E-Book, Deutsch, 348 Seiten
Busch Untier hat das letzte Wort
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945934-30-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 348 Seiten
ISBN: 978-3-945934-30-2
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was haben Björn und sein Untier gemeinsam? Sie wohnen in einer WG, sind beide vom Pech verfolgt und werden von unerwiderter Liebe geplagt. Das Chaos wird perfekt, als die Freundin von WG-Kumpel Mario einzieht. Können ein sorgenvoller Bruder, die Polizei und eine Motorradgang Björn aus den Fettnäpfchen retten, in denen er ständig landet? Und bekommt er seinen Nutella-Mann? Oder hat Untier wieder das letzte Wort?
Autoren/Hrsg.
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Woche 1
Mittwoch
Er kommt angesaust, zieht erst im letzten Moment die Bremse und lässt das Hinterrad geschickt einen Neunzig-Grad-Winkel in der Luft beschreiben, bevor er das Rad in den dafür gedachten Ständer schiebt und es mit einem Spiralkabelschloss sichert. Wie stets trägt er auch heute seine bunt geringelte Beanie, die bis kurz über seine haselnussbraunen Augen gezogen ist. Es ist diese faszinierende Farbe, die mich daran erinnert, dass ich ein neues Glas Nutella kaufen muss. Ansonsten wird mein Mitbewohner und bester Freund Mario eine mittelschwere Krise erleiden. Seit ich diesem absoluten Traummann über den Weg gelaufen bin, habe ich selbst ein Faible für den cremigen Brotaufstrich entwickelt. Okay, ich bin ihm nicht über den Weg gelaufen, sondern in den Weg. Was zur Folge hatte, dass ich Fünftausend-Heb-Auf spielen durfte, da sich die Kopien für Herrn Reichert, meinem Dozenten für Kunsttheorie, über den ganzen Flur der Uni verteilten. Der Dozent war leider unfreiwilliger Mitbeteiligter dieses kleinen, wenn auch nicht unspektakulären Unfalls. Mit ihm wurde es quasi ein flotter Dreier.
„Hoppla!“, hatte der lebende Traum gesagt und sich zeitgleich mit mir nach den Kopien gebückt. Natürlich mussten unsere Köpfe mit einem deutlich hörbaren Plopp! gegeneinander donnern. Dabei fiel mir prompt meine Brille herunter und für ein paar Sekunden verwandelte sich mein Umfeld in eine verschwommene Welt. Glücklicherweise brauchte ich deswegen das schmerzverzerrte Gesicht meines heimlichen Schwarms nicht zu ertragen. Lediglich sein gequältes Stöhnen drang an meine Ohren, während ich nach meiner Sehhilfe tastete und sie zurück auf meine Nase bugsierte. Das Stöhnen reichte ohnehin aus, dass ich mich schrecklich schuldig fühlte.
Lionil Wilder.
Durch dezente Herumfragerei habe ich seinen Namen herausgefunden. Lionil!
Ein wunderschöner Name, perfekt um gehaucht zu werden, während man vor Ekstase wie eine Sternschnuppe verglüht.
Dieser wahnsinnig attraktive Lionil mit dem Nutellablick ist zweiundzwanzig, oft im Schwimmbad anzutreffen und geht gerne joggen. Beides könnte mein Lieblingssport werden. Hmpf, nicht dass ich überhaupt irgendeinen Sport betreibe. Ich bin eher der Stubenhocker … Jedenfalls studiert Lionil Produktdesign. Er ist der Sohn des nicht gerade armen Rollstuhlfabrikanten Klemens Wilder und will sicherlich irgendwann Papas Firma übernehmen.
