E-Book, Deutsch, 424 Seiten
Busch Fatburner
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96089-485-8
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 424 Seiten
ISBN: 978-3-96089-485-8
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Till ist Trainer in der Fitness-Scheune auf Wangerooge und hält sich für die Perfektion in Person. Daher ist er wenig begeistert, als er auf die Fatburner-Farm versetzt wird, um die dortige Kundschaft zu trainieren. Und als würde ihm diese Zumutung nicht ausreichen, verkompliziert ihm sein langjähriger Freund Marco das Leben noch mehr.
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Kapitel 1
MONTAG
Till lehnte an einem Baum, während er indigniert und ein wenig fassungslos beobachtete, wie die Kunden schnaufend die Auffahrt zur Fatburner-Farm entlangkrauchten. Walzten, musste man bei dem Anblick eigentlich sagen. Lauter rot angelaufene Gesichter mit Schwabbelbacken, über die der Schweiß in Strömen floss. Der Elektrokarren mit dem Gepäck der Neuankömmlinge war bereits vor einer halben Stunde eingetroffen. Sowohl er als auch Andrej hatten die zweifelhafte Ehre gehabt, die Gepäckstücke auf die Zimmer zu schleppen, damit sich die Gäste nicht gleich bei der Ankunft verausgabten.
Finster verfolgte Till, wie die fettleibigen Möchtegern-Fitness-Cracks das Foyer des lang gestreckten Bauwerks betraten, in dem sich Empfang, Aufenthaltsräume mit Personalumkleide, Küche, Speisesaal und Unterkünfte befanden. In einem zweiten Gebäude lag das Sportstudio, außerdem gab es verschiedene Outdoor-Trainingsplätze. Mittig gelegen präsentierte sich der Pool mit Liegestühlen und einer Wiese, auf der man Yogastunden und Ähnliches abhalten konnte. Die Häuser waren hell und freundlich in Pastelltönen und mit viel Glas eingerichtet worden. Schwitzen und Stöhnen in gemütlicher Atmosphäre lautete die Devise.
Mit einem Seufzen folgte Till den Gästen. Bei der Begrüßung und Gruppeneinteilung bestand für ihn Anwesenheitspflicht.
Hinter der Rezeption saß Carina, die ihr pflichtbewusstes Lächeln eingeschaltet hatte und Personalausweise gegen Schlüsselkarten tauschte, bis sie allen fünfzehn Neuankömmlingen ein Zimmer zugewiesen hatte. Ihre Haare trug sie zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden, was das scharfkantige Gesicht betonte. Sie konnte kaum verbergen, dass sie einst magersüchtig gewesen war. Damit stand sie in fiesem Kontrast zu den Gästen.
Till schlängelte sich an den Neuzugängen vorbei, die inzwischen frisch gepressten Orangensaft zur Begrüßung erhielten, und reihte sich neben Andrej und Clarissa ein, die hinter ihrer Chefin Nina Aufstellung genommen hatten. Die Gesichter der Kunden wandten sich ihm interessiert zu. Das war ihm nicht neu, immerhin war er bis vor Kurzem Ninas Aushängeschild in der Fitness-Scheune. Dann hatte er mit Karl, dem Geschäftsführer, Krach bekommen und war zu den Fatburnern zwangsversetzt worden. Okay, eine Schlägerei vor Kundschaft anzuzetteln, war tatsächlich wenig geschäftsfördernd. Er sah es ja ein. Trotzdem wusste er um seinen Sexappeal. Die nussbraune Prinz Eisenherz-Frisur mit langem Pony, die seine Mutter unmöglich gefunden hatte, wurde seit Neuestem durch einen französischen Zopf am Oberkopf und restlichem Millimeterschnitt ersetzt. Das fand seine Mom genauso unmöglich, aber frisurentechnisch hatte er es ihr nie recht machen können. Die Kunden in der Fitness-Scheune applaudierten seiner Haartracht und Marco, seine Vögel- und Wichsliebschaft, fand sie richtig cool. Ihm selbst gefiel es und darauf kam es an. Zusammen mit der athletischen Figur, dem Waschbrettbauch und den leuchtend grünen Augen hatte es zumindest gereicht, dass er im letzten Jahr sogar ein Modelangebot erhielt: Fotos für einen Unterwäschekatalog. Till hatte abgelehnt, da er die Insel nicht verlassen wollte. Na ja, hauptsächlich, weil er Samson nicht missen wollte.
