E-Book, Deutsch, 424 Seiten
Caleena Bob, Baby
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2177-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Winter Sport Romance
E-Book, Deutsch, 424 Seiten
ISBN: 978-3-6951-2177-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Mutter von drei Kindern, Ehefrau eines Amateurfußballers und Paragraphenreiterin in Teilzeit hat Rheinländerin Anna Caleena theoretisch nicht viel Freizeit. Falls sich dennoch mal eine Lücke ihn ihrem Tagesplan auftut, setzt sie sich leidenschaftlich gern an den Laptop und fantasiert, inspiriert von diversen Beobachtungen aus Beruf und Alltag, Geschichten über nicht ganz so perfekte Menschen zusammen
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 2
Die letzten Sekunden vor dem Start: Felix gibt mir einen Handschlag.
Wie ein Pferd scharre ich auf der Eisbahn. Allerdings habe ich keine Hufe, sondern mit Spikes bestückte Sohlen. Meine in Funktionshandschuhen steckenden Hände umfassen hibbelig die Anschubgriffe.
»Steht …«
»Fertig …«
»Uuuund …«
Während meines langgezogenen Unds laufen wir los – Felix am Pilotenanschubbügel und ich von hinten schiebend. Von null auf hundert. Alle Muskeln des Körpers sind involviert. In wenige Sekunden muss ich all das legen, wofür ich die ganze Zeit so hart trainiere.
Felix schmeißt sich als Erstes in den Rennbob. Ich folge ihm unmittelbar und klappe den Anschubbügel des Piloten ein, indem ich an einem Seil links neben mir ziehe. Und dann – um die Aerodynamik nicht zu stören – mache ich mich so klein, wie es nur geht mit 1,90 Meter Körpergröße im Zweierbob. Den Kopf halte ich unten. Es sind circa fünfzig Sekunden, wobei es bei uns eher auf die Nachkommastellen ankommt. Die G-Kräfte wirken auf mich ein, doch ich sehe nichts. Das Wichtigste ist, die Fahrt nicht zu behindern. Daher versteife ich mich wie ein zusammengeklapptes Brett, während Felix den Bob mit locker hundertzwanzig Sachen die Kunsteisbahn heruntermanövriert. Ich zähle die achtzehn Kurven mit. Schon etliche Male bin ich hier heruntergefahren, ich kenne die Strecke in- und auswendig. Und dann ist es geschafft.
Der Bob verlangsamt sich und ich richte mich auf. Meine Augen kleben an der Anzeigetafel am Ende der Bahn. Und das, was sie sehen, macht mich etwas nervös. 50:48 Sekunden. Felix, mein Pilot, steigt als Erster aus dem Bob aus. Seufzend zieht er seinen Helm vom Kopf und meidet meinen Blick, während er auf unseren Trainer Harald zuläuft.
Harald fängt sofort an, ihn damit vollzusülzen, was alles schiefgelaufen ist und was er verbessern kann. Natürlich liegt es am Start, dass wir es nicht unter die fünfzig Sekunden geschafft haben. Und selbstverständlich an mir, da sind die beiden sich blind einig. Doch viel wichtiger ist ihnen die Analyse des Fahrverhaltens von Felix. Denn wir alle sind Bobteam Brandl. Felix nickt alles wohlwollend ab und quittiert Haralds Ausführungen gelegentlich mit einem »Ja« oder »Okay«. Wie sollte es auch anders sein? Seit frühester Kindheit wird dieser Sonnyboy wahrscheinlich von seinem Vater zu einem perfekten Bobpiloten herangezüchtet.
Harald Brandl ist vieles: mehrfacher Olympiasieger, bis vor ein paar Jahren Bahnrekordhalter, Vater von Felix, Standorttrainer im Berchtesgadener Land und seit zwei Jahren auch Bundestrainer. Er hat mich damals aus einem Perspektivkader in Felix’ Team geholt und mir somit die Chance eröffnet, ganz oben mitanzuschieben und mir einen Kindheitstraum zu erfüllen, wobei der geringfügig anders aussah. Doch auch hier schläft die Konkurrenz nicht. Die Startphase dauerte zu lange, die erste Geschwindigkeitsmessung war ernüchternd. Der berühmte Satz mit x – das war wohl nix!
Nachdem ich mir den Helm vom Kopf gezogen und mit angepackt habe, um den Bob von der Bahn zu hieven, verschwinde ich in Richtung Umkleidekabine. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von den Umkleiden durchschnittlicher Fitnessstudios. Dunkle, abschließbare Spinde reihen sich aneinander, gegenüber stehen Sitzbänke, um die Ecke befindet sich eine Sammeldusche. Ich bleibe einen Moment in meinem schwarzen Rennanzug vor dem Spiegel stehen und betrachte mich. Meine Haare sind verschwitzt, obwohl es nur wenige Sekunden Anstrengung waren. Wahrscheinlich liegt es an der Nervosität. Mein Gesicht ist knallrot. Das passiert mir leider häufiger, da ich quasi keine Pigmente auf meiner Haut habe, höchstens ein paar Sommersprossen, die sich im Laufe des Sommers auf meine Nase setzen. Immerhin harmoniert mein Teint heute mit meiner kupferfarbenen Haarpracht.
