E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Busch Enemy or Lover
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96089-036-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96089-036-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der ständig krank ist und dem aus genau diesem Grund gekündigt wird? Wie muss man sich fühlen, wenn man an die Wohnung gefesselt ist und seine letzten sozialen Kontakte verliert? Ohne seinen Lebensgefährten Roman hätte Marten längst das Handtuch geschmissen und aufgegeben, denn die Ärzte finden für seine Erkrankungen keine Ursachen. Eine Besserung der Lage ist daher nicht in Sicht. Aber Liebe heilt ja bekanntlich alle Wunden ...
Autoren/Hrsg.
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2. Kapitel: Sixty-Nine
Wer kennt nicht den Song „Summer of ’69“ des Rocksängers Bryan Adams? Der Ich-Erzähler dieses Textes behauptet, dass es der beste Sommers seines Lebens gewesen sei. Hätte er die Möglichkeit, würde er ohne Wenn und Aber sofort in dieses Jahr zurückkehren. Tatsächlich klingt das Lied, als würde man an den Erinnerungen des Sängers teilhaben, dabei war Bryan Adams 1969 erst neun Jahre alt. Wie er in einem Interview zum Besten gibt, bezieht sich der Song auf eine sexuelle Stellung. Da bekommen die Zeilen „Man we were killin’ time, we were young and restless“ eine ganz neue Bedeutung.
Neunundsechzig: kopfüber Spaß.
Roman ist zur Nachtschicht aufgebrochen, nicht ohne mich mit zahlreichen Ermahnungen einzudecken. Ich habe folgsam genickt und bin sogar gewillt, auf ihn zu hören. Selbstverständlich soll mich der Clubbesuch nicht umwerfen. Ich würde nämlich zukünftig gerne wieder öfter dorthin gehen. Ehrlich gesagt bin ich furchtbar aufgeregt, freue mich gewaltig auf die Musik und das Tanzen. Prüfend mustere ich mich im Spiegel. Die Jeans sitzt ein wenig locker auf den Hüften, obwohl sie eine der Neueren ist. Ich habe in den letzten Monaten bestimmt sechs Kilo abgenommen. Bislang ist der Gewichtsverlust nicht dramatisch und wenn ich jetzt vielleicht häufiger ein Stück Kuchen essen kann, bestimmt bald ausgeglichen. Zu der schwarzen Jeans trage ich ein enganliegendes anthrazitfarbenes Longsleeve aus einem Metallicgarn, das dezent schimmert. Die kastanienbraunen Haare sind anständig zerwuschelt. Ich bin zu blass, wie mir ein kritischer Blick verrät, obwohl ich deutlich erholter als vor einer Woche wirke. Ein Uhrencheck zeigt mir, dass das Taxi, auf das Roman bestanden hat, gleich da sein wird. Ich ziehe also die Allwetterjacke über, schlinge den Schal um meinen Hals, stecke Portemonnaie und Handy ein und greife nach den Schlüsseln. Ich bin ganz zappelig und voller Vorfreude, als ich die Wohnung verlasse.
Die Taxifahrt währt lediglich ein paar Minuten, in denen ich an Roman denke und mich frage, was er wohl gerade macht. Seine Patienten werden sicherlich bald schlafen, obwohl einer garantiert immer quengelt.
Aus dem Autoradio plärrt Werbung, der Fahrer hält sich verkrampft am Lenkrad fest. Wo gehen eigentlich die Taxifahrer hin, wenn sie zwischendurch pinkeln müssen? Das interessiert mich ungemein, allerdings traue ich mich nicht, zu fragen. Könnte ja sein, dass der Fahrer mich für bekloppt hält.
