E-Book, Deutsch, Band 1, 356 Seiten
Reihe: Gestalt-Übungs-Praxis
Callahan / Flasche Handbuch der Gestaltpraxis
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-0711-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
in der Tradition von Dick Price
E-Book, Deutsch, Band 1, 356 Seiten
Reihe: Gestalt-Übungs-Praxis
ISBN: 978-3-7568-0711-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor John F. Callahan ist Jurist und es ist ihm auf Grund seiner eigenen umfassenden Erfahrungen in den Kursen von Richard (Dick) Price und anderen Gestaltpraktikern ein Anliegen, die Gestaltpraxis in der Tradition von Dick Price lebendig zu halten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil 1: Gestaltpraxis
Einführung
Die Gestaltpraxis ist nicht nur eine weitere Form der Psychotherapie. Gegenwärtig ist die Psychotherapie eine Sammlung von kognitiven, verhaltenstherapeutischen und pharmakologischen Methoden zur Behandlung sorgfältig diagnostizierter Symptome. Im Gegensatz dazu befasst sich die Gestaltpraxis mit dem Leiden, das aus der Armut des Seins entsteht[2]. Der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes für die Gestaltpraktiker[3] besteht darin, dass sie von den Kulturkriegen des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs sowie von den Marketingstrategien der Pharmaunternehmen befreit sind.
Die Gestaltpraxis ist ein phänomenologisch-existenzieller Prozess der Selbstentdeckung. (Eine kurze Erläuterung der Phänomenologie und des Existenzialismus finden Sie in Teil 14 dieses Handbuchs.) Im Grunde genommen ist die Gestaltpraxis eine Gewahrseinsübung, bei der das Erleben des gegenwärtigen Spürens, Wahrnehmens, Fühlens und Verhaltens gegenüber der Interpretation in den Vordergrund gestellt wird. In der Gestaltpraxis wird die Analyse als weniger zuverlässig angesehen als das unmittelbare Erleben des Lebens.
Das Ziel eines Gestalt-Reflektors ist es, die Arbeit eines Gestalt-Initiators zu erleichtern, ihm dabei zu helfen, vollständiger lebendig zu werden – frei von unerledigten Aufgaben und innerpsychischen Blockaden, die Zufriedenheit, Kreativität und Wachstum hemmen. (Initiator und Reflektor sind im Glossar definiert.) Um diese Aufgabe zu erfüllen, konzentriert sich die Gestaltpraxis auf die Aspekte des Erlebens des Initiators, die als die wichtigsten angesehen werden – nämlich das Gewahrsein des Initiators im gegenwärtigen Moment, die Fähigkeit des Initiators zur Selbstregulierung und zur Befriedigung seiner Bedürfnisse sowie die Beziehungen des Initiators, einschließlich der Modellbeziehung zum Reflektor. Das übergeordnete Ziel besteht darin, dem Initiator zu helfen, sich seiner Bedürfnisse mehr gewahr zu werden, damit er die Verantwortung für die Befriedigung dieser Bedürfnisse auf transparente Weise übernehmen kann.
Gestalt konzentriert sich auf das, was hier und jetzt existiert. Die Initiatoren werden in der Gestaltarbeit auf den Unterschied zwischen dem Reden über Vergangenes – sei es gestern oder in der Kindheit – und dem Erleben dessen, was jetzt gerade geschieht, aufmerksam gemacht. In der Gestaltpraxis lernt ein Initiator, zwischen seinen Erinnerungen und der Gegenwart zu unterscheiden, zwischen gewohnheitsmäßigen Verhaltensmustern und neuen Wegen des Seins.
Ein Gestaltpraktiker hilft dem Initiator, seinen Prozess des In-der-Welt-Seins direkt zu erleben. Die Gestaltpraxis lehrt eine Person, wie sie – mit dem Ziel innerhalb des Horizonts ihrer eigenen Umwelt unterstützender zu werden – ihr inneres und äußeres Gewahrsein zustande bringt. Durch Hier-und-Jetzt-Experimente wird das Gewahrsein verbessert und der Initiator der Arbeit entdeckt seine Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbstverantwortung.
Das Gestaltziel des unmittelbaren Gewahrseins ist kraftvoller als abstrakte Diskussionen. Die meisten therapeutischen Systeme fördern das Intellektualisieren – das Reden über die Irrationalität der Gedanken und Glaubenssätze oder das Reden über Verhaltensänderungen. Stattdessen setzt die Gestaltmethode aktive Techniken ein. Beim fortwährenden Experimentieren liegt der Schwerpunkt auf dem Erleben. In der Gestaltpraxis geht es darum, den Gewahrseinsprozess durch die Ausdehnung des Erlebenshorizonts zu fördern und nicht durch das Nachdenken über den Inhalt des Erlebens.
