Cascio | Das gelbe Tuch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Lübbe

Cascio Das gelbe Tuch

Historischer Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2071-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2071-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1449. Als Dirne im Nürnberger Frauenhaus führt die junge Anna ein Schattendasein zwischen Moralpolitik des Stadtrats und öffentlicher Ächtung. Zu ihren Kunden gehören sowohl angesehene Bürger als auch Priester. Die Arbeitsbedingungen sind gesetzlich geregelt. Eigentlich ... denn die Betreiber des Bordells scheren sich nicht darum, und das Leben der Dirnen ist hart.
Doch in der Stadt herrscht Aufregung: Nürnberg bereitet sich auf einen Krieg vor, in den der jahrelange Streit zwischen dem Ansbacher Markgrafen und dem städtischen Patriziat zu gipfeln droht. Als eines Tages ein Fremder namens Endres im Bordell auftaucht, stellt dessen eigentümliche Art Anna zunächst vor Rätsel. Dennoch behandelt er sie mit mehr Respekt, als sie je erfahren hat. Aber Endres ist ein Spion des Markgrafen und somit ein Feind.
Dann geschieht etwas, das für Anna alles ändert, und sie beschließt, das Ungeheuerliche zu wagen: Für ihr Recht zu kämpfen. Mit Endres an ihrer Seite ...



Priska Lo Cascio, Jahrgang 1972, hat lange im Tourismus gearbeitet und ist schon seit Kindertagen von Geschichte, Sprachen und Kulturen fasziniert. Wenn sie nicht gerade schreibt, stöbert sie oft und gerne durch herrlich verstaubte Archive, erkundet geschichtsträchtige Orte und taucht so in frühere Zeiten ab. Sie lebt mit Mann und Sohn in Zürich.
Cascio Das gelbe Tuch jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1


Regensburg, Reichsstift Niedermünster, Sommer, Anno Domini 1499


Wie friedvoll der Tag doch ist, dachte Magdalena von Colmberg und lächelte. Ihre Hände tasteten vorsichtig über das große Drahtsieb vor ihr, das bereits zur Hälfte mit zum Trocknen vorbereiteten Rosenblütenblättern belegt war. Sie spürte die Wärme auf den Wangen, hob das Gesicht der Sonne entgegen und atmete die nach Rosen, Liebstöckel und von Tau benetztem Salbei duftende Morgenluft ein.

Es war der erste Sonnenstrahl, der über die hohe Außenmauer in den Kräutergarten des Kanonissenstifts von Niedermünster fiel. In ein paar Stunden würde es hier sengend heiß werden, aber noch genoss Magdalena die morgendliche Frische, die sich so belebend auf der Haut anfühlte. So prickelnd und wohltuend. Einen Moment lang vergaß sie sogar die Schmerzen, die in ihren alten Gliedern steckten und sie jeden Tag ein Stück mehr daran erinnerten, dass ihre Zeit auf Erden sich allmählich dem Ende zuneigte.

Sogleich schalt sich Magdalena in Gedanken eine einfältige Gans. Ständig darüber nachzugrübeln änderte schließlich nichts an der Tatsache: Sie war alt geworden – alt und gebrechlich. Dicke Gichtknorpel hatten ihre Finger verkrümmt, und wenn das Wetter umschlug, spürte sie es schon Tage zuvor in der linken Schulter und den Knien.

Dabei hatte sie mit ihren siebzig Jahren ein längeres Leben gehabt, als es so manch anderem Menschen vergönnt war. Das stimmte wohl. Zudem war sie vermögend genug, damit sie sich in dieses, dem heiligen Erhard geweihte Stift hatte einkaufen können. Sie besaß ihr eigenes kleines Zimmer, in das sie sich zurückziehen konnte, hatte die Gesellschaft der anderen Kanonissinnen, wenn sie sie suchte. Ja, sie hatte alles, was sie brauchte, um ihren Lebensabend hier in Frieden, Ruhe und Zurückgezogenheit zu verbringen. So, wie sie es sich immer gewünscht hatte.

Wenn nur die leidigen Gebrechen nicht wären, die das Alter mit sich brachte. Magdalena hasste es, sich so unzulänglich zu fühlen. Nun ja, womöglich war sie mit den Jahren auch etwas wunderlich geworden.

Mit einem leisen Seufzen griff sie in den links neben ihr stehenden Korb voller Rosenblüten, nahm eine Handvoll davon und legte sie sich in den Schoß. Vorsichtig, denn man konnte nie wissen, ob sich nicht vielleicht eine Biene zwischen den Blüten versteckte. Ihr Summen war rundum zu hören, um diese Tageszeit waren sie besonders arbeitsam.

