E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Carmichael FRAU IM LABYRINTH
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-0744-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-7554-0744-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Seit zwei Jahren ist Mrs. Janet Kilmuir aus Leeds verschwunden. Untergetaucht? Entführt? Ermordet? Der Versicherungsdetektiv John Piper geht Schritt für Schritt den Spuren dieser braven Hausfrau nach. Und er findet heraus, dass ihr Leben weder einfach noch beschaulich war... Der Roman Frau im Labyrinth des britischen Schriftstellers Harry Carmichael (eigtl. Hartley Howard/Leopold Horace Ognall - * 20. Juni 1908 in Montreal, Québec; ? Großbritannien) erschien erstmals im Jahr 1964; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1976. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME CHEFAUSWAHL.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
ERSTER TEIL
24. Oktober, 8.00 Uhr Es ist ein kalter, windstiller Tag nach einer Nacht, die die ersten Vorboten des Winters gebracht hat. Ein leichter Dunst liegt über Westbourne Avenue, und die Gehwege sind mit Reif bedeckt. Im Garten von Nummer 23 ist der Bergahorn in brüchiges Gelb und Braun gekleidet, tote Blätter liegen in der Einfahrt, Dahlien, Löwenmäulchen und Wicken welken, eine einsame Rose lässt ihren rosaroten Kopf hängen. Jetzt ist es halb neun, und der Dunst beginnt sich unter einer zarten Sonne aufzulösen. Mr. Kilmuir sagt, es sieht so aus, als ob es ein schöner Tag wird. Seine Frau fragt ihn, ob er glaubt, dass den Kindern in ihren Regenmänteln warm genug ist, und er meint, sie verwöhnt sie zu sehr. Kinder spüren die Kälte nicht, wenn sie herumlaufen. Außerdem wird es bis zum Nachmittag wahrscheinlich ziemlich warm, und sie kommen vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Die Familie hat das Frühstück beendet. Mrs. Kilmuir fordert Paul auf, sich ordentlich das Haar zu kämmen, während sie Linda das Ei vom Gesicht wischt. Mr. Kilmuir hat den Wagen aus der Garage gefahren und kommt fetzt ins Haus zurück, um zu sagen, dass sie sich beeilen müssen, wenn er sie zur Schule bringen soll. Hastig werden in letzter Minute Schulranzen, saubere Taschentücher und ein Apfel für die Frühstückspause zusammengerafft. Dann verstaut Vater sie im Wagen und will gerade losfahren, als Mrs. Kilmuir mit einem Schal für Paul hinter ihnen herrennt. Ihr Mann sagt, dass er zu spät ins Geschäft kommt, wenn sie noch mehr Zeit vergeuden. Das Problem ist, dass sie früher aufstehen müssten. Außerdem sieht er nicht ein, warum sie nicht zu Fuß zur Schule gehen können, wenn es nur fünf Minuten von zu Hause sind. Mrs. Kilmuir kehrt zum Eingang zurück und bleibt in der offenen Tür stehen. Sie winkt ihnen zu, als der Wagen rückwärts die Einfahrt hinunterfährt. Die Kinder winken zurück und rufen: »Wiedersehen, Mama, Wiedersehen... Wiedersehen...« Es ist genauso wie an jedem anderen Werktag. Das Muster ihrer winzigen Leben setzt sich unverändert fort, wiederholt sich Tag für Tag, als ob das Leben für sie alle immer 50 sein wird. An diesem Morgen des 24. Oktober denken Paul und Linda nur an die einfachen Dinge, die kleinen Jungen und Mädchen im Kopf herumgehen. Sie können nicht wissen, dass das Muster im Begriff ist, zerstört zu werden. Nach heute wird nichts je wieder so sein wie früher. Heute ist das Ende. Der Wagen fährt an verwelkten Fliederbüschen vorbei, durch das Tor hinaus auf die Straße. Die Kinder bemühen sich, einen letzten Blick auf ihre Mutter zu werfen. Sie rufen immer noch: »Wiedersehen, Mama, Wiedersehen... Wiedersehen...