E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
Carlsen Familie mit Herz 174
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6430-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ü 40 - ab jetzt bin ich dran!
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-6430-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mehr als zwei Jahrzehnte war Elisabeth immer für alle da. Mit ihrem 'Musterstübchen', ihrem kleinen Laden für zauberhafte selbstentworfene Stoffe, hat sie als Witwe ihre drei Kinder ernährt und ihren eine glückliche Kindheit ermöglicht. Seit die Rasselbande aus dem Haus ist, springt Elisabeth ein, wann immer Not am Mann ist, betreut die Enkel, und selbst die Nachbarskinder rufen nach 'Oma Lisa'.
Dass ihre eigenen Bedürfnisse bei all der Fürsorge für ihre Lieben auf der Strecke bleiben, bemerkt sie erst, als ihr ein Frühlingssturm den Pianisten Jan nicht nur in den Laden, sondern auch in ihr Leben bläst. Jan ist kein Unbekannter für Elisabeth - einst, in Studententagen, verband sie eine leidenschaftliche Liebe mit ihm. Und jetzt, viele Jahre später, ist Elisabeth entschlossen, ihrem Liebesleben noch eine Chance zu geben. Nun ist ihre Zeit gekommen, und die will sie in vollen Zügen genießen ...
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Ü 40 – ab jetzt bin ich dran!
Gibt es ein (Liebes)leben nach der Familie?
Von Lotta Carlsen
Mehr als zwei Jahrzehnte war Elisabeth immer für alle da. Mit ihrem »Musterstübchen«, ihrem kleinen Laden für zauberhafte selbstentworfene Stoffe, hat sie als Witwe ihre drei Kinder ernährt und ihnen eine glückliche Kindheit ermöglicht. Seit die Rasselbande aus dem Haus ist, springt Elisabeth ein, wann immer Not am Mann ist, und betreut die Enkel, selbst die Nachbarskinder rufen nach ›Oma Elli‹.
Dass ihre eigenen Bedürfnisse bei all der Fürsorge für ihre Lieben auf der Strecke bleiben, bemerkt sie erst, als ihr ein Frühlingssturm den Pianisten Jan nicht nur in den Laden, sondern auch in ihr Leben bläst. Jan ist kein Unbekannter für Elisabeth – einst, in Studententagen, verband sie eine leidenschaftliche Liebe mit ihm. Und jetzt, viele Jahre später, ist Elisabeth entschlossen, ihrem Liebesleben noch eine Chance zu geben. Nun ist ihre Zeit gekommen, und die will sie in vollen Zügen genießen ...
»Mama? Mama bist du das?« Die Stimme von Ann-Kathrin, Elisabeth Wenningers jüngster Tochter, drang laut und vor Erregung zitternd aus ihrem Handy. »Hier ist Ann-Kathrin!«
»Das ist mir nicht entgangen«, erwiderte Elisabeth lachend. »Und ja, da du offensichtlich meine Nummer gewählt hast, bin auch ich es, die sich unter diesem Anschluss meldet. Was kann ich denn für dich tun, mein Schatz?«
Ann-Kathrin, ihre »Kleine«, wie Elisabeth sie für sich noch immer gelegentlich nannte, hatte erst vor Kurzem erfolgreich ihr Studium der Psychologie abgeschlossen und in einer Forschungsabteilung der Freien Universität Berlin ihre erste Stellung angetreten. Elisabeth war umso stolzer auf sie, da Ann-Kathrin während des Studiums Mutter geworden war und Sebastian, ihren kleinen Sohn, allein aufzog. Die kurze Beziehung zu einem Studienkollegen hatte der Belastung nicht standgehalten, und ohne die tatkräftige Unterstützung ihrer Mutter hätte Ann-Kathrin ihr Studium nicht fortsetzen können.
Elisabeth aber half ihrer Jüngsten ebenso gern aus wie ihren beiden älteren Kindern. Sie hatte ihr Dreigespann nach dem plötzlichen Unfalltod von Andreas, ihrem Mann, schließlich selbst allein aufziehen müssen, und wusste nur zu gut, wie schwierig das oft war.
