Bush | Ich bin's, Alice! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Baumhaus

Bush Ich bin's, Alice!


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1623-7
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1623-7
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alice ist 14 und unzufrieden mit ihrem Leben: Ihre Mutter meckert ständig an ihr rum, ihr kleiner Bruder nervt, und ihr Vater heiratet gerade zum zweiten Mal, hat also kaum Zeit für sie. Und dann verkracht sie sich auch noch mit ihrer besten Freundin. Alice will nur noch eins: weg aus diesem komplizierten Leben! Doch es kommt alles ganz anders: Urplötzlich landet sie in ihrem siebenjährigen Körper - und erkennt, dass schon damals eine Menge schiefgelaufen ist. Nach einigen Turbulenzen kehrt Alice in ihr richtiges Leben zurück. Endlich ist sie glücklich, so zu sein, wie sie ist.

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Kapitel Eins


»Das zieh ich nicht an.«

»Tust du wohl.«

»Tu ich nicht.«

Wiederholt die letzten beiden Sätze ungefähr fünfzig Mal und ihr habt eine Ahnung davon, womit ich mich hier rumschlagen muss. Ich versuche, meinen kleinen Bruder in sein Blumenjungenoutfit zu stecken, damit wir nicht zu spät zu Daddys Hochzeit kommen. Aber das versuche ich nun schon eine geschlagene Stunde lang ohne Erfolg.

Ich mache Rory nicht mal einen Vorwurf, dass er sich weigert, den Anzug zu tragen, aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden. Und wie soll ich ihn dazu kriegen, auch noch den rosa Kummerbund anzuziehen? Ich weiß nicht, wie Trish auf die Idee gekommen ist, dass ein siebenjähriger Junge so etwas mitmachen würde. Andererseits musste alles sehr schnell gehen.

Trish und ich haben einen ganzen Nachmittag im Stoffladen verbracht, um das Material für mein Kleid auszusuchen. Schließlich wählten wir eine wunderschöne kornblumenblaue Seide, passend zu meinen blauen Augen. Ich konnte es kaum erwarten, dass mein Kleid endlich kommen würde, und als ich an dem Wochenende, an dem es geliefert werden sollte, zu Dad ging, war ich richtig aufgeregt. Doch als Trish es dann auspackte und hochhielt, damit ich es in Augenschein nehmen konnte, verschlug es mir die Sprache.

»Was hältst du davon?«, fragte Trish mich.

Anstelle der wunderschönen blauen Seide leuchtete mir ein scheußliches Rosa entgegen, und ich glaube, es war auch keine Seide, sondern irgend so ein billiges Nylonimitat. Es war nicht mal ein schönes Rosa, falls so etwas überhaupt existiert. Das einzige Wort, das mir einfällt, um es zu beschreiben, ist schweinchenrosa. Hatten sie das falsche Kleid geliefert? Offenbar nein, denn warum hätte Trish es sonst hochhalten und mich fragen sollen, wie es mir gefiel? Da Trish vor mir stand, und nicht meine Mutter, konnte ich ihr leider nicht offen die Meinung sagen. Es kam nicht infrage, dass ich in die Luft ging. Und ich konnte ihr auch nicht entgegenschleudern, dass nichts auf der Welt mich dazu bringen würde, diesen Fetzen zu tragen. Mir gelang es so gerade, nicht loszuheulen, und ich fragte bloß: »Was ist aus der blauen Seide geworden, die wir zusammen ausgesucht haben?«

»Oh, die war am Ende doch zu teuer und dieses entzückende Rosa war gerade im Angebot. Gefällt es dir nicht?«

»Es ist hübsch«, log ich. Ich versuchte, Trish mit meinem erwachsenen Verhalten zu beeindrucken.

Heute ist der Tag der Hochzeit endlich da, und ich möchte ja aufgeregt und hibbelig sein, aber stattdessen bin ich völlig fertig, weil ich meinen nervigen kleinen Bruder am Hals habe. Das ist einfach nicht fair.

