E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Canetti Die Schildkröten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-446-26253-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-446-26253-9
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Veza Canetti, geboren 1897 in Wien, wurde als Jüdin und Sozialistin von den Nazis mit Berufsverbot belegt und flüchtete 1938 mit ihrem Mann Elias Canetti nach England, wo sie 1963 starb.
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I.
Das Kreuz
Eva, die den Berg hinaufging, hielt den Kopf gesenkt. Sie bohrte den Blick in die Erde, als suche sie auf dem Boden. Sie ging sehr langsam.
Rechts und links von der Allee dehnten sich weite Parks mit üppigen Bäumen in der Sonne. In den Parks lagen die Villen.
Eva atmete den Duft der Rosen ohne Behagen. Sie war erschöpft und blieb einmal stehen.
Im Weitergehen vergaß sie ihr Gesicht in der Luft. Es schien sich nach oben zu sehnen. Es waren neue Züge darin, ein frischer Gram zerschnitt es in harte Streifen, zerschnitt die weichen Schatten. Es mochte ein schönes Gesicht gewesen sein. Als sie es wieder senkte, fiel das schwarze Haar darüber.
Der Weg wurde eben und nun ragten wilde Sträucher aus der Erde. Sie wucherten über ein Gitter und versteckten es. Eva legte die Hand an das Gitter. Müdigkeit lähmte ihren Willen. Sie stand und vermochte nicht, die Türe aufzuschieben. Plötzlich wich das Gitter von selbst ihrer leichten Berührung und öffnete sich weit.
Das überraschende Weichen des Tores enthob sie einer Kraftanstrengung. Sie stand wie von selbst im Garten.
Da erschrak sie heftig. Vom Balkon hing breit und lang eine Fahne, sie schmiegte sich die Mauer entlang bis auf die Erde, die rote Farbe erbarmungslos verbreitend. Sie bebte und loderte im Wind, dehnte sich riesenhaft, und dann auf einmal schrumpfte sie ein.
Jetzt kam ein Mann zum Vorschein, der von der Fahne versteckt auf dem Balkon gestanden war. Er breitete die Arme aus und bot, von der Fahne beschattet, ein düsteres Bild. Denn die Augen steckten wie in hohlen Wangen. Er riß geärgert an dem Zug und zerrte die Fahne in ihre Breite. Wieder erhob sie sich angeschwollen und brutal. Befriedigt sah er jetzt an ihr hinunter, sein Gesicht verdünnte sich noch mehr, als er es senkte. Die Fahne sah aus wie Blut. Wie Blut, das fließt, das sickert, das trocknet und wieder aufgefrischt wird. Er gab ihr einen starken Schwung. Sie fegte in einer lohenden Welle über den Boden.
Eva wollte vorübereilen, doch die Fahne wehte aufgebläht bis zur Rampe hin, schwang sich über die Rampe, verlegte ihr den Weg, sie konnte nicht zurückweichen, sie verfing sich und stürzte nieder.
Wer auf dem Boden liegt, bekennt seine Niederlage ein. Man hat nichts mehr zu tragen, wenn man liegt. Man hat keinen Stolz mehr, man hat auch keine Bürde. Man ist jeder Last enthoben.
Sie richtete die Augen nach oben und sah den Mann lächeln. Es lächelt so der Tod. Er blickte sie an, wiewohl mit hohlen Augen. Sie stand auf, entwand sich der Fahne und eilte ins Haus.
Das Haus hatte eine Halle in matten Farben. Die Wände waren etwas zerbeult, aber peinlich rein. Zwei Säulen trugen den ersten Stock, es sah alles ein bißchen verschlafen und verwunschen aus.
Als wäre sie noch immer von den roten Wogen gejagt, flüchtete Eva in ihre Wohnräume. Leise öffnete sie die Türe zu einem Raum, der von der langen Zimmerreihe abgeschieden an der Südseite lag. Er war wie eine Klause gebaut, die Wände entlang liefen glänzende Bücherreihen. Die Südwand führte zu dem Balkon mit der Fahne.
Der Lesende an dem fein polierten Tisch in der Mitte war in ein Buch vertieft. Dennoch, als die Türe sich in den Angeln drehte, wandte er sich um und lächelte.
Das Lächeln eines Menschen mag viel von seinem Charakter verraten, seine Güte, seine Gedankentiefe, seine Aufgeschlossenheit für alles Leben, oder es mag ihn preisgeben und entlarven. In diesem Falle aber stand nichts dergleichen zu befürchten. Es gibt ein Lächeln, dessen Enthüllung den Beschauer unterwirft.
Eva sammelte sich, als sie sein Lächeln sah, sie schloß rasch die Türe und ging mit leisen Schritten auf den Balkon.
Der Fahnenheld war verschwunden. Er mußte wohl hinuntergeklettert sein. Da stand er nun wirklich im Garten und prüfte befriedigt die Fahne, die jetzt in die Breite gebändigt war und ihm gehorchte. Grausam lächelnd schritt er aus dem Garten, wandte sich noch einmal um und schlotterte endlich den Berg hinunter.
Der Lesende in seinem Bibliothekszimmer schien wieder ganz versunken und konnte den Vorfall nicht wahrgenommen haben. Er versenkte sich wohl mit Absicht in einen fremden Geist.
