E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Byr Lydia
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8496-2325-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2325-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lydia ist eine für ihre Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, sehr emanzipierte Heldin im Stil der damaligen russischen Studentinnen. Bald aber wird sie durch die Liebe 'bekehrt' ...
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Lange genug hatten die neuesten Artikel der Chronique scandaleuse nun Frau Schneppe auf der Zunge gebrannt. Nur die Rücksicht und Neugierde auf eine neue Bekanntschaft, über die man sich doch vorerst instruieren mußte, hatte ihr bisher Schweigen auferlegt – jetzt, wo das im allgemeinen wenigstens so ziemlich in Ordnung war und sie den Professor in eine von Wilma selbst herbeigeführte eingehende Darlegung der Fundamentalsätze der naturgemäßen Lebensweise gründlich vertieft sah, vermochte sie ihrer Mitteilungslust nicht länger mehr Zügel anzulegen.
Das Töchterlein war gut aufgehoben; vielleicht entwickelte sich da auf naturgemäßem Wege sogar ein lebensfähiges Pflänzchen, das mit sorgsamer Pflege zu üppiger Vegetation gebracht werden konnte, da durfte man das zarte Emporsprießen nicht stören. Von Werner, den die sorgsame Mutter, wie jeden jungen Mann, bei seinem Erscheinen anfänglich ins Auge gefaßt, war denn doch nichts zu erwarten. Eine Woche hatte genügt, die stille Hoffnung vollkommen zu zerstören. Auch er hatte sich nicht vertrauenswürdiger erwiesen als die andern, ja sein Ausweichen war sogar recht auffallend geworden, während er sich gerade jenen Kreisen, vor denen sie ihn mit so uneigennützigem, mütterlichem Wohlwollen gewarnt, immer mehr zu nähern begann. Wenigstens verkehrte er beinahe täglich mit derjenigen, welche ihr der größte Dorn im Auge war, und deshalb gönnte sie auch gerade ihm das bißchen Mißvergnügen, das ihm vielleicht ihre Auffassung und Darstellung der Dinge bereiten konnte.
»Na, was sagen Sie dazu, Herr Rodek?« begann sie mit boshafter Freude. »Sie müssen es ja auch mit angesehen haben, und Sie hatten es so recht aus nächster Nähe. Ob sich nicht ein anständiges Mädchen schämen muß, wenn es die Herren und Damen nur in solcher Toilette sieht, geschweige denn, wenn es sich selbst andern so zeigen und öffentlich allen Blicken aussetzen sollte. In England mag es immerhin so Mode sein, aber hierzulande – inmitten einer gesitteten, deutschredenden Bevölkerung – es ist unerhört! Es sind aber auch Äußerungen gefallen – ich würde nur denjenigen, denen sie gegolten, wünschen, daß sie ihnen selbst zu Ohren gekommen wären.«
»Dafür können Sie ja noch Sorge tragen und so Ihren Wunsch erfüllen.«
»Meinen Sie – meinen Sie wirklich?« überlegte sie sich den unmutig und sarkastisch hingeworfenen Rat, indem sie dabei Werner, der äußerlich so kalt erschien, mißtrauisch anblickte. »Aber nein, ich liebe keinen Klatsch und keine Zuträgereien. Wenn ich nur für mich selber weiß, woran ich mich zu halten habe, und guten Freunden gebe ich dann auch gern einen Wink; aber was jene Gesellschaft betrifft, die geht mich gar nichts an, und meine Sache ist es nicht, sie Anstand und Sitte zu lehren. Es ist verletzend für jemand, der darauf hält, wenn er so etwas sehen muß.«
»Aber ich an Ihrer Stelle, meine Gnädige, hätte mir das erspart und mich der Möglichkeit, verletzt zu werden, ferne gehalten.«
»Wer konnte denn voraussehen, was da kommen werde? Schon seit einer Woche hört man immerfort von der Ruderpartie, welche arrangiert wird, Herr von Wingerode ist alle Augenblicke in Rorschach, alles erzählt sich von der Regatta – Graf Marchegg behauptete sogar, es werde ein vollständiges Gondelfest, eine italienische Nacht, mit Lampions, Feuerwerk, bengalischer Beleuchtung, Musik, Maskerade, weiß Gott, was noch alles geben.«
»Aber für heute war das doch nicht alles angesagt. Davon müßte ich ja auch wissen.«
»Es war alles geheim gehalten. Eine Generalprobe. Das Stubenmädchen verriet es uns, daß ein Gesamtausflug hierher für heute nachmittag projektiert sei. Nun, man möchte doch auch ein bißchen hinter die Kulissen blicken. Wenn man schon so viel gehört hat – und dann hatten wir ohnedem einiges zu besorgen. Oben findet man ja rein gar nichts, man hat wirklich seine liebe Not, wenn man nicht ganze Koffer und Kisten von Toiletten mit sich herumführt, um sich überall als Modedame zu zeigen. Ich und meine Tochter, wir lieben die Einfachheit, aber da wird es dann eben nötig, hier und da einmal nachzuhelfen, denn wie die Vogelscheuchen zum Ärgernis der Welt will man doch nicht umherlaufen. Es ist zu lächerlich, in welchem Aufzuge man heutzutage manche Person einhergehen sieht – wirklich zu lächerlich! Finden Sie nicht auch?«
Werner hatte den deutlichen Wink und Seitenblick nach der hinter ihm stehenden Reisenden wohl verstanden, ließ es jedoch bei einem Murmeln bewenden, aus dem nur einzelne Worte deutlichen Zusammenhang gewannen, es war etwas von der Nutzlosigkeit der Erfindung des Spiegels, man sehe das eigne Bild nie, wie er es zeige.