Ich spüre es: Ich hab’s mal wieder vergeigt. In wenigen Tagen beginnt die Saison und ich werde nur dann einen Platz im Zweier- oder Viererbob ergattern, wenn einer meiner Teamkameraden ausfällt. Es ist bisher fast jedes Mal so gewesen. Irgendwas war immer: eine Millisekunde zu langsam – eine Woche zu lange krank – ein im Nachhinein betrachtet ungünstiger Wechsel in ein anderes Team. Seit ich in Felix’ Team bin, habe ich den Sprung von der Ersatzbank in die Startaufstellung kein einziges Mal geschafft. Und nun bin ich dreißig. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, um mir meinen Lebenstraum zu erfüllen.
Grummelnd gehe ich zu meinem Spind, halte den Transponder an das Schloss und es öffnet sich. Mit einer Hand wühle ich in meiner offenen Sporttasche herum, bis ich meine Trinkflasche erwische und sie herausziehe. Mit einem lauten Zischen springt sie auf und ich nehme ein paar Schlucke. Da höre ich, wie die Tür aufgeht und jemand den Raum betritt.
»Bayer, du alte Schlunze! Was ist los mit dir? Du guckst wie auf ’ner Beerdigung.« Ali kommt mit großen Schritten auf mich zu und wuschelt mir aufmunternd durch die Haare, was sicherlich nicht dazu beiträgt, dass ich mich besser fühle.
»Bin ich ja auch«, gebe ich genervt zurück. »Ich beerdige heute offiziell meine Träume. Bock auf Reueessen, heut Abend?«
Lachend setzt er sich zu mir auf die Bank. »Ach, komm schon! Wegen einem schlechten Lauf? Was ist denn überhaupt schiefgegangen?«
Während ich niedergeschlagen die Ellbogen auf meine Oberschenkel stütze, fangen meine Finger damit an, am Trinkflaschenverschluss herumzuspielen. »Das Übliche. Ich war zu spät drin und im Antritt zu langsam. Felix hat kurz vor der ersten Zeitmessung zwar auch übersteuert, doch angekreidet wird es mir. Bisher die schlechteste Zeit im Trainingslauf.«
Ali pustet einen Schwall Luft aus. »Ja, das ist natürlich Mist. Aber so ist das nun mal. Team hin oder her, die besten sind am Zug. So funktioniert Sport.«
»Ich weiß«, knurre ich genervt.
Ali richtet sich wieder auf und öffnet seinen Spind, um sein Handy herauszunehmen. »Dann häng hier nicht so deprimiert rum, sondern schwing deinen Hintern nach oben in den Konferenzraum. Wenn es dieses Mal nicht reicht, dann vielleicht nächstes Mal.«
Wäre ich bloß geflüchtet. Oder einfach unter der Dusche geblieben. Denn auf die geschwollene Rede von Trainer Harald hätte ich wirklich verzichten können. Grandiose Leistung von allen – leider nur vier Plätze im Viererbob – eine ganz knappe Entscheidung – die Saison ist noch lange nicht gelaufen für uns … Wenn er für jeden Spruch einen Euro ins Phrasenschwein werfen müsste, dann wäre das Bobteam Brandl nun insolvent.
Ich starre derweil aus dem Fenster. Schnee liegt hier noch nicht. Wäre auch eher ungewöhnlich, Ende Oktober. Die Eisbahn ist immerhin schon lange eingefroren, unter dem Einsatz von sehr viel Energie.
Das Berchtesgadener Land ist eine wirklich schöne Gegend. Im klaren Königssee spiegeln sich die Berge, während dunkle Tannen hier und da in kleinen Grüppchen beieinanderstehen. Saftig grüne Almwiesen, urige Bauernhäuser, Panoramarad- und -wanderwege – Idylle pur. Ich wollte immer schon mal im Sommer hier eine Mountainbiketour machen, doch dazu gab's bis jetzt einfach keine Gelegenheit. Mein Jahr ist durchgetaktet bis zur letzten Minute. Und selbst das hilft nicht: Ich bin ein verdammter Loser!
»Oiso, Benni, könna mia auf di zähln?« Die laute Stimme von Harald weckt mich aus meinen Tagträumereien.
»Ääh, was?«
»Na, ob du’s machsd? Hosd du etwa ned zughört?«
»Doch, doch«, lüge ich meinem Trainer ins Gesicht, der mich nur mit hochgezogener Augenbraue anblickt. »Ich habe es bloß gerade akustisch nicht verstanden.«
»Okay, Benni machds«, knurrt er genervt. »Wenn’s ihm koa Freid bereitet, dann kann er sich bei da nächsdn Besprechung ja a wenig zammenreißa.«
Alle Augenpaare sind einen Moment lang weit aufgerissen und auf mich gerichtet. Ein unbehagliches Gefühl macht sich in mir breit. Wovon zur Hölle hat er gerade gesprochen? Fragend suche ich Augenkontakt mit meinem Team, werde aber durchweg ignoriert, da Harald mit seiner Ansprache fortfährt. Schon klar, keiner von den Jungs möchte der Nächste sein, der vom Coach ermahnt wird oder irgendeine Strafarbeit aufgedrückt bekommt. Detailliert fasst Harald den Ablauf des ersten Rennens zusammen. »… Zua guada Letzt möchd i no darauf hiweisn, dass mia uns alle stets von da Schokolodnseitn zeign miassn. Mia hobn de Kosdn für de Saison imma noch ned gdeckt. De Wirtschoftskrise hod unsa Sponsorn teilweise hart gtroffa und a paar san sogar abgsprunga. 's is bei uns ned so wia bei den Fuaßballern, dass Eafolg aloa für unsa Überlebn sorgt. Mia san ned nur Sportler, mia san auch Entertainer. Daher seid aktiv, auf Instagram, TikTok oder wos weiß i, wos da momentan Trend is. I wär dann fertig und sog amoi bis...




