E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Catrina Die Schnelligkeit der Dämmerung
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-907238-09-7
Verlag: Arisverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-907238-09-7
Verlag: Arisverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lea Catrina ist Autorin und Texterin. Sie ist in Flims aufgewachsen, lebt heute in der Stadt Zürich und verbringt jeweils einen Teil des Jahres in der San Francisco Bay Area.
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II
«Vielleicht erinnerst du dich, wie wir den Himmel bestaunten, mit Wolken, nichts weiter als Eischnee.»
Das Klingeln des Glöckchens über der Eingangstür hatte ich schon immer als zu klischeehaft empfunden, aber es gefiel Mutter. Und jedes Mal, wenn sie es hörte, blickte sie auf. Jedes Mal. Gleich am Eingang standen frisch geschnittene Anemonen, der Stückpreis für einmal nicht zu niedrig, weil Mutter nicht da war.
In einem Blumenladen ist immer alles wahnsinnig besonders. Jemand ist gestorben, jemand heiratet, jemand will seine Frau überraschen oder sich bei einer guten Freundin bedanken. Der Tod, die Liebe, hurra, danke. Ich war nur da, um ihre Post abzuholen. An diesem Tag hatte sie nicht angerufen, zum ersten Mal seit der letzten Einweisung. Auch wenn ich anfangs noch geduldig auf mein Telefon gestarrt und gewartet hatte, konnte ich wenig später meine Erleichterung über dessen Stummbleiben kaum leugnen. Ich war nicht weiter beunruhigt, bald würde ich sie besuchen.
Marie war gerade dabei, eine Kundin zu bedienen, und zwinkerte mir zu, als ich das Geschäft betrat. Bevor ich mich ins stille Büro zurückzog, um auf sie zu warten, roch ich an dem Bouquet, das auf dem Ladentisch zur Abholung bereitstand. Zu groß, zu viel, bestimmt für die Schwiegermutter, dachte ich.
Die Post, nur zwei Briefe, ein Post-it auf dem oberen. Ich setzte mich auf den Stuhl, nahm ein Bonbon aus der Dose auf dem Tisch und schob die Briefe in meine Handtasche. Sie hatte ihn immer noch, den kleinen Kaktus, den ich ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich hörte wieder das Klingeln der Ladentür, Marie schnippte mit den Fingern auf dem Weg ins Büro.
«Sind es nur die zwei Briefe oder hast du noch mehr?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Wie geht es ihr?», fragte Marie und wandte ihren Blick von mir ab. Ich fuhr mit den Fingern über die Stacheln des kleinen Kaktus.
«Unser letztes Telefonat war gut», sagte ich. «Sie hat mir von der neuen, großen Pflanze im Gemeinschaftsraum erzählt, davon, wie unglaublich hässlich sie ist.» Wir lachten. «Ich konnte nebenbei sogar meine Schallplatten sortieren.» Mein Zeigefinger und mein Daumen lagen immer noch auf den Kaktusstacheln. Ich dachte darüber nach, zuzudrücken.
Mutter stellte selten Fragen, wenn wir telefonierten. Und wenn doch, waren es immer die gleichen. Wie es Alex ging. Wie es im Job lief. Wann ich sie das nächste Mal besuchen würde. Ob die Nachbarin noch lebte. Gerade genug, um den Anschein von Vertrautheit zu erwecken.
«Richte ihr bitte aus, sie soll sich keine Sorgen machen», sagte Marie. «Ich kümmere mich hier um alles.»
«Mach ich. Muss jetzt los.»
«Zwingen die dich immer noch, diese schwarzen Sachen zu tragen?» Sie zeigte auf den Ärmel meiner verblichenen Bluse.
