E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Chaze Schwarze Flügel hat mein Engel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98676-221-6
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-98676-221-6
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nach seinem Ausbruch aus dem Gefängnis begegnet Tim Sunblade der Prostituierten Virginia. Als er feststellt, dass die ungewöhnlich wortgewandte Zehn-Dollar-Schlampe sich nur für Geld interessiert, weiß er, dass er für seinen geplanten Raubüberfall die richtige Partnerin gefunden hat.
Tim ahnt nicht, dass dieser Engel mit den lavendelgrauen Augen sein Albtraum wird ...
Bill Pronzini: » ist unbestreitbar ein Noir-Klassiker, und uneingeschränkt empfehlenswert.«
Legendär, ein Juwel des American Noir, das sich mit den besten Werken von Jim Thompson, Cornell Woolrich oder David Goodis messen kann. Zum ersten Mal auf Deutsch.
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1
Mehr als 16 Wochen lang hatte ich als Hilfsarbeiter auf einer Bohrinsel im Atchafalaya River die großen, silbernen Bohrgestänge geleert, die Säcke mit Bohrschlamm vom Frachtkahn ans Ufer geschleppt, den Rücken belastet, mit den Muskeln gearbeitet und im Kopf auf Leerlauf geschaltet. Ich brauchte nämlich jede Menge Leerlauf. Nach ungefähr 1800 Metern Tiefe drehten wir das Gestänge ab, und dann gaben sie das Bohrloch auf, zahlten uns aus und sagten, wir sollten in zwei, vielleicht in drei Monaten wieder anfragen.
Benson, der kleine, verrückte Bohrleiter, meinte, ich hätte gut gearbeitet. Er sagte, die meisten großen Männer auf einer Bohrinsel seien schlampig und langsam, doch ich hätte mein Gewicht eher so eingesetzt wie ein kleiner Mann, und wenn er die nächste Probebohrung organisieren würde, wäre ich seiner Ansicht nach so weit, direkt auf dem Bohrturm zu arbeiten. Er sagte, ich sei zu gut, um meine Arbeitskraft »unten auf der Plattform mit den Mulis« zu verschwenden. Er wollte mich lieber oben haben, mit dem Wind in meinem Haar und 20 Cent mehr pro Stunde auf meinem Gehaltsscheck. Ich habe es gerade noch geschafft, ihm nicht ins Gesicht zu lachen.
Jetzt fühlte sich das heiße Seifenwasser in der altmodischen Badewanne in dem kleinen Hotel in Krotz Springs einfach nur wunderbar an.
Fast vier Monate lang hatte ich kein heißes Bad mehr gehabt. Die Seife war ölig und duftete, und wenn sie über meine Brust glitt, bildeten sich kleine runde Bläschen, von denen jedes mit dem milchig-grünen Wasser gefüllt war. Ich sank so tief in die Wanne, dass mein Kinn genau auf der Wasseroberfläche ruhte. Dann seifte ich mir den Kopf ein und schrubbte ihn mit den Fingerspitzen und Fingernägeln. Danach tauchte ich noch tiefer in das heiße Wasser ein, hielt den Atem an und spürte, wie sich der Monate alte Schmutz von mir löste. Ich trage mein Haar immer kurz, und zwar so kurz, dass ich die Seife mit den Fingernägeln einmassieren kann, wenn ich mir den Kopf wasche. Diesen Trick verdanke ich der Washington and Lee University. Es ist allerdings so ziemlich das Einzige, was sie mir in diesem wunderbaren, kulturbeflissenen und an Frauen armen Nest beigebracht haben, wo sich die Studenten gegenseitig mit »Gentleman« ansprechen und einem angesichts dieser entsetzlich eleganten Beaniemützen, die die Studienanfänger tragen, geradezu übel wird. Dort betritt kein einziger Mensch den sorgfältig gestutzten Rasen, alle sind immer so anständig, dass es schon wehtut.
Der Page klopfte an die Tür des Schlafzimmers, während ich noch immer unter Wasser war.
