E-Book, Deutsch, 596 Seiten
Cadigan SYNNERS
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-6896-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Cyberpunk-Roman
E-Book, Deutsch, 596 Seiten
ISBN: 978-3-7438-6896-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sex, Drogen und Video - darum dreht sich das Leben vieler junger Menschen auch im 21. Jahrhundert. Nur kommt noch etwas Aufregendes hinzu, etwas, das unheimlich antörnt, das dich aber auch schaffen und ausknipsen kann: das Synning, das Interface mit der elektronischen Apokalypse, der Trip in die irrsinnigen Welten der Realitäts-Synthesizer. Synners, erstmals im Jahr 1991 veröffentlicht, ist der zweite Roman von Pat Cadigan, der Queen Of Cyberpunk, und wurde 1992 mit dem Arthur-C.-Clarke-Award ausgezeichnet.Der Apex-Verlag veröffentlicht diesen Klassiker der Cyberpunk-Literatur als durchgesehene Neuausgabe, ins Deutsche übersetzt von Michael Windgassen.
Autoren/Hrsg.
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1.
»Ich geh kaputt«, sagte Jones. Die Tätowiererin - ein Bild von Frau - unterbrach die Arbeit an den Lotusblüten, die sie einem Ausgeflippten, der halb ohnmächtig auf dem Stuhl hing, in den Arm ritzte. »Was? Doch nicht schon wieder.« »Lach mich nicht aus, Gator.« Jones fuhr mit der Knochenhand durch die Panikfrisur. »Wer lacht denn? Siehst du mich lachen?« Sie rutschte auf dem hohen Hocker hin und her und hielt den Arm des Klienten näher ans Licht. Die Lotusblüten hinzukriegen, war besonders schwer, weil sie haargenau dem Entwurf entsprechen mussten, und Gators Augen waren nach stundenlanger Nachtsitzung völlig überanstrengt. »Über jemanden, der so oft stirbt wie du, kann ich nicht mehr lachen. Im Ernst, eines Tages spielt dein Kreislauf nicht mehr mit, und dann machst du endgültig schlapp. Vielleicht sogar schon bald.« »Sei's drum.« Jones wandte den Blick von dem Schädel-und-Rosen-Entwurf ab, der an der Zeltwand steckte. »Keely ist verschwunden.« Stirnrunzelnd setzte Gator die Nadel wieder an und punktierte die dekorierte Haut. Wie die meisten Penner der Mimosa-Szene hatte auch der Ausgeflippte eine äußerst dünne Haut. Aber immerhin war er geduldig wie Papier. »Was hast du erwartet? Die Beziehung zu einem Typen, der ständig abzunibbeln droht, muss doch früher oder später in die Binsen gehen.« Sie sah ihn aus ihren großen, grünen Augen an. »Lass dir helfen, Jones. Du bist süchtig.« Sein bitteres Grinsen veranlasste sie, den Blick wieder schnell auf die Lotusblüten zu richten. »Klar doch«, sagte er. »Warum auch nicht? Damit komm ich gut zurecht. Lieber kratze ich ab, als mich noch einen weiteren Tag mit Depressionen rumschlagen zu müssen. In dem Fall würde ich endgültig Schluss machen, ein für alle Mal.« »Ich sag's ja nicht gern, aber dass du auch jetzt ganz tief durchhängst, ist nicht zu übersehen.« »Deshalb will ich ja Schluss machen. Und außerdem: Keely hat mich nicht verlassen; er ist verschwunden.« Die Tätowiererin legte wieder eine Pause ein, senkte den schlaffen Arm des Klienten in den Schoß und zog neue Tinte auf die Nadel. »Worin liegt da der Unterschied?« »Er hat eine Nachricht hinterlassen.« Jones kramte ein zerknittertes Stück Papier aus der Gesäßtasche und reichte es ihr. »Halt's ins Licht. Ich hab beide Hände voll.« Er tat, was sie verlangte, und wartete auf ihren Kommentar. »Na, was sagst du?