E-Book, Deutsch, 276 Seiten
Charlott Apology for Her
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8187-7227-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 276 Seiten
ISBN: 978-3-8187-7227-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Merle Charlott wurde 1996 in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen geboren. Heute lebt sie mitten auf dem Kiez in ihrer Herzensstadt Hamburg, leitet ein veganes Café in Eppendorf, schreibt Drehbücher und produziert eine Web-Serie. In ihrer Freizeit teilt sie auf ihrem Instagram-Account Eindrücke aus ihrem Alltag im Großstadtgetümmel und untermalt diese mit ihren Gedichten. »Apology for Her« ist ihr Debütroman.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
»Because I could not stop for Death –
He kindly stopped for me –«
– Emily Dickinson, 1863
Ember
Der Tod war mein treuster Begleiter. Ich schrieb Abertausende von Gedichten über ihn. In meinem Kopf besuchte er mich beinahe jede Nacht. Unsere Gespräche waren relativ einseitig. Er sprach gern über seine Arbeit und ich war eine gute Zuhörerin.
Es stellte sich heraus, dass auch Sutton eine Beziehung zu ihm pflegte. Ihre jedoch war weitaus komplizierter.
»Meine Schwester hatte eine Totgeburt«, sagte sie monoton, nachdem sie das Telefonat mit ihrem Schwager beendet hatte.
Wir waren mittlerweile bei meinem Wagen angelangt. Ich hielt tatenlos die Schlüssel in der Hand und traute mich nicht, mich zu regen. Informationen wie diese konnte ich nur schwer verarbeiten. Ich schob sie an einem Ort in meinem Kopf, den ich nicht greifen konnte, und setzte gleichzeitig meinen Körper auf die Werkseinstellungen zurück.
»Sie stand schon am Bahnhof, als die Wehen einsetzten …«, murmelte Sutton und ließ ihr Smartphone wieder in der Hosentasche verschwinden.
Der schrille Klang der Sirenen des Krankenwagens, der auf dem Hinweg zum Bahnhof an mir vorbeigerauscht war, hallte in meinen Ohren wider. Erst das Klirren der Schlüssel, die mir aus den Fingern rutschten, ließ das Geräusch abebben.
»Fährst du mich ins Krankenhaus?« Sutton blickte mich fragend an und sah doch nur durch mich hindurch. »Bitte?«
Ich nickte und hob die Schlüssel auf.
Ja, der Tod war durchaus mein treuster Begleiter, doch nur Sutton kannte ihn persönlich.
Sutton
Ich hatte in der Vergangenheit mehr Zeit in Krankenhäusern als in der Universität verbracht. Mein Studium war zu einer lästigen Nebensache geworden. Das Leben eine qualvolle Herausforderung.
Amherst sollte einem Neustart gleichen. Doch New York und seine Geschehnisse verfolgten mich auf Schritt und Tritt. Wie ein Schatten; unnachgiebig und düster.
Meine neue Heimat zog wie in einem Film an mir vorbei. Wir passierten auf unserem Weg ein Café, welches am Fuße der Altstadt lag. Das Mary’s Crisis sprang mir allein wegen seines außergewöhnlichen Namens ins Auge. Es hatte seinen Platz zwischen einem alternativen Plattenladen und einem urigen Blumenshop gefunden. Direkt gegenüber befand sich der sonderbare Antiquitätenladen meiner Schwester. Hunter hatte mir erst vor ein paar Tagen ganz stolz ein Foto des Greyhouse geschickt. Ich erinnerte mich an die abgenutzte, rote, von der Sonne ganz ausgeblichene Markise, die nun nicht mehr ausgefahren war. Das Geschäft lag an einem vermeintlich friedlichen, frühlingshaften, aber leicht regnerischen Dienstag völlig verlassen da.
Während Ember mich zur Frauenklinik ins Cooley Dickinson fuhr, schwieg sie. Im Radio lief ein Song von Dermot Kennedy. Seine tiefe, kratzige Stimme untermalte die Stille. Er sang von besseren Zeiten, die noch kommen mochten, und ich hoffte inständig, ihm Glauben schenken zu können.
Ember schien sich das Auto mit jemandem zu teilen. Es war ein älteres Modell eines türkis-grauen Toyota Land Cruisers. Der Wagen sah aus, als wäre Ember damit zu schnell über nasse Landstraßen gefahren. Erde, Schlamm und Dreck beschmutzten die Außenverkleidung. Auf der Rückbank verweilte eine halb geöffnete Sporttasche; ein Lacrosse-Schläger und Feldturnschuhe lugten daraus hervor. Zu groß, als dass sie Ember passen könnten. In den Fächern der Beifahrertür fand ich einen Schlüsselbund und ein Namensschild des Second Chance-Tierheims, das Ember potenziellen Besuchenden als ehrenamtliche Helferin vorstellte. Sie hatte auf mich gleich wie jemand gewirkt, der lieber unter sich blieb und die Gesellschaft von Tieren gegenüber der von Menschen bevorzugte.
Mein Blick huschte von dem Duftbäumchen am Rückspiegel, das verdächtig nach Sandelholz roch, zum Radio zurück. Der Song war von der Radiostation längst gewechselt worden. Ein gleichbleibend ruhiger Hit der britischen Indie-Popband The 1975 erfüllte den Wagen mit quälender Sehnsucht und dem Gefühl des Vermissens. Als ich zu Ember hinübersah, konnte ich beobachten, wie sich ihre Lippen passend zum Text bewegten. Sie hatte einen guten Musikgeschmack.
