Callahan / Flasche | Handbuch der Gestaltpraxis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Reihe: Gestalt-Übungs-Praxis

Callahan / Flasche Handbuch der Gestaltpraxis

in der Tradition von Dick Price
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-9373-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

in der Tradition von Dick Price

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Reihe: Gestalt-Übungs-Praxis

ISBN: 978-3-7568-9373-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Unterschied zur Gestalttherapie handelt es sich bei der Gestaltpraxis um eine Übungspraxis, die jede und jeder ausüben kann, ohne auf medizinische oder psychologische Fachleute angewiesen zu sein - eine Übungspraxis zur Steigerung von Handlungskompetenz und Lebensfreude. Den Praktikerinnen und Praktikern werden Einführungs- und Vertiefungskurse angeboten, um sich mit der Vorgehensweise vertraut zu machen. Eine Ausgabe dieses Buches ist Bestandteil des Unterrichtsmaterials in den Kursen des SoulPartner®-Übungsnetzwerkes. Die Gestalt-Übungs-Praxis können Sie allein mit sich selbst ausüben. Schöner ist jedoch die Zusammenarbeit mit einer Übungspartnerin oder einem Übungspartner. Die Gewahrseinsübungen werden dann im Wechsel ausgeführt und es entsteht vor allem bei längerer Zusammenarbeit eine besonders förderliche und unterstützende Atmosphäre. Die Wirksamkeit der Gestaltpraxis beruht auf einer Steigerung des Gewahrseins für das, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, empfinden, denken und fühlen. Dabei folgen wir nicht der Illusion, es gäbe so etwas wie eine objektive Wahrnehmung. Vielmehr gehen wir davon aus, dass wir als Lebewesen immer das wahrnehmen, was für uns selbst von Bedeutung ist. Dem Wahrgenommenen nachzuspüren und ebenso den unterschiedlichen Bedeutungen, die es für uns, unser Leben, Erleben und Handeln hat, ist unsere Übung in der Gestalt-Übungs-Praxis. Dabei halten wir uns von jenen schnellen, wertenden Urteilen fern, durch die wir im Alltag allzu oft glauben, mit dem, was uns begegnet, fertig werden zu können. Der Autor John F. Callahan ist Jurist und es ist ihm auf Grund seiner eigenen umfassenden Erfahrungen in den Kursen von Richard (Dick) Price und anderen Gestaltpraktikern ein Anliegen, die Gestaltpraxis in der Tradition von Dick Price lebendig zu halten. Der Herausgeber Ulrich Flasche ist Diplompädagoge und hat sich der Vision verpflichtet, das SoulPartner®Gestalt-Übungs-Netzwerk zu initiieren, mit dem Ziel, jede und jeder möge, wo auch immer, Übungspartnerinnen und Übungspartner für eine lebendige Gestalt-Übungs-Praxis finden.

Der Autor John F. Callahan ist Jurist und es ist ihm auf Grund seiner eigenen umfassenden Erfahrungen in den Kursen von Robert (Dick) Price und anderen Gestaltpraktikern ein Anliegen, die Gestaltpraxis in der Tradition von Dick Price lebendig zu halten.
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Weitere Infos & Material



Gestalt konzentriert sich auf das, was hier und jetzt existiert. Die Initiatoren werden in der Gestaltarbeit auf den Unterschied zwischen dem Reden über Vergangenes – sei es gestern oder in der Kindheit – und dem Erleben dessen, was jetzt gerade geschieht, aufmerksam gemacht. In der Gestaltpraxis lernt ein Initiator, zwischen seinen Erinnerungen und der Gegenwart zu unterscheiden, zwischen gewohnheitsmäßigen Verhaltensmustern und neuen Wegen des Seins.

Ein Gestaltpraktiker hilft dem Initiator, seinen Prozess des In-der-Welt-Seins direkt zu erleben. Die Gestaltpraxis lehrt eine Person, wie sie – mit dem Ziel innerhalb des Horizonts ihrer eigenen Umwelt unterstützender zu werden – ihr inneres und äußeres Gewahrsein zustande bringt. Durch Hier-und-Jetzt-Experimente wird das Gewahrsein verbessert und der Initiator der Arbeit entdeckt seine Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbstverantwortung.

