E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Scarlett und Will
Castel Ein ganz besonderes Weihnachtsfest
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60439-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Weihnachtlicher Hochzeitsroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Scarlett und Will
ISBN: 978-3-492-60439-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lucie Castel lebt und arbeitet als Lehrerin in Lyon. Mit ihrem ersten Roman Weihnachten wird wunderbar eroberte sie nicht nur in Frankreich die Bestsellerliste. Auch ihr zweiter Roman Die Magie von Schokolade wurde zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändlerinnen.
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Prolog
Es ist der 24. Dezember. Wir befinden uns auf dem Land in Surrey. Direkt vor uns liegt eine Kuh auf der Straße. Entweder ist sie tot oder schauspielerisch begabt. Was hat das Schicksal sich jetzt schon wieder einfallen lassen?
»Du kennst dich doch sicher mit Herzmassagen aus, oder?«, fragt William beunruhigt, und seine Hände umklammern ebenso nervös das Steuer des Lieferwagens wie ich die Glaskugel, in der wir HMS Titanic, unseren Goldfisch, transportieren.
»Natürlich, das gehörte im Architekturstudium zum Pflichtprogramm.«
William beugt sich vor und starrt angestrengt durch die Windschutzscheibe. Das riesige Rindvieh liegt immer noch quer über der verschneiten Straße und regt sich nicht. Warum hat die dumme Kuh sich ausgerechnet diese Landstraße ausgesucht, um uns vor das Auto zu laufen und mit ihrem langweiligen Leben Schluss zu machen?
»Tja, sieht aus, als bräuchten wir eher einen Leichenbeschauer«, erklärt William seufzend und öffnet die Wagentür.
An Heiligabend eine tote Kuh mitten auf der Landstraße zu haben, die mit ihrer Körperfülle unerbittlich den Weg versperrt, während wir gerade dabei sind, die letzten Umzugskartons in unser erstes gemeinsames Zuhause zu transportieren, abgesehen von dem riesigen Tannenbaum auf dem Dach – was für ein Zeichen will mir das Universum damit geben? Meine Mutter sagt immer: »Zeichen zu ignorieren ist, als ob man Gott die Zunge rausstreckt. Du kannst es natürlich machen, aber wundere dich nicht, wenn er dir dann eine verpasst.« Meine Mutter hat eine Dichterseele.
Also. Soll diese Kuh mir jetzt sagen, dass es ein Fehler ist, mit William zusammenzuziehen, nur ein Jahr nachdem wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Oder bringt mich meine Angst vor jeder Art von Bindung dazu, die Welt durch eine dunkle Brille zu sehen?
Dabei finde ich unsere Entende cordiale, die damals jenseits des Ärmelkanals begann, perfekt. Ich wusste es sofort, als ich seine schlanke, große Dandy-Gestalt sah, und mein Blick an diesem Gesicht mit den hohlen Wangen und den tiefschwarzen Augen haften blieb, die so durchdringend wie tiefgründig sind. William gehört zu den Menschen, die eleganter sind als andere und sich mit mehr Grazie bewegen als normale Sterbliche. Meine spontane Begeisterung hätte mich warnen müssen, ich meine, wie oft kommt es im wahren Leben vor, dass man so schnell von etwas fasziniert ist, ohne dass es ein Haar in der Suppe gibt oder, in diesem Fall, eine Kuh auf einer zugeschneiten Landstraße?
»Ich bin nicht sicher, ob sie ganz tot ist«, sagt William im Ton des Gerichtsmediziners aus einer Serie und umkreist mit nachdenklichen Schritten das Viech, das uns den Weg versperrt.
Ich lasse die Scheibe herunter.
»Aha, und wie kommst du darauf? Hat sie dir das gerade gesagt, oder was?!
