Capote | Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie. | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten, eBook

Capote Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.

Ein intimes Gespräch mit Lawrence Grobel
1. Auflage, neue Ausgabe 2017
ISBN: 978-3-0369-9363-8
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein intimes Gespräch mit Lawrence Grobel

E-Book, Deutsch, 304 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9363-8
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In seinen letzten Lebensjahren haben sich Truman Capote und Lawrence Grobel mehrmals getroffen, aus einem ursprünglich geplanten Interview wurde dieses lange intime Gespräch. Funkelnd, scharfzüngig und sehr persönlich erzählt Capote über sein Leben, spricht offen über alltägliche Dinge, über sein Schreiben, seine Probleme mit Drogen und Alkohol, seine Homosexualität. Zudem lässt er sich mit Genuss schonungslos über berühmte Zeitgenossen wie John F. Kennedy, Jacqueline Onassis, Norman Mailer oder Marilyn Monroe aus.
Ein literarisches Zeitdokument und zugleich der unverzichtbare Schlüssel zu Truman Capotes Person und seinem Werk.

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EINLEITUNG

Freitagmittag, den 16. Juni 1982, nahm ich ein Taxi vom Drake-Hotel zur Forty-ninth Street und First Avenue. Ich war nervös, als ich in das La Petite Marmite eintrat, gleich gegenüber dem UN-Plaza, in dem er wohnte, wenn er in der Stadt war. »Mr Capote«, sagte ich zum Oberkellner, der mich zu einem Tisch in der Mitte des Raumes führte. Es war voll, aber der einzige Mensch, den ich bemerkte, war Truman Capote, der in einem blauen Leinensakko über dem Polohemd dasaß und ein Glas hielt, sein großer Kopf wie ein Medizinball auf einem kurzen, dicken Hals.

»Bin ich zu spät, oder sind Sie zu früh?«, fragte ich, als ich mich neben ihn setzte.

»Ich bin wohl zu früh«, sagte er. »Ich habe schon mein Essen bestellt, und mein Drink ist da.« Er hob das Glas an die Lippen und nahm einen Schluck.

Er sah nicht so aus, wie ich es erwartet hatte. Sein Gesicht war gedunsen, sein Haar schütter, seine Augen wie die einer Krähe. Er wirkte nicht zwergenhaft oder elfisch, wie er so oft beschrieben worden war, sondern verbreitete Kraft und Autorität.

Ein Kellner kam, und ich bestellte ein Glas Weißwein. »Alles trinkt Weißwein heutzutage«, sagte Capote. »Ich trinke Daiquiris.«

»Trinken Sie eine Menge davon?«, fragte ich.

»Nein, nur zwei pro Tag.«

Der Kellner reichte mir die Speisekarte, und ich bestellte. Essen war das Letzte, was mir am Herzen lag.

»Ich habe vergessen, warum wir hier zusammen essen«, sagte Capote.

»Wir wollten über die Möglichkeit sprechen, ein Fernsehinterview zu machen«, antwortete ich. Ich hatte Interviews für Playboy und Playboy-Kabelfunk gemacht und war aus Kalifornien herübergeflogen, um Capote wegen eines Kabel-Interviews zu treffen.

»Ich hasse Kalifornien. Wie können Sie da leben?«

»Früher habe ich hier gelebt«, antwortete ich, »bin aber 1974 nach Los Angeles gezogen.«

»Wieso, um Himmels willen, haben Sie das getan?«, fragte er. »Es ist doch eine wissenschaftliche Tatsache, dass Sie, wenn Sie in Kalifornien leben, jedes Jahr einen Punkt von Ihrem IQ verlieren. Im Ernst.«

Er war eben ein Kauz. Ich hatte Capote als Schriftsteller immer bewundert. Ich gab Norman Mailer recht, wenn er in Advertisements for Myself über ihn schrieb: »Er ist der perfekteste Schriftsteller meiner Generation, er schreibt die besten Sätze, Wort für Wort und Takt für Takt. Ich hätte keine zwei Wörter in Breakfast at Tiffany’s geändert, das ein kleiner Klassiker werden wird.« Auch erinnerte ich mich an einen Professor am College, der sagte, Lawrence Durrell zu lesen, sei wie Champagner trinken, aber Capote zu lesen, sei, wie wenn man reines frisches Bergwasser trinkt. (Er fügte noch hinzu, Kerouac sei wie Coca-Cola, was Capote ein Kichern entlockte.)