Wie stellt man es an, dachte sie, daß man es ihm sagt, wie eine gute Nachricht, wie etwas Selbstverständliches und Leichtes. Wie bringt man es zuwege, ihre Sprache so zu verändern, daß sie hier vernommen wird? Die Sprache jener Männer mit einem Totenkopf als Sinnbild ihrer Macht.
Sie trat vom Balkon zurück ins Zimmer und berührte leicht seine Schulter. Sie versuchte zu lächeln, es zerschnitt ihr Gesicht und ließ nur die Schatten zurück. Betroffen stand er auf und führte sie auf den Balkon hinaus. Stumm wies sie auf die Fahne.
»Ist es diese Fahne, die dich erschreckt?«
Ihr Gesicht zeigte jenen Ausdruck, der ihm an ihr gefiel, weil er mit viel Kraft zurückhält, was er so stark zu sagen hätte.
»Dann werde ich dir eine Geschichte erzählen. Von unserem größten Weinbauern unten im Dorf. Er steckt um keinen Preis eine Fahne an sein Haus, also bringen sie eine und schlagen sie selber an seinen Balkon. Den nächsten Tag ist sie freilich verschwunden. Sie schlagen noch eine Fahne an, die ist am dritten Tag zerfetzt, wie mit tausend Scheren zerschnitten. Sie schleppen wieder eine Fahne herbei, diese Fahne bleibt. Sie leuchtet rot, das Volk geht vorüber und lacht, das ganze Dorf defiliert daran vorbei, jeder bringt einen Freund aus dem Nachbardorf, man hat seinen Spaß. Die Fahne ist nämlich über Nacht zusammengeflossen, in eine glatte Fläche. Die Swastika ist verschwunden, sie ist über und über rot und zeigt weder das weiße Feld noch das schwarze Mal.
Eine vierte Fahne wird herbeigeschafft, an allen Seiten fest gespannt, und das schwarze Kreuz wird eingebrannt. Den nächsten Tag ist ein Kreuz da, aber nicht das Hakenkreuz. Ein braunes Marterholz mit dem Heiland hängt in der Mitte, mit Christus, der sich verblutet und mit seinem Blut die Fahne färbt. Seither hat der Weinbauer keine Fahne mehr, aber dafür das Kreuz. Und das Kreuz wird ihm bleiben.«
Er trat zurück in den Arbeitsraum, da rief sie auf einmal und zeigte auf den Balkon:
»Die Fahne ist wieder eingeschrumpft!«
Sie ging ihm nach in das stille Gewölbe, dem die Bücherreihen Weite und Würde gaben. Sie brachte es nicht über die Lippen.
»Unsere Weinbäuerin hat mich heute angesprochen. Sie sagt, der Himmel hätte alles verkündet. Erst war er grellrot, in tiefer Nacht, das war das Vorzeichen. Dann erschien der Komet, und das bedeutet Unglück. Sie betet jetzt, daß nicht auch noch ein Erdbeben kommt, wenn ein Erdbeben kommt, bedeutet es Krieg.«
»Das Erdbeben ist gekommen, Eva.«
Sie sah ihn an wie etwas Verlorenes.Wie etwas, das nur mehr auf Hoffnung gebaut ist. Wie einen, der versucht, auf dem Meer zu gehen. Sie konnte es nicht aussprechen.
»Du hast mir nicht gesagt, Eva, was unten beschlossen wurde.«
Sie hatte das Gefühl, als spräche sie es nur beiläufig, als sähe sie fest und ruhig drein. Sie wußte nicht, daß sie bis in die Lippen erblaßte:
»Du mußt das Land verlassen, Kain.«
Er wandte den Kopf zur Seite und blickte in die Landschaft hinaus. Nur das leise Beben seines Halses verriet ihn. Das waren die Hügelreihen und Wiesen, die zu ihm gehörten, die Bäume oben am Saum, die zum Himmel zeigten. Das war das Haus, wie für ihn entworfen, ein Haus, das den Spießer ärgert und den Künstler entzückt, weil es so lose gebaut ist, verschwenderisch und mit sinnlosen Verstecken. Mit Türmen über dem Dach und unter dem Dach, mit Wendeltreppen selbst in den Zimmern. Der Garten ist so groß wie das ganze Land. Ein lächerlicher Garten. Alles verwildert und wuchert hier. Daß gerade Wildes und Wucherndes schön ist, und gerade das Unkraut, das die Kinder hier unten ausreißen. Sie sind so klein wie Käfer und so groß wie Rüben. Die Venus, die den schwarzen Schatten wirft, lebt, woher hätte sie sonst den Schatten.Wer dich von hier im Schlaf entführt, damit du es nicht weißt, oder auf den Rücken eines Vogels setzt, damit man es verträumt und vor Staunen vergißt, was man verlassen muß. Wer dir einen Aeroplan vors Haus führt und du steigst ein und fährst geradewegs zur glücklichen Insel …
»Man muß das Land verlassen und wird ermattet weichen und nicht im Triumph. Es wird Kämpfe geben und Angst bis in den Tod. Wenn es nur nicht zu lange dauert, damit sich die Gesichter nicht auch verändern.«
Sie blickte rasch weg. Wie kann sie es denn aussprechen, daß sie sich schon verändert haben! Hier...




