E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Caligo Dariks Memoiren
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-5010-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seelensammler
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7504-5010-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Phantastikautoren. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.
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Die Nacht der Wölfe
I Diese Gedanken flogen mir unentwegt durch den Kopf. Gefolgt von Mailiens entsetztem Gesicht, als ich ihr den Dolch in die Brust gerammt hatte. Natürlich konnte ich nichts dafür, dennoch verfolgten mich ihr Blick, ihre dunklen Augen und die Angst, die darin zu lesen war. Sie würden mich erst loslassen, wenn ich mein Versagen aus der Welt geräumt hatte.
Mit steifen Fingern schob ich mir den Schnee von der Nase. Meine Füße versanken immer wieder tief in dem weißen Unheil. Die Hosenbeine waren bereits steif gefroren. Ich schüttelte den Schnee von meinem Mantel. Gelegentlich wünschte ich mir, im Tiefland geblieben zu sein. Dort war es zu dieser Jahreszeit bedeutend milder. Ich empfand Kälte nicht so intensiv wie gewöhnliche Menschen. Zwar spürte ich sie, aber zum Zittern brachte sie mich nicht. Sie hatte jedoch eine lähmende Wirkung auf mich. Wenn ich ihr zu lange ausgesetzt war, vermochte ich meine Glieder nicht mehr zu bewegen. Einmal war ich in einen Schneesturm geraten und eingeschlafen, für Menschen der sichere Tod, ich dagegen erwachte mit dem Frühlingstau.
Mein Vorhaben duldete keinen Aufschub. Ich konnte nicht bis zum Frühjahr warten, bis ich in die Berge aufbrach. Meine Verantwortung drängte mich dazu.
Zumindest hatte es aufgehört zu schneien.
Zu beiden Seiten des zugeschneiten Weges ragten die Nadelbäume wie eine finstere Wand auf. Es würde nicht lange dauern, bis die Nacht endgültig hereinbrach. Der Mond stand bereits am Himmel, als Vorhut für eine Armee von Sternen.
Als sich die Decke der Nacht über die Landschaft ausbreitete, wurde ich eines flackernden Lichts am Ende des Weges gewahr.
!
Ich kämpfte gegen den Schnee und die Steifheit meiner Glieder, nur um alsbald vor einem gewaltigen Tor zu stehen. Es wirkte so, als könne es selbst einer Armee der Unterwelt standhalten. Das Tor bestand aus ganzen Baumstämmen und war mit Eisen beschlagen. Natürlich musste man sich so hoch in den Bergen vor ausgehungerten Tieren schützen, aber solch ein Tor schien ziemlich überzogen. Vermutlich stand man hier Fremden nicht sehr wohlwollend gegenüber. Allem Unbehagen zum Trotz blieb mir keine andere Wahl, ich musste dort hinein. Mit der Faust drosch ich gegen die massive Pforte.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, da wurde ein Sichtschlitz aufgerissen, der an eine Schießscharte erinnerte. Ich rechnete mit der Spitze eines Armbrustbolzens, der sich mir entgegenrecken würde und einer unfreundlichen Stimme, die mich in den Wald zurückschickte.
In der Schießscharte tauchte eine Gestalt auf, deren Augen aus dem Schatten seiner Kapuze funkelte. Von seinem Gesicht war nicht mehr als ein zotteliger Bart zu erkennen, der Rest lag im Dunkeln.
»Bei allen Göttern!«, rief er aus, als er mich sah und zog sich zurück. Der Sichtschlitz wurde zugeschlagen.
Ich wollte bereits erneut anklopfen und um ein Nachtlager betteln, da vernahm ich das Krachen mehrerer Schlösser, darauf wurden etliche Riegel beiseitegeschoben. Schwerfällig schwang ein Flügel des Tores auf. Der Wächter musste sich mit seinem ganzen Körper dagegenstemmen, um ihn aufzuschieben. Ich blickte den Stadtwächter überrascht an.
»Was ist, Mann? Wollt Ihr da draußen erfrieren?« Er winkte mich hinein.
Als ich hindurchgeschritten war, zog er das Tor bereits wieder zu, dabei legte er alle Kraft in seine Tätigkeit. Der Erbauer wusste um die Schwere dieser Pforte und hatte deshalb mehrere schmiedeeiserne Griffe angebracht. Ich packte mit an. Dabei wurde mir einmal mehr klar, wie stark die Befestigung war. Einige der Scharniere des Tors, waren verkehrt herum befestigt, sodass man die Pforte nicht einmal aus den Angeln heben konnte. Die Palisaden, um die Kleinstadt waren sogar noch robuster, sie bestanden mindestens aus zwei Reihen Baumstämme und waren ebenfalls mit Eisen verbunden.
Der Wächter schob zwei gigantische Riegel vor, die er mit darübergelegten Eisen fixierte, die zusätzlich mit zwei unterschiedlichen Schlüsseln abgesperrt wurden.
Ich konnte mir darauf keinen Reim machen. Was sollte das? Noch nie hatte ich solch eine Befestigung gesehen.
