Cherubim | Silent - Die Stille in dir | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 355 Seiten

Cherubim Silent - Die Stille in dir

Romance Thriller
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96714-178-8
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Romance Thriller

E-Book, Deutsch, 355 Seiten

ISBN: 978-3-96714-178-8
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Worte schlucken, nichts fühlen, das rettet mich' - das ist Silents Überlebensstrategie. Aber nur, wenn er sein Schweigen bricht, kann er Teach befreien. Obwohl Teach versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen, geht ihr der Mann, der in einer folgenschweren Nacht im Bluegrass Forest sein Versprechen brach, noch immer unter die Haut: Der verschwiegene Whiskeybrenner Silent bleibt undurchschaubar und geheimnisvoll. Daran ändert auch ein leidenschaftlicher One-Night-Stand nichts, der Teach verwirrter denn je zurücklässt. Bevor sie ihre Gefühle sortieren kann, findet sich Teach in einem Horrorszenario wieder: Sie wird entführt und wacht gefesselt an einem fremden, düsteren Ort auf. Nun ist es ausgerechnet Silents Stimme, die Teach am Leben hält und ihr Hoffnung schenkt. Doch während alle fieberhaft nach ihr suchen, bahnt sich Silents dunkle Vergangenheit ihren Weg, und die rätselhaften Geschehnisse rund um Teachs Verschwinden sorgen für Zweifel: Will Silent Teach wirklich retten oder ist er derjenige, vor dem sie fliehen sollte?   Düster, ergreifend, dramatisch - der neue New-Adult-Liebesroman von Bestsellerautorin Any Cherubim.

