Chang Bestiarium
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-446-27175-3
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-446-27175-3
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
K-Ming Chang, 1998 in Kalifornien geboren, ist eine taiwanisch-amerikanische Schriftstellerin und Finalistin des Lambda Literary Award. Ihre Gedichte erschienen in diversen Anthologien. Mit ihrem ersten Roman Bestiarium (2020) stand sie auf der Longlist für den First Novel Prize 2020 des Center for Fiction und auf der Longlist für den PEN/ Faulkner Award. K-Ming Chang lebt in New York.
Weitere Infos & Material
MUTTER
Reise nach Westen (I)
Oder: Für meine einzige Tochter —
eine Geschichte zur Warnung Moral: Niemals irgendwas vergraben.
Ba weiß nicht mehr, wo er das Gold vergraben hat. Ma scheucht ihn umher und haut mit der Suppenkelle auf ihn ein. Du warst noch nie auf einer Beerdigung, aber so in etwa sieht es aus: Wir stehen zu viert im Garten und graben, dort wo unsere Schatten gestorben sind. Eine Schaufel für Ba, eine Suppenkelle für Ma, für Jie und mich zusammen einen Löffel. Wir graben mit allem, was wir nicht wollen — mit Nachttöpfen, einem geklauten Pümpel und den Händen, mit denen wir beten. Sogar mit den Pfannenwendern, die uns die Frauen von der Kirche geschenkt haben, nach tagelangen Diskussionen darüber, ob Asiaten so was überhaupt benutzen. Nein, hieß es letztendlich, aber es wäre zu wünschen. Daher unsere riesige Sammlung von Pfannenwendern, in verschiedenen Größen und Farben und aus unterschiedlichen Metallen. Ma hielt sie für Fliegenklatschen. Sie wählte je nach Schwere unseres Vergehens eine aus und versohlte uns damit den Hintern. Sei froh, dass ich bei dir nur meine Hände nehme.
Du trägst deine Hände ganz sorglos, das sehe ich, aber eines Tages werden sie irgendetwas vergraben. Eines Tages schnappt diese Geschichte auf wie ein Springmesser. Dann hecken deine Hände ihre eigenen Löcher aus, und wenn es so weit ist, werde ich nicht kommen und dich retten.
Du warst noch nie in diesem Jahr, also lebe ich es einmal für dich: 1980 dauert so lange, wie es regnet. Der Regen durchsiebt den Boden wie Geschützfeuer, es ist Arkansas-Regen. Jahre nach dieser Geschichte wirst du im genauen Gegenteil einer Stadt geboren werden, einer Stadt, in der der einzige verlässliche Regen deine Pisse ist. Du fragst, warum dein Großvater das Gold irgendwann mal vergraben und dann vergessen hat, und ich sage dir, weil er statt Hirnwindungen Schlangen im Schädel hat. Aller Erinnerungen entledigt. Einmal pinkelt er den ganzen Garten voll, und wir folgen seinen Pisseströmen durch den Boden. Beten, dass sie sich an der Grabstätte des Goldes versammeln. Dass uns das Gold in seiner Blase den Weg zu seiner vergrabenen Sippe weist. Aber sein Fluss strömt geradewegs ins Haus und flutet es mit fermentiertem Sonnenlicht.
Als die Kirchenfrauen uns Zuckerschalen und ein Glas pissdunklen Honig bringen, sagt ihnen meine Ma, dass Asiaten ihren Tee nicht süßen. Und auch sonst nichts. Wir bevorzugen Salziges, Saures und Bitteres, die Wirkstoffe von Blut, Sperma und Galle. Die Aromen des Körpers.
Ba sagt, bald findet er das Gold. Ma feuert ihm noch eine, diesmal mit einem Paar Stöckelschuhe (ebenfalls ein Geschenk der Kirchentanten). Ba sagt, die Vögel verraten ihm, wo er es vergraben hat. Ma schleudert ihm einen Blumentopf an den Kopf (Samen von den Kirchenfrauen). Bas Schaufeltanz geht zu tief und trifft auf Wasser. Nur dass es kein Wasser ist, sondern eine Abwasserleitung, und der Vermieter sagt, wir sollen den Schaden bezahlen. Für den Rest des Monats waten wir durch einen Kackefluss, immer noch fest überzeugt, dass Ba sich erinnert, überzeugt, dass Erinnerungen überspringen können. Wenn wir uns nur dicht genug neben ihn stellen, bekommen wir zu fassen, was ihm entkommen ist.
Ba hatte das Gold vom Festland mit auf die Insel gebracht. Damit bestachen die Soldaten das Meer, das ihre Körper rauben wollte. Er bezahlte seine Überfahrt mit einem Barren Gold, so breit wie sein kleiner Finger, und schluckte den Rest, der von der Säure in seinem Bauch danach silbern war.
In Kriegszeiten bemisst sich der Wert von Land an der Menge von Knochen, die sich darin begraben lassen. Ein Haus ist nur so viel wert wie die Bombe, die es plattmacht. Gold dagegen lässt sich in jedem Land, jedem Jahr, jedem Nachleben ausgeben. Die Sonne scheißt es jeden Morgen. Ma liest sogar das Motto hinten auf den amerikanischen Münzen falsch: IN GOLD WE TRUST. Deshalb glaubt sie, dass dieses Land und wir zueinander passen. Sie glaubt immer noch, wir könnten uns sein Vertrauen erkaufen.