«Wir sollen nicht unnötig auffallen, nur unsere Arbeit machen», sagte ich. «Eine Sache weniger, über die ich mir den Kopf zerbrechen muss.» Ich dachte an mein neues Blumenkleid, das ich erst vergangene Woche im Secondhandshop zwei Straßen weiter entdeckt hatte. Das verspielte Muster erinnerte mich an gebräunte Beine und noch nicht ganz eingezogene Sonnencreme, den Duft der Sorglosigkeit. Die Verkäuferin wollte zwanzig, ich gab ihr fünfzehn. «Es ist deins», hatte sie gesagt und mir das Kleid gereicht, als hätte es schon immer mir gehört.
Als ich ging, betrachtete ich mein Spiegelbild in der Glastür, ohne mich zu fragen, ob mir gefiel, was ich sah. Nichts weiter als eine geübte Geste.
Meine Mittagspause begann kurz nach zwölf Uhr. Etwas früh, denn die Tage im Einkaufszentrum waren lang. Ich ging zum Bäcker auf der untersten Ebene, danach schlenderte ich durch die Geschäfte.
In der Kosmetik-Abteilung waren um diese Zeit viele Teenager. Sie spielten mit Lippenstift, Rouge und Lidschatten, als wären es Schlüssel zum Glück, drängten sich um die kleinen Spiegel und bemalten sich mit einer Hingabe, mit der sie in diesem Alter wohl nur wenig taten. Ihre weichen Züge gaben erst ansatzweise preis, was darunter schlummerte. Die Haut nur hier und da von Erscheinungen der frühen Jugend durchbrochen. Sie bereiteten sich vor, probten für ihren Auftritt vor einem imaginären Publikum. Ich wusste noch genau, wie sie sich anfühlte, diese Sehnsucht nach Anerkennung. Dieses Gefühl, permanent beobachtet und beurteilt zu werden. Zu dick. Zu dünn. Zu stark geschminkt. Schlecht gefärbte Strähnen. Pickelgesicht. Zu nuttig. Zu brav. Zu erwachsen. Noch zu sehr Kind. Uncool. Ein Dickicht aus Attributen, dem man den Kampf angesagt hatte, jeden Tag aufs Neue. Das brauchte sehr viel Aufmerksamkeit. Genau wie Mutter. So viel, dass ich es versäumt hatte, in der Schule richtig aufzupassen. Ich war oft nicht da gewesen, hatte mich auf der Terrasse eines leer stehenden Hauses versteckt, um den ganzen Tag zu rauchen und Süßigkeiten zu essen, bis mir schlecht wurde. Falls ich doch zur Schule ging, setzte ich mich danach manchmal in den Bus und fuhr endlose Schleifen, starrte aus dem Fenster und fragte mich, wann der Chauffeur mich wohl ansprechen würde. Ob er wusste, dass ich nirgendwo anders hingehen konnte, um meinem Leben zu entfliehen? Er sagte nichts, als ich ausstieg, und auch nicht, als ich ein paar Tage später wieder mit ihm Schleifen fuhr.
Meine Freundinnen gingen irgendwann aufs Gymnasium. Sie begannen zu studieren, hatten Pläne, träumten von ihrer Zukunft. Während ich weiter das Make-up meiner Mutter klaute und darauf wartete, erwischt zu werden.
Ich fand den Lippenstift in der Farbe «Black Cherry» und ging zur Kasse.
Als ich endlich die schwarzen Klamotten ausgezogen hatte, warf ich sie zusammengeknüllt in meinen Spind. Fast lautlos landeten sie in der Dunkelheit. Alle paar Wochen packte ich alles in eine große Tasche und wusch es in der stampfenden Waschmaschine, die neben meiner Badewanne stand.
Ich zog ein sauberes T-Shirt an und streifte erschöpft die Jacke über. Das kalte Leder auf meinen Armen machte mich wach.
Stephs Bar war nur wenige Querstraßen entfernt. Weit genug, um das Kaufhaus nicht mehr im Blick zu haben, aber nahe genug, dass ich bequem zu Fuß hingehen konnte. Es war ein Abend ohne Mond. Der tagsüber hohe Puls des Verkehrs hatte sich beruhigt. In der Kälte vergaß ich meine Müdigkeit und der Gedanke an einen Drink ließ mich schneller gehen.