Sachte fuhr Magdalena mit den Fingerspitzen über die zarten Blütenblätter. Sofort drang ihr der frische, süßliche Rosenduft in die Nase, der durch die zunehmende Wärme noch verstärkt wurde. Die Farbe der Wildrosen reichte von hellem Zartrosa bis hin zu einem kräftigen Hellrot. Magdalena erinnerte sich ganz genau daran, obwohl ihre eigene Welt längst nur noch aus helleren und dunkleren Schatten bestand. Der graue Star hatte ihre Augen nach und nach mit einem Schleier überzogen und ihnen das Licht geraubt. Auch daran war das verflixte Altwerden schuld.

Zwar hätte ein Bader ihr womöglich mit einem Starstich das Augenlicht wieder zurückgeben können. Aber sie hatte in ihrem Leben genug solcher Quacksalber bei der Arbeit gesehen, und sie würde den Teufel tun und sich mit einer schmutzigen Nadel ins Auge stechen lassen.

Sofort presste Magdalena die Lippen zusammen. Herrje, sie hatte wieder geflucht, wenn auch nur in Gedanken. Zum Glück konnte diese niemand hören.

Das war schon immer ihre Stärke und zugleich ihre größte Bürde gewesen. Nicht das Fluchen natürlich, sondern ihre Unverblümtheit und ihre Wissbegierde. Ungewöhnliche Charakterzüge für eine Frau, weswegen man sie früher oft sogar als dreist und respektlos beschimpft hatte. Es war ein Kampf, sich diese lebenslangen Eigenheiten abzugewöhnen und sich stattdessen in den Tugenden der Selbstbeherrschung und Zurückhaltung zu üben. Selbst die Äbtissin von Niedermünster hatte es inzwischen aufgegeben, sie zurechtzuweisen, wenn Magdalena, wie so oft, nicht ums Wort verlegen war. »Einen verwurzelten alten Baum vermag selbst der Wind nicht mehr zu biegen«, sagte sie immer. Damit hatte sie wohl recht.

So war Magdalena zwar in das Stift gekommen, um Ruhe zu finden, dennoch überkam sie ab und zu Wehmut. Sie vermisste es, die Welt mit all ihren Farben und Formen sehen und bewundern zu können, zu lesen und zu schreiben. Sie vermisste ihr Leben, wie es früher gewesen war. Ja, wahrscheinlich wurde sie tatsächlich immer wunderlicher.

Sie zupfte ein Blütenblatt nach dem anderen ab und legte sie auf das Sieb. Einmal getrocknet, dienten sie sowohl als Aufguss gegen allerlei Frauenleiden als auch als Füllung für wohlriechende Duftsäckchen.

Ihr gegenüber saßen zwei junge Frauen. Stiftsschülerinnen, die erst vor ein paar Tagen in Niedermünster angekommen waren. Gewiss stammten sie aus reichen Patrizierfamilien, aus Städten wie Nürnberg oder Bamberg. Wie Magdalena hatten auch sie die Aufgabe, die Rosenblätter zu pflücken. Jedoch nicht, um sie zum Trocknen auszulegen, sondern um sie für die Herstellung von Rosenwasser und Likör zu sammeln.

Sie vernahm das leise Murmeln der Mädchen. Ihre Stimmen klangen sehr jung, fast noch kindlich. Während sie den beiden zuhörte, musste sie schmunzeln. Wohlhabende und Adlige schickten ihre Töchter heutzutage eher als Schülerinnen in ein Frauenstift, als sie in ein Kloster und damit in ein Leben als Bräute Christi zu zwingen. Denn beim Eintritt in ein Stift legten die jungen Frauen kein Ordensgelübde ab, sondern versprachen lediglich Gehorsam und Keuschheit. So auch bei den Kanonissen. Natürlich umfasste die Ausbildung dennoch den Chordienst. In Niedermünster nahmen sie neben den täglichen Arbeiten ebenso an den Stundengebeten und der heiligen Messe teil, versorgten Kranke und Bedürftige oder verpflegten Pilgerinnen und Pilger auf der Durchreise. Wer sich nach der mehrjährigen Ausbildung jedoch nicht zu diesem Weg berufen fühlte, durfte wieder aus dem Stift austreten – zum Beispiel, um zu heiraten. Und genau das war oft auch das Ziel: Die Heiratschancen einer Tochter aus gutem Hause erhöhten sich um ein Vielfaches, wenn sie in Moral und Sitte erzogen, im Weben, Spinnen und Nähen und noch dazu im Lesen, Schreiben, Latein und Mathematik unterrichtet worden war.