Als junge Frau hatte Elisabeth voller Begeisterung Kunst studiert und sich auf Design spezialisiert. Als Designerin hätte sie damals jedoch unmöglich eine Anstellung finden können, die sich mit der Betreuung von drei kleinen Kindern vereinbaren ließ. Da sie aber schon immer eine Leidenschaft für fantasievolle Stoffmuster gehegt und dergleichen in ihrer Freizeit kreiert hatte, war sie kurzerhand auf die Idee gekommen, sich mit einem Geschäft für solche Stoffe selbstständig zu machen.
Elisabeths farbenfrohen, verspielten Entwürfe gefielen den Kunden, und schon bald lief ihr »Musterstübchen« so gut, dass es sie alle ernährte.
Mit den Einkünften aus dem Geschäft hatte sie ihren Kindern ein gemütliches Zuhause und materielle Sicherheit geschaffen. Darüber hinaus hatte sie für Leonie, Oliver und Ann-Kathrin da sein können, soweit es als berufstätige Mutter überhaupt möglich war: In der Mittagspause hatte sie für ihre Rasselbande frisch und möglichst gesund gekocht, und wenn im Kindergarten oder in der Schule Schluss war, kamen alle drei in ihren Laden gestürmt. Hinter der Verkaufstheke richtete Elisabeth ihnen einen Platz ein, an dem sie ihre Schularbeiten erledigen, zeichnen oder ruhig spielen konnten, und so hatte sie immer ein Auge auf sie.
Ihre Kunden liebten die drei, und Elisabeth konnte es ihnen nicht verdenken. Für sie waren Leonie, Oliver und Ann-Kathrin die wunderbarsten Kinder auf der Welt. Auch wenn es wahrlich nicht immer leicht gewesen war und sie abends vor Erschöpfung oft kaum noch stehen konnte, hätte sie mit keinem Menschen auf der Welt tauschen wollen.
Für ein eigenes Leben – Freunde, Hobbys, Reisen oder gar eine neue Männerbekanntschaft – hatte sie weder Zeit noch Kraft aufbringen können. Aber ihr hatte auch nichts gefehlt. Schließlich hatte sie ihre Kinder um sich gehabt, und bessere Gesellschaft gab es nicht.
Natürlich hätte sie gelegentlich gern einen anderen Erwachsenen an ihrer Seite gehabt, um über Probleme und Sorgen rund um ihre Kinder zu sprechen oder sich gemeinsam an ihren wundervollen Einfällen zu freuen. Wenn sie ganz ehrlich war, war das aber auch mit Andreas nicht möglich gewesen, denn der hatte sich als Vater wenig engagiert und wollte am Feierabend am liebsten vor dem Fernseher seine Ruhe haben.
Ja, die Jahre waren anstrengend gewesen, aber Elisabeth hatte jedes einzelne von ihnen genossen. Und jetzt, wo Leonie, Oliver und Ann-Kathrin alle drei aus dem Haus waren, kam sie noch lange nicht zur Ruhe oder fand Zeit sich zu langweilen!
Kirstin König, ihre Lieblingskundin, die Elisabeths Stoffentwürfe für ihr kleines, aber feines Musical-Theater nutzte und die eigentlich mehr Freundin als Kundin war, hatte nach Ann-Kathrins Auszug gesagt: »Jetzt wird es aber Zeit, dass du etwas für dich selbst tust, nachdem du jahrelang alles, was du nur aufbringen konntest, deiner Kükenschar gegeben hast. Starte noch mal ganz neu durch, Elli, gönn' dir Sachen, die dir Freude machen, lerne interessante neue Menschen kennen ...«
Elisabeth wusste es zu schätzen, dass die Freundin sich um sie sorgte, aber sie hätte gar nicht gewusst, wie sie ihren Rat in die Tat umsetzen sollte. Außerdem hätte sie auch gar keine Zeit dazu gehabt, denn ihre Kinder brauchten sie jetzt, wo sie erwachsen waren, kaum weniger:
Leonie, die älteste Tochter, baute sich mit ihrem Mann Malte in dem schönen Berliner Bezirk Lichterfelde ein behagliches Eigenheim. Da die beiden sich zusätzlich gerade als junge Architekten selbstständig gemacht hatten, steckten sie ständig bis über beide Ohren in Arbeit, und waren mehr als nur dankbar, wenn Elisabeth an den Wochenenden beim Hausbau mit anpackte.
»Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde, Mama«, hatte Leonie gerade neulich erst wieder gesagt, und Elisabeth war froh, weil sie ihr helfen konnte.
Oliver, ihr Zweitgeborener und einziger Sohn, hatte jung geheiratet. Er und seine liebenswerte Frau Carina hatten sich in der Ausbildung als Koch und Köchin kennengelernt und träumten ebenfalls von einer Selbstständigkeit mit einem kleinen Café. Gern griff Elisabeth ihnen dabei finanziell unter die Arme, wo sie nur konnte, auch wenn das bedeutete, dass sie in ihrem Laden jede Menge Überstunden schieben musste. Als sich mitten in der Aufbauphase des Lokals auch noch die kleine Xenia anmeldete, galt das natürlich umso mehr.
Elisabeth liebte ihre Enkel über alles. Xenia und Sebastian waren beide drei Jahre alt und spielten herrlich zusammen. Zwar musste Elisabeth sie von Zeit zu Zeit bremsen, wenn sie wie zwei Wirbelstürme durch den Laden fegten, aber sie waren deshalb nicht weniger wundervoll. Häufig gesellten sich sogar noch Nick und Nina, die vierjährigen Zwillinge von Elisabeths Nachbarn dazu. Ihre Eltern, Sofia und Denis Melnik kämpften nach Kräften darum, sich hier in Berlin ein neues Leben aufzubauen.
»Sie sind ein Segen für uns, Elli«, hatte ihr Sofia vor ein paar Tagen erst wieder versichert und einen selbstgebackenen Kuchen mitgebracht. Ihre Kinder riefen Elisabeth fröhlich »Oma Elli« und fühlten sich bei ihr rundum wohl.
In Elisabeths Tageslauf gab es somit nicht die kleinste Lücke. Auch heute hatte sie wieder seit sieben Uhr in der Früh gearbeitet, um einen eiligen Auftrag für Kirstins Theater rechtzeitig fertigzugstellen, und einer Stunde musste sie Xenia vom Kindergarten abholen, weil Oliver und Carina den ganzen Tag beim Großhändler waren. Und dass nun auch noch Ann-Kathrin anrief, bedeutete mit größter Wahrscheinlichkeit, dass sie einen weiteren Termin in einen Zeitplan würde quetschen müssen, in dem eigentlich nicht der geringste Platz mehr war.
»Mama, ich bin völlig verzweifelt«, rief Ann-Kathrin nun auch genau, wie Elisabeth es vermutet hatte. »Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Sebastian ist heute zu einem Kindergeburtstag eingeladen, ausgerechnet bei Christopher, dem beliebtesten Jungen in seiner Gruppe, mit dem er doch auch so gern befreundet sein möchte.«
»Ja, davon hat er mir erzählt«, sagte Elisabeth. »Er hat extra für Christopher ein Bild gemalt und freut sich doch schon die ganze Woche auf die Feier.«
»Ich weiß«, kam es kleinlaut von Ann-Kathrin. »Aber jetzt sind hier gerade die neuesten Untersuchungsberichte unserer Studie eingetroffen, auf die wir händeringend gewartet haben, und meine Kollegin ist krank. Ich komme vor heute Abend unmöglich weg, ansonsten kann ich meine Festanstellung hier am Institut gleich ganz vergessen.«
»Mmmh.« Elisabeth überlegte. »Das ist allerdings wirklich schwierig.«
Sie wusste, wie sehr Ann-Kathrin darum bangte, nach der Probezeit fest übernommen zu werden. Sie träumte davon, sich um die Miete für ihre Wohnung endlich keine Sorgen mehr machen zu müssen und mit...