Inzwischen erging sich Nina in einer langatmigen Begrüßung. Wortfetzen wie Körperbalance, Ziele setzen, Selbstbeherrschung und Selbstdarstellung erreichten seine Ohren. Der Rest ging im langweiligen Blablablablubb unter. Er starrte die Gäste mindestens so unverhohlen an wie diese ihn und fragte sich, welche Nilpferde aus dieser Gruppe er zugeteilt bekam.
Boah!
Höchststrafe!
Am liebsten wäre er schreiend weggerannt. Vielleicht würde sich Nina erweichen lassen, wenn er ihr hoch und heilig versprach, Karl zukünftig aus dem Weg zu gehen und ganz brav zu sein. Till seufzte. Nein, sie würde nicht nachgeben. Seine Chefin besaß ein Rückgrat aus Eisen und ihr Dickschädel war ähnlich gepanzert. Genauso gut hätte er auf eine Nordseekrabbe einreden können.
„Und nun teile ich euch in Fünfergruppen ein“, sagte Nina, kurz bevor er im Stehen wegdöste. „Wir haben die Tomaten unter der Führung von Andrej sowie die Smileys unter der Anleitung von Clarissa. Und die … Schlümpfe unter unserem Coach Till.“
Die Trainer hatten sich die Bezeichnungen für ihre Teams selbst aussuchen dürfen. Was Nina von Schlümpfen hielt, war ihr vom Gesicht abzulesen.
„Blaubeeren wäre nett“, hatte sie gesagt. „Oder Kornblumen.“
Nix da! Seine Meinung stand fest. Schlümpfe. Basta!
Die Bekanntmachung von Andrejs und Clarissas Gruppenmitgliedern rauschte an ihm vorbei. Als die restlichen fünf vorgestellt wurden, zwang er sich allerdings zum Zuhören, schließlich wollten die Gäste mit Namen und nicht mit einem Yippie-ya-yaeh, Schweinebacke angesprochen werden.
Greta hatte wässrige blaue Augen und das blonde Haar zu zwei kindlichen Zöpfen geflochten, die sie wie Pippi Langstrumpf aussehen ließ. Sie galt als erwerbsunfähig und brachte mit Abstand das meiste Gewicht von allen auf die Waage.
Benjamin war goldblond, das Haar einigermaßen modisch frisiert. Auch er hatte blaue Augen, im Gegensatz zu Greta aber königsblau. Er trug einen kurz getrimmten Vollbart, der ihm überraschend gut stand.
Antonia war Hausfrau und zweifache Mutter. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt, was ihr Gesicht noch runder erscheinen ließ. Sie strahlte wie eine Christbaumbeleuchtung und gehörte garantiert zur Ich-hab-alles-im-Griff-Fraktion.
Dunja wirkte dagegen eher depressiv. Sie trug einen mausbraunen Bob und eine knallrote Brille. Von Beruf war sie Bäckereifachverkäuferin.
Hermes war der letzte Kerl in der Runde und gebürtiger Grieche. Seinen Eltern gehörte ein Restaurant, in dem er als Kellner und Küchenhilfe arbeitete. Mit einundvierzig Jahren war er der Älteste aus Tills Gruppe und stach durch eine Glatze hervor.
