Carlotto | Und es kommt ein neuer Winter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 165, 220 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

Carlotto Und es kommt ein neuer Winter


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99037-127-5
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 165, 220 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

ISBN: 978-3-99037-127-5
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mord, dubiose Verstrickungen und Niedertracht der Reichen im florierenden Norden Italiens. Bruno, erfolgreicher Immobilieninvestor, heiratet die wesentlich jüngere Federica, Tochter der mächtigen Unternehmerdynastie Pesenti. Sie überredet ihn, aufs Land zu ziehen, in ihr Heimatdorf im reichen italienischen Nordosten, das von ihrer Familie kontrolliert wird. Doch Bruno ist ein Fremder, und alle, die von außen kommen, werden mit Argwohn betrachtet. Er wird von Anfang an bedroht und gerät in einen Hinterhalt, den er knapp überlebt. Wer steckt dahinter: seine verwöhnte Ehefrau, die vermeintlich anständigen Dorfbewohner oder die Handlanger der Pesentis? Als einziger Freund erweist sich der unauffällige Wachmann Manlio Giavazzi, der von der Erinnerung an ein tragisches Ereignis gequält wird. Und für den klar ist: Bestimmte Angelegenheiten sind innerhalb des Dorfes zu regeln.

Massimo Carlotto, 1956 in Padua geboren, ist einer der beliebtesten italienischen Roman- und Krimiautoren. Neben den Büchern mit der Figur des 'Alligators' hat er Romane und Drehbücher geschrieben. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt. Bei Folio: Der Tourist (2017), Blues für sanfte Halunken und alte Huren (2019), Die Frau am Dienstag (2020) und mit Carofiglio/De Cataldo: Kokain (2013).
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Prolog


Das Licht einer Straßenlaterne fiel auf das Armaturenbrett. In ihrem Schein fuchtelte Robi mit den Händen wie ein Zauberkünstler, der einen neuen Trick ausprobierte.

„Hör auf“, warnte ihn Michi und band sein Halstuch fest.

„Diese grünen Handschuhe sind lächerlich.“

„Im Supermarkt gab’s nur die“, behauptete Michi, der in Wahrheit nach den erstbesten im Regal gegriffen hatte, „außerdem ist es dunkel, das wird keiner merken.“

„Sie sind phosphoreszierend, ich komme mir vor wie ein Marsmensch“, lamentierte Robi.

Michi lachte. „Apropos phosphoreszierend, erinnerst du dich an die Madonnen aus Plastik, die der Priester jedes Jahr aus Lourdes mitgebracht hat?“

„Klar, wenn du die Krone vom Kopf abgeschraubt hast, hast du das geweihte Wasser gesehen. Wenn ich Fieber hatte, gab mir meine Mutter immer einen Schluck davon zu trinken.“

Robi verlor sich in Kindheitserinnerungen und Michi ließ ihn reden. Wenn er nervös war, brauchte er Ablenkung, sonst konnte er die Dinge verkomplizieren.

Michi kannte ihn gut, sie waren Cousins, gleich alt und zusammen aufgewachsen. Oft hielt man sie für Brüder. Außerdem trugen sie den gleichen Nachnamen: Vardanega. Sie hatten eine ganz besondere Verbindung, sie brauchten einander. Robi hatte schon als Kind begriffen, dass er nicht clever genug war, sein Cousin aber schon. Er wusste immer, was zu sagen oder zu tun war. Ihm wie ein Schatten zu folgen, schien die richtige Entscheidung zu sein. Michi hatte Robis Untertänigkeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgenutzt, aber nie so, dass es offensichtlich war. Es war kein Zufall, dass er der Klügere war. Menschen, die sie kannten, waren sich sicher, dass die beiden einander sehr mochten, aber so war es nicht. Zwischen ihnen hatte sich eher eine geschäftliche Beziehung entwickelt, eine Art Komplizenschaft. Familienbande und Gefühle spielten eine untergeordnete Rolle.