Ich war mir nicht sicher, was ich von Capote, der öffentlichen Person, halten sollte, aber ein Mann, der mit Marilyn Monroe, Jacqueline Onassis und Perry Smith Händchen halten und sich an Witz mit den besten seiner Zeitgenossen messen konnte, war gewiss jemand, den aufzusuchen sich lohnte.

Er erzählte mir, dass ein anderes Kabelfernsehprogramm ihn gebeten hätte, dort aufzutreten, aber sie hätten den Fehler gemacht, ihm eine Liste der Leute zu schicken, die sie bereits aufgenommen hatten. Er war nicht beeindruckt. »Besonders, da sie mit Gore Vidal anfingen«, lachte er.

Dann sagte er, er wolle keine Interviews mehr machen, dort wo er wohnte, denn einmal habe er Barbara Walters’ Team hereingelassen, und sie hätten »eine solche Schweinerei« gemacht.

Ich fragte ihn nach der Kabel-Show, die er und Joanne Carson erwogen, aber er bezweifelte, ob sie je zustande käme. »Sie müssten mir eine Menge Geld bezahlen, und wie ich höre, gibts noch kein Geld in Kabel-Land.«

Wir wurden jedoch gestört durch das Auftauchen eines vor Stolz strahlenden Kellners. »Warten Sie nur, bis Sie sehen, wie der Chef dies für Sie zubereitet hat«, sagte er zu Capote.

Truman besah sich den Fisch auf seinem Teller und jammerte: »Oh, das ist nicht so, wie ich es wollte. Also gut, ich probiere ihn.«

Er studierte den Fisch. »Nun«, sagte Capote zu mir, »wann würden Sie es machen wollen?«

»Jederzeit, wann Sie wollen«, antwortete ich.

»Jederzeit nach Mitte August«, sagte er, und dann gab er mir seine zwei Telefonnummern, die er mich bat geheim zu halten, weil er sie eben erst habe ändern lassen.

Ich erzählte ihm, dass ich, als ich mich auf ein Interview mit Marlon Brando vorbereitete, jenes Stück, das Capote einst für den New Yorker schrieb, »The Duke in His Domain«, sehr hilfreich und aufschlussreich gefunden hätte.

»Ja«, stimmte er zu, »aber mein bestes Prominentenporträt ist das über Marilyn Monroe.«

Die nächste Stunde lang, während er seinen Fisch aß und ich in meinen Krabben stocherte, sprachen wir über das Neueste im Fernsehen und über sein Schriftstellerleben. John Hinckley war nach den Schüssen auf den Präsidenten für verrückt erklärt und in eine Anstalt eingewiesen worden, was das richtige Urteil sei, wie Capote fand. »Er ist wahnsinnig, was sonst?«

Claus von Bülow hingegen, der unlängst schuldig gesprochen worden war, seiner Frau eine lebensgefährliche Dosis Insulin gespritzt zu haben, hielt er für völlig unschuldig. »Ich weiß es als Tatsache«, sagte Capote. »Seine Frau versuchte mir einmal beizubringen, wie man mit einer Spritze umgeht, um mir selbst Vitamin-B12-Injektionen zu machen.«

Ich fragte ihn, wieso er dann nicht in von Bülows Prozess aufgetreten sei.

