E-Book, Deutsch, 373 Seiten
Cadigan GOING FAST
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9594-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Cyberpunk-Roman
E-Book, Deutsch, 373 Seiten
ISBN: 978-3-7438-9594-2
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Es ist kinderleicht, sich Zugang ins Bewusstsein eines Mitmenschen zu verschaffen, wenn man über die nötige elektronische Ausrüstung verfügt. Der Handel mit Neurosen, Thrills, Psychosen und aparten Abartigkeiten blüht. Das Franchising von anderen Persönlichkeiten ist an der Tagesordnung. Pathos-Finder sind Spezialisten auf dem Gebiet, sich in anderer Leute Bewusstsein zurechtzufinden, ein ebenso feinfühliger wie knochenharter, gefährlicher Job. Man kann mit ihm reifen, wenn man stark ist - oder sich verlieren und nie mehr zum eigenen Ich zurückfinden... Going Fast, erstmals im Jahr 1987 veröffentlicht, war der Debüt-Roman von Pat Cadigan, der Queen Of Cyberpunk.Der Apex-Verlag veröffentlicht diesen Klassiker der Cyberpunk-Literatur als durchgesehene Neuausgabe, ins Deutsche übersetzt von Alfons Winkelmann.
Autoren/Hrsg.
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Der Wirklichkeitsfixierer
Nach dem Ausputzen verliert man das Bewusstsein; anschließend träumt man oder lässt sich treiben. Als sich der Nebel hob, lag ich nackt auf einem Podest in einem kistenartigen grauen Raum, während die Gehirnpolizei drinnen und draußen alles fotografierte. Ich sah, wie das Fahndungsholo an der Decke der Butze allmählich Gestalt annahm. Unglaublich. Mein erstes Verbrechen, und schon machten sie ein Fahndungsholo, als wäre ich ein hartgesottener Bewusstseinskrimineller, und zwar wegen etwas, das im Grunde ein Verbrechen ohne Opfer war. Stand dieses Jahr etwa jemand zur Wahl?, fragte ich mich. Oder war ich vielleicht noch immer in der Reinigung und wartete auf eine Behandlung, und dies hier war ein psychotischer Traum? »Haas, Alexandra Victoria«, sagte eine weibliche Stimme. Keine paranoide Vorgaukelung falscher Tatsachen, sondern ganz real. Sie gehörte zu dem weiblichen Officer der Gehirnpolizei, der mich durch das dicke Überwachungsfenster betrachtete. »Ja?«, fragte ich und versuchte, beiläufig und sachlich zugleich zu wirken. »Sie können sich jetzt ankleiden«, sagte sie. Ich setzte mich auf. Am Fußende des Podests lag ein Gefängnisoverall. Ich streifte ihn über, ein Bein nach dem anderen, während ich versuchte, die Gedanken beisammen zu halten. Ich wusste nicht viel über die Gehirnpolizei - nicht eben viele Leute wissen etwas über die Gepo, bis sie mit ihr aneinandergeraten, und jene Leute verlieren später darüber nicht viele Worte in diesem Augenblick jedoch hätte ich mich lieber der Steuerbehörde gegenüber gesehen. Die Steuerbehörde konnte wenigstens deine Gedanken nicht prüfen. Die Frau auf der anderen Seite des Fensters sah nicht so aus wie jemand von der Gestapo; mit ihrem sandfarbenen Haar und dem ungeschminkten Gesicht lag sie hart an der Grenze zur Nicht-Attraktivität. Die Uniform wirkte eher wie etwas, das man sich anzog, wenn man selbst ein wenig malern wollte. Sie blickte gefühllos in meine Richtung, ohne mich direkt anzusehen. Nachdem ich mich angekleidet hatte, öffnete sich dem Podest gegenüber leise eine Tür, und ich trat in einen weiteren kistenartigen Raum. »Nehmen Sie Platz!«, sagte der weibliche Officer und wies auf einen Tisch und zwei Stühle mitten im Raum. Sie blieb am Schreibtisch unterm Fenster sitzen. Ich sah ein kleineres Duplikat meines Fahndungsholos, das sich in einem der beiden Monitore zwischen den Kontroll- knöpfen drehte. Ich setzte mich. »Was nun?