E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Cameron Ellie findet das Glück
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7336-5023-0
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7336-5023-0
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
W. Bruce Cameron, geboren 1960, ist der New-York-Times-Bestseller-Autor von »Ich gehöre zu dir«, »Ich bleibe bei dir« und »Weihnachten auf vier Pfoten«. 2011 wurde er von der »National Society of Newspaper Columnists« als Kolumnist des Jahres ausgezeichnet. Als er ungefähr acht Jahre alt war, brachte sein Vater ihm eines Tages einen Labrador-Welpen mit. Die Augenblicke der uneingeschränkten Freude und grenzenlosen Zuneigung zu seinem ersten Hund überträgt er auf seine Bücher um Bailey, Ellie und Molly. W. Bruce Cameron lebt mit seiner Frau und seinem Hund in Kalifornien, USA.
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1
Der Geruch meiner Mutter und der Geschmack ihrer Milch waren das Erste, das ich kennenlernte.
Ich musste mich zu ihr durchkämpfen, an den weichen, flauschigen Körpern meiner Geschwister vorbei und über sie hinweg, um meinen leeren Magen zu füllen. Ich drehte und wand mich, schob mich mit meinen schwachen Beinchen Stück für Stück voran, bis ich die warme, süße Milch auf der Zunge schmeckte.
Ein paar Tage später konnte ich meine Augen öffnen, und ich konnte das Gesicht meiner Mutter und die weiche Decke, auf der sie lag, erkennen, zu Anfang aber nur verschwommen.
Manchmal, wenn ich mich einsam und verloren fühlte oder wenn ich fror, winselte ich und drängte mich näher an sie heran. Meine Geschwister brachte das ein bisschen durcheinander, und sie verstanden mein Winseln als ein Zeichen von Schwäche. Dann stürzten sie sich auf mich. Sieben Stück waren es, alle braun mit schwarzen Flecken, aber warum sie nicht kapierten, wer hier das Sagen hatte, verstand ich nicht.
Wenn es nicht Mutter war, dann ganz sicher ich. Meiner Ansicht nach war ich der klügste Welpe.
Eine Frau mit weichen Händen und einer noch weicheren Stimme kam oft die Treppe zu uns herunter, um uns zu besuchen. Am ersten Tag knurrte meine Mutter sie an, zwar nur ganz leise, aber die Frau hielt respektvoll Abstand. Später änderte meine Mutter anscheinend ihre Meinung und ließ zu, dass die Frau uns hochnahm, knuddelte und an sich drückte.
Sie roch interessant, diese Frau. Manchmal sauber (nach Seife), manchmal lecker (nach Essen) und manchmal nur nach sich selbst. Es machte mir nichts aus, wenn sie mich hochnahm – oder nicht viel. Trotzdem war ich jedes Mal froh, wenn sie mich wieder neben meine Mutter auf die Decke legte.
Auch ein Mann kam hin und wieder die Treppe herunter, um uns anzuschauen und einen Futternapf und Wasser für meine Mutter zu bringen. Dieses Wasser! Als ich zum ersten Mal zum Wassernapf lief, um daran zu schnuppern, schubste mich einer meiner Brüder von hinten kopfüber in die Schüssel.
Kalt! Das Wasser drang mir in die Nase und stach in meinen Augen, und als ich versuchte zu winseln, damit meine Mutter bemerkte, dass ich Hilfe brauchte, hatte ich es auch im Maul. Ich musste alle Kraft aufbringen, um mich aus dem rutschigen Napf zu befreien und mir das Wasser aus dem Fell zu schütteln. Nach diesem Vorfall hielt ich respektvollen Abstand von der Wasserschüssel. Mein Bruder tat, als wäre nichts gewesen, obwohl das alles allein seine Schuld war.
Ein paar Wochen später, als meine Beine schon kräftiger waren, kam der Mann mit einem großen Gegenstand in den Händen die Treppe herunter. Er stellte das seltsame Ding auf den Boden, dann nahm er einen meiner Brüder und setzte ihn hinein.
