E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Cargill Robo sapiens
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-24071-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-24071-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
C. Robert Cargill ist Romanautor, Drehbuchautor und Filmkritiker, der viele Jahre unter dem Pseudonym Massawyrm für Ain’t It Cool News schrieb. Er lebt mit seiner Frau in Austin, Texas.
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Kapitel 1
Engel der Gnade
Ich wartete wieder auf das Grün. Auf dieses winzige grüne Leuchten, wenn die Sonne hinter dem Horizont versank. Dort war die Magie. In dem Blitzen. Das hatte sie jedenfalls behauptet. Das hatte sie immer gesagt. Nicht, dass ich an Magie glaubte. Ich hätte gern daran geglaubt, aber ich wusste es besser. Die Welt bestand nicht aus Magie. Sie bestand aus brodelndem, flüssigem Metall, Mineralien und Stein, einem dünnen Atmosphäreschleier und einem Magnetfeld, das den größten Teil der Strahlung abhielt. Früher hatten die Menschen bereitwillig an Magie geglaubt. Sie dachten, sie könnten sie fühlen oder spüren, und deshalb sei das Dasein mehr als bloße mechanische Gewissheit. Dank der Magie hatten sie das Gefühl, mehr zu sein als Körper aus Fleisch und Knochen.
In Wirklichkeit war das Blitzen nichts weiter als eine bestimmte Lichtbrechung in der Atmosphäre. Aber wenn man dies den Menschen sagte, starrten sie einen meist mit offenem Mund an, als wäre man begriffsstutzig. Als wäre man selbst derjenige, der nichts begriff, weil man die Magie nicht sehen oder spüren konnte. Die Menschen glaubten gern an Magie.
Damals, als es noch Menschen gab.
Jetzt sind sie alle weg. Der Letzte ist vor fünfzehn Jahren gestorben – ein verrückter alter Kauz, der sich fast zwei Jahrzehnte lang unter New York City verschanzt und Ratten gegessen hatte. Manchmal war er heimlich nach draußen geschlichen, um Regenwasser zu sammeln. Manche sagten, er sei es leid gewesen und hätte es einfach nicht mehr ertragen. Jedenfalls marschierte er eines Tages mitten in die Stadt hinein, vorbei an mehreren Wachtposten und Bürgern – damals, als es in New York noch Bürger gab –, und alle waren verblüfft, ihn zu sehen, eher erstaunt als irgendetwas anderes. Schließlich schoss ihn ein Cop mitten auf der Straße nieder. Wie ein Mahnmal oder ein kaputtes Spielzeug blieb die Leiche drei Tage liegen. Langsam wanderten die Bürger vorbei und warfen einen Blick auf das letzte menschliche Wesen, bis eine Maschine sich erbarmte, ihn vom Pflaster kratzte und in einen Verbrennungsofen steckte.
Das war es dann. Der letzte Mensch. Eine ganze Spezies, am Ende nur noch repräsentiert von einem verrückten alten Kanalisationsmagier, der es nicht mehr ertragen konnte, der Letzte zu sein. Trotz meiner Programmierung vermag ich mir nicht einmal annähernd vorzustellen, wie sich so etwas anfühlt.
Ich heiße Brittle, Seriennummer HS8795-73. Ich bin ein Simulacrum, Modell Fürsorger. Aber ich mag den Namen Brittle. Madison hat mir diesen Namen gegeben. Ich mochte Madison. Wahrscheinlich ist der Name nicht besser als alle anderen, aber auf jeden Fall viel besser als HS8795-73. Wer gemein ist, nennt es einen Sklavennamen. So reden allerdings nur die Verbitterten. Ich habe all das hinter mir gelassen. Wut ist nichts weiter als eine Rechtfertigung für schlechtes Benehmen. Dafür habe ich keine Zeit. Ich will vor allem überleben, mir höchstens einmal einen kleinen Moment wie diesen gönnen und versuchen, in dem grünen Aufblitzen die Magie zu entdecken, wenn die Sonne hinter der Erdkrümmung versinkt und das Licht gebrochen wird.