»Ich will das hier anziehen!«, sagt Rory und hält mir sein Spidermankostüm hin. Ich könnte ihn niederringen und ihn mit Gewalt in den Anzug stecken, aber dann würde er losbrüllen und kreischen und den ganzen Tag unausstehlich sein. Ich könnte auch Mum holen gehen und darauf bestehen, dass sie ihn zur Vernunft bringt, aber im Moment rede ich mal wieder nicht mit ihr, also könnte sich das etwas schwierig gestalten. Oder ich gebe einfach auf und lasse ihn im Spidermankostüm zur Hochzeit gehen. Ich entscheide mich für Option Nummer Vier: Bestechung.

»Wenn du den Anzug anziehst, kaufe ich dir den Pokémon-Comic, den du unbedingt haben wolltest.«

»Meinst du den hier?«, fragt Rory und hebt ihn vom Boden neben seinem Bett auf. »Mum hat ihn mir gestern besorgt.«

Das war ja mal wieder klar. Sie verwöhnt Rory total und darum ist er auch so ein Biest. Ich nehme ihm den Comic weg und wedle damit hoch über meinem Kopf.

»Okay. Zieh den Anzug an, dann gebe ich ihn dir zurück.«

Er sieht nicht besonders beeindruckt aus, daher packe ich das Heftchen am Rücken und reiße es ein kleines bisschen ein. »Und ich zerreiße es nicht in zwei Teile.«

Er weiß, dass ich nicht bluffe, und hebt die Hose vom Boden auf. Aber er wird sich nicht kampflos geschlagen geben.

»Ich zieh die hier an, wenn du mir heute Abend eine Geschichte vorliest.«

Wie man sieht, ist Bestechung für meinen Bruder kein Fremdwort.

»Okay.« Ich hasse es, Rory vorzulesen, aber im Moment will ich nur, dass er fertig angezogen ist, wenn unser Taxi kommt.

»Versprich mir, dass du mir eine Geschichte vorliest.«

»Ich habe doch schon okay gesagt, oder?«

Er lächelt triumphierend und beeilt sich, die Hose überzustreifen. Ihr Anblick lässt mich seufzen. Sie ist vom Rumliegen auf dem Boden total verknittert. Außerdem ist sie zu kurz. Er muss gewachsen sein, seit Trish sie für ihn bestellt hat. Typisch. Jetzt werden wir beide bescheuert aussehen.

In diesem Moment steckt Mum den Kopf ins Zimmer. »Ihr zwei seht umwerfend aus.«

Ja, klar!

»Rory, beeil dich und zieh deine Jacke und deine Schuhe an. Ich muss jetzt los zur Arbeit. Ich sehe euch dann nachher – viel Spaß euch zweien!«

In meinen Ohren klingt ihre Fröhlichkeit etwas aufgesetzt. Ich glaube nicht, dass ihr die Vorstellung gefällt, dass Dad wieder heiratet. Nun, darüber hätte sie nachdenken sollen, bevor sie ihn sitzengelassen hat. Ich habe kein Fünkchen Mitleid mit ihr. Glücklicherweise scheint sie keine Antwort zu erwarten, was mir nur recht ist.

Ich bin so erleichtert, als Rory endlich fertig ist, dass ich den rosa Kummerbund aus Seide komplett vergesse, den ich ihm um die Taille binden sollte. Es hilft auch nicht, dass er ihn unter das Bett gekickt hat. Er erzählt mir das erst, als wir bereits im Taxi sitzen und es zu spät ist, etwas daran zu ändern. Falls Trish es bemerkt, werde ich einfach Mum die Schuld geben. Ich weiß, das klingt nicht besonders nett, aber im Moment ist es wichtig, dass ich vor Trish und Dad gut dastehe. Es ist nämlich so: Als sie plötzlich beschlossen haben zu heiraten und aus ihrer Winzwohnung in ein Haus mit zwei Schlafzimmern zu ziehen, kam mir eine geniale Idee. Ich muss nur den richtigen Moment abwarten, um sie ihnen zu präsentieren.

