E-Book, Deutsch, 377 Seiten
Cheska Der kleine Blumenladen der Träume
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-035-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 377 Seiten
ISBN: 978-3-96655-035-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Cheska ist Dozentin für kreatives Schreiben und schreibt außerdem selbst erfolgreich Romane und Kurzgeschichten für Frauenmagazine. Sie lebt mit ihrem Partner und ihren drei Kindern in West Sussex. Bei dotbooks erscheinen von Anna Cheska »Der kleine Blumenladen der Träume« und »Das Cottage der großen Wünsche«.
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Kapitel 1
Imogen West hielt erschaudernd die Luft an, als sie die Tür zu Edwards Arbeitszimmer öffnete. Sein Heiligtum. Sie starrte in den düsteren Raum, glaubte seine Gestalt, seine Hand zu erkennen …, die vielleicht gerade die Encyclopedia Britannica aus dem obersten Fach des hohen verglasten Bücherschranks herauszog.
Sie hörte seine Stimme: Mit Vermutungen kommst du nicht weiter, Imo. Schlag nach. Es gibt für alles eine Erklärung. Für alles? Imogen erschauderte wieder. Und wie war es mit dem Tod? »Erspar mir dein Gerede«, sagte sie laut.
Schatten können einen nicht unter Druck setzen, dachte sie und schaltete schnell das Licht ein. Die wuchtigen schwarzen Formen nahmen sofort Gestalt an und wurden zu seinem Schreibtisch, seinem Bücherschrank, seinem Ledersessel. Ist doch gar nicht so finster, sagte sich Imogen und stieß einen befreienden Seufzer aus. Das ist mir vertraut – und doch etwas unheimlich.
Gediegen, traditionell und etwas altmodisch – offen gesagt, genau wie Edward – schienen die Möbel sie anzustarren, als wüssten sie, dass auch ihre Tage gezählt waren.
Imogen wollte diesen Raum nicht betreten. Sie verschränkte ihre Finger und spürte den Druck des Eherings am kleinen Finger. Es ist zu früh. Noch war sie vom Schock über seinen plötzlichen Tod wie betäubt – ihr Gehirn funktionierte nur teilweise. Sie tat alles Nötige, vergaß vieles, kämpfte mit ihren zwiespältigen Gefühlen und fragte sich, warum sie nicht weinen konnte.
Sie vergrub ihre Hände in den Taschen ihrer Jeans und ließ den Blick missmutig durch das Arbeitszimmer schweifen. Ich muss es tun.
John Grantham, ihr aalglatter, dubioser Anwalt, hatte sie gebeten, den Papierkram durchzusehen. »Machen Sie sich an die Arbeit«, hatte er gesagt. »Wir müssen die Dinge langsam in Bewegung bringen.«
Also bewegte sie sich. Sie straffte die Schultern, strich sich eine Strähne ihres nussbraunen Haars hinters Ohr und ging ins Arbeitszimmer hinein. Es musste sein. Ihr Mann war vor drei Tagen gestorben. Früher oder später musste ihr Leben ohne Edward beginnen.
»Entspann dich, Imo«, befahl eine Stimme mit sanftem Nachdruck. Am Nachmittag des folgenden Tages saß Imogen in einem Schönheitssalon im Stadtzentrum von Chichester. Der Salon lag im Erdgeschoss eines dreistöckigen Hauses, hinter dessen georgianischer Fassade sich die in Schwarz und Chrom gehaltene Inneneinrichtung versteckte, die absolut dem sachlich-nüchternen, modernen Zeitgeist entsprach, wie Imogen feststellte.
Judes Finger massierten sanft, aber fest ihre Kopfhaut. Joe Cocker schnulzte aus einem Lautsprecher über dem schwarzen Waschbecken gefühlvoll über dieses flüchtige Something … und Imogen versuchte, sich zu entspannen. Jude war die Besitzerin des Salons und außerdem ihre beste Freundin.
»Du bist völlig verkrampft, mein Schatz«, sagte Jude und konzentrierte sich mit halb geschlossenen Augen. Ihr heute honigfarbenes Haar fiel ihr über den üppigen Busen. Bei ihrem letzten Treffen vor einer Woche war es noch rabenschwarz gewesen. »Aber wer wäre das nicht in deiner Situation? Es ist einfach schrecklich, wirklich grauenvoll.«
Wenn es sein muss, ergeht sich Jude in ewigen Monologen, wie ein Zahnarzt, dachte Imogen.
»Edward … ich kann es noch immer nicht fassen, weißt du«, redete Jude weiter.
Imogen erging es ebenso. Okay, sein Cholesterinspiegel war so hoch gewesen, dass er seinen Speiseplan geändert hatte – wenn auch nicht gerade radikal – und daran dachte, sich in London untersuchen zu lassen, wozu er jedoch irgendwie nie gekommen war. Aber trotzdem … die Tatsache, dass er tot war, diese kalte harte Realität war schwer zu begreifen. Imogen konnte nur zustimmend mit den Augen zwinkern, denn ihr Kopf war in flauschige schwarze Handtücher gehüllt.