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2
Teach     Es ist mein erster Schultag nach Monaten meiner Auszeit. Ich bin nervös und weiß nicht, wie ich den Alltag bewältigen werde. Noch einmal lese ich mir den kleinen Zettel durch, den ich auf dem Tisch im Garten gefunden habe.   Liebe Teach, lange habe ich darauf gewartet – du wagst dich in dein Leben zurück. Du wirst atmen, vertrauen und irgendwann wieder lächeln können.   Ich grinse, weil der Schreiber oder die Schreiberin recht hat. Als ich die Schule betrete, merke ich, wie sehr mir die Kinder gefehlt haben. Die Kids haben mir einen wirklich netten Empfang bereitet. Sie haben ein Lied vorgetragen, und jedes Kind hat mich mit einer Blume willkommen geheißen. Ich war gerührt, habe Vertrauen gefasst und konnte durchatmen, genau wie es auf dem Zettel geschrieben stand. Und weil ich nicht gleich am ersten Tag mit dem Lernstoff weitermachen wollte, beschloss ich, dass die Kinder malen oder basteln durften. Es ist still im Klassenzimmer, während ich am Fenster stehe und den Herbst bewundere. Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Blätter bunt gefärbt. Nach den vielen Regentagen vertreibt die Sonne endlich die dicken Wolken, und alles sieht freundlicher aus.   »Lauf, Teach! Lauf, so schnell du kannst!«, schreit Kim voller Inbrunst und windet sich in den Armen unseres Peinigers. Er versucht ein Tuch auf ihren Mund zu pressen, während sie sich nach Leibeskräften wehrt. Wie erstarrt stehe ich da, zittere am ganzen Körper und weiß nicht, was ich tun soll. Es ist stockdunkel, und ich habe keine Ahnung, wo wir uns befinden. Ich werfe einen kurzen Blick ins Wageninnere und erkenne den Schatten meiner Cousine Emily auf dem Beifahrersitz. Ihr Kopf ruht bewegungslos an der Fensterscheibe. Ich bete, dass er ihr nichts angetan hat. »Lauf los, Teach! Jetzt!«, schreit Kim mich erneut an. In ihren Augen steht Angst, und in ihrer Stimme liegt ein Flehen, das mir durch Mark und Bein geht. Ich zögere. Ich kann sie doch nicht zurücklassen. Nicht bei diesem Scheißkerl. Mein Herz rast, meine Gedanken überschlagen sich, während das Adrenalin durch meine Venen rauscht und mir klar wird, dass ich Hilfe holen muss. Es fällt mir unsagbar schwer, meine Cousine und Kim zurückzulassen, aber ich habe keine andere Wahl. Als Kims flehender Blick mich ein letztes Mal trifft, setzen sich meine Beine in Bewegung, und ich haste orientierungslos in den Wald. Es ist so dunkel, dass ich nur die Baumstämme in meiner unmittelbaren Nähe ausmachen kann. Die Luft ist kühl, und es riecht nach Erde. Ich höre ihn. Er flucht und brüllt mir Drohungen hinterher. Keuchend renne ich durch die Finsternis. Der Waldboden ist vom Regen aufgeweicht, meine Füße versinken im Matsch, und der Rock meines Abendkleids verheddert sich zwischen meinen Beinen. Ich stolpere, falle. »Teach! Teach!«, singt er gedehnt meinen Namen, als wollte er ein Kind anlocken. »Du kannst mir nicht entkommen.« Der Lichtstrahl einer Taschenlampe leuchtet auf, und seine Schritte nähern sich. In Panik verstecke ich mich hinter einem Baumstamm und versuche verzweifelt meinen Atem zu kontrollieren. »Komm zurück, und ich werde deiner Schwester und Emily nichts tun.« Jedes Kind weiß, dass er lügt. Er würde alles sagen, um seinen Plan durchzuziehen. »Ich kann deine Angst riechen, Teach!« Er lacht gehässig, und mein Herzschlag donnert heftig gegen meine Brust. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel, dass er mich nicht entdeckt. Panisch presse ich mich fester an den Baum. Ich denke an Kim und Em und frage mich, was der Dreckskerl vorhat. Wie konnte er uns alle hintergehen? Angst pumpt durch meine Venen, und der Sauerstoff in meinen Lungen ist aufgebraucht. Vorsichtig spähe ich am Stamm vorbei. In einiger Entfernung sehe ich sein Taschenlampenlicht leuchten und will erleichtert aufstöhnen, weil er in eine andere Richtung läuft. Aber ich bin mucksmäuschenstill und behalte ihn im Auge, bis er mit der Dunkelheit verschmilzt. So leise wie möglich atme ich aus. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten und ermahne mich, jetzt nicht hysterisch zu werden. Angestrengt lausche ich und fixiere den winzigen Lichtstrahl, der wieder näher kommt. Er läuft zurück. Zu mir. Ich muss los. Jetzt. Sofort. Ich raffe meinen Rock und renne. Ich weiß, dass das Geräusch der knackenden Äste mich verrät, doch darauf achte ich nicht und hetze, so schnell ich kann. Ungeachtet dessen suche ich verzweifelt einen Weg aus dem Wald hinaus. Seitenstechen kündigt sich an. Plötzlich komme ich ins Schlingern, mein Fuß tritt ins Leere, und ich stürze eine Böschung hinunter. Das Laub federt meinen Körper ab, aber mit der nackten Schulter knalle ich gegen einen Felsen. Schmerz durchfährt mich, und ich bleibe einen Moment liegen. Auf allen Vieren schleppe ich mich mühsam vorwärts, stehe auf und renne weiter. Kurz darauf muss ich wieder pausieren und stütze mich mit den Händen auf den Knien ab, um zu Atem zu kommen. Ich bin müde, meine Beine fühlen sich wie Pudding an, nur der Gedanke an meine Schwester und Emily treibt mich voran. Ist er noch hinter mir? Ich höre ihn nicht, schaue mich um und entdecke eine Lichtung. Dort muss ich hin. Gerade als ich loswill, packen mich plötzlich kräftige Arme. Ich schreie, doch sofort presst sich eine Hand auf meinen Mund. Wild schlage ich um mich, trete, aber ich habe keine Chance. Er hat mich. »Beruhige dich!