Das Gestaltziel des unmittelbaren Gewahrseins ist kraftvoller als abstrakte Diskussionen. Die meisten therapeutischen Systeme fördern das Intellektualisieren – das Reden über die Irrationalität der Gedanken und Glaubenssätze oder das Reden über Verhaltensänderungen. Stattdessen setzt die Gestaltmethode aktive Techniken ein. Beim fortwährenden Experimentieren liegt der Schwerpunkt auf dem Erleben. In der Gestaltpraxis geht es darum, den Gewahrseinsprozess durch die Ausdehnung des Erlebenshorizonts zu fördern und nicht durch das Nachdenken über den Inhalt des Erlebens.


Der Prozess des Lebens ist ein fortwährender Rhythmus der Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung. Alle Lebewesen verarbeiten Energie und Information. Prozess ist für das Leben grundlegend. Aus diesem Grund beruht die Gestaltpraxis stärker auf dem Prozess – dem lebendigen Erleben dessen, was gerade geschieht – als darauf, was dieses Erleben „bedeutet“. Die Betonung liegt also auf dem, was im gegenwärtigen Moment getan, gespürt und gefühlt wird, und nicht auf dem, was sein könnte oder hätte sein sollen. Das Ziel für einen Initiator ist es, zu lernen, wie er sich dessen gewahr wird, was er spürt, was er fühlt, was er tut und wie er es tut, und gleichzeitig wie er seine Fähigkeit des Gewahrseins verbessern kann. Dick Price' Maxime für die Gestaltpraxis lautete: „Vertraue dem Prozess, unterstütze den Prozess und gehe aus dem Weg.“ Dieser Maxime folgend, versucht ein nicht, das Erleben des Initiators zu programmieren.


Um diese grundlegenden Ziele zu erreichen, schafft ein Gestalt-Reflektor ein Umfeld der Einbeziehung für den Initiator. Er tut dies, indem er auf seine eigene Präsenz achtet und gleichzeitig dem Initiator die Freiheit gibt, ebenfalls präsent zu werden. Der Praktiker akzeptiert den laufenden Prozess des Initiators voll und ganz und lässt sich auf alles ein, was geschieht, anstatt zu versuchen, das Geschehen zu kontrollieren. Zu dieser Praxis des EinbeziehensIV gehört es, die Art der Kontaktaufnahme des Initiators mit Gleichmut zu akzeptieren, ganz gleich ob sie aggressiv, defensiv, nachgiebig oder oberflächlich ist, ohne dabei die eigene Autonomie oder Selbstachtung aufzugeben. Einbeziehung zu üben, unterstützt die echte Existenz des Initiators, so wie er ist, zusammen mit gleich welchem Widerstand, den er zeigen mag, als Bestätigung seines Seins und Wertes.

Gestalt nutzt die gegenseitige Präsenz von Reflektor und Initiator in einer Beziehung, die auf echtem Kontakt und Empathie beruht. Ein Gestaltpraktiker „zeigt sich“ als authentisches menschliches Wesen, anstatt lediglich eine Rolle zu übernehmen. Analytische Ideen von „Übertragung“ werden in der Gestaltpraxis nicht verfolgt. Zwischenmenschliche Probleme, die zwischen dem Initiator und dem Reflektor auftreten können, werden explizit in einer Begegnung angesprochen, in der beide Praktiker als echte Menschen anwesend sind. Solche Begegnungen erzeugen nicht nur ein Gefühl der Einbeziehung, sondern auch ein erhöhtes Gewahrsein und dienen als Modelle für gesunde Beziehungen.

Der Gestaltprozess minimiert den Praktiker als Autoritätsfigur, um die Selbstfindung des Initiators zu unterstützen. Idealisierte, autoritäre oder charismatische Psychotherapeuten können das persönliche Wachstum des Initiators sogar behindern. Außerdem gibt es in der Gestaltarbeit kein „sollte“. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu therapeutischen Techniken, bei denen der Therapeut „weiß“, was der Patient tun „sollte“. Anstatt zu betonen, was geschehen sollte, wird in der Gestaltpraxis das Gewahrsein für das betont, was tatsächlich geschieht, genau jetzt.

Die Gestaltpraxis legt Wert auf Ganzheitlichkeit. Ihr Ziel ist die Integration. Gestalt arbeitet mit dem gesamten Spektrum biologischen, emotionalen, umweltbezogenen und außersinnlichen Erlebens. Sie nutzt alle körperlichen, wahrnehmungsbezogenen, kognitiven und spirituellen Aspekte der Existenz der beiden Praktizierenden. Gesunde Bindungen und Interaktionen mit anderen sind wesentlich für ein erfülltes Leben. Daher spricht die Gestaltpraxis die ganze Person an, wie sie in Beziehung und Transzendenz verkörpert ist.