« Eine weitere Tür auf der anderen Seite des Raums öffnete sich, und ein rundlicher Mann in beigefarbenen sackartigen Kleidern kam herein. Der Officer wandte sich ab und tat ungeheuer geschäftig am Schreibtisch. Der Mann sah harmlos genug aus; er war nicht größer als ich, aber eine ganze Masse schwerer. Kaum, dass er mir zunickte, als er zu dem Officer hinüberging. Ein paar Minuten lang flüsterten die beiden miteinander. Ich starrte meine Hände auf der Tischplatte an, während ich versuchte, ein paar Worte aufzuschnappen, aber ich verstand überhaupt nichts. Abrupt durchquerte die Frau den Raum und ging. Ich sah ihr nach und schaute anschließend fragend den Mann an; der jedoch war damit beschäftigt, die Monitore zu studieren. Ich wartete ein Weilchen und räusperte mich dann. »Könnten Sie mir nicht wenigstens sagen, ob heute Abend was Gescheites im Fernsehen läuft?« Er spähte über die linke Schulter zu mir herüber. Er sagte, sein Name sei Paolo Segretti und ihm sei mein Fall anvertraut worden. »Wie ich sehe, hast du noch immer deine eigenen Augen«, sagte er nach einer Pause. Seine Augen waren fleischfarbene Biogems. »Ungewöhnlich für jemanden in deiner Lage.« »Und welche Lage ist das?« »Bewusstseinsverbrechen.« »Oh, zum... ich habe für vielleicht zwei Minuten eine Narrenkappe übergestreift. Zwei Minuten! Ich bin nicht hingegangen und habe Kinder unter zwölf Jahren dazu gedrängt, gleiches zu tun, und ich habe niemanden körperlich bedroht. Die Narrenkappe war gestohlen, ja, aber ich habe sie nicht gestohlen. Das ist mein erstes Vergehen!« »Das ist das erste Mal, dass man dich erwischt hat«, korrigierte mich der Mann. »Aber so ist's besser.« »Was ist besser?« »Das Jammern in deiner Stimme. Jetzt hörst du dich mehr nach dem an, was du bist, nämlich eine Frau knapp über der Volljährigkeitsgrenze - ein Alter, das ich persönlich für zu niedrig halte, aber ich bin mir sicher, das interessiert dich nicht -, die eine falsche Abzweigung benutzt hat.« Er lächelte. »Du hast sehr viel Glück, und das meine ich wirklich.« »Weiß ich«, sagte ich ein wenig in der Defensive. »Ich habe keine Ahnung gehabt, dass einen eine Narrenkappe völlig verändern würde, nachdem sie die Psychomimikry ausgelöscht hat. Ich hatte gedacht, es wäre vorüber, nachdem es vorüber gewesen ist.« »Die Narrenkappe, die sich Wirerammer ausgeliehen hat, war unvollständig; sie hatte keine Wiederherstellungs-Vorrichtung, die man braucht, selbst mit der Reinigungssequenz. Sobald man sie überstreift, ist man verrückt, bis man sich einer Heilbehandlung unterzieht. Ist das sein wirklicher Name - Wirerammer?« »Weiß ich nicht. Habe ihn nie gefragt.« Ich holte tief Luft und setzte mich ein wenig aufrechter. »Sie können das womöglich leichter herausfinden als ich. Werfen Sie einen Blick in seine Akte.« Segretti blickte wieder auf die Monitore. »Kann ich nicht. Er ist nicht mein Fall. Ich kann nicht einfach in irgendjemandes Kopf herumschnüffeln, wenn mir danach zumute ist. Ich war einfach nur neugierig. Wirerammer.« Er sprach das Wort sorgfältig aus. »Nee. Kann nicht sein, ist einfach zu gut.