»Ja, nicht wahr, es ist abscheulich, wie sie verzerren,« fiel Frau Schneppe ein. »Auch in unserm Zimmer ist ein so abscheuliches Glas, es färbt alles grün und zieht in die Länge. Gerade einen Spiegel wollten wir hier auch kaufen. Das war der Hauptzweck, weshalb wir herabfuhren. Nun, bei dieser Gelegenheit konnten wir gleich den Spektakel mit ansehen. Erst wollten sie ein Bad nehmen; nun, meine Wilma schwimmt auch prächtig, und da hörten wir die ganzen Verhandlungen. Es war ihnen nicht recht, daß sie nicht mit den Herren zusammen schwimmen sollten. Ich bitte Sie! Das sei langweilig. Was sagen Sie dazu? Und nun verschoben sie das Bad bis auf den Abend, da wollten sie mit Kähnen hinausfahren in den See und draußen erst hineinspringen. Ja, was man alles erlebt! Und das wird so ganz offen verhandelt, als verstünde sich alles von selbst und wäre gar nichts Besonderes daran. Nun sollte das Wettfahren beginnen. Da waren zwei Boote, in jedem zwei Herren, die sahen zwar wie die Seiltänzer aus, aber es machte sich ganz hübsch. Dann waren ein paar Jungen da, die mußten einzeln miteinander kämpfen, in kleinen Seelentränkern, der eine wäre beinahe umgekippt. Unterdes war aber Fräulein Wingerode mit ihren Hofdamen verschwunden, und auf einmal kamen sie in einem Boote daher, das sie in der Badeanstalt bestiegen hatten. Du lieber Himmel, wie die aussahen! Miß Mary und Miß Edith, die sind so mager, daß es nichts verschlug – die waren nur wie behangene Kleiderrechen. Auch bei der kleinen Sally ging's noch an, aber Fräulein Lydia mit ihrem Kolossalbau und den gerundeten Formen – Ein Skandal – ein Skandal! Nicht um tausend Gulden möchte ich meine Wilma so sehen!«
»Ich auch nicht,« murrte Werner.
»Nicht wahr? Na, sehen Sie, da sind wir der gleichen Anschauung, und das freut mich, denn die Herren haben sonst darüber eine ganz andre Meinung. Die meisten geraten ja förmlich in Entzücken über solche Extravaganzen. Das wissen die Koketten gar schlau für sich zu benutzen, und man darf ja nicht glauben, daß die sogenannten Emanzipierten über die Kunstgriffe der Koketterie erhaben sind. Im Gegenteile, das sind die allerärgsten. Die setzen sich über alles hinweg, um unter dem Schein, als sei ihnen an den Männern nichts gelegen, ihr Spiel mit ihnen zu treiben und sie durch Anziehen und Abstoßen ganz verrückt zu machen und recht unzerreißbar an sich zu fesseln. Man könnte wirklich das ganze Rezept ablernen, so offen legen sie ihre Netze aus; man kann die gar nicht bedauern, die blindlings hineingehen, wie dieser Herr von Wingerode –«
»Wollten Sie mir nicht von den Wettrudern erzählen?« unterbrach sie Werner ziemlich rücksichtslos. Frau Schneppe wollte jedoch die Andeutung nicht verstehen, sie gab nur für einen Moment nach und steckte den bereits auf dem Bogen liegenden Pfeil vorläufig noch in den Köcher zurück.
»Ja, Sie sind neugierig, wie es weiterging – ich begreife es. Aber das hängt ja alles zusammen. Wir kamen vor Erstaunen gar nicht zu uns, wie Sie sich denken können. Die niedliche Matrosenequipage war wirklich erschienen, um ein öffentliches Schauspiel zu geben. Es ist unglaublich, wie man sich so exponieren kann! Mit diesen jungen Herren wettfahren! Vielleicht wollte man nur die muskulösen Arme sich ein wenig in der Nähe besehen, denn im Ernste konnte man sich doch nicht mit ihnen in einen Wettkampf einlassen. Nun, die Herren waren recht galant und ließen das zarte Geschlecht vorausfahren – das zarte Geschlecht, das mit dieser Muskulatur um die Palme ringen wollte! Es ging auch danach aus. Die Herren sind im blinden Eifer beinahe unter das Schiff geraten – ganz recht wäre ihnen geschehen, und die Seefräulein, als sie sich nicht mehr zu helfen wußten, um ihre schmähliche Niederlage zu beschönigen, stießen an des Grafen Boot, daß in der Konfusion dann niemand mehr wußte, was geschah.«
»Eine eigne Auffassung für einen Zufall.«
»Ein Zufall? Warum nicht gar. Zufall war es bloß, daß der Graf ins Wasser fiel, da zeigte sich's aber auch deutlich genug, wie die Sachen stehen. Wie schnell sie bei der Hand war! Ebenso zufällig hätte auch Herr von Wingerode in den See fallen können – einen Zoll näher ans Dampfschiff und das Malheur wäre fertig gewesen – aber nicht einmal umgeschaut hat sie sich nach ihm. Für Graf Marchegg...