«, fragte er schließlich. Sie schob seine Hand beiseite und beugte sich über die Arbeit. »Halt mal für einen Moment die Klappe. Ich denke nach.« Plötzlich dröhnte laute Musik von draußen; die Band, die schon die ganze Nacht Rabatz machte, hatte wieder voll aufgedreht. Jones schreckte auf wie ein elektrifiziertes Huhn. »Scheiße, wie kannst du bei dem Krach nachdenken?« »Ich versteh dich nicht; die Musik ist zu laut.« Sie wackelte mit dem Kopf im Takt zur Musik, vollendete das blumige Detail auf dem Arm des Ausgeflippten und legte die Nadel in einer Metallschale ab. Eine letzte Blüte noch, dann wäre der Strauß komplett, und sie würde den Penner zurückschicken können, von wo er gekommen war, nämlich unter die Brücke. Sie richtete sich auf und drückte mit der Hand von hinten gegen die Bandscheiben. »Wenn du wirklich entschlossen bist zu sterben, solltest du mir vorher den Nacken massieren.« Er machte sich daran, ihr die Schultern zu kneten. Die Musik wurde ein wenig leiser und entfernte sich über den Brettersteg. Da war wieder einmal eine Spontanfete im Schwange. Viel Spaß, Kinder; meldet euch, wenn ihr mit Bewährung davonkommt. Ein großgewachsener Mann mit knöchellangem Cape stürmte so ungestüm ins Zelt, dass Jones erneut zusammenschreckte. »Aua!« Gator schlug Jones' Hand von der Schulter. »Verdammt, was glaubst du, wer du bist? Hephaistos?« Auch wenn Jones in der griechischen Mythologie bewandert gewesen wäre, hätte er dieser Anspielung keine Beachtung geschenkt. Er starrte auf die schwarzen Schlingenmuster, die der Faltenwurf des weißen Capes in wogende Bewegung brachte, und zwar so dynamisch und verworren, dass der Anblick schwindelig machte. »Hübsch«, sagte Gator und rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Stelle, an der sie Jones gekniffen hatte. »Bei wem lässt du schneidern? Bei Mandelbrot?« Der Mann drehte sich um und schlug den Umhang weit auf. »Dafür kann man doch sterben, oder?« »Schlechte Wortwahl«, brummte Gator. »Außerdem hast du dich offenbar in der Adresse geirrt. Gestrafft wird die Haut bei mir nicht.« »Eigentlich suche ich jemanden.« Er wandte sich dem Ausgeflippten zu, der schlaff in der Lehne hing, und musterte vornübergebeugt dessen Gesicht. »Fehlanzeige. Na schön.« Wieder aufgerichtet brachte er das Cape noch einmal in Wallung. Der Stoff moirierte gewaltig. »Wenn ihr Lust habt, kommt mit nach Fairfax. Da lassen wir was steigen.« »Fairfax ist ein langweiliges Kaff«, antwortete Gator. »Deshalb wollen wir's in Schwung bringen.« Der Mann grinste erwartungsvoll. »Tja, du bist mir einer«, bemerkte Gator wie zur Antwort. »Ich bin wahnsinnig begeistert, aber wie du siehst, hab ich zu tun.« Er schaute zu Jones rüber, der immer noch wie gebannt das Cape fixierte. »Ihr von der Mimosa-Szene seid ein paar seltsame Typen.« »Du musst es ja wissen«, sagte sie. »Letztes Angebot. Keine Lust?« Er beugte sich ein wenig vor. »Ein Küsschen zum Abschied?« Sie lächelte. »Davon darfst du träumen.« »Das tu ich. Du kommst in mein nächstes Video.« »Valjean!«, brüllte jemand von draußen. »Kommst du endlich?« »Bin kurz davor!«, rief er zurück und rauschte hinaus in einem Strudel verschnörkelter Ornamentik. »Massier weiter! Du bist noch nicht entlassen.« Gehorsam machte sich Jones wieder an Gators Schultern zu schaffen. Die Musik hatte sich verzogen; es war relativ ruhig geworden. Weiter unten auf der Straße startete jemand zu einer Synthesizer-Improvisation in Moll. »Ich finde«, sagte sie nach einer Weile, »du solltest deinen Frieden machen mit dem, was du für das Höchste Wesen hältst. Die volle Beichte.