E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Carmichael NACKT BIS INS GRAB
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1977-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1977-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als der Londoner Versicherungsdetektiv John Piper in Julian Daveys Wohnung kam, ahnte er keineswegs, was dort an jenem Samstagnachmittag geschehen würde. Doch dann entdeckte er, gemeinsam mit ihrem Ehemann, die tote Pauline Davey nackt im Bett - erstochen mit einer langen Schere. Kommt als Täter der Ehemann in Frage? Oder wurde Pauline erstochen, während Piper mit Davey im Wohnzimmer verhandelte? Harry Carmichael (eigtl. Hartley Howard/Leopold Horace Ognall - * 20. Juni 1908 in Montreal, Québec; ? Großbritannien) war ein britischer Schriftsteller. Der Roman Nackt bis ins Grab erschien erstmals im Jahr 1972; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1974 (unter dem Titel Tod in flagranti ). Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Zweites Kapitel
Chefinspektor Rillett hatte ein großes, ernstes Gesicht und gütige Augen und schütteres, krauses Haar, das mit Sorgfalt über die kahle Stelle am Scheitel gebürstet war. Er sah zu sanftmütig aus, um Polizeibeamter zu sein. »Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Piper«, sagte er mit sanfter Stimme. »Bitte missverstehen Sie mich nicht, wenn ich sage, dass ich froh bin, dass Sie hier waren. Jemand mit einem sachlichen Verstand wie Sie könnte uns eine große Hilfe sein.« »Ich kann Ihnen nicht viel sagen, was Sie nicht schon wissen«, erwiderte Piper. Der Fotograf und die Leute von der Spurensicherung waren gegangen. Nur der Arzt war noch da. Piper konnte ihn im Nebenzimmer, wo Mrs. Pauline Davey gestorben war, hören. Rillett trat zur Tür und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Dann ging er zum Fenster zurück, wo die letzte Glut der untergehenden Sonne sich gegen die fortschreitende Dunkelheit wehrte. »Was ich von Mr. Davey gehört habe, war ein ziemlich wirrer Bericht – wie zu erwarten unter den Umständen. Der Schock muss beträchtlich gewesen sein.« Es klang beinahe wie eine Frage. »Natürlich«, meinte Piper. »Meiner Ansicht nach braucht Mr. Davey ein Beruhigungsmittel.« »Sicher. Deshalb habe ich den Hausarzt benachrichtigen lassen.« »Wo ist Davey jetzt?« »In einem der anderen Zimmer. Ich habe ihm geraten, sich hinzulegen, bis der Arzt kommt.« Mit einem entschuldigenden Unterton fügte der Chefinspektor hinzu: »Das gibt uns Gelegenheit, über diese Sache zu sprechen – das heißt, wenn Sie die Zeit opfern können.« »Natürlich, ich habe es nicht eilig.« »Gut.« Rilletts ernstes Gesicht erhellte sich in einem Lächeln. »Sie sagten mir, dass Sie geschäftlich mit Davey verabredet waren. Ist es in Ihrer Branche üblich, samstags Geschäfte zu erledigen?« »Nein, an sich natürlich nicht«, erwiderte Piper. »Aber es machte mir nichts aus. Bill McLean bat mich ausdrücklich, mich soweit wie möglich nach Daveys Wünschen zu richten.« »McLean?« »Der Generaldirektor der Cresset Versicherungsgesellschaft. McLean und Davey sind privat miteinander befreundet.« »Und hat McLean den Termin für heute Nachmittag vereinbart?« »Nein. Nachdem er mich angerufen hatte, meldete sich Mr. Davey bei mir, der mir erklärte, dass er die Bestandsaufnahme möglichst noch vor seiner Urlaubsreise in der kommenden Woche erledigen wollte.