E-Book, Deutsch, Band 2685, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Cannary Lassiter 2685
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-5819-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stromabwärts lauert der Tod
E-Book, Deutsch, Band 2685, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7517-5819-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hinter dem Ladon River begannen die Hartings-Wälder, die sich bis hinauf ins Montana-Territorium zogen und reich an prächtigen Murraykiefern waren. Sie waren dem Territorium vor zehn Jahren von einem Kerl namens Barnabas Hartings geschenkt worden und seitdem Regierungsbesitz geblieben. Das Holz war von herausragender Güte und ging bis auf die Baustellen von New York und Boston.
Jessey Howard schulterte die zusammengeschnürten Äxte. Er schaute Dan und Josiah hinterher, die schon auf den Strom hinausgerudert waren, und warf das Bündel in den Bootsrumpf. Er konnte nicht glauben, dass er und seine beiden Brüder in diesen Wäldern den Tod finden würden. Er hatte geträumt, dass es so kommen würde. Dan hatte gelacht und ihn einen Hasenfuß genannt...
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Stromabwärts
lauert
der Tod
von Marthy J. Cannary
Hinter dem Ladon River begannen die Hartings-Wälder, die sich bis hinauf ins Montana-Territorium zogen und reich an prächtigen Murraykiefern waren. Sie waren dem Territorium vor zehn Jahren von einem Kerl namens Barnabas Hartings geschenkt worden und seitdem Regierungsbesitz geblieben. Das Holz war von herausragender Güte und ging bis auf die Baustellen von New York und Boston.
Jessey Howard schulterte die zusammengeschnürten Äxte. Er schaute Dan und Josiah hinterher, die schon auf den Strom hinausgerudert waren, und warf das Bündel in den Bootsrumpf. Er konnte nicht glauben, dass er und seine beiden Brüder in diesen Wäldern den Tod finden würden. Er hatte geträumt, dass es so kommen würde. Dan hatte gelacht und ihn einen Hasenfuß genannt ...
Die Murraykiefern standen in der Tat so dicht, wie sie es in den Expeditionsführern gelesen hatten, die Josiah aus Bozeman mitgebracht hatte. Die kräftigen Stämme hatten ebenso starke Äste, an denen dicht benadelte Zweige hingen, auf denen wiederum wohlduftende Zapfen standen, jeder von der Größe einer Faust. Die Brüder reckten die Hälse nach den Wipfeln dieser sanft schwankenden Riesen, die ihnen ein Vermögen bescheren würden.
»Zwei an einem Tag!«, rief Dan und rieb sich die Hände. Er war der Älteste und hatte entschieden, dass sie nach Montana gehen würden. »Einen Monat Arbeit für drei Monate im Winter, in denen wir auf der faulen Haut liegen dürfen!«
Neunhundert Dollar brachte ihnen ein Pinienstamm, den sie auf dem Fluss hinunter nach Wyoming brachten, dreihundert für jeden von ihnen. Sie hatten Josiah die Verantwortung für die Kasse übertragen, dem treuen und anständigen Josiah, der Holzgesellschaft angeschrieben und Verträge ausgehandelt hatte. Nach langem Streit waren die Brüder übereingekommen, dass sie drei Monate in den Hartings-Wäldern bleiben und sich vom Erlös ein Haus in Arizona zulegen würden.
Vornehmlich Dan hatte mit ihnen gestritten.
Er war ein ehrgeiziger Draufgänger, ein Koloss mit Stiernacken, dem man besser aus dem Weg ging. Er hatte seine Brüder gepiesackt, als er jünger gewesen war, zumeist Josiah, der die Bosheiten geduldig ertragen und keine Widerworte gegeben hatte. Die Demut des mittleren Sohnes hatte den Vater besorgt, der wahrscheinlich deshalb früh gestorben war; zu früh und zu qualvoll, wie Jessey fand, der in den letzten Minuten bei dem Sterbenden ausgeharrt hatte.