« Es ist 8.40 Uhr. Erstes Kapitel Piper kam zu seiner Verabredung zu spät. Er erreichte Bishop’s Lane ein paar Minuten nach eins, aber bis er am Ende der Straße einen freien Platz fand, wo er seinen Wagen parken konnte, war es beinahe Viertel nach eins. Quinn würde sich fragen, was ihm zugestoßen war. Während er zu der Ecke zurückging, überlegte er, warum sie sich nicht in einem weniger überfüllten Lokal verabredet hatten. Eine Kneipe unterschied sich nicht von der anderen. Menschen vom gleichen Schlag trafen sich in der gleichen Atmosphäre, um über die gleichen Dinge zu reden. Als Piper das Mitre betrat und zur Bar ging, sah er Quinn - das unvermeidliche Glas in der Hand - mit einem rundlichen Mann sprechen, der eine kastanienbraune Fliege trug. Sie machten ihm zwischen sich Platz, und Quinn fragte ihn, was er trinken wollte. Der Mann mit der Fliege sagte: »Ich habe von unserem gemeinsamen Freund hier schon viel über Sie gehört, Mr. Piper, und natürlich weiß ich, dass Sie einen guten Ruf haben. Mein Name ist Orton - Charles Orton.« Piper gab ihm die Hand und sagte: »Ein guter Ruf kann täuschen. Und man kann nicht alles glauben, was man hört - besonders wenn man es mit einem Burschen wie Quinn zu tun hat. Was hat er gesagt?« »Oh, nichts Nachteiliges. Ganz im Gegenteil.« »Wahrscheinlich hat er maßlos übertrieben.« »Bestimmt nicht. Deshalb habe ich auch gewartet, um Sie kennenzulernen. Ich finde es immer sehr interessant, Menschen zu begegnen, die auf dem Gebiet des Verbrechens Erfahrungen aus erster Hand haben.« »Meine Erfahrungen sind sehr beschränkt«, sagte Piper. »Nicht nach dem, was Quinn mir erzählt. Sie scheinen in einige faszinierende Fälle verwickelt gewesen zu sein.« »Nur durch Zufall. Meistens ist meine Arbeit ziemlich eintönig. Versicherungsdetektive führen kein romantisches Leben.« »Kriminalromanautoren wie ich auch nicht. Haben Sie jemals Krimis gelesen, Mr. Piper?« »Ja, ziemlich oft. Im Laufe der Jahre habe ich fast alles gelesen, was lesenswert ist - einschließlich Ihrer Romane.« Mit einem schnellen Lächeln sagte Orton: »Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte. Natürlich wollen Sie nur höflich sein.« »Ganz im Gegenteil. Ich halte Ihr letztes Buch für eins der besten, die Sie bis jetzt geschrieben haben.« Orton lächelte wieder. Seine Augen funkelten, als er sagte: »Jetzt bin ich wirklich froh, dass ich mich entschlossen habe zu warten, bis Sie kamen. Sie haben mir Glück gebracht.« Er war nicht ganz mittelgroß, hatte einen Bauch, wie er oft bei Männern in mittleren Jahren zu beobachten ist, zurückweichendes blondes Haar und fleischige Gesichtszüge. Er sah verweichlicht, gepflegt und wohlgenährt aus wie jemand, der ein üppiges Leben liebt. Quinn bezahlte Pipers Drink, hustete betroffen und sagte: »Ihr zwei hört euch wie eine Gesellschaft zur gegenseitigen Beweihräucherung an. Hat niemand ein Wort für den armen, mit Füßen getretenen Journalisten?« »Ich wüsste eins«, sagte Piper, »aber es ist ziemlich grob. Übrigens, haben Sie sich schon wegen des Urlaubs entschlossen?