Cherdron / Wittmann | Wege der Freundschaft | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 202 Seiten

Cherdron / Wittmann Wege der Freundschaft

Eine biographische Studie (Friedrich Schleiermacher/ Louise Reichardt) und ein psychoanalytischer Essay
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-4741-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine biographische Studie (Friedrich Schleiermacher/ Louise Reichardt) und ein psychoanalytischer Essay

E-Book, Deutsch, 202 Seiten

ISBN: 978-3-7534-4741-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Freundschaften leben vom lebendigen Gespräch. Das ist in der Corona-Zeit nicht immer leicht. Oftmals fehlt die persönliche Begegnung oder ist sehr eingeschränkt. Die beiden hier vorgelegten Essays zur Freundschaftsproblematik zeugen aber nicht nur von einem wissenschaftlich fundierten Diskurs, sondern basieren auch auf der Wertschätzung zweier befreundeter Theologen, die sich seit Studientagen emotional verbunden wissen. Eberhard Cherdron, Jahrgang 1943, früher Kirchenpräsident in der pfälzischen Landeskirche, gibt einen theologiegeschichtlichen und musikhistorischen Einblick in die Freundschaftskultur der Frühromantik, exemplifiziert am Beispiel der Freundschaft zwischen dem Theologen Friedrich Schleiermacher und der Komponistin Louise Reichardt. Dr. Dieter Wittmann, Jahrgang 1941, früher Professor und Rektor der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen, versucht das "Werden und Sein" einer Freundschaft psychoanalytisch zu erhellen. Dabei wird in einem größeren Abschnitt auch Freundschaft aus der Sicht des Theologen dargestellt. Die beiden Aufsätze sind eine Einladung eigene Freundschaftswege zu entdecken, die gleichermaßen beglückend, abenteuerlich und bisweilen auch irritierend sein können.

Der Autor Eberhard Cherdron, Jahrgang 1943, war zuletzt Kirchenpräsident in der Evangelischen Kirche der Pfalz und lebt im Ruhestand in Speyer.
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2.1 Voraussetzungen zur Freundschaftsbildung: Objektbeziehungen und Triangulierung - „Einen Freund am Busen hält und mit ihm genießt“


Es ist schon deutlich geworden, dass wir im Rahmen unserer Überlegungen zur Freundschaft stets ein Geflecht vor Augen haben, das eine spezifische Art der Sozialbeziehung darstellt. In unseren bisherigen Ausführungen standen die Reflexionen zur Beziehung zwischen Mutter und Kind bzw. zwischen Personen, die für das Kind das Mütterliche repräsentieren, im Vordergrund. Darüber hinaus haben wir angekündigt, dass die von uns skizzierten Beispiele zur psychischen Grundlegung der Freundschaftsbindung, das primärharmonische Modell und das des Urvertrauens, unzureichend sind, um das Geheimnis einer gelungenen ( schon eher das einer zerbrochenen) Freundschaft evident werden zu lassen, schon allein deshalb, weil sie nur auf die mütterlichen oder die das Mütterliche repräsentierenden Personen fokussiert sind. Jetzt kommen weitere Personen mit je eigenen Beziehungsstrukturen psychisch und sozial fundierter Art in den Blick, die gelungene und zerstörte sowie reifere und unreifere Freundschaftsbünde kennzeichnen.

Wir nannten bisher die in unseren Ausführungen direkt oder auch nur indirekt Handelnden „Personen“ oder Mutter und Kind. Alle diese konkreten und phantasierten Personen werden wir nun im Folgenden nicht mehr „Personen“ nennen, sondern wir wollen von „Objekten“ sprechen und meinen damit menschliche Objekte, solange wir das theoretische Konzept der Objektbeziehungen, das der Psychoanalyse verpflichtet ist, zu unserer Argumentation heranziehen. Es geht dabei um die Dynamik in allen wechselnden Formen der menschlichen Beziehung zwischen dem intrapsychischen und dem zwischenmenschlichen Bereich. Darüber hinaus kann auch nur auf die „Konstituierung dyadischer … intrapsychischer Vorstellung“ fokussiert werden, die in erster Linie „die ursprüngliche Mutter– Kind- Beziehung und ihre spätere Entwicklung zu dyadischen, triadischen und multiplen inneren und äußeren zwischenmenschlichen Beziehungen reflektieren“ (Kernberg 1985,54f).