Erleichtert stieß ich die schwere Tür auf, die Bar war voll. Dunkle Silhouetten in gedimmtem Licht, Taschen und Jacken überall. Der sündige Geruch von heißem Frittieröl und verschüttetem Bier. Und kein freier Stuhl am Tresen.
«Liv!», rief Steph quer durch den Raum, als er mich entdeckte. Ich drängte mich zu ihm durch, vorbei an all den Gestalten, die ihr Pint runterstürzten, als wäre es das letzte ihres traurigen Lebens. «Jungs, macht Platz», bat Steph ein paar Typen, die vor ihm an der Bar saßen. «Wollte sowieso gerade gehen», stand einer von ihnen auf und verschwand in der Menge.
«Danke», sagte ich, stieß mich mit beiden Händen am Tresen hoch und gab Steph einen Kuss auf die Wange. «Du bist mein Held.»
«Nein, bin ich nicht, Schätzchen. Der hat seit einer Stunde mit seinem Drink rumgespielt, anstatt zu bestellen.»
«Vielleicht hätte er lieber mit dir gespielt.»
«Sag mal, was macht eigentlich eine junge Frau wie du alleine in einer Bar? Mit dir stimmt doch was nicht.»
Er mixte mir einen Martini, während Timo, einer seiner Angestellten, sich hinter ihm durchzwängte. Ich leerte den Drink in einem Zug, und für einen Moment war die Welt gut zu mir. Ich mochte Steph schon immer auf eine Weise, über die ich nicht nachzudenken brauchte.
«Darf’s noch einer sein?», fragte er.
«Nein danke, ich muss noch die vom letzten Mal bezahlen.»
Er zuckte mit den Schultern, ging kurz weg und kam mit einem weiteren Drink und einem Stapel kleiner Zettel zurück.
«Diese meinst du?»
Ich nickte.
«Also den hier kann man fast nicht lesen.» Er zerknüllte den Zettel und warf ihn in den Mülleimer hinter sich. «Und der hier? Ein Cosmopolitan? Würde meine Liv nie trinken.» Er ließ ihn beiläufig auf den Boden fallen. Zettel für Zettel ging er alle durch, bis nur noch einer übrig war. «So, meine Liebe, diesen genialen Dirty Martini wirst du mir bezahlen, aber plötzlich.»
«Das musst du nicht tun.»
«Sonst kommst du hier irgendwann gar nicht mehr angezwitschert», sagte er.
«Sag bloß Alex nichts davon.»
«Wieso sollte ich? Ist doch meine Sache.» Steph polierte nun ein Weinglas, rascher als sonst.
«Ja, ich meine wegen des Anschreibens. Er versteht so was nicht.»
«Natürlich nicht. Der Süße versteht so einiges nicht», sagte er.
«Du magst ihn nicht, ich weiß.» Ein Mann mit Krawatte wäre nie sein Freund geworden.
«Das wollte ich damit nicht sagen.»
«Was genau magst du denn eigentlich nicht an ihm?»
«Ich mag Alex, er ist ein netter Kerl.»
«Und weiter?»
«Liv, lass es.» Steph unterbrach, was er tat, um mir eindringlich in die Augen zu schauen. Das beeindruckte mich schon lange nicht mehr.
«Du hast damit angefangen, dann mach auch weiter. Sag, was du denkst, Steph. Los, beglücke mich mit deiner Weisheit.»
«Er kennt dich nicht, okay? Nach all den Jahren kennt er dich immer noch nicht», rückte er heraus. Ich warf eine Olive nach ihm.
«Wieso sagst du das?»
«Weißt du», er schüttelte den Kopf und nahm ein weiteres Weinglas, «das ist nicht sein Fehler.»
Ein lauter Schnösel am anderen Ende der Bar unterbrach unser Gespräch. Ich dachte, Steph würde mich aus dieser Lektion entlassen, stattdessen schickte er Timo...




