Bussmann | Der Flötenspieler | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Bussmann Der Flötenspieler


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-906907-61-1
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-906907-61-1
Verlag: edition bücherlese
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hier fühle man sich wie im Labyrinth von Minotauros, notiert der Versicherungsangestellte Thomas Waller in sein Tagebuch. Das Geschäftshaus der Perduta-Versicherung hat es in sich. Man verläuft sich im Gewirr von Wänden und Möbelstücken, Teppiche verschlucken die Schritte, das Treppenhaus ist mit einer Alarmanlage gesichert. Waller, Anfang 30, registriert an sich sonderbare Symptome, über die er genauestens Buch führt. Zu seiner psychischen Verwirrung gesellen sich körperliche Merkwürdigkeiten. Finger und Augen versagen dem talentierten Flötisten beim Spiel den Dienst, zeitweise verliert er seine Stimme. Der Körper wird Waller fremd, sein Leben droht ihm zu entgleiten. Der ärztlichen Diagnose einer larvierten Depression begegnet er mit abwehrender Ironie. Als ein Konflikt mit seiner Frau Mathilda eskaliert und in Gewalt endet, flieht Waller auf der Suche nach Einfachheit und Ursprünglichkeit in ein Bergdorf im Jura. Bei E., einer stumm gewordenen Sängerin, hofft er, seinen Grundton

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und begann neben seiner Tätigkeit an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen zu schreiben. Er verfasst Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienenen sind der Roman Das andere Du (edition bücherlese, 2016), der Gedichtband Ungerufen (edition bücherlese, 2019) und der Reise-Essay Herbst in Nordkorea (2021). Rudolf Bussmann lebt in Basel.
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Fortsetzung, am Sonntag

Ich hob den Kopf. Die Wohnung war ruhig, die Quartierstraße ausgestorben. Sonntag. Ostern. Nach einer Weile setzte es wieder ein: Durch das verriegelte Fenster in das Dunkel des Zimmers hinein sang eine Amsel. Zeit meiner Kindheit. Im Frühling war ich am freien Nachmittag losgeradelt, in den Gösger Schachen, um dem Gesang der Vögel zu lauschen. Stundenlang hatte ich vor dem dichten Gestrüpp am alten Aarelauf gestanden, wo die Nachtigallen sangen, hingerissen, weltvergessen. Seitdem ich von zu Hause weggezogen war, war ich nur einmal noch, viel später, diesen glitschigen, schmalen Pfad den Erlenwäldern und Sumpfwiesen entlanggegangen. Ich hatte das Angebot meiner Freunde, mich zu begleiten, abgelehnt, hatte allein sein wollen mit der Gegend, die mich in die Vergangenheit holte. Ich hatte mich nach kurzer Zeit hoffnungslos in das Durcheinander der Vogelstimmen verstrickt, musste die einzelnen Arten wie Fäden aus einem Knäuel herauslesen, freute mich über den klaren Ruf des Pirols, erkannte den Zaunkönig wieder und spähte über das Wasser in der Hoffnung, den Eisvogel zu sehen. Plötzlich fuhr ich zusammen. Ich hatte vollständig vergessen, weshalb ich hergekommen war. Nun stand er unmittelbar vor mir, wie ein Donnerschlag erhob er sich hinter den Bäumen des jenseitigen Ufers, schnitt ein Stück vom Himmel weg, sah mich an mit blinden Augen. Ich biss auf die Lippen, als ich über die Brücke ging, befahl der Erinnerung, befahl dem Knaben, der den Auenwald durchstreift hatte, zurückzubleiben. Ich war nicht meinetwegen hier. Es ging um ihn, der jetzt vor mir stand: den Kühlturm des Atomkraftwerks, das in Betrieb genommen werden sollte. Ich hütete mich davor, Nostalgie in eine Demo hineinzutragen, die Entschlossenheit forderte. Aber ich wurde die Vogelstimmen nicht los an diesem Nachmittag, trotz Lautsprechermusik, trotz Sprechchören und Reden, und die Ausfälle der Polizeigrenadiere trieben mir Tränen der Wehmut in die Augen. Ich stand zwischen den Menschen und verwünschte den einsamen Spaziergang am Ufer, der mich durchlässig gemacht hatte für eine Sentimentalität, mit der ich nichts anzufangen wusste. Es gab jetzt Wesentlicheres zu tun. Man rettete Auenwälder nicht dadurch, dass man in ihnen lustwandelte. Ich beschloss, den Anfechtungen der Kindheit zu widerstehen. Wenn mich seitdem ein Gefühl der Sehnsucht überkam, übte ich, um mich zu beruhigen, auf der Flöte. Die Musik wurde der Ort, an den ich hintrug, was ich nicht brauchte, nicht brauchen wollte. Bisweilen kam sie mir vor wie ein anderer Kontinent, abgerückt vom Leben, wo Gesetze galten, die der Alltag sonst verbot. Die Stunden, in denen ich übte, stahl ich mit schlechtem Gewissen der Zeit ab, die ich mit Hilde und anderen dazu verwendete, die Machtstrukturen des Bürgertums zu studieren und Strategien gegen sie zu entwickeln. Während Hilde das Klavierspiel, das sie mit einem Minimum an Aufwand betrieb, mit ihrem Musikstudium rechtfertigen konnte, fehlte mir ein triftiger Grund zum Musizieren, und mehrmals war ich nahe daran, der Flöte endgültig zu entsagen.