»Ich weise dich darauf hin, dass wir Engländer in Sachen Sarkasmus den Vorrang haben. Du und dein Land, ihr könnt da nicht mithalten. »
»Ach ja? Ich habe dir gesagt, du sollst nicht diese Straße nehmen. Das Navi hat dir gesagt, du sollst nicht diese Straße nehmen. Und was machst du?«
»Ich bin nun mal kein Freund demokratischer Abstimmungen«, antwortet er und fährt sich über seinen sorgfältig gepflegten Drei-Tage-Bart.
Ich stoße einen Seufzer der Verärgerung aus. William besitzt diese besondere Gabe, mich auf die Palme zu bringen, wenn ich eh schon gereizt bin. Und doch liebe ich diesen Mann! Wieso bin ich mir da eigentlich so sicher? Weil ich seine Fehler ebenso liebe wie seine guten Eigenschaften. Ich liebe ihn, auch wenn ich ihn manchmal hasse. Alle Verliebten wissen genau, wovon ich rede, denn so ist es, seit die Welt besteht.
Wir haben also an einem 24. Dezember ein Problem mit einer Kuh, die ganz offensichtlich das Zeitliche gesegnet hat. Nun, William und ich sind an Herausforderungen gewöhnt. Ich weiß nicht, ob es schlechtes Karma ist – seins natürlich, denn die Engländer haben sich mehr vorzuwerfen als wir Franzosen –, jedenfalls, seitdem wir uns begegnet sind, folgte ein seltsames Ereignis auf das nächste. Vor einem Jahr mussten auf dem Flughafen von Heathrow wegen eines starken Schneesturms alle Maschinen am Boden bleiben. Ich war auf die Toilette gerannt, weil ich mich mit Chai latte bekleckert hatte, und den Fleck entfernen wollte. Aber es war die falsche Toilette, nämlich die der anderen Mannschaft, die in der Lage ist, im Stehen zu pinkeln, und sich deswegen überlegen fühlt. William war schon dort. Unsere Blicke begegneten sich im Spiegel, er sagte, ich hätte mich wohl in den Örtlichkeiten geirrt, ich wollte es einfach nicht glauben und verteidigte mich, und dann wurde alles noch seltsamer, denn am Ende des Tages feierten meine Schwester und ich bei ihm zu Hause in Kensington Weihnachten, weil wir nicht nach Saint-Malo fliegen konnten, um die Festtage bei unserer Mutter zu verbringen. Ich brauchte eine Woche, um mir über die Gefühle klarzuwerden, die mich in dem Augenblick überkamen, als sich unsere Blicke im Spiegel der Herrentoilette trafen. Aus Scham, aus Furcht, zu sehr zu leiden, wenn die Sache dann doch nur von kurzer Dauer wäre, oder mit irgendeiner anderen dummen Entschuldigung, die man sich ausdenken kann, in der kindlichen Hoffnung, nie wieder verlassen zu werden. Meine Angst, verlassen zu werden, kommt durch Papa, der viel zu früh und viel zu plötzlich gestorben ist.
Angesichts dieser ganzen seltsamen Umstände hätte mich der Freitod einer Kuh am Heiligabend eigentlich nicht weiter überraschen sollen. Was, wenn Mama mit ihrem Glauben an böse Vorzeichen recht hatte? Natürlich bin ich in William verliebt, aber reicht das aus, um mich so schnell in einem fremden Land niederzulassen und dort ein Haus zu kaufen? Oder habe ich vielleicht Schuldgefühle, aus Frankreich wegzugehen und meine Mutter und Schwester kaum ein Jahr nach Papas Tod im Stich zu lassen? Ich soll die neue tragende Säule unserer Familie sein, und was mache ich? Ich haue ab in ein anderes Land.
Scarlett, die Vorzeichen, sie hat recht!