Plötzlich horchte Magdalena auf. Hörte sie da nicht ein unterdrücktes Schluchzen?

»Solange ich denken kann, habe ich in Vaters Buchdruckoffizin mitgearbeitet«, brachte eine der beiden jungen Frauen gepresst hervor. »Ich kenne jeden Handgriff, jeden einzelnen Bolzen an der Presse, weiß alles über das Gießen der Schriftlettern oder in welchem Verhältnis Ruß und Leinöl für die Druckerschwärze zu mischen sind.«

Das Mädchen kam ins Stocken. Sie schwankte zwischen erneutem Schluchzen und bemühter Selbstbeherrschung, als sie fortfuhr: »Ein ganzes Jahr lang hat keiner von Vaters Kunden bemerkt, dass ich mich an seiner Stelle um alles gekümmert habe. Sämtliche Korrespondenz, die Aufträge, die Abrechnungen und die Verkäufe – das habe alles ich erledigt. Tag und Nacht habe ich zusammen mit den Gesellen geschuftet, weil mein Vater so krank war, dass er sich nicht einmal mehr auf den Beinen halten konnte.«

Sie holte tief Atem und stieß mit vor Wut zitternder Stimme hervor: »Gleich am Tag nach Vaters Begräbnis hat mein Onkel an unsere Haustür geklopft und mir alles genommen.«

Magdalena hielt in ihrem Tun inne. Sie hatte nicht lauschen wollen, aber nun konnte sie nicht anders.

»Das kann er doch nicht machen! Du bist mündig, hast keine weiteren nahen Verwandten. Von Gesetzes wegen bist du also alleinige Erbin«, wandte das andere Mädchen ein.

»Das wäre ich, wenn Vater sich nicht Geld von seinem Bruder geliehen und dafür das Haus mit der Offizin als Pfand hinterlassen hätte.« Erneut brach sie in Tränen aus. »Mir ist nichts mehr geblieben. Keine Familie, kein Elternhaus und kein Erbe. Mein einziges Glück im Unglück war, dass die Äbtissin mich hier aufgenommen hat. Ich hätte sonst nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf gehabt.« Ihr bitteres Schluchzen war gewiss im ganzen Garten zu vernehmen.

Magdalena wusste, sie sollte sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten scheren, das hier ging sie nicht das Geringste an. Dennoch fragte sie in sanftem Ton: »Wie ist dein Name, Kindchen?«

Mit einem Mal wurde es still dort, wo die beiden jungen Frauen saßen. So als ob sie Magdalena erst jetzt bemerkten.

Sie konnte ihre verwunderten Gesichter förmlich vor sich sehen.

»Ich … ich bin Agatha. Agatha Pfister … aus Bamberg«, stammelte das Mädchen und schniefte wenig damenhaft.

Mit einem Nicken nahm Magdalena die Antwort zur Kenntnis. »Und wie alt bist du, Agatha?«

»Ich werde im kommenden Januar sechzehn. Warum wollt Ihr das wissen, Schwester?«

»Oh, ich bin keine Schwester … trotz des Schleiers.« Lächelnd schüttelte Magdalena den Kopf und strich flüchtig mit der Hand über das Tuch, das Haar und Stirn bedeckte und über die Schultern bis zu den Oberarmen reichte. »Mein Name ist Magdalena.«

»Ich heiße Johanna Paumgartner«, meldete sich die zweite Stiftsschülerin eilig zu Wort. »Ich komme aus Coburg und werde im Sommer fünfzehn.«

»Gut. Agatha und Johanna.« Magdalena schmunzelte. Die beiden waren noch so jung und unwissend, fast noch Kinder. Und dennoch alt genug, um verheiratet zu werden, wenn es ihren Familien beliebte oder die Pläne ihrer Vormunde es verlangte.

»Ich habe gehört, was dir widerfahren ist, Agatha, und es tut mir leid.« Augenblicklich begann die Angesprochene erneut zu schluchzen....


Priska Lo Cascio, Jahrgang 1972, hat lange im Tourismus gearbeitet und ist schon seit Kindertagen von Geschichte, Sprachen und Kulturen fasziniert. Wenn sie nicht gerade schreibt, stöbert sie oft und gerne durch herrlich verstaubte Archive, erkundet geschichtsträchtige Orte und taucht so in frühere Zeiten ab. Sie lebt mit Mann und Sohn in Zürich.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.