Carroll Die Reise nach Hause
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86728-716-6
Verlag: KOHA-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Geschichte von Michael Thomas und den sieben Engelwesen
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-86728-716-6
Verlag: KOHA-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In dieser faszinierenden Parabel wird die Geschichte von Michael Thomas erzählt, einem scheinbar gewöhnlichen Mann, der in Minnesota geboren wurde und nun in Los Angeles arbeitet. Er stellt den Prototyp des normalen – und unzufriedenen – Amerikaners dar. Nach einem Überfall, der ihn in Todesgefahr bringt, wird Michael von einem weisen Engel besucht und gefragt, was er sich in Wahrheit vom Leben wünscht. Michael antwortet, dass er eigentlich NACH HAUSE gehen möchte! Um sein endgültiges Ziel zu erreichen, muss Michael zunächst eine Reihe von Abenteuern und Prüfungen in einem erstaunlichen Land von Engelwesen, weisen Lehrern und finsteren Kreaturen bestehen. Michaels Suche ist ergreifend, humorvoll, faszinierend und spannend bis zum Schluss.
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E I N S
Michael Thomas
Schwarze Plastiksplitter flogen in alle Richtungen, als Mike seinen Ablageschuber mit »Eingängen« ziemlich unsanft gegen die Trennwand seines Vertriebsbüros stieß. Wieder einmal musste ein unschuldiger Gegenstand für Mikes angestauten Ärger über seine Situation herhalten. Unversehens schob sich ein Kopf durch die staubigen Blätter der Plastikpflanze zu seiner Linken.
»Alles in Ordnung da drüben?«, fragte John aus der Büro-Box nebenan.
Die Wände jedes Kubus waren gerade hoch genug, um die Illusion zu erzeugen, man sitze im eigenen Büro. Mike hatte auf seinem Schreibtisch mehrere hohe Gegenstände um sich platziert. Das half die Tatsache zu kaschieren, dass seine Kollegen nicht mehr als 1.30 Meter von ihm entfernt waren – alle vorschützend, sie säßen allein in ihrem Raum und führten »private« Gespräche. Unzählige, über den Boxen hängende nackte Neonröhren, tauchten Mike und die anderen in ein fahles, unnatürliches Licht, wie man es nur in der öffentlichen Verwaltung und der Industrie findet. Es schien die Rottöne so vollständig aus dem Farbspektrum zu absorbieren, dass alle, obgleich sie im sonnigen Kalifornien lebten, ganz bleich aussahen. Mike, der sich jahrelang nicht in der direkten Sonne aufgehalten hatte, wirkte noch blasser.
»Nichts, was ein Urlaub auf den Bahamas nicht beheben könnte«, antwortete Mike, ohne sich zu der Pflanze umzusehen, durch die Johns Kopf lugte. John zuckte die Achseln und wandte sich wieder seinem Telefongespräch zu.
Noch während die Worte aus seinem Mund kamen, wusste Mike: Bei dem Lohn, den er in der Bestellannahme des »Kohlenbergwerks« erhielt – so nannten die Angestellten ihre Vertriebsfirma –, würde er die Bahamas nie zu Gesicht bekommen. Er fing an, die Stücke der zertrümmerten Kunststoffablage aufzulesen und seufzte – was in letzter Zeit immer öfter vorkam. Wozu war er hier? Warum hatte er nicht die Energie oder die Motivation, sein Leben zu verbessern? Er starrte auf den dümmlich dreinschauenden ausgestopften Bär, den er sich gekauft hatte. »Halt’ mich lieb«, stand da drauf. Daneben lag sein liebster Far Side Cartoon – auf dem der Titelheld, Ned, irgendwas über den »Bluebird des Glücks« von sich gab und prompt vom »Hähnchen der Depression« besucht wurde.
Egal, wie viele lächelnde Gesichter oder Cartoons Mike an die Wände seiner Box pinnte, es änderte nichts an seinem Gefühl, in der Klemme zu sitzen. Er steckte fest in einem Leben, das ähnlich funktionierte wie eine Kopiermaschine im Büro; Tag für Tag der gleiche Ablauf, ohne Sinn und Zweck. Seine Frustration und Hilflosigkeit machten ihn wütend und deprimiert; und man merkte es ihm an. Sogar sein Vorgesetzter hatte sich schon dazu geäußert.