»Wir sollten uns nicht übernehmen«, sagte Josiah mit seinem dünnen Stimmchen, für das man ihn in Bozeman ein Weib geschimpft hatte. »Die Stämme müssen ohne größere Astlöcher sein. Sie dürfen nicht vom Schnee verdrückt sein.« Er sah streng zu Dan. »Du wirst auf mich hören müssen, Danny.«
Der älteste Bruder lachte verächtlich, lief zu Jessey und ließ sich eine Axt geben. Er schwang sie durch die Luft wie ein Tambourmajor den Stab, fing sie am Griff wieder auf und hieb sie gekonnt in einen Kiefernstamm. Er ging in die Hocke, fing ein wenig Harz mit den Fingern auf und schmierte es Josiah auf die Wangen. »Da hast du, was ich dir schuldig bin, Jos! Du wirst auf mich hören! Ich bin der Kerl mit den Muskeln! Ich reiß' euch die Stämme noch vor dem Fällen auf!«
Dans Gelächter erfüllte den von Sonne durchfluteten Wald, und die heitere Art des Ältesten steckte Jessey an, der den Arm um Josiah legte und ihn mit sich zog. Er neigte den Kopf zu Josiah und flüsterte ihm ins Ohr, dass er die Sache nicht so ernst nehmen dürfe.
»Ich muss es ernst nehmen«, erwiderte Josiah und warf einen mitleidigen Blick auf Dan. »Er haut sich irgendwann die eigenen Hände ab mit seiner Kraft. Ich sorge schon dafür, dass wir alle gesund und mit den nötigen Dollars in den Winter gehen.«
Sie entschieden sich für eine Lichtung als Lagerplatz und zogen die Zelte hoch, in denen sie die nächsten neun Wochen bleiben wollten. Die Holzstangen schlugen sie aus einigen niedrigen Föhren zurecht, die am Rand der Lichtung wuchsen, und richteten sie zu stabilen Dreibeinen auf, unter denen sie jeweils ein Feuer machten. Eine Feuerstelle sollte ihnen zum Kochen dienen, die andere zum Trocknen der Kleider und der übrigen Ausrüstung.
Die erste Nacht schliefen sie wie erschlagen.
Sie mussten sich vom Marsch hinunter nach Bozeman erholen, von den schlammigen Wegen, auf denen sie ein Stiefelpaar verloren hatten, und von den felsigen Aufstiegen, die höher im Norden zu bewältigen gewesen waren. Am Morgen darauf wählte Dan eine Kiefer aus, die sie gemeinsam fällten und von den größeren Ästen befreiten. Josiah strahlte dabei, Jessey bewahrte ihn vor den Grobheiten des Ältesten, und Dan – nun, Dan hatte ohnehin seinen Spaß.
Die Wochen verrannen wie der Sand im Stundenglas.
Sie schafften die Vorgaben, die Josiah ihnen gesetzt hatte, brachten die Stämme zum Ladon River, banden sie zu Flößen zusammen und fuhren darauf nach Wyoming hinunter. Sie nahmen ihre Dollars ein, verprassten kaum etwas in den Saloons, und nach einer knappen Woche waren sie wieder in den Hartings-Wäldern.
Die grausigen Träume dagegen wurde Jessey nicht los.
Er sah die lodernden Wälder, in denen seine Brüder verbrannten, die Hügel, die rot waren von Glut und Flammen, die kohlrabenschwarzen Gesichter von Josiah und Dan, die vor seinen Augen umgekommen waren. Seinen Geschwistern sagte Jessey nichts davon, doch er sprach jeden Abend Gebete, wie er es bei seinem Vater gelernt hatte.
»Riecht ihr das?«, fragte Dan eines Abends und stand von seinem Hackstock auf. Er lief zwischen die Zelte und blieb eine Weile verschwunden. »Irgendwo muss es brennen. Mir ist, als könnte ich die Asche in der Luft riechen!«
Jessey verharrte wie versteinert neben dem Dreibein.
