E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: CORA Verlag
Castillo Die Schöne aus den Bergen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7515-3626-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: CORA Verlag
ISBN: 978-3-7515-3626-4
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit John Maitland als Crewmitglied der Rettungsflieger die Fremde halb erfroren in den Bergen gefunden hat, steht seine Welt Kopf. Er will sie - am liebsten für immer. Doch es gibt ein Problem: Sie hat ihr Gedächtnis verloren und niemand weiß, ob ihr Herz nicht bereits einem anderen gehört ...
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1. KAPITEL
„Sichtkontakt. Weiblich. Nordost, zwei Uhr. Sie bewegt sich.“
John Maitland, der Bordsanitäter des Rettungshubschraubers, zog den Kinnriemen seines Helms fest, trat an die offene Tür des Helikopters und sah nach unten. Tatsächlich, ungefähr zwanzig Meter unter ihnen kauerte eine Frau an einem Felsvorsprung des Bergs.
„Was zum Teufel tut sie hier oben?“, murmelte er.
„Sie wartet darauf, dass du dich in den Gurt schnallst und sie holst!“, kam die Stimme des Piloten aus dem Cockpit.
„Bring mich näher heran, Flyboy“, übertönte John die beiden Triebwerke der Bell 412 und den heulenden Wind. „Wenn’s geht, noch in dieser Woche.“
„Nicht bei dem Wind. Vierzig Knoten. Böen bis fünfundfünfzig. Ich kann nicht weiter runter.“ Tony „Flyboy“ Colorosa warf John einen herausfordernden Blick zu. „Erzähl mir nicht, dass du aus mickrigen zwanzig Metern Höhe keine Bergung schaffst.“
„Halt du einfach diese Sardinenbüchse stabil und überlass die harte Arbeit mir“, erwiderte John.
„Person steht. Keine sichtbaren Verletzungen.“ Buzz Malone, der Leiter des Rettungsteams, ließ den Feldstecher sinken und sah John an. „Wir machen es ohne Trage. Schnall die Frau an deinen Gurt, ich ziehe sie mit dir zusammen nach oben.“
„Was ist mit der Wirbelsäule?“, wandte John ein.
„Wenn wir die Lady nicht in fünf Minuten oben haben, brechen wir ab. Der Wind ist mörderisch. Sie wird an Unterkühlung sterben. Such’s dir aus.“
So riskant es war, eine Patientin mit eventueller Rückenverletzung ohne Stabilisierung zu bergen, es war die einzige Chance, ihr das Leben zu retten. „Okay, lass mich runter. Ich hole sie“, sagte John und hakte sich in den Gurt ein.
„Pass auf die Bäume auf“, warnte Buzz. „Du hast einen Versuch, dann hole ich dich wieder herauf.“
John salutierte lächelnd und stieß sich ab. Der kalte Wind traf ihn wie ein Peitschenhieb. Das Knattern der Rotorblätter war ohrenbetäubend. Doch John ließ sich nicht aus der Konzentration bringen. In den sechs Jahren, die er jetzt schon an Bord des Medicopters arbeitete, war ihm noch nie eine Bergung missglückt. Er vertraute dem Piloten. Selbst bei diesem Wind gab es niemanden, der besser mit der Bell 412 umgehen konnte als Flyboy.
Er hing nun ungefähr sechs Meter unter dem Heli. Der Wind spielte mit ihm, als wäre er ein Jo-Jo. John hielt das Gleichgewicht, indem er die am Boden kauernde Gestalt fixierte. Er fragte sich, was der Frau passiert war. Selbst aus dieser Höhe war zu erkennen, dass sie weder Wanderkleidung trug noch sonst eine Ausrüstung bei sich hatte. Was um alles in der Welt hatte eine Frau mit Jeans und Pulli mitten im Januar auf zweitausendfünfhundert Meter Höhe verloren?
Vor einer Stunde hatte ein Skiläufer sie am Abhang entdeckt. Vor zwanzig Minuten war der Rettungshubschrauber von der Polizei von Lake County angefordert worden. Vier Minuten später war das Team in der Luft gewesen.
John hielt nach einem Auto Ausschau. Nirgendwo war eins zu sehen. Auch kein Schneemobil. Offenbar also kein Unfall. Auch ein Zelt oder andere Menschen waren nicht in Sicht. Seltsam.
Eine Windböe erfasste den Helikopter, und John kam an seinem Drahtseil einem Felsvorsprung gefährlich nah. „Könntest du die Maschine ruhig halten, Flyboy?“, rief er in das Helmmikrofon. „Natürlich nur, wenn es nicht zu viel Mühe ist.“
„Wollte mich nur überzeugen, dass du noch wach bist“, drang die Stimme des Piloten an sein Ohr.
John lächelte. Er war jetzt nur noch wenige Meter vom Boden entfernt. Der vereiste Hang war mit scharfkantigen Felsbrocken übersät. Ein paar Meter entfernt zitterten drei dünne Pinien im Wind der Rotorblätter.
Schließlich war er auf dem Boden angelangt. Mit dem Rettungsgurt in der Hand eilte John zu der Frau. Ihre dunklen Augen waren schon ganz glasig – ein typisches Zeichen von Unterkühlung. Und John konnte Angst in ihrem Blick lesen, reine nackte Angst. Sie bewegte ihre vollen blassen Lippen, um etwas zu sagen, brachte aber kein Wort heraus.
John brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Selbst in diesem erbärmlichen Zustand war die Frau wunderschön. Welliges rotes Haar umrahmte ein anmutiges Gesicht mit hohen Wangenknochen.