« »Wann wollte Mr. Davey abreisen?« »Montag, glaube ich.« »Hätte man die Bestandsaufnahme nicht gestern machen können?« »Da war er nicht frei«, erwiderte Piper. »Und Ihre Fragen finde ich recht rätselhaft. Worauf wollen Sie hinaus, Chefinspektor?« »Auf nichts Bestimmtes, Mr. Piper«, sagte Rillett, ohne eine Miene zu verziehen. »Man könnte vielleicht sagen, ich versuche, mich mit den Leuten, die in diese unselige Angelegenheit verwickelt sind, vertraut zu machen.« »Mich eingeschlossen?« »Bis zu einem gewissen Grad, ja. Immerhin waren Sie zugegen, als der Mord an Mrs. Davey entdeckt wurde. Wenn der Arzt recht hat, sieht es ganz so aus, als wären Sie und Mr. Davey nicht lange nach der Tat eingetroffen.« »Das bestätigt meinen Eindruck«, bemerkte Piper. »Wenn ich auch auf diesem Gebiet keine echten Qualifikationen vorweisen kann, so schien es mir doch, als wäre sie noch gar nicht lange tot gewesen.« »Tatsächlich? So ein Eindruck aus erster Hand ist immer nützlich, wenn er von einem Mann wie Ihnen kommt. Verschiedene meiner Kollegen haben mir von ihrer Zusammenarbeit mit Ihnen erzählt.« »Es war immer eine freundschaftliche Zusammenarbeit«, stellte Piper fest. »Aber selbstverständlich. Und ich bin überzeugt, dass das auch so bleiben wird.« Der Chefinspektor blickte zur Decke hinauf. »Warum«, fragte er dann, »wurde die Verabredung für halb sechs getroffen? Warum ging es nicht früher am Nachmittag?« »Weil er zum Fußballspiel in Highbury wollte. Er sagte mir, er hätte noch nie ein Spiel von Arsenal in London versäumt. »Ich weiß allerdings nicht...« »Ich auch noch nicht, Mr. Piper. Aber ich habe das Gefühl, dass der Zeitfaktor von entscheidender Bedeutung sein kann. Sagte Mr. Davey Ihnen, wann er von zu Hause wegging?« »Ja, um halb zwei.« »Sagte er Ihnen das vor oder nach Auffindung seiner Frau?« »Hinterher. Er war ganz durcheinander und fragte immer wieder, warum jemand ein Interesse daran gehabt haben Sollte, sie zu töten.« »Sonst noch etwas?« »Nur, dass zum Zeitpunkt seines Weggehens alles in Ordnung war und dass er ganz sicher sei, die Wohnungstür abgeschlossen zu haben.« »Wo befand sich seine Frau, als er wegging?« »Sie müssen entschuldigen, Chefinspektor, aber ich hielte es für besser, wenn Sie ihm selbst diese Fragen stellten.« »Möglich, Mr. Piper, aber ich ziehe Ihre Antworten vor.« »Sie können Ihnen nur das sagen, woran ich mich erinnere.« »Das ist mir gut genug. Im Augenblick ist Mr. Davey kaum ganz bei Vernunft. Ich verlasse mich also auf Sie, bis er sich wieder so weit gefasst hat, dass er vernehmbar ist.« Mit einem Nicken und einem flüchtigen Lächeln fügte Rillett hinzu: »Selbstverständlich wird alles, was Sie mir sagen, streng vertraulich behandelt.« Er legte die Hände auf den Rücken und beugte sich ein wenig vor. »Also, wo befand sich Mr. Daveys Aussage nach seine Frau, als er um halb zwei aus der Wohnung ging?« Es war kein Geheimnis, sagte sich Piper. Julian Davey würde alle diese Punkte bestätigen, wenn man ihn selbst verhörte. Rillett jedoch musste die Ermittlungen sofort aufnehmen, konnte es sich nicht leisten, Zeit zu vergeuden. »Er sagte mir, sie habe im Bett gelegen«, erwiderte Piper. »Hat sie geschlafen?« »Sie sei kurz vor dem Einschlafen gewesen, sagte er.« »Aha. Kommen wir jetzt auf Ihren Besuch hier. Sie warteten allein in diesem Zimmer, während er seiner Frau den Tee bereitete?