Nach zwanzig Jahren auf der Insel hatte Ba das ganze Gold verzockt und versuchte, es doppelt und dreifach wieder reinzuholen. Als Ma und er sich kennenlernten, hatte Ma schon drei Kinder und einen toten Ehemann, der Woche für Woche in Form von milchweißem Regen zurückkehrte. Für die Männer im Dorf war sie von der Taille abwärts ruiniert, aber alles darüber sei noch ganz annehmbar, hieß es. Sie trug einen schweren Rock, irgendwas zwischen Nonnengewand und Abdeckplane. Ma verschenkte ihre drei Töchter an ihre Eltern und bekam mit Ba zwei neue.
Ich bin die zweite der neuen. Wir sind die beiden, die sie behalten, mit hierhergebracht und verdroschen hat.
Als Ma ihn heiratete, war er zwanzig Jahre älter. Nimm die Anzahl von Jahren, die du schon außerhalb meines Körpers lebst, und säe sie aus, damit sie sich verdoppeln: Dieses Dickicht von Jahren liegt zwischen deiner Großmutter und deinem Großvater. Nur dass Ma ihr Leben nicht in Jahren, sondern in Sprachen zählt. Atayal und Yilan Kreol auf den Indigofeldern, wo sie mit Fischaugen und blauem Hintern geboren wurde, Japanisch während des Kriegs und Mandarin in der Stadt, die sich die Nationalisten einverleibt hatten. Sie trug alle diese Sprachen außerhalb ihres Körpers, wie einen Kragen um den Hals geknöpft. Als Ba sie einmal bat, ihm das Atayal-Alphabet beizubringen, das sie von den Missionaren gelernt hatte, sagte sie, seine Hände taugten nicht zum Schreiben: Sie waren für den Krieg gemacht, konnten nur Waffen und seinen eigenen Schwanz anpacken. Jie fand das lustig, aber ich lachte nicht. Ich habe diese Hände. Als du geboren wurdest, entdeckte ich in dir zu viel von deinem Großvater: einen Haaransatz, der sich auf seinen reimte, und Angelhakenfinger, die in meinen Haaren, meinem Schatten, im Himmel hängenblieben. Jedem Mann, der dich in einem Topf Erde begraben wollte, um dich als Baum wiederauferstehen zu lassen, hast du mit einer mondgroßen Faust gedroht, sogar deinem Bruder. Du glaubst, ein Begräbnis beendet, was gestorben ist. Doch ein Begräbnis ist ein Beginn: Damit etwas wachsen kann, muss man zuerst seinem Samen ein Grab schaufeln. Bereit sein, dem, was geboren wird, einen Namen zu geben.
Jahrzehnte zuvor in Yilan kackte Ba seinen letzten Goldbarren aus, mit einer Schärpe aus Meerwasser und Schlick. Er vergrub ihn hier, in diesem Garten, der uns nie gehört hat und der weit weg liegt vom Ort deiner Geburt. Ma mochte Arkansas, weil es wie Ark klang, Ark wie Noahs Arche. Mas Wörter kommen alle aus der Bibel. Die meisten haben nur zwei Silben: Hiob, Arche, Sünde, Schicksal, Plage.
Eigentlich haben wir nur eine Möglichkeit, das Gold zu finden — wir müssen Ba den Schädel aufschießen und die Erinnerung, wo er es vergraben hat, freilegen. Ma hat es einmal versucht. Sie hat mit der Schrotflinte auf Bas Kopf gezielt, auf die Bodendielen gestampft und dabei Peng! gerufen in der Hoffnung, die Erinnerung würde aus seinem Kopf ins Freie flüchten. Stattdessen hat sich Ba in die Hose gepinkelt, und Jie musste den Boden wischen. Wie es aussieht, braucht Ba einen Krieg als Motivation. Er gräbt nur was aus, wenn es darum geht, sich eine Überfahrt auf einem Boot zu kaufen und zu heiraten. Wir haben genau eine Woche Zeit, um einen Krieg zu rekrutieren. Wenn er bis dahin nicht vor der Tür steht, sagt Ma, bleibt das Gold vergraben und wir haben alles, was wir besitzen, an die Bäume verfüttert, denen Moos wächst wie Schamhaare.
Jie schlägt vor, dass wir Ba an den Füßen aufhängen, verkehrt herum, damit all seine Erinnerungen stromaufwärts fließen und sich in seinem Schädel sammeln. Dann müssten wir ihm nur noch irgendwie den Kopf aufschrauben. Ich sage ihr, das funktioniert so nicht, aber Jie hat auf der High School im Nachbarort Anatomie, deshalb kann sie auch eine Skizze von einem Körper zeichnen. Mir hat sie schon mal einen Penis mit Adern und allem Drum und Dran aufgemalt und mir ein, zwei Löcher gezeigt, in die er reinpassen würde. Sie zieht die Hose runter, damit ich sie sehe. Ich bitte sie, mir zu zeigen, wohin alle meine Löcher führen, und sie sagt, wenn ich in der Dunkelheit zwischen meinen Beinen grabe, finde ich dort ein Baby, das wie ein Rübchen darauf wartet, gepflückt zu werden. (Keine Sorge, nach dir habe ich nicht gewühlt. Du wurdest auf Fleischfresserart gezeugt.)
Ma schabt den Bast von unserer Birke, bespritzt die Locken in Stinktiermanier mit Parfüm und verbrennt sie dann büschelweise. Der Rauch hält Moskitos davon ab, mit uns allen eine Bluthochzeit zu feiern.
Wir beten zu Gott und Guanyin, in dieser Reihenfolge. Wir beten, Bas Gold möge...