„Hallo“, rief er schließlich ihr zu und setzte sein bestes „Alles-wird-gut-Lächeln“ auf. „Mein Name ist John. Ich bin Sanitäter. Mein Team und ich holen Sie jetzt hier heraus und bringen Sie in ein Krankenhaus. Haben Sie mich verstanden?“
Ihr Blick war benommen, das Gesicht so weiß wie der Schnee, den der Medicopter um sie herum aufwirbelte. Aber sie war am Leben, und dafür konnten sie beide verdammt dankbar sein. Denn eins hatte John bei seiner Arbeit gelernt – er war ein schlechter Verlierer, wenn der Tod ihm zuvorkam.
Er erreichte die Frau gerade noch rechzeitig, um sie festzuhalten, bevor sie auf dem gefrorenen Boden zusammensank. Selbst durch die dicken Handschuhe hindurch fühlte er, wie sehr sie zitterte. „Ganz ruhig“, sagte er. „Ich bin bei Ihnen. Sie sind in Sicherheit.“
„Bitte … nein.“ Zu seiner Verblüffung riss sie sich los. „Lass mich …“
„Ruhig …“
Entgeistert starrte er auf die Waffe, die urplötzlich in ihrer Hand auftauchte und die sie direkt auf sein Gesicht richtete. Fluchend wich John zurück. „Was zum Teufel soll das?“
„Ich bringe dich um“, stammelte sie. „Das schwöre ich. Dafür wirst du bezahlen.“
Er hob beide Hände über den Kopf. „Sehen Sie? Ich tue Ihnen nichts. Jetzt legen Sie die Waffe weg, bevor jemand verletzt wird.“
John wusste, dass Unterkühlung zu geistiger Verwirrung führen konnte. Ein Kollege von der Küstenwache hatte ihm von einer Bergung auf hoher See erzählt, bei der ein Schiffbrüchiger sich so heftig gegen seine Rettung gewehrt hatte, dass sie ihn nicht in den Korb bekamen. Er war ertrunken.
„Ganz ruhig“, sprach er beschwörend auf die Frau ein. „Sie sind verletzt und verwirrt. Legen Sie die Waffe hin und lassen Sie mich Ihnen helfen.“
Sie schwankte. „Bleib weg. Bleib einfach nur …“
Blitzschnell machte er einen Satz auf sie zu. Sie schrie auf und schlug nach ihm. Mühelos wich er aus und griff nach der Waffe. Doch bevor er sie zu fassen bekam, entglitt sie ihren Fingern, fiel zu Boden und rutschte den Abhang hinunter.
Blinzelnd sah die Frau ihn an, als würde sie ihn erst jetzt richtig wahrnehmen. „Ich dachte … Ich dachte … Richard …“
Sie schwankte und John hielt sie an den Schultern fest. Ihr feuchtes zimtfarbenes Haar streifte seinen Arm und ein Duft, der ihn an Akelei im Frühjahr erinnerte, stieg ihm in die Nase. Er betrachtete ihr Gesicht nun erstmals aus der Nähe. Ihre Haut war so makellos weiß, dass der Bluterguss an der linken Schläfe und die Schnittwunde am Kinn um so dramatischer wirkten. Doch selbst der hässliche Kratzer an der Nase schmälerte ihre Schönheit nicht im Geringsten.
Fasziniert starrte er sie an. Sie besaß die unglaublichsten braunen Augen, die er je gesehen hatte. „Wie heißen Sie?“, rief er.
„Ich …“ Sie runzelte die Stirn und blinzelte noch heftiger als zuvor. „Ich … bin …“
Sie war blass und verstört – beides Anzeichen für eine Unterkühlung. Klitschnasse Jeans und ein Pullover waren schließlich auch kein Schutz gegen die eisigen Temperaturen. John schaute auf ihre Füße und fluchte. Die Frau trug nicht einmal Schuhe.
„Ist jemand bei Ihnen?“
Sie zuckte zusammen, und ihr Blick wurde wieder panisch. „Ich … weiß es nicht.“
„Konzentrieren Sie sich, denken Sie nach.“ Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. „Sind Sie allein? Ich muss wissen, ob sonst noch jemand hier ist. Gibt es noch weitere Verletzte?“
„Ich … bin nicht sicher.“ Sie sah über die Schulter. „Ich glaube … ich bin allein.“
Er stützte sie mit einem Arm, während er ihr den Rettungsgurt umlegte. „Was ist passiert?“
„Er hat mich … verfolgt.“ Ihre Augen wurden groß. „Oh nein. Bitte, nein. Richard, bitte, nicht …“
„Beruhigen Sie sich“, sagte John leise.
„Ich lasse mich nicht von dir …“
„Hören Sie auf damit!“ Er schüttelte sie leicht. Sie durfte unter keinen Umständen die Fassung verlieren oder panisch werden. Das konnte sehr gefährlich sein – John musste sicher sein, dass sie ruhig bleiben würde, während der Heli sie von diesem Abhang hochzog.
Als ihre Blicke sich wieder trafen, ließ das nackte Entsetzen in ihren Augen ihm die Nackenhaare zu Berge stehen. Irgendetwas oder irgendjemand hatte diese Frau in Todesangst versetzt. „Hören Sie, ich bin John. Ich tue Ihnen nichts. Niemand wird Ihnen etwas tun. Sie sind in Sicherheit. Haben Sie mich verstanden?“
Ihre Lider flackerten und die Knie gaben nach. John hielt sie fest, bevor sie zusammensacken konnte.
„Großartig“, murmelte er, während er ihren Gurt festzog, ihn an seinem befestigte und ihren kraftlosen Körper an seinen drückte. „Jetzt geht es aufwärts. Entspannen Sie sich und genießen Sie den Flug.“
Sie bewegte sich. „Ich kann … meine Hände nicht fühlen“, sagte sie. „Sie sind...




