E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Chamberlain Der Tod meiner Schwester
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-153-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-153-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Mord an ihrer Schwester vor über vierzig Jahren verfolgt die erfolgreiche Schriftstellerin Julienne Bauer immer noch. In einer warmen Sommernacht ertrank Isabelle im Meer vor dem Sommerhaus der Familie. An ihre eigene Rolle in jener Nacht kann sich Julie jedoch nicht mehr erinnern. Nun taucht nach so langer Zeit ein neuer Beweis dafür auf, dass damals der falsche Mann für den Mord verurteilt wurde - und Julie muss sich ihren eigenen Ängsten und Schuldgefühlen stellen, um gemeinsam mit ihrem Kindheitsfreund Ethan herauszufinden, was damals wirklich geschah. Dabei entdecken sie Familiengeheimnisse, die besser im Verborgenen geblieben wären, aber auch Gefühle füreinander, die im Licht der Wahrheit endlich aufblühen können
Diane Chamberlain ist in Plainfield, New Jersey, geboren und aufgewachsen. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin arbeitete sie als medizinische Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin. Bisher sind 16 Romane von ihr erschienen. Diane Chamberlain hat drei erwachsene Stieftöchter, einen Enkelsohn und zwei Shelties, die immer dann mit ihr spielen wollen, wenn ihr gerade eine großartige Idee für ein neues Buch gekommen ist.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
Alle Kinder machen Fehler. Die meisten vergessen wir rasch, doch einige sind von zu großer Tragweite und zu verheerend, um sie je aus der Erinnerung zu streichen. Der Fehler, den ich mit zwölf machte, verfolgte mich noch mit dreiundfünfzig. Die meiste Zeit dachte ich nicht daran, doch an manchen Tagen geschah etwas, das mir alles urplötzlich wieder ins Gedächtnis rief und mich mit der Schuld jener Zwölfjährigen erfüllte, die es besser hätte wissen müssen. Dann wünschte ich mir verzweifelt, jenen Sommer 1962 noch einmal durchleben zu können. Der Montag, an dem Abby Chapman Worley vor meiner Tür stand, gehörte zu diesen Tagen.
Ich arbeitete fleißig an , dem dreiunddreißigsten Roman meiner Granny-Fran-Serie. Hätte ich den Erfolg der Serie geahnt, hätte ich Fran Gallagher von vornherein jünger angelegt. Im ersten Buch war sie bereits siebzig. Und nun, dreizehn Jahre später, war sie dreiundachtzig und noch immer gut in Form, doch ich fragte mich, wie lange ich sie noch auf Mörderjagd schicken konnte.
Im Haus war es wunderbar ruhig. Meine Tochter Shannon, die am Samstag zuvor ihren Abschluss an der Westfield High School gefeiert hatte, gab in einem Musikgeschäft unten in der Stadt Cello-Unterricht. Die Juni-Luft draußen war klar und windstill, und da mein Haus in New Jersey an einer Straßenkurve lag, genoss ich von meinem sonnendurchfluteten Zimmer aus einen großartigen Blick auf die Nachbarschaft mit ihren leuchtend grünen Rasenflächen und den gepflegten Gärten. Ich schrieb einen oder zwei Sätze, starrte dann aus dem Fenster und erfreute mich an der Aussicht, während ich darüber nachdachte, was als Nächstes in meiner Geschichte passieren sollte.
Ich hatte das dritte Kapitel beendet und fing gerade das vierte an, als es an der Haustür klingelte. Ich lehnte mich zurück und überlegte, ob ich öffnen sollte oder nicht. Vermutlich war es nur ein Freund von Shannon, doch was, wenn ein Kurier vor der Tür stand, der einen Vertrag oder etwas anderes brachte, wofür er meine Unterschrift benötigte?
Ich spähte aus dem Vorderfenster. Kein Lieferwagen in Sicht. Ein weißer VW Beetle – ein Cabrio mit heruntergelassenem Dach – parkte allerdings vor meinem Haus. Da meine Konzentration nun sowieso unterbrochen war, konnte ich genauso gut nachsehen, wer da war.