Seine Schlümpfe bekamen von Nina blaue T-Shirts überreicht, auf denen der goldene Schriftzug Fatburner stand. Weitere Shirts zum Wechseln lagen auf den Zimmern bereit. Ebenso wie die Regeln für den Aufenthalt auf der Fatburner-Farm. Kein Rauchen, kein Alkohol, das Tragen der zugeteilten Gruppen-Shirts um den Gemeinschaftssinn zu fördern, die tägliche ärztliche Betreuung, Essens- und Trainingszeiten, der Gebrauch von Waschmaschinen und Trocknern und so weiter und so fort. Till hatte erneut abgeschaltet. Ein Zuwiderhandeln konnte je nach Schwere des Vergehens zu einem Abbruch des Fatburner-Trainings führen, was nichts anderes als einen Rauswurf darstellte.
Nachdem es keine Fragen gab und der Orangensaft geschlürft war, durften sich die Neuankömmlinge in ihren Räumlichkeiten frisch machen, sich einrichten, den ersten Check des Arztes über sich ergehen lassen und eine Runde durch den Ort drehen. Morgen würden sich die Gruppen zu ihrer ersten Trainingseinheit treffen, seine Schlümpfe im Fitness-Raum.
„Till? Kann ich dich kurz sprechen?“ Nina deutete ihm mit einem Winken an, ihr in eine ruhige Ecke zu folgen.
„Könntest du bitte ein anderes Gesicht machen?“, zischte sie leise.
„Was denn?“
„Du ziehst eine Fresse wie eine Miesmuschel. Du sollst präsentieren und zeigen, wie spaßig es bei uns ist.“
„Spätestens, wenn die merken, was es zu futtern gibt, wissen die Bescheid“, murrte Till.
Nina verpasste ihm einen Rippenstoß. „Streng dich an. Ich habe kein Problem damit, dich ganz aus der Firma rauszukicken. Dann kannst du auf dem Hof deiner Eltern die Ponys für die kleinen Mädchen führen.“
Tills Eltern besaßen den Reitstall der Insel. Sie boten Unterricht auf dem Platz sowie für Fortgeschrittene Geländerunden an. Alles ohne Sattel auf Haflingern, Norwegern oder den beiden Schwarzwälder Kaltblütern. Der Hof florierte, die Reitstunden waren an die Touristen angepasst und erstklassig. Die Konkurrenz bildete Tills Onkel Arne, der auf seinem Pferdehof Kutschfahrten auf der Insel und ins Watt anbot.
„Hey, bislang war jeder mit meinem Personal-Training zufrieden. Oder hast du jemals Beschwerden von Kunden erhalten?“, protestierte er.
„Nein.“ Nina fixierte ihn streng. „Und das darf gerne so bleiben.“
„Kannst du nicht wenigstens diese Greta aus meiner Gruppe nehmen? Die …“
„NEIN!“
Er verdrehte die Augen.
„Ich habe euch die Gäste anhand ihrer Auskunftsbögen zugeteilt. Meiner Meinung nach ist Greta bei dir am besten aufgehoben.“
„Für mich ist es fraglich, ob das jetzt ein Kompliment sein soll.“
Seine Chefin seufzte. „Wenn es um Samson geht, kannst du unglaublich sensibel sein. Probier dieses Verhalten ruhig bei deinen Kunden aus.“
Was war das bloß für ein Vergleich? Till liebte Samson von ganzem Herzen.
„Der hat mit dieser Truppe nichts gemein. Also erwähne ihn nicht wieder im Zusammenhang mit diesen … diesen …“
„Ja?“ Lauernd schaute ihn Nina an.
Mit einem genervten Schnauben gab Till sich geschlagen. „Du wirst keine Klagen hören.“
„Schön.“ Sie tätschelte ihm die Wange. „Du hast mittlerweile zwei Abmahnungen …“
„Wegen Karl, diesem Idioten.“
„Zufällig bin ich mit dem Idioten verheiratet.“
„Was dich parteiisch macht.“
„Meine Ehe mit Karl ist der Grund dafür, dass ich dir nicht sofort fristlos gekündigt habe.“ Ratlos schüttelte Nina den Kopf. „Ich verstehe nicht, weshalb du mit Karl nicht auskommst.“
„Er kommt mit mir nicht...