«, höre ich eine tiefe, sanfte Männerstimme, die mir vertraut ist. Im selben Augenblick reißt der Nachthimmel auf, und das Mondlicht erleuchtet sein Gesicht. Ich blicke in Silents dunkle Augen, erkenne seinen Bart und nehme seinen Duft wahr. Die Anspannung fällt von mir ab, schluchzend lasse ich mich gegen seine Brust fallen. Er drückt mich an sich, und dann geben meine Beine endgültig nach. In Tränen aufgelöst sacke ich zusammen, aber Silent hält mich in seinen Armen. »Er hat uns entführt. Er ist hinter mir her, hat Em und Kim in seiner Gewalt«, sage ich weinend. »Sch …! Alles wird gut, Teach. Wo ist er?« »Du musst die Polizei rufen«, wimmere ich außer Fassung. »Er sucht mich.« Zitternd deute ich in den Wald. »Er hat meine Familie. Er hat sie!« »Sch … Ich bringe sie dir zurück. Versprochen.« Seine Worte sind wie Balsam und legen sich wie Honig auf meine Seele. »Ich bringe sie dir zurück, Teach. Versprochen.« Versprochen … Versprochen … Versprochen …   »Iieh … Mia! Hör auf damit! Das ist eklig. Mrs. Teach …!« Irritiert von der Kinderstimme schiebe ich die dunkle Erinnerung beiseite. Ich sollte nicht daran zurückdenken – nicht bei der Arbeit, nicht hier im Klassenzimmer bei den Kindern. Es wird Zeit, wieder am Leben teilzunehmen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und nach vorn zu schauen. Das zumindest sagen Emily und meine Psychologin. Heute ist mein erster Arbeitstag nach der Tragödie an der Bluegrass-Mühle, und obwohl ich mich auf die Kids und meine Kollegen gefreut habe, spüre ich deutlich, dass ich noch nicht bereit dazu bin. Ich will nicht loslassen, denn das würde bedeuten, Kims Tod zu akzeptieren. Ich wende den Blick vom Fenster ab und sehe zu Sophia, die mit erbostem Gesicht die hinter ihr sitzende Mia anstiert. »Hey! Was ist denn los?«, will ich wissen und gehe zu ihnen. »Mrs. Teach, Mia ärgert mich.« Es gefällt mir, dass die Kinder mich mit meinem Spitznamen ansprechen. Gleich in meiner ersten Schulstunde haben wir damals eine Fragerunde gemacht. Dabei habe ich ihnen verraten, dass meine Freunde mich Teach nennen. Das schien den Kids zu gefallen, und seither bin ich nicht Mrs. Westham, sondern Mrs. Teach für sie, was ich wirklich süß finde. »Mia bewirft mich mit Nasenpopeln«, beschwert sie sich erneut und verzieht angewidert den Mund. Die Klasse kichert. »Stimmt gar nicht. Sie lügt«, verteidigt sich Mia. »Tust du wohl. Da.« Sophia deutet auf etwas Gelbgrünes, das auf dem Boden verteilt liegt, und einiges davon klebt in ihren Haaren. Tatsächlich sieht es aus wie getrocknetes Nasensekret. Ich seufze. »Mia?«, frage ich, warte auf eine Erklärung und sehe sie tadelnd an. Die Sechsjährige ist schon vor meiner Auszeit durch ihr Verhalten aufgefallen. Sie kam während des laufenden Schuljahrs in meine Klasse und tat sich bei der Eingewöhnung schwer. Offensichtlich hat sich daran nichts geändert, und sie hat noch immer keinen Anschluss gefunden. Erst jetzt bemerke ich, wie sie ihre Hände unter der Bank versteckt, als hätte sie etwas zu verbergen. »Zeig mir mal deine Finger.« »Wieso? Ich hab nix.« Sie setzt eine Unschuldsmiene auf, aber ich durchschaue sie, hebe eine Braue und sehe sie abwartend an. Als sie merkt, dass sie aus der Nummer nicht mehr herauskommt, rollt sie mit den Augen und holt sie hervor. Allerdings zeigt sie nur ihre Handrücken. Ich drehe ihre Hände um und entdecke auf ihren Handinnenflächen Kleberreste. Ich erinnere mich, dass Kim solche Spielereien früher auch gemacht hat. Man nehme einen flüssigen Kleber, gebe eine ordentliche Portion auf die Handfläche und lasse ihn trocknen. Sie hat es geliebt, die Kleberfetzen abzuziehen und zwischen den Fingern zu reiben. Die sahen dann aus wie Nasenpopel. Nichtsdestotrotz muss ich reagieren und fordere stumm die Herausgabe der Klebstofftube. Mia schnauft und rückt, wenn auch etwas widerwillig, die Tube heraus. Im Augenwinkel bemerke ich das triumphierende Grinsen von Sophia. »Warum hast du das getan, Mia?« Das kleine Mädchen mit den schulterlangen Haaren hält ihren Blick gesenkt und sagt kein Wort. Ich bin mir aber sicher, dass Sophia nicht so unschuldig ist, wie sie...



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