Grundlagen


Die drei wichtigsten Grundlagen der Gestaltpraxis sind Phänomenologie, Existenzialismus und Begegnung. Die Phänomenologie ist eine philosophische Disziplin, die als wichtige Grundlage für die Gewahrseinspraxis dient. Die Phänomenologie ist eine Technik, die es einer Person ermöglicht, ihren gewohnten Bezugsrahmen neu auszurichten, so dass sie die Objekte ihres Gewahrseins direkt erleben kann, ohne die Einmischung bereits vorhandener Ideen und Interpretationen. Die Gestaltpraxis betrachtet das, was im gegenwärtigen Moment subjektiv wahrgenommen wird, als das, was wirklich ist und der Aufmerksamkeit wert ist. Dies steht im Gegensatz zum Ansatz eines Therapeuten, der das beunruhigende Erleben eines Patienten lediglich als Symptom behandelt und entweder versucht, es umzugestalten oder es durch Interpretation zu dekonstruieren.

Die Untersuchung des Prozesses, in dem man gewahr wird, ist für eine vollständige phänomenologische Untersuchung von entscheidender Bedeutung. Ein Phänomenologe untersucht nicht nur den Inhalt des Gewahrseins, sondern auch den Gewahrseinsprozess selbst. In ähnlicher Weise verwendet die Gestaltpraxis geführte Gewahrseinsübungen und Experimente. Durch diese Praktiken lernt der Initiator etwas über den Prozess des Gewahrwerdens und darüber, wie er das reine Gewahrsein lenken kann.

Die phänomenologische Methode zielt darauf ab, die Auswirkungen bereits vorhandener kognitiver Dispositionen durch wiederholte Beobachtung und Untersuchung systematisch zu vermeiden. Die Methode lässt zunächst Voreingenommenheit oder Vorurteile beiseite, um bereits bestehende Annahmen außer Kraft zu setzen. Sie legt den Schwerpunkt auf die Beschreibung und nicht auf die Erklärung. Sie bevorzugt die unmittelbare und konkrete Beobachtung und verzichtet auf Interpretationen. Jedes Detail der Beschreibung eines Erlebens wird als gleichwertig und gleichbedeutend behandelt. Dadurch wird jede vergleichende Zuweisung von Bedeutung vermieden, die dazu führen könnte, dass Details kategorisiert oder privilegiert werden. Das Ziel dieser phänomenologischen Praxis ist einfaches Gewahrsein ohne Wertung.


Ein Aspekt des phänomenologischen Ansatzes, der für die Gestaltpraxis besonders relevant geworden ist, wird als „Feldtheorie“ bezeichnet. Die phänomenale Welt eines Individuums kann als ein „Feld“ konzeptualisiert werden, das sowohl eine Umweltdimension als auch eine persönliche Dimension hat. Die Umweltdimension besteht aus dem äußeren Milieu, in dem ein Individuum lebt. Die persönliche Dimension hingegen besteht aus kognitivem, sensorischem und wahrnehmungsbezogenem Erleben, einschließlich aller subjektiven Phänomene. Die Gesamtheit des Erlebens einer Person ist gekennzeichnet durch ein sich veränderndes Gewahrsein innerhalb des einheitlichen Feldes ihrer äußeren und inneren Welt. Idealerweise stellt sich ein Gestaltpraktiker auf die Felddynamik eines Initiators ein, um effektiv mit der Art und Weise zu arbeiten, wie dieser sein Gewahrsein organisiert.

Aus der Perspektive der Feldtheorie ist das Selbst ein phänomenologisches Konzept, welches das Gewahrsein organisiert. Dieses Selbstkonzept wird durch die Interaktion zwischen dem Selbst und dem Anderen geschaffen. Carl Rogers, der humanistische Psychologe, nahm eine phänomenologische Perspektive ein, um seine Theorie des Selbstkonzepts zu entwickeln, das er als die Gesamtgestalt aller Arten, wie Menschen sich selbst und andere erleben, beschrieb. Wie der andere erlebt wird, hängt von dem Erleben des Selbst ab und umgekehrt. Die Kontinuität des Selbst ist ein Merkmal des Feldes und nicht etwas, das der Person innewohnt. Für Rogers liegt eine psychologische Fehlanpassung vor, wenn der Organismus das Gewahrsein jener Erlebnisse verweigert, die folglich nicht in einer Gestalt des Selbst organisiert werden können. Wenn...



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