E-Book, Deutsch, 479 Seiten
Calvetti Der kleine italienische Buchsalon
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-891-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Eine Liebesgeschichte zwischen Mailand und New York
E-Book, Deutsch, 479 Seiten
ISBN: 978-3-98952-891-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Paola Calvetti wurde 1958 in Mailand geboren, wo sie auch heute noch lebt. Nach ihrem Studium startete sie ihre Karriere als Journalistin bei der Tageszeitung »La Republica« und schrieb in den folgenden Jahren für viele renommierte Zeitungen und Frauenmagazine bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Alle ihre Romane standen in Italien auf der Bestsellerliste und wurden mit Preisen ausgezeichnet. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Lavendelbriefe« und »Der kleine italienische Buchsalon«.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
10. April 2002
»Ça va?«
»Où es-tu?«
Auch zwischen den Sitzen der Boeing 737 gehört der erste Gedanke den Verwandten, die es in Echtzeit zu informieren gilt. In jeder Richtung vernimmt man das »Wo bist du«, »Bin gerade gelandet«, »Komme jetzt nach Hause«, »Wie geht es dir?«. In einige Handymodelle, habe ich gehört, ist der Betrug sogar schon eingebaut: Flughafenhintergrundgeräusche (Kofferrollen, Lautsprecherdurchsagen und Hektik, so dass man leichter sagen kann: »Ich bin gerade gelandet« oder »Ich muss zum Check-in«), Supermarktgeräusche (»Kann ich dich zurückrufen, ich stehe gerade an der Kasse«), Wellenrauschen, Trillerpfeifen am Bahnhof, das Knistern der schlechten Verbindung (»Wir sind im Tunneellllkrks, ich versteh dich nicht«). Die Nachfrage nach Betrugsbeihilfen scheint groß zu sein, und dennoch: »Wo bist du?« Diese Frage stellen sie alle, sobald sich die Flugzeugmotoren wieder der Erde ergeben haben, wenn der Zug erschöpft in den Bahnhof schnauft, nach der Messe, an der Straßenbahnhaltestelle, während des Wartens auf die Kinder am Schulausgang, im Park, überall. Ehefrauen, Ehemänner, Geliebte, Freunde, Kinder. Wo bist du?
Ich hingegen reise inkognito. Niemand weiß, ob ich gelandet bin, ob ich pünktlich komme, ob ich einen Jetlag habe, ob ich vergleichsweise gut gelaunt bin. Niemand wird wissen, wann er die Pasta in den Topf werfen soll. Ich habe nur vage erklärt, dass ich nach Paris fahre. Eine kleine Erkundungstour durch die Buchläden, Ideen sammeln, eine wunderbare Frühlingswoche lang Atem schöpfen. Alice schien durchaus froh, dass ich ihr ein paar Tage lang nicht im Weg herumstehen würde.
»Ich kümmere mich um alles, Emma, fahr du ruhig«, sagte sie, als sie mich mit ihrem neuen Smart (einem Geschenk ihrer Eltern zum Dreißigsten) nach Hause brachte. Ich glaube, ihr gefällt die Idee, sich bewähren zu müssen und für das Thema der nächsten Woche völlig freie Hand zu haben.