« »Nein. Ich habe darüber nachgedacht und bin nicht sicher, ob es für einen Mann mit meinen beschränkten Mitteln nicht zu teuer würde. Für Autoren, Versicherungsdetektive und ähnliche Leute ist so ein Urlaub sicher erschwinglich, aber ich gehöre nur zum arbeitenden Fußvolk. Ich muss jeden Penny umdrehen, bevor ich ihn ausgebe.« »Wenn Sie weniger Bier trinken würden, könnten Sie sich diesen Urlaub zweimal leisten.« Ein Ausdruck des Entsetzens trat auf Quinns ausgemergeltes Gesicht. Er sagte: »Möge Ihnen der Himmel verzeihen - denn die Brauereien tun’s bestimmt nicht.« Er warf seinen Kopf zurück und leerte sein Glas in einem Zug. Dann fügte er hinzu: »Ich brauche mindestens noch ein Glas, um den Geschmack dieser Bemerkung aus meinem Mund zu spülen - und streiten Sie sich nicht, wer es bezahlt.« Orton erklärte: »Ich spendiere Ihnen eins.« »Während Sie bestellen, Charles«, sagte Quinn, »mache ich einen kleinen Spaziergang. Gehen Sie nicht weg, bevor ich zurückkomme.« Als er draußen war, meinte Orton: »Eins muss man Quinn lassen. Wenn man in seiner Gesellschaft ist, kommt nie Langeweile auf. Und in seinem Beruf hat er auch was los. Obwohl er so viel trinkt, arbeitet sein Verstand immer messerscharf. Ich möchte wissen, wie er das macht.« »Er hat wahrscheinlich eine Unempfindlichkeit gegenüber Alkohol entwickelt«, antwortete Piper. »Darüber kann wohl kein Zweifel bestehen. Man sagt immer, Bier macht dick, trotzdem ist er spindeldürr. Wenn man uns beide nebeneinander sieht«, Orton tätschelte seinen aufgetriebenen Leib, »sollte man meinen, ich bin der Trinker. Dabei genehmige ich mir nur ab und zu ein Glas. Soviel ich weiß, gibt Quinn sein Geld fürs Trinken aus und leistet sich höchst selten eine anständige Mahlzeit, was nicht mein Fall wäre. Ich esse gern gut. Daher«, wieder tätschelte er mit beiden Händen seinen Bauch, »dieser beeindruckende Umfang.« »Der lässt Sie gutmütig und erfolgreich erscheinen«, sagte Piper. »Ich bin weder erfolgreich noch gutmütig«, konterte Orton. »Meine Frau ist eine erstklassige Köchin und versorgt mich zu gut. Da liegt der Hase im Pfeffer.« »Viele Männer würden bestimmt gern mit Ihnen tauschen.« »Oh, ich beklage mich nicht. Ich weiß, wann es mir gutgeht. Sind Sie verheiratet?« Ein längst vertrauter Schatten verdüsterte Pipers Gedanken. »Nein. Ich war einmal verheiratet. Aber ich führe seit langem ein Junggesellendasein.« Charles Orton blickte ihn mit seinen wasserblauen Augen neugierig und zugleich mitfühlend an und sagte: »Tut mir leid, wenn ich einen wunden Punkt berührt habe. Das war ungeschickt von mir.« »Das macht nichts. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Sie konnten es ja nicht wissen.« »Trotzdem war es taktlos von mir. Ich habe nicht daran gedacht, dass Sie geschieden sein könnten. Wenn man darüber spricht, werden sicher unglückliche Erinnerungen auf gerührt.« Piper sagte: »Meine Erinnerungen sind nicht auf die Weise unglücklich, wie Sie glauben. Es war kein Scheidungsfall.« »Nein?« »Nein, meine Frau starb. Sie kam bei einem Autounfall ums Leben.« »Ich dachte mir gleich, dass Sie wie ein Mensch aussehen, dem ein schweres Kreuz auferlegt worden ist«, sagte Orton sehr gütig. »Verzeihen Sie mir, wenn ich mich in Ihre Privatangelegenheiten einmische, aber haben Sie je daran gedacht, wieder zu heiraten?« »Ja, ich habe daran gedacht«, antwortete Piper. »Aber weiter bin ich noch nicht gekommen.« , Er wusste, dass Ortons Interesse...