»Rein in die Kiste, Kumpel«, sagte der Mann. »Keine Sorge. Es dauert nicht lange.«
Mein Bruder jaulte. Ich hörte ihn nur, sehen konnte ich ihn nicht! Wir alle bellten und winselten, als der Mann uns einen nach dem anderen aufhob und zu meinem Bruder in die Kiste steckte.
Drinnen war es wie in einem winzigen Zimmer, mit Boden und Wänden aus einem glatten, rutschigen Material. Mit meinen kleinen Krallen fand ich kaum Halt. Noch schlimmer wurde es, als der Mann die Kiste hochhob.
Meine Geschwister kletterten und wuselten aufeinander herum, um herauszubekommen, was da vor sich ging. Ich stand auf zwei meiner Schwestern, stützte mich mit den Vorderpfoten am Rand der Kiste ab und spähte hinaus. Der Mann stieg die Treppe hinauf, meine Mutter trabte hinter ihm her. Das beruhigte mich. Solange Mutter mitkam, drohte bestimmt keine Gefahr.
»Hoppla, zurück in die Kiste, Mädchen«, sagte der Mann. »Fall nicht raus.«
Sanft schob er meine Pfoten vom Rand der Kiste, und ich landete auf demselben blöden Bruder, der mich in den Wassernapf geschubst hatte. Er kaute auf meinem Bein herum, bevor ich es mit einem Ruck wegzog.
Der Mann trug uns noch eine Weile, dann stellte er die Kiste ab. Einen Welpen nach dem anderen hoben der Mann und die Frau aus der Box.
Wir waren an einem unglaublichen Ort. Er nannte sich »Draußen«. Zuerst fiel mir das Licht auf. Mehrere Minuten lang konnte ich kaum etwas erkennen, so hell war es. Unter mir spürte ich etwas Seltsames – federnd und weich, wie die Decke meiner Mutter, aber auch stachelig. Gras! Ich biss hinein, um klarzustellen, wer hier der Chef war. Es biss nicht zurück, damit war die Sache entschieden. Das Gras hatte sich mir untergeordnet.
Und all die Gerüche! Bisher kannte ich nur den Geruch meiner Mutter und meiner Wurfgeschwister, den der Decke und der Frau und des Mannes, die uns besuchten. Jetzt aber bewegte sich die Luft, wehte mir ins Gesicht und kitzelte meine Nase mit einer Million verschiedener Düfte, die ich nicht einordnen konnte. Meine Geschwister rasten an mir vorbei, stolperten, fielen hin und kullerten übereinander. Ich stand ganz still, die Nase in die Luft gereckt, und versuchte zu verstehen, wo ich hier gelandet war.
Das Gras unter meinen Pfoten roch stark und frisch. Darunter war noch ein anderer Duft, dunkel, fest und schwer. Es roch, als würde es Spaß machen, darin zu buddeln. Der Wind brachte auch Gerüche aus weiter Ferne mit sich – ein rauchiger, leckerer Duft wehte aus dem Haus, süß rochen die Hecken daneben, und auf der anderen Seite eines hohen Holzzauns brauste ein säuerlicher Gestank sehr schnell vorbei.
Und dann war da noch ein geheimnisvoller, lebendiger Duft nach Fell wie meinem.
Der Geruch stammte von einem ausgewachsenen Hund in einem Gehege. Meine Mutter trabte hinüber zu ihm und steckte ihre Schnauze durch den Drahtzaun, um seine Nase anzustupsen. Ich bemerkte, dass der andere Hund, der ein Männchen wie meine Brüder war, meiner Mutter viel bedeutete. Ohne zu wissen, warum, erkannte ich, dass dieser Hund mein Vater war.
»Scheint, als würde er mit den Welpen klarkommen«, sagte der Mann zu der Frau.
»Bist du brav, Bernie? Willst du raus?« Unser Vater hieß wohl Bernie. Die Frau öffnete das Gehege. Er sprang raus, schnüffelte uns an und lief los, um an den Zaun zu pinkeln.