« Jones gab ein kurzes, harsches Lachen von sich. »Klar doch. Sankt Weckmann könnte mir womöglich wirklich helfen.« »Man kann nie wissen.« »Damit hab ich nichts am Hut.« »Du weißt anscheinend doch Bescheid. Offenbar bist du unheilbar informiert. Zeig mir Keelys Nachricht noch mal.« Er reichte ihr den Zettel, und sie las, während er ihr die Schädelbasis massierte. »Dive, dive kann eigentlich nur heißen...« »Ich weiß, was das heißt«, unterbrach sie. »Kapsel vom grünen Dotter trennen, zum Mitnehmen. Bdee-bdee. Das bdee-bdee gefällt mir besonders.« Jones lachte. »Da siehst du's. Keely ist derjenige, der Hilfe braucht, nicht ich. Diese B&E-Scheiße. Bruch und Einstieg. Ich habe ihn gewarnt. Eines Tages wird man dich erwischen, hab ich ihm gesagt. Und angefleht hab ich ihn, dass er sich helfen lassen soll...« »So wie du dir helfen lässt? Mit Implantaten vom Wonne-Werk, dem alles egal ist, solange deine Versicherung auf kommt?« Sie wand sich aus seinen knetenden Fingern und trat vor den Laptop, der auf einem Tisch in der Zeltecke stand. Der Bildschirm zeigte das verästelte Abbild einer Efeuranke, die sich rotierend aus verschiedenen Perspektiven darstellte. Sie tanzte mit den Fingern über die Tastatur. Dem Efeu wuchsen eine Reihe neuer Blätter. Sie drückte eine andere Taste, und der Bildschirm teilte sich in zwei Hälften, verdrängte den Efeu nach rechts und ließ links ein Menü aufscheinen. »Mal sehen, was sich erfahren lässt«, sagte sie und wählte mit dem kleinen Finger eine bestimmte Menüzeile an. »Und schluck Keelys Wisch so, wie er ist.« »Wenn ich schon sterben muss, dann lieber mit nüchternem Magen.« Statt darauf zu antworten, seufzte sie nur. Auf der linken Bildschirmhälfte tauchte in großen Blockbuchstaben der Hinweis auf: Dr. Fishs Antwort-Maschine. Einhändig tippte Gator das Wort Tätowierungen ein. U/l oder d/1?, wollte der Computer wissen. Sie wählte U/1, wartete einen Moment lang und drückte dann eine weitere Taste. Die Teilung in der Schirmmitte verschwand, während sich die Oberfläche neu auflud. Der rotierende Efeu blieb stehen und wurde ausgeblendet. Der Doktor bedankt sich für Ihr Vertrauen und empfiehlt: richtige Ernährung, viel Ruhe, regelmäßige Entgiftung und die Konsultierung eines Arztes, bevor auf eigene Faust irgendein Sportprogramm angefangen wird. Der Bildschirm wurde blank, und Gator langte nach einer Zigarette. »Keiner weiß Bescheid«, sagte sie. »Morgen werde ich die Antwort-Maschine finden und feststellen, ob...« Plötzlich machte es rums. Jones lag kieloben im festgetretenen Sand. Tot. Gator stöhnte. »Ach, du Scheiße. Jetzt hat er's doch tatsächlich wahrgemacht, dieses erbärmliche Stück Dreck. In den Mülleimer sollte ich ihn kippen. Aber Keely hätte wohl was dagegen, weiß der Himmel, wieso.« Sie wandte sich wieder dem Laptop zu und rief die gespeicherte Kopie des Schädel-und-Rosen-Entwurfs auf, für den sich merkwürdigerweise Jones so sehr interessiert hatte. Gator fühlte sich erneut in ihrer Theorie bestätigt, wonach jedem Kunden eine - mindestens eine - ganz bestimmte Tätowierung im wahrsten Sinn des Wortes auf den Leib zugeschnitten war - ob er sie nun auf der Haut trug oder nicht. Möglich, dass Jones weniger von den Rosen als vielmehr vom Schädel hingerissen war; allerdings konnte Gator mit anderen Mustern aufwarten, die den...