»Nur, weil ich sicher war, dass er freigesprochen werden würde. Und weil Norman Mailer um Jack Abbott ein solches Spektakel aufgeführt hatte, fand ich es auch nicht so gut, wenn nun ein anderer Schriftsteller dasselbe tat. Aber ich werde aussagen, wenn sie in die Berufung gehen.«

Auch wenn seine Stimme ein paar Oktaven höher lag als Tenor, war dies nicht das nasale Schrillen, das ihr eigen schien, wenn ich ihn bei Talkshows im Fernsehen hörte, was wohl, so überlegte ich, seine sorgfältig stilisierte Persona sein mochte, wenn er »auf Sendung« war.

Als ich ihn nach seinen Gewohnheiten beim Schreiben fragte, sagte er, dass er jeden Morgen um vier Uhr dreißig aufstünde und von fünf Uhr dreißig bis zwölf Uhr dreißig mittags arbeite. Er meinte, er sei ein langsamer Schreiber, er überarbeite immer wieder, was er geschrieben habe, und gegenwärtig arbeite er an Answered Prayers und an einem Band Kurzgeschichten. Auch lese er gern seine Bücher, sagte er, und: »Jedes Mal, wenn ich In Cold Blood zur Hand nehme, lese ich es von Anfang bis Ende durch, als ob nicht ich es geschrieben hätte. Es ist wirklich ein ganz perfektes Buch, wissen Sie. Ich würde nichts daran ändern.«

»Ist es auch Ihr Lieblingsbuch?«, fragte ich.

»Nein, mein Lieblingsbuch ist The Muses Are Heard.«

Als ich ihn fragte, wer sein Agent sei, meinte er, er hätte keinen, nur einen Anwalt. »Warum sollte man es sich zwanzig Prozent kosten lassen, wenn der Anwalt die Arbeit tut? Dann sind es nur zehn Prozent. Ich habe nie einen Agenten gehabt, weil ich meine erste Arbeit verkaufte, als ich siebzehn war, und direkt zum Verlag ging. Und damals war ich der Jüngste, der beim New Yorker gearbeitet hat.«

Unser Gespräch sprang zum Film über, und er sprach über das Drehbuch für seinen Schmöker Handcarved Coffins. Das Projekt sei bei United Artists gewesen, »aber dort gab es Krach, und jetzt ist es bei Twentieth Century-Fox. Ich habe dieses Buch über David Begelman gelesen, Indecent Exposures, und da werden ein paar Leute genannt, darum ist es vielleicht nicht so gut«, lachte er. »Ich habe einen Reporter eingeführt, damit das Drehbuch läuft. Ich hab versucht, mich möglichst aus der Geschichte rauszuhalten.«

Als die Rechnung kam, bestand Capote darauf, sie zu begleichen. Er klagte über die Schleimbeutelentzündung in seiner Schulter und sagte, er habe zum Zahnarzt gehen müssen, weil seine Zähne nicht gut seien, er habe allerhand Schwierigkeiten gehabt, darunter auch die, wieder zu korrigieren, was sein früherer Zahnarzt mit seinen Zähnen anrichtete. »Er war eine Niete«, knurrte er, als wir das Restaurant verließen.

Im August sprach ich mit Capote am Telefon, um zu sehen, ob wir unser Interview nicht auf Oktober verschieben könnten.

»Was wars doch gleich, was wir machen sollten?«, fragte er, und seine Stimme klang, als spräche er durch ein Sieb. Dies war der scherzende Capote, nicht dieselbe Stimme wie damals, als wir uns trafen.

Ich frischte seine Erinnerung auf, und er sagte, mit dieser erstickten Stimme: »Oh, ich komme gerade von einer 60 Minutes Show heute Morgen. Bin eben zurück. Ich habe lange kalt geduscht, hihi«, kicherte er. »Hmmm, na, ich habe nichts dagegen. Lassen Sie mich nachsehen – ich muss im Oktober einen Vortrag halten, an der University of California in Berkeley.«

Ich schlug vor, wir könnten das Interview vielleicht in Los Angeles machen, wenn er an der Küste wäre.

