E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Carmichael BITTER WIE STRYCHNIN
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-2006-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Krimi aus London
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-7554-2006-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als Pauline Mason an einer Strychnin-Vergiftung starb, lag die Erklärung nahe, dass sie Selbstmord begangen hatte; die Untreue ihres Mannes konnte sie dazu getrieben haben. Aber für John Piper, der im Auftrag von Paulines Lebensversicherung den Fall unter die Lupe nimmt, steht außer Zweifel, dass Pauline ermordet wurde. Sonderbar: Piper will zunächst nicht einmal wissen, wer und warum - sondern wie... Harry Carmichael (eigtl. Hartley Howard/Leopold Horace Ognall - * 20. Juni 1908 in Montreal, Québec; ? Großbritannien) war ein britischer Schriftsteller. Der Roman Bitter wie Strychnin um den Londoner Privatdetektiv John Piper erschien erstmals im Jahr 1966; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1971. Der Signum-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur.
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Erstes Kapitel
Roy Stephenson hatte sein Büro im ersten Stock des Cresset Assurance Building – dem Gebäude der Cresset Versicherung. Ein großer, viereckiger Raum mit Holzverkleidung an den Wänden und schweren Möbeln. Auf einem Tisch unter dem Fenster stand eine Vase mit Narzissen. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und die Luft roch nach Zigarrenrauch und Möbelpolitur. Roy Stephenson lehnte sich leicht lächelnd gegen den Schreibtisch und reichte Piper seine feuchte, weiche Hand. »Guten Morgen, John. Was halten Sie vom Wetter?« »Es schneit wieder«, sagte Piper. »Ich hoffe, mein nächster Auftrag führt mich für ein paar Monate auf die Bermudas.« »Leider nicht, mein Freund. Die Sache, die ich für Sie habe, spielt hier in London. Aber ziehen Sie den Mantel aus, sonst holen Sie sich noch einen Schnupfen, wenn Sie wieder nach draußen kommen. Zigarette?« Er gab Piper Feuer und fuhr dann fort: »Wie geht’s sonst? Glaube, ich hab’ Sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen.« »Ja, seit Ende letzten Jahres habe ich keinen Auftrag mehr für die Cresset Versicherung ausgeführt.« »Das freut mich«, sagte Stephenson. »Sie wissen schon, wie ich das meine, nicht wahr?« Er legte die Fingerspitzen gegeneinander und lächelte. »Wir kommen auch ganz gut ohne vorgetäuschte Einbrüche, zur rechten Zeit ausbrechende Feuer, verschwundene Juwelen, die in Pfandleihen wieder auftauchen, und ähnliche Späße aus, die uns immer wieder veranlassen, Ihre teuren Dienste in Anspruch zu nehmen. Je seltener wir Sie brauchen, desto besser für uns. Das war natürlich nicht als Beleidigung gemeint.« »Ich hab’s auch nicht so aufgefasst«, sagte Piper. »Scheint, Sie brauchen mich mal wieder, wie?« »Oh ja, natürlich. Ich hab’ da eine Sache, die dürfte genau in Ihrer Richtung liegen.« »Was steht auf dem Spiel?« »Zwölftausend Pfund.« Das Lächeln verschwand aus Stephensons rundem Gesicht, und er lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Mit dieser Summe war Mrs. Pauline Mason bei uns versichert. Sie haben vielleicht in den Zeitungen über ihren Tod gelesen. Sie war die Frau von Stuart Mason, dem Filmproduzenten.« »Ich erinnere mich vage, dass ich irgendwas über den Fall gelesen habe. Wann ist sie gestorben?« »Vor zwei Wochen.« »Wie?