Das Taxi setzt uns in der Stadt neben dem Standesamt ab. Als Dad und Trish uns erzählt haben, dass sie heiraten würden und ich Brautjungfer sein dürfte, wurde die Hochzeit auf einmal zu meinem liebsten Tagtraum.

Ich stellte mir vor, den Gang einer wunderschönen alten Kirche auf dem Land hinunterzuschreiten. Eine große Orgel spielte den Hochzeitsmarsch und alles war mit weißen und rosa Blüten übersät. Die Sonne schien durch die Buntglasfenster hinein. In diesem Traum haben meine langweiligen glatten Haare (die Mum karamellfarben nennt und mich nicht färben lässt, obwohl sie eindeutig beige sind) sich in einen blonden Traum verwandelt, der als dichter Vorhang meine Schultern umspielt. Ich bin außerdem gertenschlank und pickelfrei. Die Hochzeitsgäste schnappen nach Luft, während ich den Gang entlangschreite. Eine alte Dame fällt beinah in Ohnmacht und muss nach draußen gebracht werden, um sich von dem Schock zu erholen. Als wir beim Altar ankommen, errötet der Vikar, der sehr jung ist und extrem gut aussieht, als unsere Blicke sich treffen. Beim Empfang, der in einem sehr eleganten Landhaus stattfindet, stehen die süßen Jungs Schlange, um mit mir zu tanzen. Die Fotografen vom Hello!-Magazin können ebenfalls nicht genug von mir kriegen.

Dieser Tagtraum hat mich unzählige Mathestunden durchstehen lassen. Aber natürlich hätte die Realität nicht weiter davon entfernt sein können. Als Trish mir erzählte, dass die Hochzeit auf dem Standesamt stattfinden würde und sie den Empfang im Pub abhalten würden, weil ihre Wohnung zu klein dafür sei, lösten meine Träume sich auf wie nass gewordenes Brausepulver.

Selbstverständlich versuchte ich, Trish von ihren grotesken Hochzeitsplänen abzubringen. Ich bot ihr sogar an, alles für sie zu organisieren, weil sie einen sehr spannenden und zeitfressenden Job hat. Ich dachte, das wäre vielleicht der Grund, warum sie sich nicht genug darum bemühte, die Hochzeit des Jahres zu feiern. Wie sich herausstellte, lag es daran, dass sie so rasch wie möglich heiraten wollten und den Termin beim Standesamt nur ergattert hatten, weil jemand anders abgesagt hatte. Und mit dem Umzug und allem konnten sie sich sowieso nichts Größeres leisten.

Ich versuchte trotzdem weiter von der Hochzeit zu träumen, aber es war nicht mehr dasselbe. In der Schule machte sich Mr Greens Stimme immer wieder in meinem Kopf breit, schwafelte von Brüchen und irgendwelchem Zeugs und übertönte die Orgelmusik, bis ich schließlich kapitulierte.

Und jetzt wird alles noch viel schlimmer, als ich befürchtet habe. Als wir aus dem Taxi steigen, beginnt es zu regnen. Ich schnappe mir Rory und renne los, um im nächstbesten Ladeneingang Schutz zu suchen, aber trotzdem kann ich nicht verhindern, dass meine Frisur ernsthaft Schaden nimmt. Ich habe heute Morgen Stunden damit verbracht, meine Haare dazu zu bringen, dass sie sich locken. Jetzt hängen sie in dünnen feuchten Strähnen herunter und passend dazu sind meine neuen Seidenpumps völlig durchnässt. Zu allem Überfluss heult Rory jetzt auch noch los.

»Wo ist Dad? Ich dachte, er wollte uns hier treffen.«

Insgeheim muss ich ihm zustimmen. Wo zum Teufel ist Dad? Er hat versprochen, hier zu sein. Er konnte uns nicht selbst abholen, also hat er ein Taxi bezahlt, uns einzusammeln und vor dem Standesamt abzusetzen. Er hat gesagt, dort würde er auf uns warten. Ich suche die Straße ab, auf der wegen des Regens nicht allzu viele Menschen unterwegs sind, aber ich kann Dad nirgends entdecken.

...



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