Das Konzert der klackenden Sicherheitsgurte ist das Präludium zum frenetischen Reaktivieren der während des Flugs ausgeschalteten Handys. Ein Flugpassagier säuselt ein schnelles »Ich liebe dich« ins Mikrofon und scheint sich mit der Luft zu unterhalten. Oder mit sich selbst zu reden. Auch mein Nachbar, der eine Stunde und fünfzehn Minuten lang die »Gazzetta dello Sport« gelesen hat, drückt auf eine Taste seines scheiblettenflachen Handys und lässt sein routiniertes Geleier los – eine gut einstudierte Choreographie, die aus den Sequenzen Gemütszustand (»Alles bestens, Schatz«), Abflugzeit, genaue Angabe der Verspätung (Quatsch, der Flug ist überpünktlich) und den Wetterverhältnissen besteht. Durch die runden Fensterchen erkennt man vier aspirinförmige Wolken in einem Ausschnitt vom Himmel, dem man überhaupt nicht ansehen kann, was für ein Wetter herrscht. Der Pilot muss etwas darüber gesagt haben, aber wenn er redet, hört niemand zu, und so bleibt die Temperatur bis zur Gangway ein Geheimnis. Mein Nachbar redet also einfach drauflos – wer sollte seine Informationen schon nachprüfen? Ich werfe ihm einen komplizenhaften Blick zu, aber er nimmt bereits seine Ellbogen zu Hilfe und verschafft sich Platz im Gang. Er hat es eilig, ich nicht. Heiter gehe ich zum Laufband, das mir meinen neuen Rollkoffer zurückbringen wird. Beschwingt von der Reise verspüre ich sogar für meinen Nachbarn vollstes Verständnis. Ich stelle ihn mir als treuen Ehemann vor, als stolzen Vater dreier Kinder, mit denen er abwechselnd gesprochen hat, für jedes einen Satz. Mach Mama keinen Ärger, lern schön fleißig, schick deinem Papa ein Küsschen. In seiner linken Hand (derjenigen, die nicht das Handy hält) trägt er einen taubengrauen Aktenkoffer. Er dürfte also nicht allzu lange von zu Hause weg sein. Wahrscheinlich hat er eine Geliebte in Paris. Das ganze eifrige Gerede in sein Handy dürfte also vor allem mit seinem schlechten Gewissen zu tun haben. Mein Nachbar lügt.
Innerhalb von achtundzwanzig Minuten verfrachtet mich die RER an den Gare de Montparnasse, wo die Direktzüge in die Bretagne abfahren. Über meinem Kopf schwebt ein grau-blaues Papp-Paris: die Einrüstung für die Restaurierungsmaßnahmen, wie Informationstafeln mir freundlich verkünden. In wenigen Monaten wird er wieder wie neu sein, dieser Sarkophag aus Eisen, Marmor und mit Kinkerlitzchen vollgestopften Schaufenstern.
Ich habe eine halbe Stunde Zeit und laufe zwischen den Geschäften herum. Sie verkaufen Zeitungen, Zeitschriften, Souvenirs, vor allem aber Tangas mit Strings wie Zahnseide, Rokokoschlüpfer in bunter Lycra-Qualität, karierte Boxershorts oder solche mit einem Pinguin an der entscheidenden Stelle. Die Buchhandlung führt nur Titel aus den Bestsellerlisten, außerdem Bonbons und Eiffeltürme in Schneekugeln. Am Gleis zwanzig halte ich Ausschau nach dem Entwerter, doch als ich meine Fahrkarte stempeln lassen will, stelle ich fest, dass sie weg ist. Panisch krame ich in meiner Tasche herum, doch sie ist nicht da. Wo würde eine zerstreute Buchhändlerin ihre Fahrkarte hinstecken, überlege ich fieberhaft. In ein Buch! Und tatsächlich finde ich das Ticket zwischen den Seiten von Die Krankheit Tod von Marguerite Duras.
Paris-Quiberon, 12.05 Uhr. Wagen 3, Platz 56.
Ich stecke die Karte in das Metallmaul des Entwerters und suche dann meinen Zug. Der pulvergraue TGV mit dem roten Streifen an der Seite ist eine Heuschrecke mit angelegten Flügeln. Er gleitet auf den Gleisen herein und stößt ein psiiiiii aus (es klingt ähnlich wie bei einem Schlauchboot, aus dem man am Ende der Ferien die Luft herauslässt).