« Stephenson presste die Lippen zusammen und sagte: »Ich hoffe, das können Sie mir in allernächster Zeit genau sagen. Im Augenblick wissen wir nur, dass sie ein bis zwei Gran Strychnin in der Nacht des neunzehnten März schluckte. Sie wurde erst am nächsten Morgen gefunden und muss schon seit etwa acht Stunden tot gewesen sein.« »Sie sagen schluckte. Meinen Sie damit, dass sie das Gift selbst nahm, dass sie genau wusste, was sie tat?« »Es wäre möglich.« Er zuckte die Achseln. »Wenn das wirklich der Fall ist, möchte die Polizei gern wissen, wie sie an das Strychnin herangekommen ist und aus welchen Gründen sie Selbstmord begangen hat.« »Wo geschah es?« »Bei ihr zu Hause. Sie lag im Bett. Wie es scheint, hat sie sich wie jeden Abend zur üblichen Zeit zurückgezogen. Niemand hat gemerkt, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, bis ihr das Mädchen am nächsten Morgen das Frühstück bringen wollte.« Piper sagte: »Wenn sie kein Motiv hatte, dann hatte vielleicht ihr Mann eins. Hat die Polizei schon an diese Möglichkeit gedacht?« »Natürlich. Und unter uns gesagt: ich auch. Obgleich ich andererseits Doktor Barron nicht ganz aus dem Spiel lassen möchte.« »Wer ist das?« »Der Arzt der verstorbenen Mrs. Mason. Es gibt da eine Vermutung, eine hübsche kleine Vermutung: nämlich, dass er vielleicht mehr war als nur ihr Arzt. Wenn sie ihm allmählich lästig wurde...« »Gibt es einen Anlass für Ihre Vermutung?« »Eigentlich nur hier und da ein Mosaiksteinchen. Schließlich kennt ja ein Arzt die Mittel und Wege.« »Er mag zwar den Weg kennen, aber ob er die Mittel hat, das möchte ich bezweifeln. Heutzutage mischen Ärzte doch nicht mehr selbst Medikamente, es sei denn, sie haben eine Landpraxis.« »Oder sie haben nur Privatpatienten. Es gibt kein Verbot, das Ärzten die Herstellung von Medikamenten untersagt, solange diese nicht für Kassenpatienten verwendet werden.« »Und Doktor Barron hat keine Kassenpatienten?« »Nein. Er hat die Praxis seines Vaters übernommen, der es von jeher gewohnt war, die Medikamente für seine Patienten selbst herzustellen. Ich weiß, dass Strychnin heutzutage nur selten verwendet wird, ich möchte aber wetten, dass Doktor Barron Strychnin in seinem Giftschrank hat.« »Man wird kaum feststellen können, ob davon ein paar Gran fehlen«, sagte Piper. »Natürlich nicht, wenn die Flasche mit dem Strychnin schon seit undenklichen Zeiten in seinem Labor steht. Wer könnte eventuell wissen, wieviel sie ursprünglich enthielt?« Stephenson lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte die Arme übereinander und fügte hinzu: »Doktor Barrons Arzneimittel werden meistens von seiner Assistentin zusammengestellt, die ausgebildete Apothekerin ist, aber sie arbeitet auch nicht sieben Tage in der Woche... Und nachts ist sie schließlich auch nicht dort. Doktor Barron selbst hatte also genügend Gelegenheit.« »Schön, vielleicht hatte er das«, gab Piper zu. »Setzen wir einmal voraus, er hatte die Mittel und ein Motiv – zwei Faktoren, die noch lange nicht bewiesen sind. Bleibt nur noch die Frage: Wie brachte er Mrs. Mason dazu, die tödliche Dosis Strychnin zu nehmen?« Mit einem dünnen Lächeln sagte Stephenson: »Wenn ich das wüsste, brauchte ich Sie nicht. So wie die Dinge liegen, möchte ich aber lieber an Selbstmord glauben. Schon deshalb, weil wir dann nicht zwölftausend Pfund zahlen müssen. Mrs. Masons Police enthält nämlich eine Selbstmordklausel.« »Warum?