Tag für Tag ist Lionil von einer ganzen Traube lärmender Freunde umringt und wird von sämtlichen Mädels der Uni angehimmelt. Und er kommt mit einem schwarz glänzenden Kreidler Dice-Fahrrad dahergebraust. Gegen dieses Schmuckstück kann mein altes, klappriges, dazu noch violettes Fahrrad, das ich günstig bei einem Rampenverkauf geschossen habe, nicht anstinken. Und statt einer italienischen Mutter, die eine gefragte Innenarchitektin ist, kann ich bloß einen älteren Bruder vorzeigen, der immerhin als Filialleiter bei Burger King malocht. Meine Eltern sind vor vier Jahren ausgewandert und vermieten wenig spektakulär auf Ibiza Sonnenschirme und Liegestühle am Strand. Mit dem mageren Einkommen können sie mir kein Kreidler Dice sponsern, sondern höchstens mal einen Fuffi zum Geburtstag schicken. Mir ist das egal. Ich lebe nach dem Motto: Geld allein macht nicht glücklich. Nutellabraune Augen dagegen schon …
Nun hocke ich cooler Student der schönen Künste total lässig auf der Rückenlehne einer Bank vor der Uni und starre von diesem Beobachtungsposten aus meinen Traumtypen an, der mit seinen neongrünen Chucks die Fahrradständer verlässt und in Richtung Unigebäude schlendert. In meinen Gedanken steuert er geradewegs auf mich zu, ein verruchtes Lächeln in seinem Gesicht. Beinahe kann ich seine perfekten Lippen auf den meinen spüren.
Tagträumer!
Ich verrenke mir den Hals, um Lionil hinterher zu himmeln – bis plötzlich die Bank kippt. Offenbar habe ich mich zu weit zurückgelehnt. Alles Armrudern nützt nichts, ich krache mit diesem verdammten Ding um und klemme mir zum schadenfrohen Gelächter sämtlicher Studenten der Umgebung ziemlich schmerzhaft das Bein ein. Ein mattes Kopfheben zeigt mir, dass Lionil dieses Unglück mitbekommen hat. Wie hätte es auch anders sein können? Er grinst von einem Ohr zum anderen. Jetzt wird er mich garantiert für den Volldeppen der Nation halten. Seufzend bleibe ich einen Moment wie erschlagen liegen, verberge das Gesicht in den Händen, verfluche stumm das Schicksal und mich gleich dazu. Dann rutsche ich mühsam unter der Bank hervor. Natürlich kommt mir niemand zu Hilfe. Trottel will keiner unterstützen. Das würde bedeuten, sich in ihre unmittelbare Nähe begeben zu müssen und sich der Gefahr der Ansteckung auszusetzen. Feixen können sie dagegen alle. Vorbildlich stelle ich die Bank auf ihre Füße zurück und humple mit einem angeknacksten Ego davon. Es wird ohnehin Zeit, das Feld mit einem letzten Rest Würde zu räumen. Daheim wartet eine Menge Arbeit auf mich.
In der Hurtenstraße 23 öffne ich die schwere hölzerne Haustür, die von einer neuen Schnitzerei geziert wird. Neben einem Hakenkreuz, mehreren Zahlen – ob Lotto oder Telefonnummer erschließt sich mir nicht – einem Smiley und einem Strichmännchen hat sich ein Herz mit den Initialen R und L hinzugesellt. Ein rascher Check der Klingelschilder sagt mir, dass hier in den letzten Stunden weder ein R noch ein L eingezogen ist. Hätte mich ohnehin schwer gewundert. Niemand aus diesem ehrenwerten Haus würde es darauf anlegen, sich von Herrn Huber, dem Hausmeister, erwischen zu lassen. Herr Huber bekommt bereits einen Herzinfarkt, wenn eine Staubfluse in einer Ecke des Treppenhauses ihr Dasein fristet. Dagegen scheint es von anderen Bewohnern dieser Straße eine Art Mutprobe zu sein, Herrn Huber auf diese Weise herauszufordern.