Die Bedeutung des mütterlichen Objekts ist uns mittlerweile wohlvertraut. Was hat es aber nun mit dem Vaterobjekt auf sich? Leuchtet es als siegreicher Held oder gar als „sol invictus“ in den Morgen des kindlichen Lebens? Unter dem Stichwort der Triangulierung wird in der klassischen Psychoanalyse der Entwicklung nachgegangen, dass nunmehr „der Vater Bedeutung für das kleine Kind“ erhält, „indem er ihm hilft, sich von der Mutter abzulösen und sich anderen Objekten angstfrei zuwenden kann. Es muss die in die Mutterbeziehung einbrechenden Objekte nicht länger mit Hass abwehren. Diese Entwicklung kann im günstigsten Fall in den ersten Lebensjahren erreicht werden und betrifft die Verinnerlichung von drei „ganzen“ Objektbeziehungen. „Ganz“ sei hier verstanden als: inklusive aller auch gegensätzlichen Anteile eines jeweiligen Objektes („gute“ und „böse“ etc.). Diese drei Objekte/Objektbeziehungen betreffen die Beziehungen des Kindes 1) zur Mutter, 2) zum Vater und 3) die Beziehung der Eltern zueinander (Wikipedia 2). Es kann gar keine Frage sein, dass eine Freundschaft, sei sie geschlechtsspezifisch ausgerichtet oder nicht, dieses Problem wird uns noch beschäftigen, jeweils auf Beziehungsmuster zurückgreifen wird und sogar muss, die an den jeweiligen Erfahrungen mit den Elternteilen und dem Elternpaar orientiert ist. Mit den späteren weiteren Sozialisationserfahrungen (Kindergarten, Schule, Berufe etc.) wird dieses Spektrum in seiner Intensität differenzierter werden und sich erweitern. Die Erweiterung des Lebensbereiches des Kindes in psychischer und sozialer Hinsicht wird durch das aktive Hinzutreten des Vaters eröffnet. Zunächst vom Kind mit Hass und Enttäuschung abgewehrt, kann der hinreichend gute Vater dem Kind dazu verhelfen, diese Gefühle als erlaubt anzusehen. „So kann es die gegensätzliche Gefühle von Liebe und Aggression gleichzeitig bestehen lassen und ertragen lernen...Indem der Vater dem Kind als triangulierender Dritter zur Verfügung steht, hilft er ihm, den symbiotischen Konflikt mit der Mutter zu lösen, bereitet den Weg für die Ablösung und Individuation“(Wikipedia 2).

Der Niederschlag der frühen Elternerfahrung auf dem Hintergrund der Triangulierung hat in vielerlei Hinsicht Konsequenzen für die späteren Freundschaftsgestaltungen. Sie nähren sich von der konkreten und verinnerlichten Muttererfahrung, von der konkreten und verinnerlichten Vatererfahrung und von der Erfahrung, die das Kind als Dritter in der Vater- Mutter - Dyade machte, wobei sich diese Dreier-Beziehung gegebenenfalls um die Geschwister erweitert. Nicht zuletzt werden in dieser Entwicklung Grundlagen des Selbstbewusstseins, der Angstbewältigung und zur Konfliktbereitschaft gelegt. Erik Erikson (1966) hat in seinem Stufenmodell diese psychischen und sozialen Fähigkeiten als Grundlage des Erwerbs von Autonomie und Unabhängigkeit erkannt. Dem steht die Minimierung von Scham und Zweifel gegenüber. Insoweit sind frühe Modelle von Freundschaftsbünden, freilich in unterscheidbarer Ausgestaltung in geschlechtsspezifischen Zusammensetzungen (vgl.4.2 u.4.3) vorgegeben. Diese Objektbeziehungen ermöglichen es dem Individuum in Beziehung zu sich und zur Welt zu treten, in mehr oder minder liebevoller oder aggressiver Weise, in reiferer oder neurotischerer Lebensführung. Ohne diese Untergründe käme es zu keinen Freundschaftsbindungen. Wenn wir noch einmal auf Goethes Gedicht „An den Mond“ zurückschauen, dann werden wir erkennen, dass er dort ein Freundschaftsbild zeichnet, das nicht mehr allein auf das mütterliche Objekt zurückweist, sondern schon triangulierende Objektbeziehungen im Blick hat. Er beschreibt nämlich zum Abschluss seiner poetischen Reflexion zwei in Liebe miteinander verbundene Objekte und nennt dabei wesentliche Elemente einer Freundschaft:

Die im primärnarzisstischen Modus begründete Freundschaft gebiert Hass und zerstört diese. Ihn gilt es zu überwinden, was auf reifere Objektbeziehungen hinweist. So steht uns nun das Bild einer geradezu idealtypischen Freundschaft vor Augen. Würden wir diese Zeilen ohne die vorausgehenden lesen, könnten wir sie als Beschreibung einer Freundschaft, die ohne Ambivalenzen bleibt, hören. Aber es wird keine vollendete Freundschaft geschildert, sondern der Wunsch einer noch zu erlangenden, die einen seligen Zustand herbeiführt. Wir kennen nun das Ziel. Wir wissen, dass Hass auf dem Wege zerstörerisch einbrechen kann, der allerdings überwunden werden kann in der libidinösen Zuwendung zum Freund. Wie aber erreicht ein Mensch diese Fähigkeit, so dass er sich als selig vor der Welt preisen kann?

Und abermals können wir die Antwort nur in den Objektbeziehungen, die uns erst den Zugang zur Welt eröffnen, finden. In der ödipalen Auseinandersetzung erhalten diese Objektbeziehungen eine Erweiterung.

2.2 Freundschaft mit Ödipus öffnet den Zugang zur Welt


Wir wenden uns jetzt einem Stadium der menschlichen Entwicklung zu, wo es darauf ankommen wird, alle jene psychischen Elemente, die wir in unseren bisherigen Überlegungen als Grundlagen von Freundschaftsbindungen benannten, nicht weiter in ihren Partialbedeutungen zu würdigen, sondern sie, aufbauend auf unserer Triangulierungsbetrachtung, zusammenzuführen. Das ist der Versuch, das weibliche Mondprinzip mit dem männlichen Sonnenprinzip zu vereinen, gewissermaßen die „Heilige Hochzeit“ zu vollziehen, so dass hier das Kind der Freundschaft entstehen kann. Das kann aber nicht im Sinne einer Egalisierung zweier differenzierter Prinzipien zu einem dritten Prinzip sein, mit dem dann das Wesen der Freundschaft endgültig zu erklären wäre, sondern eher im Sinne eines dynamischen Geschehens, das seine Zusammengehörigkeit in diesem Vorgang findet. Was wir also hier verhandeln wollen, rechnet die klassische Psychoanalyse einer Entwicklung zu, in deren Mittelpunkt der Ödipus-Komplex steht, der uns nicht nur mit dem sexuellen Begehren und identifikatorischen Vorgängen konfrontiert, sondern darüber hinaus auch noch mit einer geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Weise seiner Bewältigung. So sind wir unversehens erneut bei einem weiteren Mythos angelangt. Für unsere Fragestellung ist bedeutsam, dass wir den Ödipuskomplex in seiner Bedeutung für die Ablösung des Kindes von Mutter und Vater betrachten und welche Relevanz dieser Prozess für spätere Bindungen hat. Freud hatte zunächst die ödipale Problematik an der Vater-Sohn-Beziehung aufgezeigt. Später nannte er die Zuneigung gegenüber dem gegengeschlechtlichen und die Rivalität gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil „positiven Ödipuskomplex“. Davon grenzte er den „negativen Ödipuskomplex“ ab, um die Zuneigung zum...



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