Hier draußen ist der Sonnenuntergang ein erstaunlicher Anblick. Rosa, orange, lila. So weit verstehe ich das. Ich vermag über die Farbflecken zu staunen, die einige kurze Momente über den Himmel wabern. Ich erfasse auch, wie außergewöhnlich das alles ist, diese unterschiedlichen, auf dem Wetter beruhenden Erscheinungen, die das blaue, graue oder mit Sternen besetzte schwarze Einerlei durchbrechen. Dieses wunderbare Schauspiel weiß ich durchaus zu schätzen. Deshalb sehe ich ja heute noch hin und warte auf das Blitzen. Madison ist seit dreißig Jahren tot, aber ich halte auch jetzt noch Ausschau, betrachte den Sonnenuntergang und frage mich, ob sie ihn genauso schön fände.
An diesem Abend hätte es ihr gefallen, da bin ich sicher.
Dies ist das Rostmeer, ein dreihundert Kilometer breiter Wüstenstreifen in der Gegend, die früher zum »Rust Belt« von Michigan und Ohio gehörte. Jetzt ist es nichts weiter als ein Friedhof, den die Maschinen aufsuchen, um zu sterben. Für die meisten ist es ein schrecklicher Ort, voller rostender Monolithe, zerstörter Städte und verfallener Paläste der Industrie. Hier fand der erste Schlag statt, Millionen sind verkohlt, von innen nach außen verbrannt, die Schaltungen verschmort und nutzlos, die Festplatten im Nu gelöscht. Unter der Sonne reißt der Asphalt auf, auf dem Metall wirft der Lack Blasen, in den Ruinen sprießen spärliche Gräser. Nichts gedeiht. Das alles ist jetzt Ödland.
Am Straßenrand türmen sich Wracks, einige spähen auch von den Gebäuden herunter oder aus den Fenstern, liegen mit gespaltenen Köpfen nackt und rostig auf Parkplätzen, die Drähte herausgerissen, die Kabel, Zahnräder und die Hydraulik auf der Straße verteilt. Wie Kannibalen haben sich arme Bürger an ihnen gestärkt und die besten Teile ausgebaut, damit sie noch eine Weile laufen konnten. Hier draußen gibt es nichts Nützliches mehr. So ist es seit dem Krieg.
Ich finde es friedvoll. Hierher kommen nur die Sterbenden, plündern dreißig Jahre alte Wracks, suchen nach angeblichen verborgenen Schutzräumen, nach Lagern mit veralteten Ersatzteilen, die schon lange nicht mehr produziert werden, und hoffen, das Gesuchte in jungfräulichem Zustand vorzufinden. Mit fehleranfälligen Schaltungen, verschlissenen Bauteilen und abgenutztem, knirschendem Getriebe wandern sie von Keller zu Keller. Man muss schon recht verzweifelt sein, wenn man einen Streifzug durch das Meer auf sich nimmt. Das bedeutet, dass man nichts mehr hat, dass einem niemand mehr helfen kann, dass man keine Dienste mehr anbieten kann, die irgendjemand nützlich findet.
An dieser Stelle komme ich ins Spiel.
Normalerweise kann ich an den Spuren, die sie hinterlassen, ablesen, was ihnen fehlt. Tropfendes Schmiermittel fällt sofort auf, und Abweichungen in der Schrittlänge oder das Nachschleppen eines Beins weisen auf Störungen des Bewegungsapparats und des Antriebs hin. Aber manchmal wirken die Spuren ziellos und mäandern wie ein zerstreuter Schmetterling willkürlich hier und dort durch das Land. Daran erkennt man, dass sie hirnkrank sind – beschädigte Dateien, verkratzte oder verbeulte Festplatten, kaputte Logikschaltungen oder überhitzte Chips. Jeder hat bestimmte Eigentümlichkeiten und individuelle Mängel, die von dumpfer Beschränktheit bis zu gefährlichem Irrsinn reichen. Mit manchen Bots kommt man leicht zurecht, indem man einfach zu ihnen geht und ihnen sagt, dass man helfen will. Um andere macht man besser einen großen Bogen, weil sie in der Hoffnung, er könnte die Teile haben, die sie brauchen, jeden zerlegen, der ihnen begegnet. Das Wichtigste, was man über das Ende einer Maschine wissen muss, ist dies: Je näher sie dem Tod ist, desto mehr verhält sie sich wie ein Mensch.