Wir rannten hinter ihm her, purzelten alle zwei Meter hin, rappelten uns aber immer wieder auf. Bernie senkte den Kopf, und einer meiner Brüder hüpfte hoch und schnappte nach seinen Ohren. Wie respektlos! Aber ihn schien es nicht zu stören. Er schüttelte meinen Bruder nur ab und ließ ihn in die Wiese plumpsen.
Ein paar Welpen nahmen das als Einladung und stürzten sich auf Bernie. Einige schob er sanft beiseite, an anderen schnupperte er nur, dann kam er zu mir.
Ich biss ihn nicht und sprang nicht an ihm hoch, also blieb ich auf den Beinen. Aber er schnüffelte mich von Kopf bis Fuß ab und legte mir dann eine Pfote auf den Rücken. Einfach so.
Ich wusste, dass ich mich nicht wehren durfte. Ich mochte der Chef meiner Geschwister sein, auch wenn ein paar von ihnen das noch nicht begriffen hatten. Aber dieser Vater-Hund war, genau wie Mutter, Chef. Ich ließ zu, dass er mich einige Sekunden lang ins weiche und stachlige Gras drückte, dann ließ er mich los, um sich von dem Mann die Ohren kraulen zu lassen.
Von da an durften wir jeden Tag nach draußen. Ich lernte, dass dieses dunkle, spannende Zeug unter dem Gras Erde war. Außerdem begriff ich, wie ich meinen Geschwistern beibringen konnte, nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Sie schlichen sich immer von hinten an, um sich dann mit einem Satz auf mich zu stürzen, oder sie rasten über den ganzen Hof und rannten mich um. Ich musste dann knurren und die Zähne zeigen oder mich so oft drehen und wenden, bis ich oben lag. Dann stolzierte ich davon und ergriff die nächste Gelegenheit, um mich selbst anzupirschen.
Komisch, dass sie sich nicht einfach damit abfanden, dass ich hier das Sagen hatte. Sie kämpften und wanden sich und versuchten mich mit ihren winzigen Pfoten runterzudrücken, so wie Bernie es mit seiner großen gemacht hatte. Aber sie waren eben nicht Mutter oder Vater, also kamen sie damit nicht durch. Trotzdem gaben sie nicht auf.
Manchmal spielte auch Bernie mit uns, oder die Frau kam nach draußen und brachte seltsam riechende Sachen mit, auf denen wir herumkauen durften. »Spielzeug für euch«, sagte sie dann.
Eines Tages kam ein neuer Mann in den Garten. Er hatte andere Vorstellungen davon, wie man spielte. Zuerst klatschte er laut in die Hände. Einer meiner Brüder jaulte auf und rannte zu unserer Mutter. Ein paar andere Welpen machten einen Satz zurück, einer winselte. Auch ich erschrak, aber irgendwie wusste ich, dass keine Gefahr drohte.
Mich und die anderen Welpen, die keine Angst gezeigt hatten, packte der Mann in eine Kiste und trug uns in einen anderen Teil des Gartens.
Einen nach dem anderen hob er uns raus. Als ich an der Reihe war, setzte er mich in der Wiese ab, drehte sich um und ging davon, ganz als hätte er vergessen, dass ich überhaupt da war. Neugierig, was er als Nächstes vorhatte, lief ich ihm hinterher.
»Braver Hund!«, lobte er mich. Nur weil ich ihm folgte, war ich ein braver Hund? Der Kerl war ja leicht zu beeindrucken.
Dann zog der Mann etwas aus seiner Tasche. Er faltete es auseinander und legte den Stoff auf mich drauf. »Na, Mädchen, findest du aus dem T-Shirt raus?«, fragte er.
Keine Ahnung, was da vor sich ging, aber es gefiel mir nicht. Der weiße Stoff war überall, als wäre ich in eine Decke gewickelt. Ich versuchte, gegen ihn zu kämpfen, ihm zu zeigen, wer hier der Boss war, wie bei meinen Geschwistern. Aber das klappte nicht. Ich konnte kratzen und beißen, soviel ich wollte, aber der Stoff blieb, wo er war. Er klebte mir regelrecht an Kopf und Körper.
Ich versuchte zu gehen, vielleicht konnte ich ihm ja...