Will mir dieser Tierkadaver sagen, dass ich mich der Trauer um Papa nicht stelle? Dass das alles noch zu früh ist? Ich habe mich wirklich darum bemüht, dass es mit William und mir nicht zu schnell geht. Selbst als ich spürte, dass es wirklich ernst zwischen uns war, habe ich dafür gesorgt, dass es nicht zu rasch offiziell wurde. In allen Ecken von Williams Wohnung lagen Sachen von mir, aber ich wäre jederzeit in der Lage gewesen, alles im Eiltempo in meinen Koffer zu packen. Das war der Beweis, dass unsere Geschichte nicht in Stein gemeißelt war. Aber dann ging eben doch alles rasend schnell. Vor ein paar Wochen haben wir mein Traumhaus in Shere in der Grafschaft Surrey gekauft, eine Stunde von London entfernt. Ein beeindruckendes Landhaus aus Stein in einem riesigen, von alten Bäumen mit knorrigen Stämmen bestandenen Garten. Typisch englisch, vor allem in dieser Jahreszeit, in der jedes Dorf jenseits des Ärmelkanals durch den Schnee in ein Weihnachtsdorf verwandelt wird. Wann ist eigentlich alles so außer Kontrolle geraten?
Und jetzt holt mich das Universum ein, ein Rindskadaver versperrt die Straße, und wir können nicht zu meiner Mutter und Schwester gelangen, die gestern aus Frankreich gekommen sind und in unserem neuen Haus auf uns warten. Die Zeichen sind eindeutig, oder?
»Ich rufe besser die Polizei«, sagt William jetzt und streicht sich ein paar Schneeflocken aus seinem kastanienbraunen, leicht gegelten Haar.
»Und einen Priester.«
Ich sitze in unserem Transporter, in dem es nach Tanne riecht, und merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Es ist Heiligabend, und auch wenn wir gerade umgezogen sind und eine Kuh beschlossen hat, zu sterben, dürfen wir Weihnachten nicht verpassen und müssen es feiern. So ist das in meiner Familie üblich, die Feiern am Ende des Jahres sind ein heiliges Ritual. Papa wollte immer …
Mein Telefon vibriert.
Mama.
In einer idealen Welt könnte ich den Anruf ignorieren. Aber in der realen Welt würde das schlimme Folgen haben und Kräfte in Bewegung setzen, die stärker sind als ich, stärker als wir alle. Dafür möchte ich nicht die Verantwortung übernehmen. Meine Schwester Mélie und meine Mutter fragen sich sicher schon, wo wir so lange bleiben, ich kenne Mama. Wenn ich nicht gleich drangehe, wird sie alle Hebel in Bewegung setzen, um mich aufzuspüren. Vielleicht würde sie Frankreich zu einer neuerlichen Invasion des Vereinigten Königreichs anstiften, um mich zu finden. Aus der Geschichte wissen wir, dass das nicht die beste aller Ideen ist. Ich gehe also dran.
»Hallo, Mama, was gibt’s? Alles in Ordnung? Was? Nein, meine Stimme klingt nicht komisch. Wenn ich dich frage, ob alles in Ordnung ist, Mama, dann heißt das nicht, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das frage ich dich doch immer. Oder? Nein, das war nicht ironisch gemeint.«
Mama mag keine Ironie, sie sieht darin die schlimmste Pervertierung der Sprache. Ich habe immer gedacht, das käme daher, dass sie Ironie nicht versteht.
»Wir sind nicht weit von Shere entfernt. Wir brauchen noch etwa zwanzig« – ich mache eine Pause, als ich sehe, wie William der Kuh auf die leblose Flanke klopft, als wolle er sie zum Sprechen bewegen – »nein, vierzig Minuten. Ja, es ist unheimlich viel Verkehr auf der Straße. Es führt kein anderer Weg nach Shere, also ist viel los.«
Ich weiß. Ich lüge meine Mutter an. Vergessen wir aber nicht, dass sich viele Erwachsene, die von ihrer Mutter unter Druck gesetzt werden, sagen «Der Zweck heiligt die Mittel«, weil dies oft der einzige Ausweg ist. Würde ich von der Kuh erzählen, hätte das einen theologischen Disput zur Folge gehabt, für den ich nicht gerüstet bin. Meine Mutter stammt aus...




