Carlin | Heute Nacht in Jungleland | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 284 Seiten

Carlin Heute Nacht in Jungleland

Bruce Springsteen und sein legendäres Album Born To Run
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-85445-807-4
Verlag: Hannibal Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bruce Springsteen und sein legendäres Album Born To Run

E-Book, Deutsch, 284 Seiten

ISBN: 978-3-85445-807-4
Verlag: Hannibal Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



50 Jahre : Das Album, das Bruce Springsteen zur Legende machte

1975 stand Bruce Springsteen am Anfang seiner Karriere. Seine ersten beiden Alben hatten kommerziell noch nicht viel bewegt, aber die Kritiker bereits aufgehorcht: Hier war einer, der große Geschichten erzählen und den Finger auf den Puls Amerikas legen konnte. Mit bewies Springsteen, dass das bei weitem nicht alles war: Wie kaum ein anderer verstand er es, Amerikas komplizierte Seele zutage zu fördern und sie in mitreißende Rocksongs zu verpacken, die keinen Musikfan unberührt ließen. Mit diesem Album wurde Springsteen - nicht zuletzt dank des ikonischen Titelsongs - zu einem der größten Rockstars aller Zeiten.
Der Journalist Peter Ames Carlin hat sich dieses Meilenstein-Album, das in diesem Jahr seinen 50. Jahrestag feiert, im Detail angenommen. Nachdem er 2012 die hochgelobte autorisierte Springsteen-Biografie verfasst hatte, verfügte er bereits über beste Kontakte zu Springsteen selbst, seinen Bandkollegen und seinem ganzen Umfeld und konnte daher für Informationen zusammentragen, die ganz neue Einsichten über den »Boss«, seine Arbeit im Studio und die Hintergründe zu den einzelnen Songs vermitteln.
Es ist eine wahre Schatztruhe an bisher unerzählten Geschichten, die Carlin hier öffnet. Kenntnisreich und spannend schildert er die Entstehung der Titel, von den ersten Klaviertönen von »Thunder Road« bis hin zum Outro von »Jungleland«, und enthüllt dabei den teilweise quälenden Arbeitsprozess ebenso wie die Tiefe von Springsteens kreativer Vision. Das tragende Thema von ist die Flucht aus dem alten Leben und hin zu einem Neuanfang - genau das, was diese Platte für Springsteen tatsächlich sein sollte. Carlin nimmt den Leser mit ins Studio, zu den Bandproben, ans Mischpult und in Springsteens Haus in Long Branch, wenn der Songwriter am Klavier saß. Besser lässt sich Musikgeschichte kaum erleben!
Carlin Heute Nacht in Jungleland jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Prolog (7)
Kapitel 1: Watch the world explode (9)
Kapitel 2: Nashville (17)
Kapitel 3: Lost in the flood (31)
Kapitel 4: Ich weiß, wo du wohnst (42)
Kapitel 5: Karnevals-Wochenende (53)
Kapitel 6: Die Zukunft des Rock'n'Roll (63)
Kapitel 7: Growing young with Rock'n'Roll (71)
Kapitel 8: Walk with me out on the wire (80)
Kapitel 9: Welcome to E Street (90)
Kapitel 10: The poets down here don't write nothing at all (103)
Kapitel 11: Wings for wheels (112)
Kapitel 12: Der E Street dance (120)
Kapitel 13: Magic in the night (129)
Kapitel 14: Like a vision (135)
Kapitel 15: All the wonder it brings (143)
Kapitel 16: Scooter und der Big Man (150)
Kapitel 17: Elefantenmusik, Baby! (160)
Kapitel 18: "Und dann warst du der Psychopath" (169)
Kapitel 19: The heist (178)
Kapitel 20: Heute Nacht in Jungleland (191)
Kapitel 21: Kutztown (204)
Kapitel 22: Bottom Line (217)
Kapitel 23: Durchwursteln (229)
Kapitel 24: Gegenwind (241)
Kapitel 25: Die andere Thunder Road (252)
Epilog (263)
Anhang: Lyrics mit Übersetzung, Danksagung, Bibliografie (269)


KAPITEL 1
WATCH THE WORLD EXPLODE

Auf einer Seite seines Notizblocks nahm der Song Gestalt an. Irgendwann im Herbst 1973 war Bruce Springsteen in Asbury Park und beobachtete die Street Racer in ihren aufgemotzten Autos, die an einem Samstagabend Runden auf ihrer „Rennstrecke“ Ocean Avenue/Kingsley Street drehten. Der Korso aus leistungsstarken, wunderbar akribisch hergerichteten Autos schlug etwas in ihm an – die Art, wie sie den Geist ihrer Besitzer belebten. Die kräftigen Rot-, Lila- und Blautöne, die Rennstreifen und handgemalten Adler, das glänzende Chrom und das schimmernde Glas. Und die Power ihrer Motoren: das leise Grollen im Leerlauf, das Düsenjet-Dröhnen beim Start. Auf der Strecke bewegten sich die Fahrer langsam, wobei die Lenkräder in ihren Händen zitterten, während sie in der Kraft und Schönheit ihrer Fahrzeuge aufgingen.