« Ich stand auf und ging hinüber, um einen Blick auf die Monitore zu werfen. Auf dem einen lief irgendein Programm mit irgendwelchem numerischen Quatsch; auf dem anderen drehte sich noch immer langsam meine nackte Gestalt neben einer Liste besonderer Kennzeichen - zwei Muttermale auf der linken Schulter, Nase einmal gebrochen undsoweiter. Ich runzelte die Stirn angesichts meines ziemlich quabbeligen Abbilds. Das Haar zeigte ein wenig mehr Rot, als wirklich darin war, und es kräuselte sich auf meine Schultern herab, als befände ich mich unter Wasser. »Was ist los, einzigartige Haas? Gefällt dir nicht, was du da siehst?« »Im Gegenteil. Ich hätte nicht gedacht, so gut auszusehen.« Segretti unterdrückte mühsam ein Kichern. »Hast du jemals den Spruch gehört: Niemand erfreut sich größerer Unbeliebtheit als ein Klugscheißer?« »Ja, und ich bin nicht der Meinung, dass das notwendigerweise zutrifft.« »Na ja, er ist wahrer, als sich mancher Klugscheißer zuzugeben traut. Vor einer kleinen Weile habe ich gesagt, dass du Glück gehabt hättest, damit meinte ich nicht nur, du hast Glück gehabt, dass Wirerammer genügend Anstand hatte, dich bei einer Ausputzerei rauszuwerfen, als ihm aufging, dass du in Schwierigkeiten warst. Ich habe damit gemeint, du könntest von Glück sagen, dass man dich geschnappt hat.« »Man? Sollte das nicht besser wir heißen? Oder sogar Sie?« Er schüttelte den rundlichen Kopf. »Ich gehöre nicht zur Gehirnpolizei. Ich bin dein Anwalt. Und dein Wirklichkeitsfixierer.« Er warf einen Blick auf die Uhr an seinem Hemdärmel. »Ah ja, es ist Zeit.« »Zeit wofür?« Ich versuchte noch immer, die Tatsache zu begreifen, dass ich einen Anwalt hatte, der ein Wirklichkeitsfixierer war - oder umgekehrt. »Für einen kleinen Abstecher. Wir werden zu mir ins Büro hinübergehen, um deine Wirklichkeit zu fixieren.« Ich wich zurück. »Einen Augenblick mal! Was ist, wenn ich nicht möchte, dass man meine Wirklichkeit fixiert?« »Tut mir leid. Das ist Vorschrift nach einer Not-Ausputzerei aufgrund einer illegalen Psychose.« Großartig. Ich wusste nicht so recht, wen ich verfluchen sollte, Jerry Wirerammer, Segretti oder mich selbst. »Nein, Sie dringen in niemandes Bewusstsein ein, wenn Ihnen danach zumute ist, nicht Sie. Sie respektieren wirklich jemandes Privatsphäre, genau Sie.« »Du bist mein Fall«, sagte er strahlend. »Ich werde dich nicht als Gefangene behandeln, und ich werde dich sogar mit einem Essen traktieren.« Juchuu!, dachte ich säuerlich. Überwachung war kaum notwendig. Da mein Fahndungsholo im File lag, hätte ich keinen Kredit nutzen können, und ich hätte noch nicht einmal in mein eigenes Apartment zurückkehren können, ohne die Behörden aufzuschrecken. Ich war kein Jerry Wirerammer. Ich wusste nicht, wie man das Sicherheitsprogramm überlisten konnte. Ich sah allmählich ein, wie schlecht ich auf ein Leben als Kriminelle vorbereitet war, selbst auf ein so niedliches Verbrechen, wie verrückt zu sein, ohne eine Lizenz dafür zu haben. Andererseits wiederum war Jerry Wirerammer darauf vorbereitet gewesen, und man hatte ihn auch geschnappt. Segretti führte mich einen Seiteneingang hinaus, und er stellte klar, dass ich unter seiner Obhut stand, indem er meine linke Hand auf einen Schirm drückte und den eigenen Abdruck darüberlegte. Der große Officer der Gehirnpolizei an der Tür sah nicht wie jemand aus, der viel von jemandes Gehirn wusste; er war mehr wie ein Killer gebaut. Ihm fehlte ebenfalls jeder Ausdruck im Gesicht, genau wie dem weiblichen Officer. »Bin froh, dass ich da raus bin«, sagte ich, als wir in das schwächer werdende Sonnenlicht des Spätnachmittags traten. »Sind die immer so gefühlvoll?« Segretti sah mich an, als könne er sich nicht entscheiden, ob er belustigt sein solle oder nicht. »Sie haben sich das so angewöhnt beim Umgang mit...




