Castel | Weihnachten wird wunderbar | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten

Reihe: Scarlett und Will

Castel Weihnachten wird wunderbar

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99718-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten

Reihe: Scarlett und Will

ISBN: 978-3-492-99718-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ausgerechnet an Weihnachten finden sich die Schwestern Scarlett und Mélanie eingeschneit am Londoner Flughafen wieder. Nachhause in die Bretagne werden sie es wohl nicht mehr schaffen. Doch dann lernen die beiden Willam kennen, einen perfekten englischen Gentleman, der sie in sein Haus in Kensington einlädt. Aber hier steht plötzlich Williams ganze englische Familie vor der Tür - der Auftakt zu einem völlig verrückten Weihnachtsfest, voll von gefühlsmäßigen Verwicklungen und tragikomischen Überraschungen, an dessen Ende sich wundersamerweise zwei Hände unter dem Mistelzweig finden ...

Lucie Castel lebt und arbeitet als Lehrerin in Lyon. Mit ihrem ersten Roman Weihnachten wird wunderbar eroberte sie nicht nur in Frankreich die Bestsellerliste. Auch ihr zweiter Roman Die Magie von Schokolade wurde zum Lieblingsbuch der französischen Buchhändlerinnen.
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Autoren/Hrsg.


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KAPITEL 1

Mit einem wütenden Fußtritt öffne ich die Tür der Flughafentoilette. Ich meine wirklich wütend, denn ich befinde mich gerade mitten in einem Shakespeare’schen Drama. Ich hänge am Flughafen Heathrow fest, auf der anderen Seite des Ärmelkanals, wie es so schön heißt. Meine Schwester Mélie habe ich draußen auf dem Flur stehen lassen. Sie hat wild gestikuliert, um mir irgendetwas mitzuteilen, aber ich habe sie nicht beachtet. Seit sie mit fünf oder sechs Jahren vom Baum gefallen ist – sie wollte damals beweisen, dass ein Mensch nicht fliegen kann, obwohl die Menschheit dies schon seit der Erschaffung der Welt weiß –, hat Mélie eine ganz eigene Art zu kommunizieren, die nur sie selbst verstehen kann.

Ich trete also gegen die verdammte Tür und stürze zum Papierspender, um den Chai Latte abzuwischen, der mir über die enge weiße Jeans gelaufen ist. Zugegeben, es war nicht die beste Idee, für die Reise so helle Sachen mitzunehmen. Man könnte sagen, ich war geistig nicht ganz auf der Höhe, als ich beschloss, sie anzuziehen. Weißer Schnee, weiße Hose, das kam mir einfach passend vor. Jetzt wäre mir fast noch mein Smartphone auf den Boden gefallen. Ich kann sehr schlecht zwei Dinge auf einmal tun, deswegen schimpfe ich ins Telefon: »Ich habe keine Ahnung, Maman, es sind Engländer, und das sind merkwürdige Leute. Das Problem kommt vor allem daher, dass sie auf einer Insel leben. Wenn man so lange schon auf einer Insel lebt, dann richtet die zu enge Verwandtschaft zwangsläufig irgendwann Schaden an. Ich hatte den Eindruck, der Mann wusste, wovon er sprach, als er mir versicherte, dass die Flugzeuge bald starten. Wie meinst du das, ob er ehrlich wirkte? Verdammt, wie soll ich das wissen? Entschuldige, ich wollte nicht verdammt sagen … Nein, Sie machen immer dasselbe Gesicht, Maman! Ob sie in Panik sind, glücklich oder unglücklich … Wenn man wüsste, was in ihren Köpfen vorgeht, würde man bei sämtlichen Entscheidungen in Europa nicht dauernd auf der Stelle treten. Nein, ich halte keine Predigt, das ist reiner Sarkasmus, das ist etwas anderes.«

