E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Cañadas Die Bibliothek der Wahren Lügen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-649-65110-9
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-649-65110-9
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jesús Cañadas, geboren 1980 in Cádiz, ist Schriftsteller, Übersetzer und Drehbuchautor. 2003 veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte, 2011 folgte sein erster Roman. Seitdem etablierte er sich als eines der aufstrebenden Talente der spanischen Fantasy und wurde mehrfach ausgezeichnet. Jesús Cañadas lebt seit etlichen Jahren in Berlin.
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Kapitel 1
Ich räusperte mich und versuchte es noch einmal: .
Ich machte eine Pause, um Luft zu holen. Die ganze Klasse starrte mich an. In dem Moment bereute ich, dass ich mich gemeldet hatte. Von den dreißig Texten, die alle bis zum Ende des Schuljahrs schreiben sollten … Wie war ich bloß auf die Idee gekommen, dass meiner der beste sein könnte? Wie konnte ich nur so bescheuert sein, ihn freiwillig laut vorzulesen?
»Na los, Oskar, lies weiter und hör auf, Löcher in die Luft zu starren«, sagte Frau Adam. Ihre Augenbrauen waren bis über den Rand ihrer Brille nach oben gezogen und gebogen wie der Rücken eines Katers.
Noch einmal räusperte ich mich. Es war, als hätten mir diese neunundzwanzig Augenpaare die Stimme geraubt, nur indem sie mich ansahen. Ich brauchte noch eine halbe Minute, bevor ich wieder anfangen konnte. Und glaubt mir, eine halbe Minute in Totenstille, in einem Raum voller Schüler, die es nicht abwarten können, nach draußen zu rennen, ist eine lange, eine Zeit. Meine Hände waren so schwitzig, dass sich das Blatt Papier an der Stelle, wo ich es hielt, langsam auflöste.
.
Aus dem Augenwinkel sah ich auf die Uhr über der Tafel – und ich hätte schwören können, dass ihre Zeiger aufgehört hatten, sich zu bewegen. Ein paar meiner Mitschüler dagegen bewegten sich sehr wohl an mir vorbei und zur Tür hinaus. Und das war fast noch schlimmer. Zwei Jungs flüsterten miteinander, andere starrten aus dem Fenster, ein paar Mädchen lachten laut, ein anderes spielte in ihrer Tasche mit ihrem Handy. Und die Augenbrauen von Frau Adam schoben sich weiter nach oben.
Der Drang, einfach wegzurennen, war so stark, dass meine Knie weich wurden. Ich hatte kaum gemerkt, dass ich die ganze Zeit mit den Fingern an meiner Jeansjacke rumzupfte, bis ich fühlte, dass der Anstecker am Kragen sich lockerte. Trotzdem war ich entschlossen, mich aufs Vorlesen zu konzentrieren und den Blick nicht mehr vom Blatt zu lösen, bis ich es hinter mir hatte.
.
.
Mittlerweile hatte ich die Klasse und Frau Adam vergessen. Ich hatte vergessen, dass es der letzte Tag des Schuljahrs war. Ich war abgehoben, befand mich im freien Fall. Und was haben alle freien Fälle gemeinsam? Wenn du wieder unten ankommst, wartet dort der Boden auf dich.
, las ich weiter. .
.
.
Und dann kam er, der Aufprall nach dem Fliegen.
»Okay, Oskar, das reicht«, bat Frau Adam, aber in meinen Ohren klang es mehr nach einem Befehl.
Ich ließ die Blätter sinken – oder das, was mein Schweiß von ihnen übrig gelassen hatte. Noch acht Seiten voller Schwertkämpfe und Bisswunden hielt ich in den Händen, doch mir war klar, dass sich niemand dafür interessierte. Keiner hörte mir zu. Das Geflüster und Gekicher hatte ich irgendwann ausgeblendet. Ich hatte mich in meinen eigenen Worten verloren, aber auch den Bezug zur Realität.
»Also, Oskar …« Frau Adam fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, bevor sie sagte: »Du hast dir viel Mühe gegeben, und man merkt, dass du Spaß beim Schreiben hattest.«
Aber …
»Aber, da ist … noch etwas Luft nach oben.«
In meinem Inneren breitete sich eine eiskalte Leere aus. Fragt mich nicht, wie Leere gefrieren kann. Wenn es euch einmal passiert, werdet ihr wissen, was ich meine. Das Einzige, was ich herausbrachte, war: »Luft nach oben?«
»Luft nach oben«, wiederholte sie. »Einige Sätze sind recht verschachtelt. Du wiederholst Wörter, Verben und Satzstrukturen. Das macht es schwer, dem Text zu folgen. Es gibt zu viele Adjektive und die Charaktere sind ein wenig flach …«
»Außerdem bist du ein absoluter Nerd«, blaffte Sergio aus der zweiten Reihe.
Ihr könnt euch die Lacher sicher vorstellen. Frau Adam versuchte vergeblich, das zu zügeln – eine zu nette Formulierung dafür, wie sich alle lauthals über mich lustig machten. Rodrigo hatte mich heimlich mit seinem Smartphone gefilmt, weshalb der Rest der Klasse sich noch immer vor Lachen krümmte.
»Das sind …«, setzte ich an, aber da war plötzlich ein unsichtbarer Avocadokern in meiner Kehle und machte mir das Sprechen nicht unbedingt leichter. »… Charaktere aus … einer Buchreihe, die mir gefällt.«
»Ja, Mann, aber Bücher sind langweilig«, mischte sich Sergio wieder ein. »Jeder kennt Ozzy Calavera, aber von den Filmen! Die Bücher sind für Nerds wie dich.«
»Sergio!«, ermahnte ihn Frau Adam.
Sergio entschuldigte sich in ihre Richtung, streckte mir aber seine lange rote Zunge entgegen. Wieder berührte ich den Ozzy-Anstecker an meiner Jeansjacke, wie um mich festzuhalten. Doch das Einzige, was mich hätte retten können, wäre ein Erdbeben gewesen. Leider gab es kein Erdbeben.*Ich musste mich mit dem Gong zufriedengeben, der das Ende der letzten Stunde des letzten Schultags verkündete.
Eine ganze Meute von Mädchen und Jungen meines Alters trampelte über die Reste des Schuljahrs, das geschlagen zu ihren Füßen lag.
»Habt einen schönen Sommer«, rief Frau Adam mit mehr Erleichterung, als sie vielleicht vor uns hätte zeigen sollen. »Und vergesst nicht, Oskar zum Geburtstag zu gratulieren.«
Ich schloss die Augen, noch immer die zur Hälfte vom Schweiß aufgeweichten Blätter in der Hand.
Einer meiner Mitschüler, Sebas, ging an mir vorbei und rempelte mich an der Schulter an. »Aber klar, gleich gratulieren wir dir.«
Ich wollte der Lehrerin mit meinen Blicken ein stummes zuwerfen, aber ihr waren Flügel gewachsen. Schon flatterte sie aus dem Klassenzimmer, mit genauso großer Vorfreude auf die Ferien wie die anderen.
Ich holte meine Sachen, zerknüllte die Seiten mit meiner Geschichte und warf sie in den Papierkorb. Dann zog ich ein Handtuch und einen Plastikbeutel aus meinem Rucksack. Ich streifte die Jeansjacke ab, legte sie in den Plastikbeutel und verstaute das Bündel im Rucksack. Das Handtuch warf ich mir über den Kopf, bevor ich aus dem Klassenraum ging. Widerwillig tappte ich in Richtung Schulhof. Ich war der Letzte, der...