»Danke«, sprach der Wächter außer Atem und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Jetzt kommt, ich bringe Euch zum Gasthof, Ihr seid ja ganz durchgefroren.«
Ich trottete ihm überrascht hinter. Noch nie war ich so freundlich empfangen worden, er machte sich nicht die Mühe, mich nach Waffen zu durchsuchen. Andernorts wurde man erst einmal an die Wand gestellt und abgetastet. Dieser Stadtwächter dagegen stellte nicht eine einzige Frage nach meinem Gepäck.
»Kommt Ihr von weit her?«, erkundigte er sich.
»Ich bin den ganzen Tag durchgelaufen, um vor Einbruch der Nacht hier zu sein«, wich ich aus.
»Dann ist unser Gasthaus genau das Richtige für Euch. Da ist noch jeder Wandersmann zu neuen Kräften gekommen«, versprach er. »Morgen früh fühlt ihr Euch wie neu geboren.« Im Schatten der Kapuze des Wächters sah ich nur seine blitzenden Zähne.
Die Häuser im Ort waren aus Stein gebaut. Sie sahen so aus, als würden sie hier schon ewig stehen. So viele Steine in den Wald zu karren, musste eine enorme Anstrengung gewesen sein. Holz wäre leichter zu beschaffen. Aber nur wenige Bauteile der Häuser bestanden aus diesem Material. Auf den Straßen brannten hier und da einzelne Laternen, um die verschneiten Wege zu beleuchten. Außer mir und dem Wächter wagte sich jedoch niemand vor die Tür.
Das Schild an der Taverne, auf dem ein Wolfskopf abgebildet war, wiegte in dem eisigen Lüftchen. Die Metallringe sangen ein einsames Lied. Durch die beschlagenen Fenster schien flackerndes Licht und durch die Tür drangen die Stimmen der Eingekehrten.
Der Wächter bugsierte mich die Stufen zum Gasthaus hinauf, öffnete die Tür und schob mich, gegen meinen schwachen Widerstand hindurch. ! Allerdings war die Wärme, die mir entgegenschlug, die Einkehr wert. Die Luft war abgestanden. Aber es stand mir frei, zu atmen. Ich entschied mich dagegen, nach nur einer Probe dieses Sammelsuriums aus Schweiß, Rauch und nasser, ungewaschener Kleidung.
Der Schankraum war gut gefüllt. Hier traf man sich zu einem geselligen Beisammensein, an einem kalten Abend. Es wurde Karten gespielt, gewürfelt, getrunken und gelacht. Der kalte Wind pfiff herein und sogleich verstummten alle Gespräche. Die Augen der Versammelten hefteten sich auf mich. Ich wurde neugierig von oben bis unten gemustert.
»Matres!«, rief der Torwächter die Gastwirtin.
Durch eine breite Tür zwängte sich eine noch breitere Frau. Flink kam sie auf uns zu gewatschelt.
»Ich habe diesen armen Tropf vor dem Tor gefunden. Er muss sich aufwärmen und dringend etwas essen«, erklärte er meine Situation.
»Selbstverständlich.« Sie bedachte mich mit einem mitleidigen Blick. Ohne auf meinen Einspruch zu achten, nahm sie mir den Mantel ab. Sie legte einen Arm um mich, wobei sie mich an ihre ausladende Brust drückte. Dabei gewährte sie mir einen tiefen Einblick in ihren Ausschnitt. Der Ausblick interessierte mich wenig. Meine Vorliebe galt Frauen, deren Gestalt etwas definierter war.
»Ich komme schon zu -«
Sie schnitt meine Einwände mit einer Handbewegung ab und schob mich überraschend geschickt durch die Gäste. Die Blicke der Zechenden, die ich einfing, waren durchweg freundlich, ja wohlwollend. Ein seltsamer Ort. Fremden brachte man selten so viel Warmherzigkeit entgegen.
Mein Transport endete auf einem Stuhl, nah am Feuer. Den letzten Platz, den ich gewählt hätte. Allerdings war das heimtückische Element in dem Kamin eingesperrt. So erlaubte ich meinen Feind, mich zu wärmen. »Gib es zu, eigentlich sehnst du dich nach meiner Umarmung, dich mit mir zu vereinen«, schienen die Flammen zu flüstern.
»Was darf es sein, Bier? Wein?«, erkundigte sich die Schankwirtin.
Auch wenn es schwerfiel, sah ich an ihr vorbei. Die anderen Gäste gingen wieder zu ihren Gesprächen und Spielen über. Ich blickte zu der Frau auf. Sie stand so dicht bei mir, dass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Ihr ausladender Busen nahm mein ganzes Sichtfeld ein. So gab ich meine Bestellung ihren Brüsten auf. »Danke«, lehnte ich ab. »Nur ein Fußbad hätte ich gern.«
»Ein Fußbad«, wiederholte die sprechende Brust überrascht.
»Ja, meine Füße sind steifgefroren.« Das war nicht gelogen.
»Na gut«, Matres trottete enttäuscht davon, als hätte ich ihren Heiratsantrag zurückgewiesen.
Mein Blick heftete sich an die niedrige Decke. In Gedanken verwünschte ich sie.
Schon kam die Wirtin mit einem Kübel Wasser zurück und schob ihn unter den Tisch. »Lauwarm«, erklärte sie. »Zu heiß, ist unangenehm, wenn...