Na toll, nun redet sie auch noch vom lieben Gott, als ob der sich für den Flugverkehr interessieren würde! Meine Mutter stammt aus Italien. Sie hat die meiste Zeit ihres Lebens in der Bretagne verbracht, aber wenn es um Streit, emotionale Erpressung, die Fußballweltmeisterschaft oder Essen geht, ist sie eine zweihundertprozentige Italienerin. Diesmal, muss ich sagen, verstehe ich sie sogar. Es ist ein besonderes Datum, der 23.Dezember, es ist zehn Uhr morgens, und bisher weiß ich nicht, wann Mélie und ich darauf hoffen dürfen, nach Hause fliegen zu können. An jedem anderen Tag im Jahr wäre das nicht so schlimm, aber vor Weihnachten hat jede Verspätung gleich apokalyptische Ausmaße. Weihnachten ist in der Familie Archer heilig. Das war schon immer so, aber in diesem Jahr noch mehr als sonst, denn es ist das erste Weihnachtsfest ohne Papa. Wenn nicht alle aus unserer Familie – bestehend aus drei Leuten, abzüglich Hund und Kaninchen – bei der Feier zusammen wären, würde meine Mutter das nicht verschmerzen. Das ist vermutlich der Grund, weshalb sie jetzt nicht mehr bloß zweimal täglich, sondern fünfmal innerhalb von zwei Stunden anruft. Ihre ständige Telefoniererei hat übrigens auch dazu geführt, dass ich meinen Tee verschüttet habe, den ich mühsam nach langem Schlangestehen bei Starbucks ergattert hatte, und so musste ich in die erstbeste Toilette flüchten, die dieser Flughafen zu bieten hat.

An diesem stadtähnlichen, unübersichtlichen Ort mit den vielen Hallen, Ebenen und verschiedenen Fluren wimmelt es nur so von Reisenden, und es werden immer mehr. Nur auf der Toilette ist niemand. Die Leute haben große Angst, neue Hinweise über Start- und Landezeiten zu verpassen, sodass sie wie Fischschwärme vor den Anzeigetafeln verharren. Spätestens in zwei Stunden wird sich bei einigen von ihnen jedoch die Blase bemerkbar machen. Wer Glück hat, den wird die Natur erst in vier Stunden erwischen. Nur diejenigen, die nicht der Versuchung erlegen sind, ihre Langeweile mit dem Konsum von Getränken zu erschlagen, werden vor den Anzeigetafeln übrigbleiben. Na ja, was soll ich sagen? Ich habe gerade einen ganzen Chai Latte family size getrunken.

Meine Mutter redet noch immer. Ich habe es schon fast vergessen, so vertraut ist mir ihr Geplapper.

»Pass auf«, sage ich entnervt, »ich muss jetzt Schluss machen, mein Akku ist gleich leer. Ich rufe wieder an, sobald ich mehr weiß … Nein, ich weiche dir nicht aus, ich kann dir sonst wirklich nichts sagen … Was soll das heißen, und Cholera? Natürlich interessiert mich, wie es ihr geht. Nein, Maman, überhaupt nicht, ich dachte nur, das hat jetzt nicht die allerhöchste Priorität.«

Cholera ist unser Widderkaninchen. Ich hatte keine Ahnung, dass auch die Natur Humor hat, bis ich zum ersten Mal ein Widderkaninchen gesehen habe. Ich glaube, Mutter Natur hat sich eines Morgens gesagt: Wie wäre es, wenn ich ein Nagetier mit einer Trauerweide kreuze? Meine Mutter und meine Schwester sind die reinsten Tiernärrinnen, jede auf ihre Weise. Meine Mutter nennt die Männchen immer Rhett, nach dem Helden aus Vom Winde verweht. Das ist ihr Lieblingsfilm, und sie hat es so weit getrieben, dass sie meine Schwester und mich Scarlett und Mélanie genannt hat. Meine Schwester hingegen benennt Kaninchen am liebsten nach schweren, ansteckenden Krankheiten. Wir leben im Moment unter der Herrschaft von RhettIV.und Cholera der Glückseligen, deren Vorgängerin Pest jung gestorben ist. Cholera hatte neulich eine kleine Operation: Sie haben ihr die Ohren gekürzt, damit sie besser laufen kann. Ich habe lange den grenzenlosen Fortschritt der Chirurgie unterschätzt. Und jetzt habe ich vergessen, danach zu fragen, wie es dem armen Tier geht. Wenn es eine Skala für diplomatisches Talent gäbe, befände ich mich ganz sicher im unteren Bereich.