Like animals pacing in a black, dark cage, senses on overload …/They’re gonna end this night in a senseless fight/And then watch the world explode.

Sie kreisten und drehten auf, glitten langsam dahin und jagten dann davon. Wohin fuhren sie? Das war eine interessante Frage, genauso spannend wie jene, woher sie kamen und was sie in die Nacht hinausführte, um Runden mit ihren Freunden und Rivalen zu drehen und alles aufs Spiel zu setzen. Auf einem Auto standen Worte, eine Kette kursiver Buchstaben, die sich nach vorn neigten, als würden sie von der Ziellinie in der Ferne angezogen. Ein Wagnis, eine Philosophie, eine Erklärung. Oder vielleicht der Titel eines Films. Hat er es wirklich auf einem vorbeifahrenden Rennwagen gesehen? Oder ist es ihm einfach so eingefallen? Etwas, das auf einem Auto oder vielleicht auf seinem eigenen Tourbus stehen sollte. Bruce schrieb es für den Fall, dass er es wieder vergaß, auf seinen Notizblock. Er würde es nie vergessen.

Born To Run.

***

Ende 1973 befand sich Bruce Springsteen in einer schwierigen Lage. Sein erstes Album bei Columbia Records, Greetings From Asbury Park, N.J., war im Januar herausgekommen. Kritiker und eine kleine Schar von Fans hatten es geliebt, und sein zweites Album The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle, das im November veröffentlicht wurde, erfuhr die gleiche Anerkennung, aber verkaufte sich genauso schlecht. Diese Tatsache und ein Wechsel in der Führungsetage des Labels führten dazu, dass sich Bruce zunehmend von Columbia entfremdete. Es dauerte immer länger, bis man dort die Anrufe seines Managers Mike Appel beantwortete. Vor allem jetzt, da Bruce wissen wollte, wann sie das Geld für die Aufnahme seines nächsten Albums erhalten würden. „Wir müssen darüber nachdenken, Mike, hörte sein Manager immer wieder von den leitenden Angestellten.

Als er in den ersten Wochen des Jahres 1974 endlich eine Antwort erhielt, war die Nachricht gelinde gesagt enttäuschend. „Mach eine Single“, sagten sie. „Falls sie sich fürs Radio eignet, werden wir für den Rest des Albums aufkommen.“ Appel wollte Einspruch einlegen: Bruce sei kein Single Act, wandte er ein. Es gehe einzig um Alben, das sei immer der Plan gewesen. Das habe aber nicht funktioniert, erwiderten sie. „Das ist also deine Chance. Mach eine Single.“

Appel überbrachte Bruce die Nachricht, der sie sacken ließ, nickte und seinen Notizblock zur Hand nahm. Er hatte einen neuen Song, der sich anders anfühlte als das, was sie zuvor gemacht hatten. Vielleicht sollten sie daran arbeiten. Er war noch nicht fertig damit, aber das Grundgerüst und die wesentlichen Gefühle waren vorhanden.

***

Die Akkorde für den Song und die Melodie der Strophen standen fast sofort fest. Im Kern drehte sich die Nummer um drei einfache Akkorde – die I-IV-V-Kadenz die man in so vielen Rocksongs hört: „Louie, Louie“, „Twist And Shout“, „Don’t Worry Baby“ von den Beach Boys und mindestens ein Dutzend von Chuck Berrys klassischsten Hits, während das Gitarrenriff in den Strophen „Telstar“ mit Duane Eddys Gitarren-Twang kombinierte. Die absteigenden Akkorde im zweiten Teil der Strophen und die I-VI-IV-V-Auflösung des Refrains stammten aus einem anderen Kapitel der Rockgeschichte (man denke an „Duke Of Earl“, „This Boy“, „Surfer Girl“ usw.), wohingegen lediglich die aufsteigenden Modulationen in der Bridge und die jähe Rückkehr zum Grundakkord zu Beginn der nächsten Strophe an die ausgeklügelten Strukturen auf Bruce’ ersten beiden Alben erinnern. Das Rückgrat dieses Stückes geht auf die grundlegendsten musikalischen Archetypen des Rock ’n’ Roll zurück.

Ein früher Textentwurf trug den Titel „Wild Angels“. Die auf ein liniertes Blatt des Blocks geschriebenen Verse beschreiben eine Litanei zeitgenössischer urbaner Katastrophen. Mordlustige Junkies richten Schrotflinten auf Soldaten, die Freigang von Ft. Dix haben. Them wild boys did it just for the noise/Not even for the kicks. Straßen verfallen, Autofahrer werden unter ihren eigenen Wagen zerquetscht. Das Spiel ist so abgekartet, dass es mörderisch ist. This town’ll rip The bones from your back/It’s a death trap/You’re dead unless you get out when you’re young.