Michi überlegte, plante und zerbrach sich den Kopf, während Robi sich nicht mal die Mühe machte, darüber nachzudenken, ob sein Cousin recht hatte oder nicht. Er hatte sich nicht mal Gedanken darüber gemacht, als sein Cousin ihm damals geraten hatte, sich mit Alessia Cappelli zu verloben, der Schwester von Michis zukünftiger Frau Sabrina.

Alessia war hübsch, sympathisch und warmherzig, aber auch impulsiv und von schlichtem Gemüt. Sie waren wie füreinander gemacht und liebten sich nach fünf Jahren Ehe immer noch wie am ersten Tag, was nicht zuletzt ihrer Arglosigkeit und Naivität dem Leben gegenüber zu verdanken war, was alles einfacher machte.

Auch an diesem sternenklaren Sommerabend Mitte Juni, der nach einem schwülheißen Tag ein wenig Kühle brachte, war Robi Michi selbstverständlich gefolgt. Zuerst hatten sie ein Auto geklaut, einen Fiat Punto, das einzige Modell, das sie knacken und bei dem sie den Motor kurzschließen konnten. Beigebracht hatte ihnen das Fausto Righetti, genannt Riga, der einzige einigermaßen ernstzunehmende Kriminelle der Gegend. Als Chef einer Hehlerbande hatte er schon einige Male hinter Gittern gesessen. Riga war nicht gerade sympathisch, hatte keine Freunde in der Gegend und ließ sich nur selten in der Öffentlichkeit blicken. Falls er doch Freunde hatte, dann jenseits des Tals, oder sie ließen sich nicht mit ihm sehen. An diesem Nachmittag hatten sie sich mit ihm beim alten Waschhaus getroffen, wo er ihnen eine in einen öligen Lappen eingewickelte Pistole übergeben hatte, für eine Leihgebühr von 150 Euro. Während Riga die Scheine zählte, hatte er ihnen geraten, keine Dummheiten damit zu machen.

Danach waren die Vardanegas in die Bar Taiocchi gegangen, wo es angenehm kühl war, hatten Bier getrunken und waren den Plan noch mal durchgegangen. Später hatten sie mit ihren Familien zu Abend gegessen und sich mit dem Vorwand, eine Partie Billard zu spielen, verabschiedet. Was sie zweifellos und mit großer Hingabe auch tun würden, nachdem sie dem Typ, auf den sie im geklauten Auto warteten, eine Abreibung verpasst hätten. „Ein wackliges Alibi, aber besser als nichts“, hatte der clevere Michi gemeint. Einige Monate zuvor hatten sie die Reifen des schicken Volvo ihres Opfers plattgestochen und zehn Tage später im Garten seiner Villa Feuer gelegt. Die Flammen hatten die Fassade beschädigt, die bis heute nicht wieder neu gestrichen worden war.

„Wir hätten uns als Maler anbieten können“, hatte Robi scherzhaft gesagt, als sie das Auto abgestellt hatten.

„Hätten wir“, hatte Michi geantwortet.

Ihr Opfer kam aus der Stadt und hieß Bruno Manera. Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er Federica Pesenti geheiratet, eine Einheimische aus dem Dorf, die deutlich jünger war als er. Den Gerüchten zufolge war es eher eine Zweckehe, er war ein vermögender Mann und sie eine gebildete, gut aussehende 35-Jährige, Tochter einer bekannten und angesehenen Familie, die aber in den letzten Jahren mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatte. Ihr Vater besaß eine Firma, die Chemikalien für die Textilindustrie herstellte, und hatte die Produktion nach Indonesien verlagert, nachdem sie zuvor der größte Arbeitgeber der Region gewesen war. Dieser Schritt hatte sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt. Er war der erste und einzige Unternehmer, der nach Fernost gegangen war, andere hatten die Produktion nach Osteuropa verlegt, aber die meisten waren in dem kleinen Industriegebiet des Tals geblieben. Nur eine einzige Zufahrtsstraße führte dorthin, das An- und Abfahren der Lastwagen zu beobachten, vermittelte den Bewohnern der vier Dörfer ein größtmögliches Gefühl von Sicherheit.