Wir halten vor dem Sixty-Nine, ich zahle, steige aus und reihe mich in die Schlange vor dem Club ein. Meine Vorfreude steigt, je weiter ich vorrücke. Vor mir knutscht ein Pärchen, hinter mir unterhalten sich drei Typen lautstark miteinander. Der Türsteher ist noch derselbe wie vor Monaten. Ich erinnere mich, dass er mich zu diesem Zeitpunkt angegraben hat. Er erkennt mich und lächelt mir zu. „Hey, lange nicht gesehen. Schön, dass du mal wieder da bist.“
„Danke. Ich freue mich auch.“ Und bewundere sein Gedächtnis für Gesichter. Schließlich bin ich ja nicht der einzige Feiersüchtige, den es ins Sixty-Nine zieht, und garantiert nicht der einzige, dem er in seinem Leben ein Abenteuer angeboten hat.
Nachdem ich die Jacke an der Garderobe abgegeben habe, stürze ich mich ins Gewühl. Obwohl es recht früh ist, ist das Sixty-Nine gerammelt voll. Ich halte mich gar nicht erst lange irgendwo auf, sondern begebe mich gleich zur Tanzfläche. Zu den Technobeats beginne ich zwischen schwitzenden Leibern zu tanzen. Zunächst sind meine Muskeln ziemlich steif und ich komme mir wie ein Roboter vor. Doch nach einigen Minuten werden meine Bewegungen rhythmischer und geschmeidiger. Ich schalte total ab, spüre die Bässe in den Knochen vibrieren und werde Teil der wogenden Masse. Schon bald zerre ich mir das Shirt vom Leib, stopfe es in den hinteren Hosenbund und tanze mit nacktem Oberkörper weiter. Die Beats wirken wie eine Droge auf mich. Sie befreien, machen mich leicht und lösen Glückshormone aus, die mich regelrecht fluten. Ein großartiges Feeling. Ich werde angetanzt. Fremde Hände berühren meinen Körper. Unterleiber reiben sich an meinem Hintern. Ein kurzes Kopfschütteln meinerseits zerschmettert Hoffnungen.
Ich tanze! Lebe! Lache!
Zwischendurch lege ich Pausen ein, um mir Mineralwasser zu holen und zu verschnaufen. Lange dauern die Ruhezeiten nicht an, es zieht mich wie magnetisch auf die Tanzfläche.
Finger umfassen meine Hüfte. Fordernd graben sie sich in den Stoff der Jeans und drehen mich zu einem Mann herum. Meine abwehrende Geste bleibt im Ansatz stecken, weil mich der Traummann, der da vor mir steht, schlichtweg sprachlos macht. Die dunklen Haare hat der Fremde nach hinten gekämmt. Aus der strengen Frisur haben sich zwei vorwitzige Strähnen gelöst und hängen ihm frech in den Augen. Die Wimpern sind lang, der Mund energisch und schmal. Ein attraktiver Drei-Tage-Bart liegt wie ein dunkler Schatten auf seinem Gesicht. Ein Helixpiercing schmückt sein rechtes Ohr, der silberne Ring blitzt gelegentlich auf. Endlich gelingt es mir, ihm zu signalisieren, dass ich nicht angemacht werden will. Er lächelt verschmitzt, seine Hände trennen sich von meiner Hüfte, trotzdem tanzt er mit mir weiter. Wieso? Glaubt er, mich mit Hartnäckigkeit herumzukriegen?
Ich beuge mich vor und rufe über den Lärm hinweg: „Ich bin in einer Beziehung.“
Er zuckt mit den Schultern – und bleibt.
Nervös lecke ich mir über die Lippen, wobei ich ihn verstohlen mustere. Eine schwarze Lederhose sitzt wie eine zweite Haut an ihm. Sein Bauch ist flach, Muskelgruppen sind deutlich erkennbar. Die Brust ist genauso trainiert wie der Rest. Dunkle Härchen bedecken sie und wandern in einer dünnen Linie in Richtung Schritt. Sein weißes Shirt hängt ihm um den Hals. Ein weiteres Piercing ziert seine rechte Brustwarze. Sieht heiß aus, wäre für mich allerdings nichts. Ich bin nicht der Typ dafür, sich Löcher in den Körper stanzen zu lassen. Als ich den Kopf hebe, bemerke ich seine belustigte Miene.
Toll, Marten, da hast du mehr als deutlich gezeigt, dass du ihn scannst.