Meine Mutter redet noch immer ununterbrochen auf mich ein. Ich komme nicht mehr dazwischen, die Sache ist gelaufen. Ich versuche es trotzdem, ich habe nämlich ein paar Argumente: Seit einem Monat arbeite ich in London an einem gigantischen Architekturprojekt, schlafe durchschnittlich vier oder fünf Stunden pro Nacht und stehe ziemlich unter Druck. Aber meine Mutter ist nicht zu beeindrucken. Also lege ich den Kopf in den Nacken, hole tief Luft – so tief, dass man denken könnte, dies sei mein letzter Atemzug –, sehe einen Moment in den Spiegel und fange an zu schreien.

Unweit von meinem Gesicht starrt mich ein anderes an. Das Gesicht eines Mannes. Unsere Blicke begegnen sich, und zwischen uns entsteht eine Atmosphäre wie kurz vor dem Show-down im Western. Nur das erstickte Geschrei meiner Mutter kann diesen Moment stören, in dem sich entscheidet, wer von uns beiden am richtigen Ort ist.

»Maman«, sage ich entschlossen. »Ich rufe zurück.«

Ich versuche souverän zu bleiben, ziehe die Augenbrauen indigniert hoch und sage auf Englisch: »Entschuldigung, aber ich glaube, Sie haben sich in der Tür geirrt.«

Er kneift die Augen zusammen und sieht mich einen Augenblick bewegungslos an wie ein Reptil. Ich schätze ihn auf um die dreißig.

»Verzeihen Sie die Frage«, antwortet er in perfektem Französisch, »aber ich wäre wirklich neugierig zu erfahren, wie Sie die hier benutzen.«

Er lächelt maliziös und weist auf eine Reihe von Pissoirs, die ich beim Hereinkommen wohl übersehen habe. Ich bin so verblüfft, dass ich zunächst kein intelligentes Wort herausbringe.

»Ich kann Ihnen ein paar Vorschläge machen, wenn Sie mögen«, sagt er mit einem breiten Grinsen.

Das Ganze scheint ihm Spaß zu machen, das ist immerhin etwas. So erlebt wenigstens er einen guten Moment.

»Als Sitze für Babys«, erkläre ich unverfroren. »Aber sie sind noch in der Testphase. Es fehlt der Sicherungsgurt. Das Ganze bedeutet jedenfalls einen enormen Zeitgewinn für Mütter, die ihre Kinder nicht allein lassen können, wenn sie auf die Toilette müssen.«

»Aha.« Er denkt eine Weile nach, und ich frage mich, wie gestört man sein muss, um sich auf die Herrentoilette zu verirren. Dann fällt mir auf, dass der Typ, der mir hier plötzlich in die Quere gekommen ist, verdammt süß ist.

»Aber wie kann man sicher sein, dass die Babys nicht gestohlen werden?«, fragt er jetzt, und seine Augen funkeln belustigt.

»Nun, an dem Gurt ist ein Schlüssel. Der Gurt ist allerdings noch nicht montiert, denn …«

»Es ist noch die Testphase.«

»Genau!«

Er nickt und trocknet sich die Hände ab.

Ich bleibe einfach stehen und weiß gar nicht, warum. Doch, in Wahrheit weiß ich es ganz genau. Aus purem Stolz.

»Sind Sie Architektin oder Anwältin?«, fragt er plötzlich.

Nichts als Klischees.

»Architektin.«

»Bitte sagen Sie, dass Sie nur in Frankreich Ihr Unwesen treiben.«

Ich zucke die Schultern, beschließe, diese merkwürdige Diskussion zu beenden, und murmele ein kaum verständliches »Auf Wiedersehen«.

Mélie wartet draußen auf mich, zur Salzsäule erstarrt, wie abwesend. Als sie mich sieht, scheint etwas in ihr zu erwachen und ihre Lebensmechanik wieder in Gang zu setzen. »Konntest du mir nicht sagen, dass ich mich in der Tür geirrt habe?«, rufe ich.

Da wiederholt sie die wilden Gesten von vorhin, als ich gerade dabei war, die Toilettentür aufzustoßen. »Das war doch deutlich genug«, sagt sie mit ihrer metallenen Stimme.

»Natürlich nicht! Wenn Gestikulieren ein gutes Kommunikationsmittel wäre, hätte man nicht die Sprache erfinden müssen....



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