« »Ja. Er wollte mir und sich ebenfalls eine Tasse machen, sobald er ihr den ihren gebracht hatte.« Rillett nickte wieder. »Hätten Sie nicht erwartet, dass man Ihnen etwas anbietet, was ein wenig stärker ist als Tee?«, erkundigte er sich gelassen. »Er hat mich gefragt, ob ich ein Glas mit ihm trinken würde.« »Und?« »Ich sagte, damit wollte ich lieber warten, bis ich meine Arbeit erledigt hatte. Daraufhin bot er mir Tee oder Kaffee an.« »Waren Sie darauf besonders erpicht?« »Nein, nicht sonderlich – aber ich wollte nicht unhöflich sein.« »Er hat Sie also mehr oder weniger dazu überredet?« »In gewisser Weise, ja. Er erklärte, er gieße sowieso Tee für seine Frau auf, und drei Tassen seien so leicht gemacht wie eine.« »Hat Sie also beschwatzt, wie?« »Nein, das wohl kaum. Aber selbst wenn er es getan hätte, wäre das von besonderer Bedeutung?« »Vielleicht nicht«, erwiderte Rillett seufzend. »Vielleicht stolpere ich nur im Dunkeln herum. Es wäre nicht das erste Mal.« Als würde eine Tonaufnahme zurückgespielt, konnte Piper wieder hören, wie Julian Davey gegen Möbelstücke stieß, während er mit seiner Frau sprach, die schon tot war. Und den Hintergrund dazu bildeten die Klänge eines vertrauten, alten Schlagers. Setz dich auf, Liebling, und knips das Licht an. Ich sehe ja überhaupt nichts. Der Gedanke, der sich aus der Erinnerung entwickelte, war eine bösartige Wucherung, das Produkt eines wahnsinnigen Alptraums. Während Piper ihn von sich wies, wusste er, dass er sich nicht würde verbannen lassen, dass er jederzeit wieder auftauchen konnte. Jemand klopfte zweimal hart an die Tür, dann streckte ein Mann den Kopf ins Zimmer. Er hatte kurzgeschorenes, rötliches Haar und ein sommersprossiges Gesicht. »Ja, Sergeant?«, fragte Rillett. »Was gibt es denn?« »Der Arzt hätte Sie gern einen Moment gesprochen, Sir.« »In Ordnung. Kommen Sie herein, und machen Sie sich nützlich. Ziehen Sie die Vorhänge zu.« Rillett lächelte Piper höflich zu und sagte: »Wenn Sie mich einen Moment entschuldigen...« »Selbstverständlich.« »Ich bin gleich wieder da. Sergeant Langdon wird Ihnen Gesellschaft leisten. Eine Betriebsnudel ist er zwar nicht gerade, aber mir kann das nur recht sein.« Der Chefinspektor nickte Piper zu und ging hinaus. Er ließ die Wohnzimmertür angelehnt, doch die Schlafzimmertür schloss er fest hinter sich. Sergeant Langdon zog die bodenlangen Vorhänge vor das Fenster und pflanzte sich dann neben einem der Lehnsessel auf. Er hatte die Miene eines Mannes, der sich von seiner Umgebung ganz distanziert hat. Im Nebenzimmer wurde eine gemurmelte Unterhaltung geführt. Piper konnte nichts von dem verstehen, was dort gesprochen wurde. Es spielte keine Rolle. Wenn er ein Recht darauf hatte zu erfahren, worum es ging, würde der Chefinspektor ihn informieren. Nach einer Weile öffnete sich die Schlafzimmertür. »Das ist eigentlich alles, Chefinspektor«, sagte eine sachliche Stimme. »Mehr kann ich hier nicht tun. Sie können sie wegbringen lassen. Auf den Befund werden Sie nicht lange zu warten brauchen, aber ich glaube nicht, dass er Ihnen viel Neues wird sagen können.« »Bestätigung ist immer gut«, entgegnete Rillett. »Immerhin scheint mir hier ein interessanter Anhaltspunkt zu liegen.« Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und nickte Langdon zu. »Der Arzt ist fertig«, verkündete er. »Wenn Sie den Leuten Bescheid gesagt haben, dass sie die Tote wegbringen können, dann sehen Sie doch...