Er deutet pantomimisch an, etwas mit mir trinken zu wollen. Hat er es denn nicht begriffen?
„Ich bin vergeben!“
„Hab ich bereits beim ersten Mal kapiert“, ruft er zurück. „Deine Beziehungskiste erlaubt dir hoffentlich, Flüssigkeit aufzunehmen?“
Jaja, spotte ruhig, denke ich mir beleidigt, weil ich mir nun wie ein Trottel vorkomme. Der Kerl wartet gar nicht erst auf eine Antwort, sondern nimmt mich an die Hand und zieht mich quer durch die Menge in Richtung Garderobe. Ich muss mit, wenn ich keine Szene machen will.
„He!“, protestiere ich daher geistreich.
„In diesem Laden kann man sich nicht unterhalten“, erklärt er. „Ich lade dich auf ein Bier ein.“
„Hast du vielleicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ich gar nicht will?“, frage ich leicht angesäuert, als er dem Personal seine Garderobenmarke reicht.
Abschätzend werde ich gemustert. Dann zuckt der Fremde erneut mit den Schultern. „Hast du Schiss, dass ich dir an die Wäsche gehe?“ Er streift sich sein Shirt über und schlüpft in die angereichte Lederjacke. Mit hochgezogener Braue werde ich von dem Garderoben-Typen angesehen. Jacke oder nicht, drückt seine Mimik aus. Ich reagiere nicht gleich, sondern überlege. Roman hat mir geraten, es mit dem Tanzen nicht zu übertreiben. Ich sollte es wohl wirklich für heute genug sein lassen, bevor ich kollabiere. Der Lederkerl macht mich zudem neugierig. Was kann es schaden, auf ein Getränk mitzugehen? Ich kann mich ja jederzeit abseilen und nach Hause fahren.
„Und? Wo ist dein Freund?“
„Hat Nachtschicht“, murmle ich.
„Willst du ihn anrufen und fragen, ob du mit mir gehen darfst?“
Ist das wirklich sein Ernst? Nein, natürlich nicht. Er macht sich eindeutig über mich lustig.
„Arsch!“ Ich fahre herum und will in den Club zurück, werde aber an der Schulter aufgehalten.
„Sorry, ich bin echt ein Arsch. Ich will wirklich bloß ein bisschen mit dir quatschen.“
Mit einer Entschuldigung habe ich nicht gerechnet, sie bringt mich völlig aus dem Konzept. Die Tanzfläche lockt, dagegen habe ich Romans mahnend erhobenen Finger vor Augen. Und mein Liebster hat recht. Genug für heute. Ich greife seufzend in die Hosentasche und hole die Marke hervor, um meine Jacke auszulösen. Danach ziehe ich das Shirt an, da mir endlich bewusst wird, dass es hier im Vorraum zum Club deutlich kühler als drinnen ist. Ich bekomme die Jacke ausgehändigt, wickle mir schnell den Schal um den Hals und folge dem Fremden ins Freie. Unwillkürlich kuschle ich mich fröstelnd in die Jacke und stopfe die Hände in die Taschen. Die Nächte sind nach wie vor empfindlich kalt.
„Bist du okay?“ Mein Begleiter ist sehr aufmerksam.
„Ich war lange krank und bin deswegen ein bisschen dünnhäutig.“
„Daher die Schatten unter deinen Augen.“
Ach? Die hat er wahrgenommen?
„Schlimm?“, will ich wissen.
Er schüttelt den Kopf, holt eine Schachtel Zigaretten hervor und zündet sich eine an, nachdem er mir höflich eine angeboten hat.
„Gar nicht“, antwortet er ein wenig verspätet. „In dem Licht bei der Garderobe merkt man es, wenn man dich genauer betrachtet. Was hattest du?“
„Alles und nichts. Die Ärzte haben keine Ursache gefunden.Trotzdem waren das Klo und ich ziemlich gute Freunde.“
Mein Begleiter lacht. Nicht hämisch, sondern eher...




