander Deichsel sagt, eine Art harmonischer Ur-Trieb. Die Werbung für einen Baumarkt macht sich diese Erkenntnis zunutze: "Es kann nicht falsch sein, die Dinge in Ordnung zu bringen!" Und so wie es Hausordnungen gibt, damit beim Zusammenleben teils grundverschiedener Personen nicht alles drunter und drüber geht, braucht es auch eine Art Staatsordnung, die das Ausbrechen von Chaos auf der Makroebene verhindert. International existiert der Begriff "Ordnungsmacht".
In einem der beliebtesten deutschen Weihnachtslieder wird die Beständigkeit des Tannenbaums besungen. Sie gebe Mut und Kraft zu jeder Zeit. In den ersten Lebensjahren möglichst kein Wechsel der Bezugspersonen - so lautete eine Forderung der Grünen in ihrem ersten Bundesprogramm 1980.
Gewohnheiten und Rituale - sozusagen das Gegenteil von "Ordnungswidrigkeiten" - sorgen dafür, dass unser Gehirn Opioide ausschüttet, Botenstoffe, die uns ein gutes Gefühl verschaffen. Unsere Neigung zu Rhythmisierungen, zur Selbstähnlichkeit, verdeutlicht ein Satz in einem Zeitungsartikel über eine bekannte Schriftstellerin: "Das Schöne bei Donna Leon ist, dass man sich in ihren Romanen gleich zu Hause fühlt!" Auch Menschen, die im beruflichen Kontext der Erstmaligkeit gegenüber der Bestätigung eindeutig Vorrang einräumen und deren Kreativität "Schema F" verbietet, brauchen als Privatpersonen ein gewisses Maß an Kontinuität, wie eine Kulturredakteurin in dem von ihr verfassten Reiseführer offenbart: "Unser Ankommen auf Bali verläuft seit Jahren gleich." Unser Hang zum Organisierten spiegelt sich auch in der höchst beliebten Nutzung von Alliterationen wider.
Alles, was als Disposition oder Antrieb unser soziales Verhalten mitbestimmt, hat sich in einer Zeit entwickelt, in der wir als Jäger und Sammler in Kleingesellschaften lebten, in denen jeder jeden kannte. Daran erinnert der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Diese Zeitspanne umfasst 98 % der menschlichen Geschichte. Die derzeitige Metamorphose erfolgt etwas abrupt und hat eine veritable Sinn-Krise zur Folge. Um es mit einem Begriff aus dem Sport zu formulieren: Die Bürger in den digitalisierten und kapitalistischen Demokratien überpacen diesbezüglich. Das soziale Navi spielt verrückt. Wenn die Haltbarkeit der außersprachlichen Wirklichkeit stetig abnimmt, nimmt das Verlangen nach Kontrapunkten im Alltag zu.
Das vergiftete (man könnte auch sagen, das pervertierte) Zauberwort lautet Flexibilisierung: Weil der Zuschauer nicht mehr vom Sendetermin im Fernsehprogramm abhängig ist, gilt er als zeitsouverän. Weil Firmen die Zahl der Leiharbeiter und Beschäftigten mit Werkvertrag erhöhen, fühlen sie sich konkurrenzfähiger. Weil Frau mit 30 noch nicht den richtigen Partner gefunden hat und außerdem vorerst Vollzeit arbeiten will, greift sie zum "social freezing": Eizellen werden eingefroren - die Gebärmutter ist auch noch mit 50 einsatzbereit. Eine Formulierung wie "Das gehört sich nicht!" lebt heute sprachlich unterhalb des Existenzminimums.
"Wir üben Normalität", sagte eine Frau, die aus ihrem Haus eine Unterkunft für straffällig gewordene Jugendliche gemacht hat. Nur, wie soll das möglich sein, wenn dem Bezeichnenden das Bezeichnete abhandenkommt? Der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer und seine Mitarbeiter an der Universität Bielefeld haben während des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts regelmäßig "Deutsche Zustände" erforscht. Resümierend sprechen die Wissenschaftler auch vom "entsicherten Jahrzehnt". 2010 stimmten 62 % der Befragten der Aussage zu, heute sei alles derart in Unordnung, dass niemand mehr wisse, wo er eigentlich steht. Wir neigen zur Dichotomie, bekommen aber ständig erzählt, mittlerweile von Multipolarität umgeben zu sein. Das daraus resultierende psychische Dilemma kann sich jeder ausmalen.
Dadaistisch veranlagte Kreative wie der viel zu früh verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief diagnostizieren zwar eine zu seltene Störung des Gewohnten, doch insgesamt muss man konstatieren, dass das Gefühl der Irritation stärker ist als das der Integration, was nicht nur am System liegt, sondern auch an jedem einzelnen. Vorläufigkeit ist Trumpf, Verbindlichkeit unzeitgemäß. Man denkt ständig darüber nach, was sein könnte, statt zu genießen, was ist ("I can't get no satisfaction"). Die dargestellte Traumwelt in US-amerikanischen Serien zum Beispiel sorgt für reale Unzufriedenheit bei den "normalen" Frauen vor dem Bildschirm. Das Internet dynamisiert dieses Mehrhabenwollen, einen Antrieb, den schon der griechische Denker Aristoteles vor bald zweieinhalb Tausend Jahren verurteilte und als "Pleonexia" bezeichnete. Die Überschaubarkeit des eigenen Alltags als Fülle wahrzunehmen, ist in Zeiten unüberschaubarer Wahlfreiheit Glück. Permanent mit allem konfrontiert zu werden, was man auf diesem Planeten machen kann, führt hingegen zu dem Gefühl, mit dem eigenen Erleben nicht hinterher zu kommen. Ein Effekt kann das sein, was der französische Komiker Louis de Funès in einem Film "Hirnsausen" nannte. Die Menschen denken auch mehr denn je, etwas zu besitzen bzw. zu verwenden, das nicht mehr modern ist. Die so genannte "psychologische Obsoleszenz" führt zum unnötigen Kauf des neuesten Modells. Und wenn es den Kunden nicht "in den Fingern juckt", dann sorgen die Unternehmen dafür, dass sie sich ein neues Produkt anschaffen müssen: Freunde wurden von einem traditionsreichen Fernseh-Hersteller genötigt, ihr 1300 Euro teures Gerät nach sechs Jahren komplett zu ersetzen, weil die defekte Platine schlicht nicht mehr produziert wurde.
Eines der Modeworte lautet "Nachhaltigkeit". Der Begriff, der eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale Komponente hat und sich bei uns untypischerweise gegen sein englisches Pendant "Sustainability Management" durchgesetzt hat, ist schon lange nicht mehr grün. Kein Unternehmens-Flyer und keine Politiker-Rede kommen ohne aus. Gleichzeitig wird aber EFFIZIENZ immer größer geschrieben. Das aus diesem Ökonomismus resultierende Handlungs-Paradigma heißt "Schnelligkeit vor Gründlichkeit". Und das wiederum ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Ein Land, dem die Geduld abhandenkommt, verliert seine Substanz. Der größte Feind der Qualität sei die Eile, meinte Arbeitgeber-Ikone Henry...