Ich war überrascht, ihn überhaupt hören zu können. Das Geräusch drang durch die dicke Stahlwanne und das Wasser, ein hämmernder, klingelnder Ton. Ich tauchte auf und sagte ihm, dass ich käme, sobald ich mich abgetrocknet hätte, und er antwortete mit dieser müden, vollkommen neutralen Stimme, die für Hotelpagen so typisch ist: »In Ordnung«. Während ich mich abtrocknete, klopfte er schon wieder, und ich hatte gerade das Handtuch um mich geschlungen, als ich an die Zimmertür kam, die auf den flohverseuchten Flur mit den käsefarbenen Wänden führte.
»Hier ist sie«, sagte er.
Und da war sie wirklich. Vermutlich werde ich immer daran denken, wie ich sie das erste Mal gesehen habe, als sie in diesem halbdunklen Flur stand, und neben ihr der Page aus einem Provinzhotel, der wie der Affe eines Leierkastenspielers angezogen war und sich mit einem schiefen Grinsen beinahe an sie lehnte.
»Sie ist ein echter Hingucker, stimmt’s, mein Junge?«
Ich bestätigte, sie sei tatsächlich ein echter Hingucker. Er wusste das zu schätzen und lächelte, wobei er viel zu viel von seinen Zähnen sehen ließ. Er sagte, er sei froh, dass sie mir gefalle; sie sei die Beste in Krotz Springs, und nur Gott allein wisse, warum sie in einem kleinen Fischerdorf am Atchafalaya herumhänge, obwohl sie doch in New Orleans oder Memphis oder jeder anderen Stadt leben könnte mit ihren Beinen und ihren guten Manieren und alledem.
Sie sagte nichts.
Ihre Augen waren lavendelgrau, sie hatte helles, fast cremefarbenes goldenes Haar, das federnd erschien und sich eher leicht gewellt als eindeutig lockig an ihren Kopf schmiegte. Sie trug ein marineblaues Barett, das einen an europäische Filme denken ließ.
Und dann waren da das Haar, das Gesicht und außerdem ein langer, locker sitzender, metallfarbener Regenmantel, der ziemlich nass war und einen kalten, frischen Geruch in das muffige Zimmer trug. Schließlich habe ich ihre Beine gesehen. Der Kommentar des Pagen war keinesfalls ein Witz gewesen. Und dann gab es da noch ihre Füße, breit, rundlich und so kurz wie die eines Babys. Die Schuhe wirkten eher teuer. Sie waren aus braunem Veloursleder und schimmerten feucht.
»Um Himmels willen, gib ihm seinen Dollar«, riet sie, wobei sie überhaupt kein Gefühl in ihre Bemerkung legte, egal was für eins.
Ich ging zum Schreibtisch, holte den Dollar und gab ihn dem Pagen. Wieder lächelte er so grässlich und verschwand.
Sie kam herein, schloss die Tür, und dann waren wir zusammen in diesem Zimmer, einfach so. Das waren wir zwar einerseits, andererseits aber auch nicht. Nach 16 Wochen auf einer Bohrinsel ist es ein angenehmer Schock, wenn man entdeckt, dass man keinen Schlamm in den Ohren hat und sich mit einer jungen, teuer aussehenden Frau mit lavendelgrauen Augen allein in einem Zimmer befindet.
»Hallo«, sagte sie, im Ton noch immer ganz nüchtern.
Ich glaube, ich habe gegrinst. Ich erinnere mich, dass dieses stoische Auftreten à la Buster Keaton nicht zu der anmutigen Schönheit ihres Gesichts zu passen schien – es passte auch wirklich überhaupt nicht. Als sie sich auf das eisenhart gestärkte obere Laken des Bettes fallen ließ, gab dieses ein komisches Knistern von sich.