Der Prozess des Lebens ist ein fortwährender Rhythmus der Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung. Alle Lebewesen verarbeiten Energie und Information. Prozess ist für das Leben grundlegend. Aus diesem Grund beruht die Gestaltpraxis stärker auf dem Prozess – dem lebendigen Erleben dessen, was gerade geschieht – als darauf, was dieses Erleben „bedeutet“. Die Betonung liegt also auf dem, was im gegenwärtigen Moment getan, gespürt und gefühlt wird, und nicht auf dem, was sein könnte oder hätte sein sollen. Das Ziel für einen Initiator ist es, zu lernen, wie er sich dessen gewahr wird, was er spürt, was er fühlt, was er tut und wie er es tut, und gleichzeitig wie er seine Fähigkeit des Gewahrseins verbessern kann. Dick Price' Maxime für die Gestaltpraxis lautete: „Vertraue dem Prozess, unterstütze den Prozess und gehe aus dem Weg.“ Dieser Maxime folgend, versucht ein nicht, das Erleben des Initiators zu programmieren.
Um diese grundlegenden Ziele zu erreichen, schafft ein Gestalt-Reflektor ein Umfeld der Einbeziehung für den Initiator. Er tut dies, indem er auf seine eigene Präsenz achtet und gleichzeitig dem Initiator die Freiheit gibt, ebenfalls präsent zu werden. Der Praktiker akzeptiert den laufenden Prozess des Initiators voll und ganz und lässt sich auf alles ein, was geschieht, anstatt zu versuchen, das Geschehen zu kontrollieren. Zu dieser Praxis des EinbeziehensIV gehört es, die Art der Kontaktaufnahme des Initiators mit Gleichmut zu akzeptieren, ganz gleich ob sie aggressiv, defensiv, nachgiebig oder oberflächlich ist, ohne dabei die eigene Autonomie oder Selbstachtung aufzugeben. Einbeziehung zu üben, unterstützt die echte Existenz des Initiators, so wie er ist, zusammen mit gleich welchem Widerstand, den er zeigen mag, als Bestätigung seines Seins und Wertes.
Gestalt nutzt die gegenseitige Präsenz von Reflektor und Initiator in einer Beziehung, die auf echtem Kontakt und Empathie beruht. Ein Gestaltpraktiker „zeigt sich“ als authentisches menschliches Wesen, anstatt lediglich eine Rolle zu übernehmen. Analytische Ideen von „Übertragung“ werden in der Gestaltpraxis nicht verfolgt. Zwischenmenschliche Probleme, die zwischen dem Initiator und dem Reflektor auftreten können, werden explizit in einer Begegnung angesprochen, in der beide Praktiker als echte Menschen anwesend sind. Solche Begegnungen erzeugen nicht nur ein Gefühl der Einbeziehung, sondern auch ein erhöhtes Gewahrsein und dienen als Modelle für gesunde Beziehungen.
Der Gestaltprozess minimiert den Praktiker als Autoritätsfigur, um die Selbstfindung des Initiators zu unterstützen. Idealisierte, autoritäre oder charismatische Psychotherapeuten können das persönliche Wachstum des Initiators sogar behindern. Außerdem gibt es in der Gestaltarbeit kein „sollte“. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu therapeutischen Techniken, bei denen der Therapeut „weiß“, was der Patient tun „sollte“. Anstatt zu betonen, was geschehen sollte, wird in der Gestaltpraxis das Gewahrsein für das betont, was tatsächlich geschieht, genau jetzt.
Die Gestaltpraxis legt Wert auf Ganzheitlichkeit. Ihr Ziel ist die Integration. Gestalt arbeitet mit dem gesamten Spektrum biologischen, emotionalen, umweltbezogenen und außersinnlichen Erlebens. Sie nutzt alle körperlichen, wahrnehmungsbezogenen, kognitiven und spirituellen Aspekte der Existenz der beiden Praktizierenden. Gesunde Bindungen und Interaktionen mit anderen sind wesentlich für ein erfülltes Leben. Daher spricht die Gestaltpraxis die ganze Person an, wie sie in Beziehung und Transzendenz verkörpert ist.
Grundlagen
Die drei wichtigsten Grundlagen der Gestaltpraxis sind Phänomenologie, Existenzialismus und Begegnung. Die Phänomenologie ist eine philosophische Disziplin, die als wichtige Grundlage für die Gewahrseinspraxis dient. Die Phänomenologie ist eine Technik, die es einer Person ermöglicht, ihren gewohnten Bezugsrahmen neu auszurichten, so dass sie die Objekte ihres Gewahrseins direkt erleben kann, ohne die Einmischung bereits vorhandener Ideen und Interpretationen. Die Gestaltpraxis betrachtet das, was im gegenwärtigen Moment subjektiv wahrgenommen wird, als das, was wirklich ist und der Aufmerksamkeit wert ist. Dies steht im Gegensatz zum Ansatz eines Therapeuten, der das beunruhigende Erleben eines Patienten lediglich als Symptom behandelt und entweder versucht, es umzugestalten oder es durch Interpretation zu dekonstruieren.
Die Untersuchung des Prozesses, in dem man gewahr wird, ist für eine vollständige phänomenologische Untersuchung von entscheidender Bedeutung. Ein Phänomenologe untersucht nicht nur den Inhalt des Gewahrseins, sondern auch den Gewahrseinsprozess selbst. In ähnlicher Weise verwendet die Gestaltpraxis geführte Gewahrseinsübungen und Experimente. Durch diese Praktiken lernt der Initiator etwas über den Prozess des Gewahrwerdens und darüber, wie er das reine Gewahrsein lenken kann.
Die phänomenologische Methode zielt darauf ab, die Auswirkungen bereits...