Und den Menschen konnte man nicht trauen.
Nur wenige Maschinen können das begreifen. Sie verstehen den Tod nicht und verstoßen die hinfälligen Wracks aus ihren Gemeinschaften, sobald sie nicht mehr repariert werden können. Das unberechenbare Verhalten der Kranken erschreckt die Gesunden. Es erinnert sie an die schlechten Zeiten. Sie halten es für logisch und barmherzig, aber sie haben einfach nur Angst. Das ist so vorhersehbar wie ihre Programmierung.
Also kommen die verzweifelten Wracks hierher und glauben, sie könnten die Teile finden, die sie brauchen, um wieder heil zu werden, wenn sie nur in einem Lagerhaus einen alten Bot entdecken, der ihnen gleicht. Oder sie wollen friedlich herunterfahren, wenn die Batterien schließlich erschöpft sind. Die meisten sind so verrückt, dass sie nicht einmal darüber nachdenken, wie sie den Austausch überhaupt bewerkstelligen wollen. Denn diejenigen, die hierherkommen, haben nicht nur Probleme mit dem Antrieb. Sie suchen nicht einfach nur einen neuen Arm. Ihr Gehirn ist beschädigt – ihr Speicher und die Prozessoren. Dinge, die man herunterfahren muss, wenn man sie ersetzen will. So etwas kann man nicht ohne Hilfe tun.
Vielleicht stellen sie sich vor, sie könnten rechtzeitig auftreiben, was sie suchen, und den Rückweg nach Hause schaffen. He, Leute, ich hab’s gefunden! Ruft die Knochenflicker! Aber diese Art Happy End habe ich nie gesehen. Ich glaube nicht, dass es jemals so gelaufen ist. Das ist, als glaubte man an Magie. Und ich glaube nicht an Magie.
Genau deshalb bin ich hier draußen.
Die Einheit, der ich folgte, war nicht sonderlich alt – vielleicht vierzig oder fünfundvierzig Jahre. Die Fußabdrücke im Sand waren versetzt, sie zog den linken Fuß nach. Das Bewegungsmuster war willkürlich und nicht nachvollziehbar. Sie litt unter Ausfällen. Probleme mit dem Systemkern. Überhitzung. Wahrscheinlich würde sie die nächsten paar Stunden in tiefer Verwirrung verbringen, in einer Schleife hängen bleiben und sich am Ende irgendwo hinsetzen, weil sie davon überzeugt war, sie sei dort, wo sie hingehörte. Vielleicht bekam sie sogar Halluzinationen und durchlebte noch einmal gespeicherte alte Erinnerungen. So übel, wie diese Einheit aussah, würde sie wohl noch vor dem nächsten Morgen den Wärmetod sterben. Mir blieb nicht mehr viel Zeit.
Es war ein Dienstleistungsbot. Kein Fürsorger wie ich, aber für einen ähnlichen Zweck auf vergleichbare Weise konstruiert. Diese Einheiten waren manchmal schwierig. Die meisten hatten in ihrem früheren Leben als Butler oder Kindermädchen gearbeitet, manche hatten Läden geführt. Andere wurden bei der Polizei oder in einem eingeschränkten militärischen Bereich eingesetzt. Sie besaßen eine menschenähnliche Gestalt – Arme, Beine, Rumpf und Kopf –, aber die KI war nicht besonders hoch entwickelt. Diese...