„Wenn die Waren zirkulieren, zirkuliert auch das Geld“, ein Satz, dessen Urheber unbekannt war, der aber im Tal gerne und oft zitiert wurde, auch im Dialekt. Selbst der Priester benutzte ihn, allerdings sprach er in der Messe diskret von „Wohlstand“ und nicht von „Geld“, wenn er um den Segen des Herrn für seine Gläubigen bat.

Bruno Manera war ein erfolgreicher Unternehmer, der seinen Wohlstand dem Ankauf, der Sanierung und dem Verkauf von hochwertigen Immobilien in Tourismusregionen verdankte, wie seine junge Ehefrau ihren Freundinnen anvertraut hatte, was allerdings rasch die Runde machte.

Er hatte sich um das Finanzielle gekümmert, während seine erste Ehefrau, eine bekannte Architektin, die Umbaumaßnahmen geplant und überwacht hatte. Nachdem sie einer Krebserkrankung erlegen war, hatte Bruno Manera seine geschäftlichen Aktivitäten stark eingeschränkt, aber wenn er ein gutes Geschäft witterte, ließ er es sich nicht entgehen.

Der Neuankömmling aus der Stadt galt im Dorf als exzentrischer Außenseiter, aber nur bis zu dem Moment, als die ersten Anschläge auf ihn verübt wurden. Danach war jedes Wohlwollen verschwunden und es wurde gemunkelt, dass er nicht ganz die Wahrheit sagte.

Die Gerüchte wurden vom Kommandanten der örtlichen Carabinieri, Maresciallo Capo Piscopo befeuert, der keine Gelegenheit ausließ zu betonen, dass dieser Mann aus der Stadt Probleme machen würde. Um nach einer künstlichen Pause hinzuzufügen, dass er offensichtlich etwas zu verbergen hatte. Piscopo war ein beeindruckender und stattlicher Mann mit schaufelgroßen Händen, die wenigen Kriminellen des Tals hatten gehörigen Respekt vor ihm. Seine gewaltigen Ohrfeigen waren gefürchtet. Alle infrage kommenden Verdächtigen waren nach der Reifengeschichte und der Brandstiftung befragt worden. Der Maresciallo war überzeugt davon, dass kein Einheimischer dahintersteckte, und der Einzige, der schlussendlich in die Mangel genommen wurde, war Manera selbst, der sich empört und vehement bei der Staatsanwaltschaft und Piscopos vorgesetzter Dienststelle beschwert hatte. Ohne Erfolg.

Michi und Robi, von Amts wegen eigentlich Michele und Roberto, würden also nicht in Verdacht geraten. Nicht nur, weil sie keinerlei Vorstrafen hatten, sondern auch, weil man sie für rechtschaffene und gesetzestreue Bürger hielt. Genauso wie ihre Altersgenossen gingen sie in die Bar, spielten Billard und fuhren bisweilen in die Stadt, zu den nigerianischen Huren, die am Straßenrand ihre Dienste anboten. Aber jeden Morgen standen sie pünktlich auf, um hart zu arbeiten, sie waren kirchlich getraut und Michi hatte kurz darauf seine Frau geschwängert. Robi und Alessia schienen sich mehr Zeit zu lassen, das war vielleicht auch besser so, wer weiß, was dabei herauskäme.

Michi war von der gesamten Situation überhaupt nicht begeistert. Viel lieber hätte er mit Freunden in der Bar herumgehangen oder mit Sabrina auf der Couch im Wohnzimmer vor dem Fernseher gesessen und ihre Lieblingssendungen kommentiert oder irgendwelche dummen oder gewagten Bemerkungen gemacht. Er liebte es, wenn sie lachte. Allerdings lachte sie seit seiner Entlassung immer seltener. Die Kleiderfabrik, in der auch Roberto gearbeitet hatte, war von einem ausländischen Konzern geschluckt worden,...


Massimo Carlotto, 1956 in Padua geboren, ist einer der beliebtesten italienischen Roman- und Krimiautoren. Neben den Büchern mit der Figur des "Alligators" hat er Romane und Drehbücher geschrieben. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt.
Bei Folio: Der Tourist (2017), Blues für sanfte Halunken und alte Huren (2019), Die Frau am Dienstag (2020) und mit Carofiglio/De Cataldo: Kokain (2013).



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