Michael Thomas war Mitte dreißig. Wie bei vielen in seinem Büro, ging es auch bei ihm darum, irgendwie zu überleben. Sein Job war von allem, was er hatte finden können, der einzige, der nicht viel Nachdenken erforderte. Mike konnte acht Stunden am Tag abschalten, nach Hause gehen, schlafen, am Wochenende seine Rechnungen bezahlen und montags wieder arbeiten gehen. Er bemerkte, dass er in seinem Los Angeles-Büro von den mehr als dreißig Mitarbeitern nur vier mit Namen kannte. Es war ihm einfach egal. Dabei arbeitete er schon über ein Jahr dort – seit seine Beziehung in die Brüche gegangen und sein Leben unwiderruflich ruiniert war. Nie sprach er über das, was geschehen war, obgleich es ihm fast jede Nacht durch den Kopf ging.
Mike lebte allein, mit seinem einsamen Fisch. Er hätte gern eine Katze gehabt, aber sein Vermieter erlaubte es nicht. Ihm war klar, dass er das »Opfer« spielte, doch seine Selbstachtung war zerstört. Also stocherte er beständig in seiner Lebenswunde, hielt sie offen, blutend und schmerzhaft, so dass er sich jederzeit in Erinnerung rufen konnte, was passiert war. Es schien ihm nichts anderes übrig zu bleiben und er war nicht sicher, ob er – selbst wenn er bereit gewesen wäre – genügend Energie gehabt hätte, die Dinge zu ändern. Aus Jux hatte er seinen Fisch »Katze« getauft, und immer, wenn er nach Hause kam oder bevor er zur Arbeit ging, redete er mit ihm.
»Nicht die Hoffnung aufgeben, Katze«, sagte Mike dann jedesmal zu seinem Flossen tragenden Freund. Der Fisch gab natürlich nie eine Antwort.
Mit seinen zwei Metern konnte Mike einem beinahe Angst machen – bis er lächelte. Sein Grinsen hatte einen Charme, der alle Vorbehalte gegenüber seiner hünenhaften Gestalt dahinschwinden ließ. Es war kein Zufall, dass er am Telefon arbeitete und seine Kunden ihn nicht sehen konnten. Vielmehr diente es dazu, seine beste Eigenschaft zu verleugnen; wie in einem selbst errichteten Gefängnis, konnte er weiter im Melodrama seiner gegenwärtigen Situation schwelgen. Seine eigentliche Begabung lag im Umgang mit Menschen, aber er nutzte sie nur, wenn seine Arbeit ihn gelegentlich dazu zwang. Von sich aus pflegte Mike keine Freundschaften; und das weibliche Geschlecht existierte zurzeit nicht einmal für ihn; obgleich die Frauen an ihm interessiert waren.
»Mike«, pflegten seine Kollegen zu sagen, »wann warst du zum letzten Mal verliebt? Du musst ausgehen und dir eine gute Frau suchen – hör auf, über dein Leben nachzugrübeln!«
Worauf sie nach Hause gingen – zu ihren Familien, Hunden und Kindern, und gelegentlich auch zu ihrem Fisch. Doch Mike hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, um die Liebe in sein Leben zurückzuholen. Es hatte keinen Zweck, entschied er. Ich habe schon früh die richtige Partnerin gefunden, sagte er sich immer. Nur – sie hat es nicht erkannt. Er war sehr verliebt gewesen und natürlich auch voller Erwartungen. Sie hingegen hatte einfach Spaß haben wollen. Als ihm das schließlich klar wurde, war es, als sei seine Zukunft zusammengeschrumpft und verschwunden. Er hatte seine Freundin leidenschaftlich geliebt und glaubte, nur einmal im Leben so empfinden zu können. Er hatte ihr alles gegeben, und sie hatte es einfach weggeworfen.