Ich ging durch das Wohnzimmer, öffnete die Haustür, und meine Laune sank. Die schlanke junge Frau, die vor meiner Tür stand, war zu alt, um eine Freundin von Shannon zu sein, und ich befürchtete, dass es sich um einen meiner Fans handeln könnte. Obwohl ich meine Identität zu verbergen suchte, hatten mich einige meiner beharrlichsten Leserinnen im Lauf der Jahre ausfindig gemacht. Ich schätzte sie sehr und war dankbar für ihre Treue zu meinen Büchern, doch ich legte auch Wert auf meine Ungestörtheit, vor allem, wenn ich arbeitete.
“Ja?”, sagte ich mit einem Lächeln.
Das sonnengebleichte blonde Haar der Frau war kurz geschnitten, sodass es kaum ihre Ohren berührte, und sie trug eine sehr dunkle Sonnenbrille, die ihre Augen nicht erkennen ließ. Eine Aura von Perfektion umgab sie. Ihre Shorts mit dem Gürtel waren blitzsauber und hatten eine Bügelfalte, das malvenfarbene T-Shirt hatte sie ordentlich hineingesteckt. Über ihrer Schulter trug sie eine marineblaue kleine Handtasche.
“Mrs. Bauer?”, fragte sie und bestätigte damit meinen Verdacht. Julianne Bauer, mein Mädchenname, war zugleich mein Pseudonym. Freunde und Nachbarn kannten mich als Julie Sellers.
“Ja?”, fragte ich.
“Es tut mir leid, dass ich hier einfach so auftauche.” Sie steckte die Hände in die Taschen. “Mein Name ist Abby Worley. Sie und mein Vater – Ethan Chapman – waren als Kinder befreundet.”
Unwillkürlich schlug ich die Hand vor den Mund. Ich hatte Ethans Namen seit jenem Sommer 1962 nicht mehr gehört, doch auch einundvierzig Jahre später brauchte ich nur eine Sekunde, um ihn zuzuordnen. Vor meinem geistigen Auge war ich wieder in Bay Head Shores, wo der Bungalow meiner Eltern neben dem der Chapmans stand und wo die alles verändernden Geschehnisse jenes Sommers all die guten Sommer der vergangenen Jahre auslöschen sollten.
“Sie erinnern sich an ihn?”, fragte Abby Worley.
“Ja, natürlich”, erwiderte ich. Ich sah Ethan bei unserer letzten Begegnung vor mir – ein dürrer, bebrillter Zwölfjähriger mit Sommersprossen, ein zerbrechlich wirkender Junge mit rotem Haar und weißen Beinen. Ich sah ihn, wie er einen riesigen Kugelfisch aus dem Kanal hinter unserem Haus an Land zog und dann den weißen Bauch des Fisches rieb, damit er sich aufblies. Ich sah ihn, wie er mit aus Laken genähten Flügeln von der Spundwand sprang, als er zu fliegen versuchte. Wir waren einmal Freunde gewesen, doch 1962 nicht mehr. Bei unserer letzten Begegnung hatte ich ihn verprügelt.
“Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich hier einfach so auftauche”, sagte sie noch einmal. “Dad erzählte mir mal, dass Sie in Westfield leben, und so fragte ich ein wenig herum. Im Bagel-Shop. Bei dem Verkäufer in der Videothek. Ihre Nachbarn sind nicht gerade gut darin, Ihre Privatsphäre zu schützen. Und hier geht es um eine Angelegenheit, über die ich nicht in einem Brief schreiben oder am Telefon sprechen wollte.”
“Was für eine Angelegenheit?”, fragte ich. Ihr ernster Ton überzeugte mich, dass dies mehr war als der Besuch eines Fans.
Sie blickte zu den geflochtenen Schaukelstühlen auf meiner breiten Veranda.
“Könnten wir uns setzen?”, bat sie.
“Natürlich”, sagte ich, öffnete die Fliegengittertür und führte sie zu den Stühlen. “Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?”
“Nein, vielen Dank”, entgegnete sie, während sie sich in einem der Stühle niederließ. “Es muss hübsch sein, so eine Veranda zu haben.”