An diesem Ostermorgen, den die Amsel durch das geschlossene Fenster zu mir hereintrug, sah ich den Irrtum ein. Die Töne, die ich mit der Flöte produzierte, waren von den Schadenanzeigen, die ich im Geschäft behandelte, gar nicht verschieden. Was ich als zwei Kontinente empfunden hatte, die Welten auseinanderlagen, war sich nahe wie ein Stadtteil dem andern. Beides unterstand demselben Verwaltungsapparat, gehorchte demselben Ehrgeiz. Auf einen andern Kontinent müsste man erst noch verreisen. Die Amsel: sie befand sich auf ihm. Ihr Gesang tönte, dem der Circe gleich, herüber vom andern Land. Sie schlitterte unbekümmert quer durch die Akkorde, ohne einem erkennbaren Rhythmus zu gehorchen, machte überlange Pausen, unterbrach sich mitten in der Melodie. Sie gestattete sich unreine Töne, presste sie zusammen, drehte sie durch den Schnabel und formte aus ihnen, sie freilassend auf einmal, eine zauberhaft flötende Folge, die im Vergleich zum andern wiederum viel zu laut war. Mit einer Melodie so umzuspringen, hätte ich mich nie getraut. Seltsam, dass ich das Lied des Vogels als wohlklingend, gar als beruhigend empfand, widersprach es doch in allem meiner Auffassung von Harmonie. Als Knabe war ich von dieser Anarchie der Töne begeistert gewesen. Im Gesang der Nachtigallen hatte sie mich ergriffen und weggeführt von der Welt der Schule, der Exaktheit, der Erwachsenen. Und sie drohte mich von Neuem zu ergreifen an diesem Ostermorgen, durch die zugezogenen Vorhänge, die heruntergelassenen Storen hindurch. Was ich auf der Flöte spielte, kam mir stümperhaft vor – eine Versammlung von Tönen, die mit strenger Disziplin über die vorgeschriebenen Noten beraten und, einer nach dem andern, in gerechter Verteilung in den Raum treten. Nur für voll klingende, satte Töne hatte es in der Querflöte Platz. Um in der Melodie Aufnahme zu finden, musste ein Ton seine Konsensfähigkeit unter Beweis stellen. Pflegte er mit den andern einen reibungslosen Umgang? War er zu Kompromissen bereit? Akzeptierte er den Pluralismus der Stimmen? Noch bevor er das Licht der Welt erblickt hatte, war er genau eingeplant. Allfälligen Pannen wurde vorgebeugt durch eine radikale Geburtenkontrolle. Jeder Ton war ein Wunschton. Er wartete geduldig in der langen Retorte, die sich bis zum Mundstück hinzieht, rückte mit Hunderten von Gleichgestimmten Schritt um Schritt vorwärts, sah zu, wie die Zwillingstöne, die ihm ein wenig voraus waren, gegen die Klappe sprangen, die sie ins Leben beförderte. Dass er einer von vielen war, brauchte dem Ton niemand zu sagen, es war seine Urerfahrung im Hohlraum des Instruments. Gefasst liess er sich in einen der glatten Ausgänge fallen, schwebte in Gesellschaft der andern Töne durch die Luft, erfüllte seine Bestimmung, ein A, B oder Fis zu sein, wurde schwerer und setzte sich, dem Beispiel seiner Vorgänger folgend, an einem weichen Platz zur Ruhe. Fest blieb er bis zuletzt in das Gefüge der Melodie eingebunden, ein verklingender Sechzehntel im unvergänglichen Ganzen der Sonate. Er lebte in Rücksicht auf ein abstraktes Notengefüge, das er nicht kannte. Nie wäre er auf die Idee gekommen, einen Wert an sich darzustellen. Das Absolute war ihm fremd; Leben hiess für ihn, angestimmt zu werden.