Mike war auf der Farm seiner Eltern in Blue Earth – einem kleinen Städtchen in Minnesota – aufgewachsen und vor einem Leben geflohen, das seiner Meinung nach sinnlos war: Er hätte Getreide angebaut, das entweder von fremden Ländern aufgekauft oder in riesigen Silos gelagert wurde – weil es einfach zu viel davon gab. Schon von klein auf hatte er gewusst, dass er kein Farmer werden wollte. Nicht einmal in seinem eigenen Land war dieser Beruf geachtet. Wozu sollte er gut sein? Außerdem konnte Mike den Stallgeruch nicht ausstehen und wollte lieber mit Menschen, statt mit Tieren und Traktoren arbeiten. Er war ein guter Schüler gewesen und ein absolutes Ass im Umgang mit Menschen. Kein Wunder also, dass Mike Kaufmann geworden war. Gute Jobs fand er mit Leichtigkeit und so hatte er eine Reihe von Produkten und Dienstleistungen verkauft, die er ehrlichen Herzens empfehlen konnte. Die Leute kauften gern bei Michael Thomas.
Wenn er zurückblickte auf das, was seine verstorbenen Eltern ihm mitgegeben hatten, stellte er fest: Wirklich geblieben war von all dem sein Glaube an Gott. Viel nützen tat er ihm jetzt nicht – so dachte Mike oft voll Bitterkeit. Er war Einzelkind gewesen und seine Eltern – seine geliebte Mom und sein Dad – waren kurz vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Immer noch trauerte er um die beiden und trug stets Fotos bei sich, die ihn an ihr Leben – und ihren Tod – erinnerten. Mike ging weiterhin regelmäßig zur Kirche und machte zumindest äußerlich die Gesten mit, die zum Gottesdienst gehörten. Als der Geistliche sich nach seinem spirituellen Wohlergehen erkundigte, erklärte Mike, dass er an Gott glaube und sich selbst als spirituelles Wesen sehe. Er war überzeugt, Gott sei gerecht und liebevoll, allerdings im Augenblick nicht wirklich auf seiner Seite – und das eigentlich schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Mike betete oft um ein besseres Leben, hatte aber wenig Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas ändern würde.
Mit der frischen Gesichtsfarbe seines Vaters war Mike zwar nicht direkt schön, aber sein rauhes Aussehen wirkte attraktiv. Frauen fanden ihn unwiderstehlich. Sein strahlendes Lächeln, sein blondes Haar, sein hoher Wuchs, sein kräftiges Kinn und seine tiefblauen Augen zogen die Blicke auf sich. Und wer genügend Intuition besaß, der spürte Mikes Integrität und fasste augenblicklich Vertrauen zu ihm. Mehr als einmal hatte Mike Gelegenheit gehabt, Situationen zu seinem Vorteil auszunutzen – in geschäftlichen, wie auch in Liebesbeziehungen –, doch er hatte es nie getan. Sein Bewusstsein war durch seine bäuerliche Herkunft geprägt, eine Prägung, die zu den wertvollen Attributen gehörte, die ihm aus der Heimat seiner Kindheit und Jugend noch anhafteten.
Er war unfähig, zu lügen. Er spürte, wann andere Hilfe brauchten. Er hielt den Leuten, die im Supermarkt ein- und ausgingen, die Türe auf; er hatte Respekt vor alten Menschen und redete mit ihnen; und er gab den heruntergekommenen, bettelnden Männern und Frauen auf der Straße immer ein paar Dollars, auch wenn er den Verdacht hatte, dass sie für Alkohol verschwendet würden. Er war der Meinung, dass die Menschen sich gemeinsam für eine bessere Welt einsetzen sollten, und er konnte nicht verstehen, warum die Leute in seiner neuen Heimatstadt nicht miteinander redeten, ja, oft nicht einmal ihre Nachbarn kannten. Vielleicht, weil das Wetter so schön war, dass niemand je Hilfe brauchte. Wie paradox, dachte er.
Mikes einziges weibliches Rollenvorbild war seine Mom gewesen; und so behandelte er alle Frauen mit dem gleichen Respekt, den er dieser wunderbaren,...