Um nicht daran denken zu müssen, dass wir gerade auf dem Weg ins Krankenhaus waren, versuchte ich mich mit der banalen Frage abzulenken, ob jemand wie The 1975-Frontsänger Matty Healy der Typ Mensch war, den Ember als attraktiv empfand. Stand sie eher auf die emotional gebrochenen, künstlerischen Leute mit schwarz lackierten Fingernägeln oder suchte sie nach einer gradlinigen, mit beiden Beinen im Leben stehenden Person? Denn ich war sicher nicht Letztere.
Das erdrückende Schweigen, das sich zwischen uns aufgetan hatte, erschuf eine scheinbar unüberbrückbare Kluft. Ähnlich wie bei meiner Schwester und mir. Denn auch Hunter hatte bis vor Kurzem seit Jahren kein Wort mit mir gesprochen.
Sie hatte beschlossen, nicht einmal der Beerdigung unserer Tante beizuwohnen. Schickte lediglich einen Brief mit ihrer Beileidsbekundung, als wäre Sophia nur eine entfernte Verwandte. Doch für mich war sie wie eine Mutter gewesen.
Als mich zwei Monate nach ihrem Tod ein weiterer Brief meiner Schwester erreicht hatte, in dem sie mich bat, sie und ihren Ehemann Willem in Amherst zu besuchen, überraschte mich ausschließlich der Grund ihres Schreibens. Sie erwartete ihr erstes Kind und wünschte sich, dass ihre Tochter nicht mit dem Wissen aufwuchs, dass sich ihre Tante in New York verkroch, weil sie mit dem Rest der Familie nichts zu tun haben wollte.
Hunters Sicht auf die Dinge unterschied sich gravierend von meiner. Ich wusste jedoch auch nicht, wie ihr Leben ausgesehen hatte, bevor ich auf die Welt gekommen war. Wann und warum Tante Sophia Boston für Manhattan verlassen und Hunter zurückgelassen hatte, erzählte man mir aus mehreren verschiedenen Perspektiven. Ich entschied mich dafür, unserer Tante Glauben zu schenken, die bereits Jahre vor meiner Geburt versucht haben wollte Hunter zu sich zu holen.
Ich verließ New York also nicht, um längst verjährte Wunden familiärer Streitigkeiten wieder aufzureißen. Ich kam nach Amherst, da mich Sophias Krankenhausrechnungen und mein Studienkredit auf einen immer höher werdenden Schuldenberg klettern ließen.
Meine Tante hatte ein Loch im Herzen gehabt und mehrere Schlaganfälle erlitten. Ich beschloss, sie bis zu ihrem Tod zu pflegen. Doch meine Kräfte schwanden schnell. Ich war müde und konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Die Knie aufgerissen und mit Schürfwunden an den Händen, war ich zusammengesackt und hatte der Kapitulation meinen kleinen Finger gereicht.
»Wir sind da.« Ember hatte den Wagen bereits vor über geschlagenen fünf Minuten auf dem Besucherparkplatz des Cooley Dickinson abgestellt.
»Soll ich lieber sitzen bleiben oder doch mitkommen?«, wollte sie von mir wissen. Gemäß der Tatsache, dass sie eine völlig Fremde für mich war, eine berechtigte Frage.
Allerdings waren mir meine Schwester Hunter und mein Schwager Willem beinahe genauso unbekannt.
»Wenn es dir nichts ausmacht, dann …« Ich musste nicht mehr als das sagen.
Während ich mich abschnallte und zu ihr hinübersah, nickte sie nur und öffnete die Autotür.
Es nieselte leicht, als wir ausstiegen. Das hatte es über den Tag verteilt schon einige Male getan, doch dieser Regenschauer war anders. Er fühlte sich irgendwie erzwungen an. Fehl am Platz. Genau wie ich an diesem Ort. Ich hätte nicht herkommen sollen.
Ember ging voraus. Krankenhäuser lösten bei ihr keinen Fluchtinstinkt aus. Ganz im Gegenteil. Der Tod schreckte Ember nicht großartig ab. Während ich mich von ihm verfolgt fühlte, lief sie friedlich neben ihm her.
»Meine Schwester und ich haben uns das letzte Mal vor elf Jahren gesehen«, ließ ich Ember wissen. Eine für sie völlig unwichtige Information, die ganz plötzlich und unvermeidlich aus mir heraussprudelte. Ähnlich wie vorhin, als sie völlig zusammenhangslos den Krankenwagen erwähnt hatte. »Hunter ist eigentlich nur meine Halbschwester. Ich war das Produkt irgendeines bedeutungslosen One-Night-Stands im Drogenrausch.«
Ember blieb stehen, nickte und enthielt sich einer Antwort.
»Hunter …«, wiederholte sie schließlich den Namen meiner Schwester. »Du bist mit Hunter Grey-Jensen verwandt?«
Ihr Tonfall verriet, dass es sie nicht großartig überraschte.
»Ihr kennt euch?«, schloss ich daraus.
Ember schüttelte den Kopf. »Nein, wir kennen uns nicht. Aber ihr gehört das Greyhouse. Der Antiquitätenladen gegenüber meinem Lieblingscafé. Wir sind auf dem Weg hierher daran vorbeigefahren.«
Ich nickte nur. Während Ember bereits einen Schritt in Richtung des Eingangs machte, blieb ich
noch immer wie festgewurzelt neben ihrem Wagen stehen. Sie schaute über die Schulter zu mir herüber. »Brauchst du noch einen Moment?«
Nun war ich diejenige, die sich unsicher war, ob und wie ich agieren sollte. Ich konnte mich noch nicht dazu überwinden, weiterzugehen. Hielt mich gedanklich daran fest, dass ich auf dem Weg zu meiner Schwester war, über deren Leben ich nicht mehr als das wusste, was auch Fremde mir erzählen konnten. Für mich war Hunter Grey-Jensen genau wie für Ember der Name einer mir unbekannten Frau. Ich konnte nicht sagen, ob Hunter...