Bruce machte weitere Entwürfe, füllte Blockseiten in den frühen Morgenstunden nach Shows auf Hotelzimmern oder während er sich auf dem muffigen Sofa in dem kleinen Bungalow fläzte, den er kürzlich in einem Arbeiterviertel von Long Branch nördlich von Asbury Park an der Jersey Shore gemietet hatte. Der Text entwickelte sich weiter, aber die Dunkelheit blieb erhalten. Baby, tonight I saw the fast rebel/Crushed under the wheels of his own hemi, begann eine Strophe. Am Ende erleben wir, wie der Rebell seinen letzten Atemzug nimmt, umklammert von den Armen seines „hübschen Surfer-Girls.“ In einer anderen Version werden alle Helden unter ihrem Auto zerquetscht: Crushed beneath the weight of/Their own Chevy Six. Und was ist mit dem hübschen Surfer-Girl? … Dead on a beach in an/Everlasting fix.

Es wirkte unerwartet, nicht wie die Songs auf seinen ersten beiden Alben und noch weniger wie die Musik, die er in den kommenden Jahrzehnten schreiben sollte. Aber in dem Moment, als er die Welt beobachtete und die Kultur verinnerlichte, die widerspiegelte, wie es sich anfühlte, in diesem Moment am Leben zu sein, klang es glaubhaft. „Ich stand so einem Rock-’n’-Roll-Gothic-Stil von Natur aus nahe“, sagt er. „Es entsprach genau dem, wo ich herkam: den ganzen B-Movies, die ich mir anschaute, und der Tatsache, dass ich in Asbury Park mit den Hotrods aufgewachsen bin, die jeden Abend auf der Rennstrecke herumwirbelten.“

Bruce arbeitete weiter und füllte seinen Block. Er strich Zeilen, fügte neue hinzu, überarbeitete das Vorhandene, nahm es auseinander, feilte neue Verse aus und baute sie ein. Schließlich begannen die Worte, klarer zu werden und ihre hysterische Schärfe zu verlieren. Die Düsterkeit und Ahnung von Gefahr blieben jedoch bestehen. Die Jungs fahren auf der Straße auf und ab wie „Tiere in einem schwarzen Parkkäfig“, Senses on overload/They’re gonna end this night in a senseless fight/Then watch the world explode. Doch als es Frühling wurde, erkannte Bruce etwas, das am Horizont funkelte. Eine Vision – zumindest das – von einem anderen Ort. Ein möglicher Zielpunkt für die eine Phrase, die in jedem Textentwurf stand: Tramps like us, baby we were born to run.

***

Es ist Frühherbst 2024, der Morgen seines fünfundsiebzigsten Geburtstags. Wir sitzen im Wohnzimmer eines Hauses an der Jersey Shore, wenige Meilen südlich der Stadt, die durch Bruce’ Songs berühmt wurde. Es ist ein schönes, wenngleich nicht extravagantes Strandhaus und gehört zu jenen Neubauten, die den Eindruck vermitteln, dass sie schon vor einem Jahrhundert hier hätten stehen können. Aber die gewaltigen Fenster zum Meer und die unerwarteten Winkel des Wohnzimmers verdeutlichen, dass es jünger ist. Bruce sitzt in einem Sessel vor einem großen Kamin und erinnert sich daran, wie es war, ein 24-jähriger Halbstarker zu sein. Seine dunklen Augen glänzen. Erst vor einer Woche trat er beim Sea.Hear.Now Festival in Asbury Park als letzter Act des Wochenendes auf. Die Hauptbühne des Festivals befand sich an dem Strand, wo der junge Bruce üblicherweise surfte, schwamm und schlief, wenn er sonst nirgendwohin konnte. Zu diesem Anlass verzichtete er auf die Setlist, die er für die Konzerte der letzten zwei Jahre zusammengestellt hatte, und schöpfte mit selten gespielten Songs wie „Blinded By The Light“, „Does This Bus Stop At 82nd Street?“, „The E Street Shuffle“, „Fourth Of July, Asbury Park (Sandy)“ und dem 1973er Outtake „Thundercrack“ ausgiebig aus seinen frühesten Alben. Nach der Show schmiss er eine kleine Party im Hinterzimmer der Wonder Bar, die zu seinen ältesten Stammlokalen in der Stadt gehörte. Bei einem Cheeseburger und Pommes Frites erzählte er begeistert von der Show und dem Anblick all der Gesichter, die vom Sand aus zu ihm aufgeschaut hatten. „Ich dachte immer wieder daran, dass dies der Ort ist, wo es passierte. Hier ist das alles passiert. Bloß waren früher nicht so viele Leute hier. Es wird lebendig, Mann. Und das ist großartig.“

„Born To Run“ wurde gegen Ende des Auftritts gespielt, einer von zehn Knallern aus Bruce’...


Carlin, Peter Ames
Peter Ames Carlin wurde in Syracuse, New York, geboren und wuchs in Seattle auf. Als Journalist arbeitete er unter anderem für das People-Magazin, die New York Times und die LA Times. Er schrieb Rock-Bücher über Künstler wie Paul McCartney, Paul Simon und Brian Wilson von den Beach Boys. Seine Springsteen-Biografie Bruce wurde zum Weltbestseller.



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