Ich sagte: »Wenn ich gewusst hätte, dass das hier so förmlich wird, hätte ich mir ein hübscheres Handtuch umgebunden.«
»Ich bin müde«, sagte sie. Ihre gewölbten Hände lagen auf dem aluminiumfarbenen Gummi des Regenmantels auf ihren Knien. »Wir sollten uns die Witze ersparen.«
»In Ordnung.«
»Mach niemals Witze mit einem müden Flittchen«, riet sie mir. »Niemand wird so müde wie ein müdes Flittchen.«
Dann erschauderte sie und sagte, sie könne einen Drink vertragen. Ich schenkte ihr einen Bourbon on the rocks ein, indem ich das Glas aus dem Badezimmer holte und alles nahm, was vom Eis noch übrig war. Ich machte eine gemächliche Zeremonie daraus, zum Teil weil der orangerote Bourbon so hübsch aussah, als er gegen das Eis schlug, zum Teil aber auch, weil ich wollte, dass ihn das Eis ein wenig verdünnte, und zu einem weiteren Teil, weil meine Hände zum ersten Mal seit langer Zeit sauber waren und mir das quietschende Geräusch gefiel, das das Glas an meinen sauberen Handflächen machte.
»Er ist gut«, sagte sie, ohne das Gesicht zu verziehen, so wie die meisten Frauen, wenn sie fast puren Whiskey tranken.
»Du meinst, er war gut.«
»Ich könnte noch einen vertragen.«
»So, wie du aussiehst, könntest du die ganze Flasche vertragen.«
»Das ist möglich.« Sie nickte und musterte mich von oben bis unten. Weder anerkennend noch verletzend, sondern so, wie man ein Gebäude oder einen Berg oder einen Ameisenhügel betrachtet: Sie schaute einfach nur. Ich stand da und nahm es hin, während mich der dünne Strohteppich an den Sohlen meiner vom Wasser aufgeweichten Füße kratzte. Ich verspürte den lächerlichen Impuls, mich vorzustellen und in eine klassische Salonplauderei einzusteigen, in der es darum ging, wo man herkam und welche gemeinsamen Freunde man möglicherweise hatte. Und ihr zu erklären, warum ich ein Handtuch trug. Und ihr zu sagen, dass der Page mich vollkommen falsch verstanden und ich eigentlich ein großes, dämliches, kommerzielles Stück Frau gewollt hatte; und kein schlankes und so gelassenes Ding, dessen Haut die Farbe von in Honig geschmolzenen Perlen hatte.
Stattdessen schenkte ich uns die Drinks ein; diesmal mischte ich sie mit lauwarmem Wasser.
Der Regen schlug wie ein Rammbock gegen die Fenster und das Blechdach des Hotels. Zuerst strömte er mit einem zischenden Dröhnen herunter, dann mit einem Flüstern und schließlich mit einem lauten Schmirgeln, als riebe jemand mit Sandpapier über Holz. Sie leerte auch das zweite Glas, stand vom Bett auf und begann, sich auszuziehen. Und dann – während die nackte Glühbirne noch immer ihr grelles Licht auf das Bett warf – waren wir zusammen.
Wenn ich jetzt daran zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an die dümmsten Dinge: an die straffe Falte unmittelbar über ihrer Hüfte in ihrem Kreuz. Daran, dass sie nach Babyatem roch, ein süßer, kaum wahrnehmbarer Geruch, der sich immer weiter zurückzog, sodass man nie sicher sein konnte, ob er wirklich da war – gleichgültig wie nahe man ihm kam. An die braunen Flecke in ihren lavendelgrauen Augen, die dicht unter der Oberfläche dahintrieben, als ich sie küsste. Wobei die Augen weit offen und aufmerksam waren. Und doch gleichgültig. Die Augen eines Gourmets, dem man ein Stück altes Brot anbietet, das er eher aus Notwendigkeit annimmt, ohne mehr Geschmack dabei zu empfinden, als unweigerlich nötig ist. Ich erinnere mich, dass ich aufstand und zu ihr zurückkam, und daran, dass ich später, als der Whiskey aufgebraucht war, einen Schuh gegen die Glühbirne warf. Ich erinnere mich auch an den Geruch der regnerischen Dunkelheit im Zimmer und daran, wie ich ihr sagte, dass ich mir am Glas der Glühbirne auf dem Boden die Füße aufgeschnitten hatte. Und daran, wie...