Mario und ich teilen uns eine Zwei-Zimmer-Wohnung direkt unter dem Dach in der zweiten Etage. Er müsste Daheim sein, weil seine Tür geschlossen ist und seine gelben Sneaker im Flur stehen. Grelles Schuhwerk muss gerade voll trendy sein. Da meine alten grauen Sneakers noch heile sind, werde ich diesen Modewahn geflissentlich auslassen. Ich hänge meine Jacke an die Garderobe und betrete das Bad. Zu meiner Überraschung hängt über dem Waschbecken ein Strumpf. Mit zwei spitzen Fingern nehme ich ihn auf. Nylon! Ich finde, in einer anständigen Männer-WG haben hautfarbene Nylons nichts verloren. Den Strumpf lasse ich neben der Badewanne zu Boden fallen und drehe den Wasserhahn auf, um mir die Hände zu waschen. Aus einem unerfindlichen Grund klebt schwarze Schmiere an meinen Handflächen. Da fällt mir die Kosmetiktasche auf dem Schränkchen gleich neben dem Waschbecken auf. Sie ist Netzhaut ablösend Pink. Da Mario und ich beide kein Faible für Pink haben, wird mein lieber Mitbewohner mal wieder einen Übernachtungsgast eingeladen haben. Das bedeutet eine weitere Nacht Gestöhne und Gejuchze aus dem Nebenzimmer. Bedauernd blicke ich mein Spiegelbild an. Es schaut genauso mitleidig zurück.
„Und warum schleppst du keinen Sparringspartner mit nach Hause?“, frage ich mich beinahe vorwurfsvoll. Wenn man mich nach meinem Beziehungsstatus fragt, kann ich nur antworten: „Ich geh mit meiner Laterne …“
Woran scheitert es bloß? Weswegen bin ich ein ewiger Single? Die drei Wochen mit Andreas zählen ja aufgrund der Kürze nicht und sind bereits eineinhalb Jahre her.
Ich mustere mich eindringlich. An der Optik kann es nicht scheitern, denn hässlich finde ich mich nicht. Ich bin normaler Durchschnitt. Mein Körper ist zwar unsportlich, trotzdem schlank, die Haare sind langweilig blond, die Augen von einem wenig aufregenden Grünblau. Oder Blaugrün? Wohl eher undefinierbar. Vielleicht ist meine Brille im angesagten Nerd-Style an meinem Single-Leben Schuld, dabei soll deren schwarzer Rahmen meine Augen betonen. Das zumindest war die Vorstellung der Verkäuferin. Ich strecke mir die Zunge heraus. Außer der Tussi im Brillenshop scheint bisher niemand meine betonte Zone bemerkt zu haben. Nö, die Optik ist es nicht. Möglicherweise liegt es also daran, dass ich ein Tollpatsch bin.
Schlecht gelaunt schlurfe ich in mein Domizil. Dort schallt mir ein fröhliches „Da bist du ja, du kleiner Wonneproppen!“ entgegen. Untier sitzt auf seinem Käfig. Die Reste des Kabelbinders, mit dem ich seine Klappe festgezurrt habe, befinden sich fein säuberlich zerknabbert auf dem Teppich. Untier ist ein Beo, den ich von meinem Vormieter geerbt habe. Der ist ausgezogen und hat diese fliegende Mistratte einfach vergessen. Hastig forsche ich auf meinem Schreibtisch nach, ob alle wichtigen Papiere heil sind. Doch heute scheint sich der vermaledeite Vogel zurückgehalten zu haben. Es ist nichts weiter zerrupft worden.
„Ich habe geschissen“, verkündet Untier fröhlich und legt den Kopf schief.
„Super! Und wohin?“
Da ich keine Antwort bekomme, prüfe ich rasch mein Bett und den Teppichboden, weil ich bereits öfters in seine Bescherung getreten bin. Bei einem Vogel seiner Größe ist das kein Spaß. Untier verfolgt meine Suchaktion und pfeift dazu die Titelmelodie von Bonanza. Er kann sehr unterhaltsam sein, aber gelegentlich wünsche ich mir, dass sein Vorbesitzer weniger häufig den Fernseher angestellt hätte.
Zum Glück entdecke ich keinen Vogelschiss in meinen übersichtlichen sechzehn Quadratmetern mit einer illustren Dachschräge, unter der meine Staffelei und ein Regal voller Zeichenutensilien stehen. An der nächsten Wand befindet sich mein Bett, keines für Singles, doch auch kein Doppelbett, sondern etwas dazwischen. Schließlich...