Er hatte an diesem Abend die Hirschknochen ausgekocht, die von der Jagd übriggeblieben waren, und die Suppe mit Lorbeerblättern gewürzt. Sie hatten davon gegessen, miteinander gelacht und die Schrammen gezählt, die jeder von ihnen am Schienbein und an den Schenkeln hatte. Sie waren eine Spur zu glücklich gewesen, hatte Jessey gedacht, und nun schien ihm das Schicksal recht zu geben.
»Brand?« Josiah erhob sich ebenfalls und lief zu Dan hinüber. »Man hat mir Bozeman einmal gesagt, dass es im Yellowstone oft brennt. Ich würde nichts darauf geben, Dan. Es ist weit genug von uns entfernt.«
Statt einer Antwort brummte Dan nur und kehrte zum Feuer zurück. Er blickte verdrossen in die Glut und nahm den Schürhaken zur Hand. »Ich weiß nicht, Männer, mir ist flau im Magen. Ich will nicht in der Falle sitzen.« Er schaute zu Jessey. »Ich würde verschwinden, solange wir noch Gelegenheit dazu haben.«
»Verschwinden?« Josiah trat hinter ihn und zog die Brauen hoch. »Uns bleiben noch fünf oder sechs Bäume übrig. Man hat uns das Holz aus den Händen gerissen.« Er setzte sich ebenfalls wieder. »Wollen wir's aufgeben, ehe wir es zu Ende gebracht haben?«
Dan starrte vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf.
?
Der Federal Officer war ein untersetzter Mann mit lockigem grauem Haar, das er sich sorgfältig über die kahlgewordene Stirn gekämmt hatte. Er hatte einen Dampfer über den Pend d'Oreille Lake genommen, danach eine Kutsche der Rosenthal & Parker und stand nun verloren auf der Mainstreet von Bridges herum. Er trug den Koffer aus braunem Ochsenleder bei sich, den man Lassiter als Erkennungszeichen genannt hatte, und winkte nach einer Droschke.
Der Mann der Brigade Sieben zündete sich einen Zigarillo an.
Er behielt den Regierungsgesandten im Auge, der zugleich als Mittelsmann in diesem Teil des Montana-Territoriums auftrat, und rauchte einige Züge, bevor er dem Fremden entgegenlief. Er wusste aus dem Telegramm, das ihm das Hauptquartier geschickt hatte, dass er Officer James Suddards treffen würde und dieser einen Auftrag für ihn bereithielt.
»Mr. Suddards?«
Der Regierungsbeamte fuhr herum und musterte Lassiter aufmerksam. Er redete in der herablassenden städtischen Art, die Lassiter von Männern kannte, die gegen ihren Willen in den Westen gekommen waren. »Sind Sie Mr. Lassiter? Ich warte bereits seit einer halben Stunde auf Sie.« Er schlug mit der Hand auf den Koffer. »Ich habe eine dringende Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen.«
Sie nahmen eine Kutsche hinauf zum Oriental-Hotel, das sich am östlichen Stadtrand befand und dessen orientalisches Gepräge sich auf eine Reihe maurischer Laternen beschränkte, die über den Fenstern aufgehängt waren. Der Inhaber des Hotels ließ ein Separee im Speisesaal räumen und brachte ihnen eine Flasche Bourbon. Suddards löste die Verschlüsse seines Ochsenlederkoffers. »Sie gehören zu unseren fähigsten Agenten, Mr. Lassiter. Ich darf Ihnen mitteilen, dass sich der Justizminister für Ihren Einsatz ausgesprochen hat.«
Lassiter beugte sich nach vorn und zog die Stirn in Falten. »Ich mache mir nichts aus Eitelkeiten. Ich richte mich nach dem Eid, den ich geschworen...