« »Weil sie ihre Versicherungssumme von fünf- auf zwölftausend Pfund erhöht haben. Die Selbstmordklausel wird bei uns automatisch in den Vertrag aufgenommen, wenn die Versicherungssumme auffallend erhöht wird... Aber das wissen Sie ja wohl aus eigener Erfahrung.« »Und das war ja wohl eine auffallende Erhöhung«, sagte Piper. »Wenn Sie sie sagen, so meinen Sie doch sicher Mr. und Mrs. Mason?« »Ja. Er hat seine Versicherung ebenfalls erhöht, zur gleichen Zeit – von fünf- auf zwölftausend.« »Wann war das?« »Im letzten Mai. Die Selbstmordklausel galt nur für die ersten zwölf Monate nach der Erhöhung der Versicherungssumme. In vier oder fünf Wochen wäre diese Frist abgelaufen.« »Wenn Mrs. Mason sich vergiftet hat«, sagte Piper, »dann hat sie an ihre Erben überhaupt nicht gedacht, oder? Sie hätte auch noch zwei Monate warten können. Wer erhält nach der Police das Geld?« »Ihr Bruder. Er heißt Robert Christie. Er lebt seit sechs Jahren bei den Masons.« »Was für einen Beruf hat er?« »Keinen, er ist Invalide. Er hat multiple Sklerose und trägt Stützprothesen an beiden Beinen, ein Arm ist schon gelähmt.« »Seit wann?« »Vor zehn Jahren hat es angefangen. Als er keinen Beruf mehr ausüben und nicht mehr allein leben konnte, haben die Masons ihn aufgenommen. Seit kurzem haben sie eine Pflegerin für ihn eingestellt.« »Kann er sich noch allein helfen?« »Kaum. Er ist auf Krücken angewiesen und...« Stephenson brach ab und fasste sich ans Kinn. Dann fuhr er fort: »Ich weiß, woran Sie jetzt denken, aber da liegen Sie falsch. Christie kann’s nicht gewesen sein.« »Warum nicht? Zwölftausend Pfund – das ist schon eine ganz schöne Versuchung, auch wenn’s die eigene Schwester war.« »Robert Christie hat mit der Sache nichts zu tun. An dem Abend, als sie starb, war die Pflegerin die ganze Zeit über mit ihm zusammen. Er ging um halb elf zu Bett und hat bis kurz vor Mitternacht ferngesehen.« »Könnte er nicht sein Bett verlassen haben?« »Wann?« »Nachdem die Pflegerin gegangen war.« »Das ist es ja gerade. Sie war die ganze Zeit bei ihm, jedenfalls bis kurz vor Mitternacht. Soweit ich weiß, hat sie das Zimmer nicht ein einziges Mal verlassen.« Piper sagte: »Danach scheidet Mr. Christie offenbar aus.« »Ja, natürlich. Er war auf seine Schwester angewiesen. Ein Mann in seiner Lage kann es sich nicht leisten, den einzigen Freund, den er auf der Welt besitzt, zu vergiften. Sie gab ihm ein Zuhause und all das, was er sich auch für viel Geld nicht kaufen kann: Zuneigung und Wärme.« »Was ist mit seinem Schwager?« »Sie mögen sich nicht besonders. Sie haben damit auch nie hinterm Berg gehalten. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht gerade leicht ist, mit einem Mann wie Christie zusammenzuleben. Vielleicht liegt das an seiner Krankheit. Wie dem auch sei, Mason und er haben in den letzten Monaten off miteinander gestritten.« »Auch kein sehr hübscher Zustand für Mrs. Mason«, sagte Piper. »Hin- und hergerissen zwischen Ehemann und Bruder, dazu häuslicher Unfriede – da ist es doch nicht überraschend, wenn sie sich zur Erholung einen anderen sucht.« Stephenson sagte: »Ja, wenn.« Er erhob sich und fuhr mit brummigem Ton fort: »Wie Sie’s auch drehen, immer bleibt ein großes Wenn. Es stimmt, dass Mrs. Mason und Doktor Barron mehr waren als nur gute Freunde. Und wenn Doktor Barron vorhatte, das Verhältnis zu lösen, so hätte das für Mrs. Mason Grund genug für einen Selbstmord sein können'. Was meinen Sie?« »Schon, aber sie hätte sich nicht mit Strychnin vergiftet. Wie sollte sie auch darankommen?« »Das gilt ebenso für ihren Ehemann – und für...