Die Amsel sang noch immer; aufdringlicher, schien mir, als zuvor. Sie hielt sich weder an Usus noch an Harmonielehre. Mit der Tonalität machte sie, was sie wollte, sie rief unablässig ihre Unabhängigkeit aus. Vom andern Kontinent her sang sie, und ich hatte Watte, aber kein Wachs, mir die Ohren zu verstopfen. Das Wegziehen des Vorhangs und das Öffnen der Fenster bemerkte sie nicht. Erst als ich den Rollladen mit einem Ruck hochzog, flatterte sie davon, ihre laut warnenden Töne mit sich fortnehmend.

Mich blendete das Licht.

Montag

Mit der Ankündigung, mehr als eine Nacht bleiben zu wollen, löste ich im Erstaunen aus, um nicht zu sagen Befremden. »Heute geschlossen« – ich blieb der einzige Gast, und es war doch die Zeit der Osterferien. Dass ich ein Eckzimmer erhalten hatte, sah ich als Bevorzugung an, doch nur solange, bis ich bemerkte, dass die Stecker keinen Strom hatten und das Bad kein warmes Wasser. Wer genau im Hause lebte, war nicht herauszufinden; ich begegnete stets den vier gleichen Leuten, vielmehr: Ich wich ihnen aus und sie mir. Manchmal hörte man ein schleifendes Geräusch auf den Fliesen im Gang oder eine ins Schloss fallende Türe, dann wartete ich eine Weile, bevor ich aus dem Zimmer trat, um niemanden anzutreffen. Ich schlug den Feldweg ein, der hinter dem Haus beginnt; er läuft einer Allee alter Bäume entlang, bis er in den Acker einsackt und die Fortsetzung verschläft. Um nicht wieder richtungslos herumzuirren wie an Lichtmess, hielt ich auf den über dem Dorf liegenden Felskopf zu.

Mit mir wurde nicht gerechnet. Am Vorabend hatte ich die Wirtin, die mich gehässig fragte, was ich in der Küche wolle, davon zu überzeugen versucht, dass sie für einen Pensionär kochen sollte, worauf sie mich wegschickte: Wenn es soweit sei, werde sie mich rufen. Ich hatte gewartet und gewartet, aus der Gaststube war Musik zu hören gewesen, ohne dass ich geholt worden wäre. Schliesslich trieb mich der Hunger hinüber. Das Gedeck suchend, rief ich nach dem Nachtessen und klopfte mit dem schweren Aschenbecher auf den Tisch, die Bedienung blieb aus. Resigniert betrachtete ich aus meiner Ecke die riesigen Standuhren, die schweigend den Wänden entlang standen und längst aufgehört hatten, die Zeit anzuzeigen. Zwischen ihnen, am verstimmten Klavier, spielte einer Blues. Über dem abgewetzten Stoff seines blauen Overalls baumelte eine goldene Kette, das einzig Kostbare an seinem Aufzug. Jetzt fiel mir auf, dass hier ein Fest im Gange war, eine Hochzeit. Der Mann im Overall schien der Bräutigam zu sein; außer ihm und der Braut war allerdings nur gerade noch ein Paar anwesend. Als der Bräutigam sein Repertoire durchgespielt hatte und sich zu seiner Braut setzte, legte sich ein fremder Arm um deren Taille. Die junge Frau, die einen schwachen Versuch machte, sich zu entwinden, tanzte kurz darauf zum Scheppern des Wurlitzers mit dem...



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