Es dauert ein wenig, ihn von den Hinterlassenschaften der schlecht erzogenen Reisenden zu befreien, dann ist er jedoch bereit, in Richtung der bretonischen Küste aufzubrechen. Mein Koffer ist ein Felsbrocken, stelle ich fest (zugegebenermaßen kann ich mich nie recht entscheiden, was ich einpacken soll, und deshalb schleppe ich schlussendlich wie eine Schnecke meinen gesamten Hausstand mit mir herum). Die Cremedosen habe ich in kleine durchsichtige Plastiktüten gesteckt, damit meine Kleider keine Fettflecken bekommen, falls sie auslaufen. Die Bücher habe ich wie Schutzschilde an die Seiten gestopft. Meine Schuhe stecken in weißen Wollbeuteln, und die Kleider habe ich mit Seidenpapier umwickelt. Drei Stunden hat es gedauert, bis ich einigermaßen zufrieden war. Dass er so schwer würde, hatte ich nicht bedacht beim Packen. Ächzend ziehe ich den Koffer in den Wagen hoch. Ein junger Hüne mit strubbeliger Mähne hilft mir, ihn in den Metallständer zu hieven, neben seinen mit Aufklebern übersäten Rucksack. Einen Moment lang komme ich mir wie eine alte Dame vor und denke an Mattia, an sein Nomadentum und an seine Begeisterung über meine Abreise.
»Korrekt, Mami, du kannst nicht dein ganzes Leben in der Buchhandlung zubringen. Erhol dich, echt«, hat er gesagt, statt gleich »sturmfreie Bude« zu brüllen, und mich dann großzügig und in ziemlich verräterischem Überschwang mit Küssen übersät.
»Ich bin doch nur fünf Tage weg«, habe ich entgegnet und so getan, als würde mich seine Euphorie treffen. Tatsächlich aber bin ich froh, Haus und Geschäft für kurze Zeit hinter mir lassen zu können.
Endlich fahren wir los. Mein Nachbar beißt in ein Schinken-Käse-Baguette und verschließt sich die Ohren mit dem Kopfhörer von seinem iPod (wohl um sich nicht unterhalten zu müssen). Dabei taucht an seinem Ärmelbündchen ein tätowierter Möwenflügel auf.
Ich bin in Frankreich. Wo mich die mit Vergangenheit durchtränkte Zukunft erwartet.
Nach den Häusern und Fabriken der Peripherie, die sich wie kleine Schachteln aneinanderreihen, nach riesigen Supermärkten mit optimistischen Leuchtschildern und kasernenartigen Hotels mit Glasfaserschwimmbecken zieht nun die reine Landschaft an uns vorbei, ein Temperagemälde in den Farben kandierter Früchte. Das Gelb ist so intensiv wie das von Sonnenblumen, der Himmel tiefblau, und das Grün der Blätter sieht aus wie ein glänzender Regenschirm, der sich um das Astwerk legt. Ich ziehe meine Schuhe aus und lege die Füße auf den freien Sitz gegenüber. Warum er dieses merkwürdige Ziel ausgewählt hat, habe ich Federico nicht gefragt. Ich habe einfach zugesagt, ohne mehr wissen zu wollen. In der Bretagne bin ich noch nie gewesen und hoffe, wie ich so aus dem Fenster sehe, dass ich die richtige Kleidung eingepackt habe.
Mein Blick schweift durch das Zugabteil, und ich kann nicht aus meiner Haut, stelle ich fest. Während Federico die Wirklichkeit durch die Linse des Architekten betrachtet, bleibe ich auch hier die Buchhändlerin: Eine unwiderstehliche Kraft treibt mich dazu aufzustehen, herumzugehe, auf die Buchseiten meiner Mitreisenden zu schielen, zu beobachten und zu klassifizieren. In Wagen 3 wird gelesen, man telefoniert nicht. Ein flachsblonder Junge hat einen Comic auf dem Schoß liegen – Tim und Struppi –, der kleine Bruder drückt frenetisch auf den Tasten eines blauen Plastikgeräts herum, und die dazugehörige Mama blättert in einer Zeitschrift. Ein junger Mann mit pickligem Gesicht (Kanadier oder Amerikaner?) ist in die Seiten eines Sachbuchs vertieft, dessen vollständigen Titel ich nicht erkennen kann. Mein Gesicht hellt sich auf, als ich auf der Suche nach dem Speisewagen dem Blick einer jungen Frau begegne, die ihren rechten Ellbogen am Fenster aufgestützt hat und in der linken Hand ein zerfleddertes Exemplar von Bonjour tristesse hält....




