E-Book, Deutsch, 596 Seiten
Busch Herzschmerz mit Betonschuhen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96089-461-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 596 Seiten
ISBN: 978-3-96089-461-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nics Leben ist voller Probleme. Und es wird nicht besser, als er für das Start-up-Unternehmen Herzschmerz an einer Tür klingelt, um dem dortigen Bewohner im Auftrag seines Kunden das Beziehungs-Aus mitzuteilen. Denn ausgerechnet ein Mitglied der Hamburger Mafia öffnet ihm die Tür.
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Kapitel 1
NICOLAS
Die Adresse war recht beeindruckend: Hamburg Harburg, Schlossinsel-Marina, An der Horeburg. Nun stand er vor dem Gebäude, das als Pearl bekannt und einst ein Silo gewesen war. Heute befanden sich hinter der geschlämmten Klinkerfassade exklusive Eigentumswohnungen mit Aussicht auf den Fluss. Es gab sogar eine hauseigene Steganlage zum Überwinterungshafen an der Süderelbe. Nicolas warf einen Blick auf den Zettel, wo er die Anschrift notiert hatte. Doch, er war hier richtig. Dabei war es kaum zu glauben, dass sein Auftrag ihn in einen dermaßen noblen Bezirk führte, in dem er sich völlig deplatziert vorkam. Bestimmt würde er es mit einem Mittvierziger zu tun bekommen. Einem Herrn mit dezenter Brille, Anzug und schütter werdendem Haar, an dessen Handgelenk eine goldene Rolex glänzte.
Leise bewegte er sich auf den Eingang zu, als könnten laute Schritte den Mitarbeiter einer Securityfirma herbeibeamen, der ihn am Kragen packen und ins Hafenbecken befördern würde, wo kleine Fische, wie er einer war, besser aufgehoben waren. Über sich selbst verwundert, schüttelte Nicolas den Kopf. Das fehlte noch, dass er sich von einem Gebäude einschüchtern ließ. Womöglich lag seine merkwürdige Gemütsverfassung am derzeitigen Schlafmangel. Er sollte sich lieber zusammenreißen und seinen Job erledigen, anstatt dem Pearl Löcher in die Fassade zu starren.
Er hatte Glück, denn ein Hausbewohner trat gerade ins Freie, sodass er in das Treppenhaus schlüpfen konnte, bevor die Tür ins Schloss fiel. Natürlich war das Pearl mit einem Fahrstuhl ausgestattet. Der war hell erleuchtet und roch auch nicht nach Pipi, altem Schweiß oder nassem Hund, wie er es bereits in etlichen anderen Aufzügen erlebt hatte. Ohne jegliches Gerüttel fuhr Nicolas in die siebte Etage und suchte kurz, bis er die richtige Wohnung gefunden hatte. Tief atmete er ein und schob seine Umhängetasche aus khakifarbenem Canvas zurecht, bevor er klingelte. An einem Samstagvormittag hoffte er auf gute Chancen, seinen Kunden anzutreffen. Und wirklich dauerte es nicht lange, bis er Schritte hörte, die sich näherten. Gleich darauf wurde die Tür von einer wahren Traumgestalt geöffnet. Der Mann war etwas älter als er selbst mit seinen dreiundzwanzig Jahren. Seine Füße und der Oberkörper mit den definierten Bauchmuskeln waren unbekleidet. Eine blaue Sporthose schmiegte sich regelrecht zärtlich um Hüften und Beine und wirkte edler als Nicolas‘ Jeans. Ein grünes Handtuch hing dem Fremden um den Hals. Seine dunklen Haare waren nass. Wahrscheinlich hatte er eben erst unter der Dusche gestanden. Das Gesicht war markant mit schmalen Lippen, einem leichten Höcker auf der Nase und einer kleinen, kaum sichtbaren Narbe auf der Stirn, die im Haaransatz verschwand.
Donnerwetter!