Ich nickte. “Wenn die Moskitozeit gekommen ist, nutzen wir sie kaum, doch im Moment ist es wirklich schön.” Ich musterte sie und suchte nach einer Ähnlichkeit mit Ethan in ihrem Gesicht. Sie hatte hohe Wangenknochen und sah mit ihrer tiefen Bräune umwerfend aus, wie ungesund diese auch sein mochte. Vielleicht war die Farbe nicht echt. Sie wirkte wie eine Frau, die sich sehr gut pflegte. Es fiel mir schwer, mir Ethan als ihren Vater vorzustellen. Er war nicht hässlich gewesen, aber doch ein linkischer Eigenbrötler.
“Also”, begann ich. “Worum handelt es sich, dass Sie darüber nicht am Telefon sprechen wollen?”
Jetzt, da wir im Schatten saßen, nahm sie ihre Sonnenbrille ab und zeigte ihre blauen Augen. “Können Sie sich an meinen Onkel Ned erinnern?”, fragte sie.
Ethans Bruder war mir sogar noch besser im Gedächtnis geblieben als Ethan selbst. Ich hatte eine Schwäche für ihn gehabt, auch wenn er sechs Jahre älter war als ich und damit unerreichbar. Doch am Ende jenes Sommers hatte ich ihn verabscheut.
Ich nickte. “Sicher”, antwortete ich.
“Nun, er ist vor ein paar Wochen gestorben.”
“Tut mir sehr leid, das zu hören”, erwiderte ich automatisch. “Er muss –” Ich rechnete im Kopf kurz nach. “Er muss ungefähr neunundfünfzig gewesen sein?”
“Er starb in der Nacht vor seinem neunundfünfzigsten Geburtstag”, sagte Abby.
“War er krank?”
“Er hatte eine Leberzirrhose”, sagte Abby sachlich. “Er trank zu viel. Mein Vater sagte … dass er mit dem Trinken angefangen hätte, nachdem in dem einen Sommer Ihre … Sie wissen schon.” Zum ersten Mal wirkte sie etwas unsicher. “Nachdem Ihre Schwester gestorben war”, sagte sie. “Er wurde richtiggehend depressiv. Ich kenne ihn nur als einen sehr traurigen Mann.”
“Das tut mir leid”, wiederholte ich. Ich konnte mir den gut aussehenden und athletisch gebauten Ned Chapman nicht als niedergeschlagenen neunundfünfzigjährigen Mann vorstellen. Andererseits hatte uns jener Sommer alle verändert.
“Dad weiß nicht, dass ich hier bin”, gestand Abby. “Und er würde es nicht gutheißen, doch ich musste einfach kommen.”
Ich beugte mich vor und wünschte mir, dass sie zum Punkt käme. “Warum sind Sie hier, Abby?”, wollte ich wissen.
Sie nickte, als ob sie sich bereit machte, etwas lange Einstudiertes vorzutragen. “Dad und ich räumten Onkel Neds Stadthaus aus”, begann sie. “Ich durchstöberte seine Küche und fand in einer der Schubladen einen Umschlag, der an das Point Pleasant Police Department adressiert war. Dad hat ihn geöffnet und …” Sie griff in ihre Umhängetasche und reichte mir ein Blatt Papier. “Das hier ist eine Kopie.”
Ich blickte auf den kurzen, maschinengeschriebenen Brief, der auf zwei Monate früher datiert war.
“Mein Gott.” Ich lehnte mich in dem Schaukelstuhl zurück und schloss die Augen. Ich dachte, mein Kopf würde explodieren, als mir die Bedeutung der Worte klar wurde. “Er hatte vor, ein Geständnis abzulegen”, sagte ich.
“Das wissen wir nicht”, entgegnete Abby rasch. “Ich meine, Dad ist ganz sicher, dass Onkel Ned es nicht getan hat. Hundertprozentig sicher. Doch er hat mir vor langer Zeit von Ihnen erzählt. Meine Mom und ich haben all Ihre Bücher gelesen, und deswegen hat er mir alles von Ihnen erzählt. Er sagte, dass Sie damals Onkel Ned verdächtigten, obwohl niemand anderes das tat. Ich dachte, Sie hätten ein...