»Ich hasse Los Angeles«, sagte er. »Lassen Sie mich meine Agenda holen und das Datum suchen. Bleiben Sie.« Als er wiederkam, klang er verblüfft. »Welch ein Wunder, ich hab sie sofort gefunden – und bei der Unordnung, die in diesem Zimmer herrscht, wie der Schreibtisch aussieht … Mal sehen, im November habe ich diesen Vortrag. Na, jederzeit im Oktober, wann Sie kommen wollen, wirds gut sein. Schicken...


Lindquist, Thomas
Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als das sensationelle Debüt eines literarischen Wunderkindes gefeiert wurde. 1949 folgte die Kurzgeschichtensammlung »Baum der Nacht«, 1950 die Reisebeschreibung »Lokalkolorit«, 1951 der Roman »Die Grasharfe«. Das 1958 veröffentlichte »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. 1965 erschien der mehrmals verfilmte Tatsachenroman »Kaltblütig«, 1973 »Die Hunde bellen« (Storys und Porträts), 1980 »Musik für Chamäleons« (Erzählungen und Reportagen). Postum wurden 1987 - unvollendet - der Roman »Erhörte Gebete« und 2005 das neu entdeckte Debüt »Sommerdiebe« veröffentlicht. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles.

Capote, Truman
Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als das sensationelle Debüt eines literarischen Wunderkindes gefeiert wurde. 1949 folgte die Kurzgeschichtensammlung »Baum der Nacht«, 1950 die Reisebeschreibung »Lokalkolorit«, 1951 der Roman »Die Grasharfe«. Das 1958 veröffentlichte »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. 1965 erschien der mehrmals verfilmte Tatsachenroman »Kaltblütig«, 1973 »Die Hunde bellen« (Storys und Porträts), 1980 »Musik für Chamäleons« (Erzählungen und Reportagen). Postum wurden 1987 - unvollendet - der Roman »Erhörte Gebete« und 2005 das neu entdeckte Debüt »Sommerdiebe« veröffentlicht. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles.

Michener, James A.
Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren; er wuchs in den Südstaaten auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen zu sich nach New York holte. Mit neunzehn Jahren erhielt er für seine Kurzgeschichte Miriam den »O.-Henry-Preis«. 1948 erschien sein Roman »Andere Stimmen, andere Räume«, der als das sensationelle Debüt eines literarischen Wunderkindes gefeiert wurde. 1949 folgte die Kurzgeschichtensammlung »Baum der Nacht«, 1950 die Reisebeschreibung »Lokalkolorit«, 1951 der Roman »Die Grasharfe«. Das 1958 veröffentlichte »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. 1965 erschien der mehrmals verfilmte Tatsachenroman »Kaltblütig«, 1973 »Die Hunde bellen« (Storys und Porträts), 1980 »Musik für Chamäleons« (Erzählungen und Reportagen). Postum wurden 1987 - unvollendet - der Roman »Erhörte Gebete« und 2005 das neu entdeckte Debüt »Sommerdiebe« veröffentlicht. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles.

Truman Capote wurde 1924 in New Orleans geboren. 1948 erschien sein erster Roman Andere Stimmen, andere Räume , der als das sensationelle Debüt eines literarischen Wunderkindes gefeiert wurde. Das 1958 veröffentlichte Frühstück bei Tiffany erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. 1966 erschien der mehrmals verfilmte »Tatsachenroman« Kaltblütig , 1973 Die Hunde bellen (Storys und Porträts), 1980 Musik für Chamäleons (Erzählungen und Reportagen). Posthum wurden 1987 der unvollendete Roman Erhörte Gebete und 2005 das neu entdeckte, eigentliche Debüt Sommerdiebe veröffentlicht. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles. Das gesamte Werk von Truman Capote erscheint auf Deutsch in der Zürcher Ausgabe, herausgegeben von Anuschka Roshani, bei Kein & Aber.



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