Der Kerl war hot und hatte definitiv nichts mit dem über Vierzigjährigen gemein, den er sich in seiner Fantasie ausgemalt hatte. Allerdings musste er sich in der Etage geirrt haben, weil ein dermaßen heißer Typ unmöglich sein Auftrag sein konnte. Sicherheitshalber überprüfte Nicolas das Klingelschild: K. Adler. Kein Zweifel, er war hier richtig. Erneut musterte er sprachlos sein Gegenüber.
Boah!
Mit dem machte jemand Schluss? Diejenige konnte echt nicht fit im Kopf sein.
„Ja?“ Der Traummann lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen und schaute ihn fragend an.
„Äh … Hallo.“ Nicolas räusperte sich. Nach wie vor war er fassungslos. „Herr Adler?“
„Ja, richtig. Kilian Adler. Und mit wem habe ich es zu tun?“ Die Stimme war wie Schokolade. Fest und glatt und voller Schmelz.
„Ich bin Nic von Herzschmerz.“
„Herzschmerz?“ Es folgte ein amüsiertes Schmunzeln.
„Ähem ... Genau. Ich habe eine Nachricht für Sie.“ Hastig faltete er das Blatt auseinander und drehte es richtig herum, um den Text lesen zu können. Die Botschaft war nicht gerade liebevoll, daher wich er sicherheitshalber einen Schritt zurück. Der Adler … Kilian … wirkte zwar nicht gewalttätig, trotzdem hatte er eine sportliche Figur und wer wusste schon, wie er sich bei einer Abfuhr verhielt. Besonders attraktive Leute reagierten mitunter geradezu hysterisch, wenn sie sich in ihrer Persönlichkeit angegriffen fühlten.
„Okay, schieß los.“
„Ja … Na klar. Mache ich.“ Er musste sich aufs Neue räuspern, bevor er vorlas: „Du bist das Allerletzte und ich hab von dir die Schnauze gestrichen voll. Verpiss dich aus meinem Leben. Deine Chris.“
Das war die ganze Botschaft. Und das Ende einer Liebschaft.
„Dein Chris“, korrigierte sein Auftrag recht gelassen.
„Wie … Wie bitte?“, stotterte Nicolas irritiert.
„Dein Chris. Die Abkürzung von Christian.“
Christian? Nicolas studierte seinen Zettel. Tatsächlich. Da stand Dein. Die Nachricht kam von einem Mann. Das konnte lediglich bedeuten, dass der Adler schwul war. Oder bi. Unwillkürlich sah er auf und direkt in die kühlen, braunen Augen seines Gegenübers. Prompt musste er schlucken.
Kilian musterte ihn belustigt. „Hast du ein Problem mit Homos?“
„Nö. Gar nicht.“ Er konnte ja unmöglich sein eigenes Problem sein, oder?
„Heißt das, dass Chris mit mir Schluss macht?“, erkundigte sich sein Gegenüber.
„Ja, genau. Verpiss dich ist ein ziemlich deutlicher Hinweis, oder?“
Kilian grinste. „Stimmt. Warum sagt er mir das nicht selbst?“
Nicolas zuckte mit den Schultern. „Unsere Kunden scheuen sich, persönlich Schluss zu machen. Dafür gibt es Herzschmerz. Wir übernehmen das stellvertretend.“
„Ich glaube eher, Chris hat einfach nur keine Lust auf eine Auseinandersetzung.“
„Oder das.“ Es war überraschend, wie viele keinen Bock hatten, selbst eine Beziehung zu beenden. Ihm konnte das egal sein. Seine Freundin Wolkje und er verdienten jedenfalls daran und aus ihrer anfänglichen Idee, an ein wenig Geld zu kommen, war ein netter Nebenjob geworden.
„Gibt man jetzt ein Trinkgeld?“, erkundigte sich Kilian. Er wirkte ziemlich ungerührt, dafür, dass er plötzlich ein Ex war.
„In der Regel nicht.“ Nicolas wandte sich zum Gehen, zögerte und sagte dann: „Es tut mir leid, dass es mit Chris nicht geklappt hat.“
Die Antwort bestand in einem gleichmütigen Schulterzucken. „Ich wusste nicht mal, dass wir eine Beziehung geführt haben. Daher danke ich für die aufschlussreiche Information.“
„Gern geschehen. Also … äh … Schönen Tag noch.“
„Dito.“
Die Tür schloss sich und Nicolas blieb nichts anderes übrig, als nach seinem peinlichen Herumgestottere das Haus zu verlassen. Draußen starrte er erneut am Gebäude empor. Die Fenster waren groß und vor den Loggien befanden sich gläserne Geländer, sodass die Räume garantiert sehr hell und luftig ausfielen und eine sensationelle Aussicht boten. Das war bestimmt schön. Wenn er hier wohnen könnte, würde er den lieben langen Tag auf der Loggia sitzen und das Panorama genießen. Er schnaufte belustigt. Eine Wohnung im Pearl war garantiert schweineteuer, selbst wenn man sie lediglich mietete. Unerschwinglich für ihn. Das bedeutete, dass dieser Kilian über ausreichend Kohle verfügen musste. Jemand, der wohlhabend und attraktiv war, hatte sicherlich zehn Kerle an jedem Finger. Kein Wunder, dass es den Typen kalt ließ, wenn ein Chris ihn zum Teufel wünschte. Wahrscheinlich hatte er längst den nächsten am Start.
Ein wenig neidisch drehte sich Nicolas um und machte sich auf den Weg zur S-Bahn. Die würde er nach knapp 20 Minuten Fußmarsch erreichen. Google-Maps hatte ihm zwar verraten, dass er die gesamte Strecke mit dem Rad in nahezu dergleichen Zeit hätte zurücklegen können, aber er hatte nicht völlig durchgeschwitzt bei einer so vornehmen Adresse auftauchen wollen. Für die Anwohner der Schlossinsel-Marina gab es selbstverständlich eine Tiefgarage, in der sie ihre flotten Sportwagen parken konnten. Mit einem Auto konnte Nicolas ebenfalls nicht aufwarten. Den Führerschein hatte er zwar gemacht, als er volljährig wurde, ein eigenes Fahrzeug war finanziell jedoch nicht drin. Ohnehin mussten er und seine Mutter jeden Cent umdrehen. Vielleicht hätte er die Chance ergreifen, sich an den reichen Kilian heranmachen und ihn nach der überbrachten Abfuhr trösten sollen. Allein bei dem Gedanken konnte sich Nicolas ein amüsiertes Auflachen nicht verkneifen. Er war eine blasse Sprotte. Einen wie ihn wollte niemand als Anhängsel haben. Den Kopf in den Nacken gelegt, versuchte er die Wohnung von Kilian Adler auszumachen. Vielleicht stand der inzwischen an einem der Fenster, in der Hand einen Pott Kaffee und schaute voller Melancholie in die Ferne, weil er von dem undankbaren Chris verschmäht wurde.
„Nee, der wirkte nicht, als ob er sich aus seinem Ex etwas machen würde“, murmelte er und trat ein paar Schritte rückwärts, drehte sich um und …
„Vorsicht!“
Zu spät. Er prallte gegen einen Passanten, geriet ins Stolpern und hielt sich instinktiv an den Schultern des Fremden fest. Harte Finger gruben sich in seine Arme, bis er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Nicolas hob den Blick, um sich zu bedanken, und begegnete dunklen Augen, kalt und starr, wie die eines Hais.
„Ent… Entschuldigung“, stotterte er erschrocken.
Ein Mundwinkel seines Gegenübers zog sich kaum merklich in die Höhe. „Es ist ja nichts passiert.“
Gleich darauf wurde der Griff um Nicolas’ Arme sanfter, bevor er losgelassen wurde. Den Fremden umgab ein leichter Geruch nach Zigarren. Außerdem erinnerte ihn der Mann irgendwie an Lou Bega, da er einen cremefarbenen Hut und eine gleichfarbige Weste zu einem schwarzen Leinenhemd trug....