»Ein Herzinfarkt, einfach so … aus heiterem Himmel. Er war doch noch nicht alt«, sagte Jude. Gedankenlos summte sie Joe Cockers Lied mit, verstummte dann abrupt und fragte: »Wie alt war er überhaupt?«
Imogen atmete den beißenden Geruch des Jojobaöls ein und murmelte undeutlich: »Fünfundvierzig.« Früher hatte sie dieses Alter mal für eine angemessene Lebensdauer gehalten, doch jetzt, mit Mitte dreißig, wurde ihr schmerzlich bewusst, wie knapp bemessen die menschliche Lebenszeit war.
»Du Arme«, sagte Jude. »Was für ein fürchterlicher Schock! Du kannst es wahrscheinlich immer noch nicht fassen, wie?« Sie befreite Imogens Kinn von einem der Handtücher. Ihre Augen waren dunkelblau und voller Mitgefühl. Während Imogen sich auf die Ehrlichkeit ihrer Freundin verlassen konnte – Jude war eine der mitfühlendsten Frauen, die sie kannte –, kam sie mit deren ständig wechselnder Haarfarbe nicht klar. Jude besaß eine derart umfangreiche Kollektion an farbigen Kontaktlinsen, Haarfärbemitteln und Cremes, Haarteilen und Perücken, dass Imogen ihre Freundin manchmal nicht wieder erkannte, wenn sie ihr auf der Straße begegnete. Aber so war Jude eben – eine vielfarbig schillernde Frau mit einem Herzen aus Gold.
»Es kostet mich ungeheure Überwindung, sein Arbeitszimmer zu betreten«, sagte Imogen seufzend. Trotz ihrer besten Vorsätze, sich endlich den Papierkram vorzunehmen, hatte sie am Vorabend eine Ewigkeit vor Edwards Schreibtisch gestanden und ausschließlich das Hochzeitsfoto in dem pompösen Silberrahmen angestarrt.
Schließlich hatte sie das Foto in die Hand genommen, nachdenklich das damals zehn Jahre jüngere Paar – Imogen und Edward – betrachtet und über die Liebe sinniert. Hatte sie ihn denn geliebt? Sicherlich hatte sie das damals geglaubt. Das Foto zeigte ein ideales Paar, und vielleicht waren sie aus diesem Grunde auch eins geworden. Sie hatten nie gestritten, sondern höflich diskutiert, waren freundlich, rücksichtsvoll und vorsichtig miteinander umgegangen, um die Gefühle des anderen nicht zu verletzen – aber Liebe?
Seufzend hatte sie das Foto auf den Schreibtisch zurückgestellt und sich an die Arbeit machen wollen, aber Edward schien in diesem Raum noch immer allgegenwärtig zu sein. Es wäre ihr wie eine Verletzung seiner Privatsphäre – fast wie eine Missachtung seiner Person – vorgekommen, hätte sie darin auch nur einen einzigen Gegenstand verrückt. Nein, das war nicht fair.
Vorsichtig hatte sie zuerst eine Schublade und noch eine aufgezogen. In beiden lagen Papiere, Akten, Bücher – ordentlich gestapelt, wie es eben Edwards Angewohnheit gewesen war.
Und dann hatte sie am abgenutzten Griff der obersten Schublade gezogen. Sie war verschlossen. Einmal hatte er diese Schublade schnell zugeschoben, als sie ihm Kaffee brachte. Lächelnd hatte sie damals gedacht: Er hat Geheimnisse … Jetzt schien ein unsichtbares Etikett daran zu kleben: MEIN LEBEN. ALLES, WAS DU WISSEN MUSST, UM MICH ZU VERSTEHEN. Da hatte es Imogen gereicht und sie war schnurstracks aus dem Zimmer gelaufen. Mir reicht’s jetzt. Morgen sehen wir weiter.
Im Schlafzimmer hatte sie Jeans und Pullover ausgezogen und war in ihren alten, bequemen Frotteebademantel geschlüpft. In diesem Zimmer war Edward gestorben, trotzdem kam es ihr jetzt irgendwie freundlicher vor …
»Wenn du willst, helfe ich dir einen Abend nach der Arbeit dabei«, bot ihr Jude an und wischte sich die Hände an ihrem kurzen schwarzen Kittel ab. »Es muss doch schauderhaft sein, in Edwards Sachen rumwühlen zu müssen.« »Nein«, sagte Imogen, konnte jedoch ihren Kopf nicht schütteln, weil er in der Mulde des Waschbeckens steckte. Jude hatte ihr schon angeboten, sie könne zu ihr in die enge Wohnung über dem Salon ziehen, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Tochter bewohnte. Sie hatte ihr auch eine Schulter zum Ausweinen, ein offenes Ohr und eine Haarwäsche inklusive Massage angeboten.
»Du bist ein Schatz, aber ich schaffe das schon«, hatte Imogen gesagt. Sie musste das allein erledigen.
Doch Imogen wusste das Angebot ihrer Freundin zu schätzen und weit Jude für ihre Wärme und ihr herzliches Lächeln dankbar. Dieses Verständnis ermöglichte es ihr, ihre Probleme im richtigen Licht zu sehen. Imogen drückte Jude kurz die Hand. Bestimmt kommen viele Frauen nicht nur in den Salon, damit Jude sie schön macht, sondern weil sie in ihr auch eine Vertraute sehen, dachte Imogen und musste an ihr gestriges Telefonat denken.
»Komm zu mir, wann immer du möchtest«, hatte Jude gesagt. »Ich helfe dir, wieder auf die Beine zu kommen.« Imogen rutschte in dem weichen Ledersessel von Judes einzigartigem Schönheitssalon – The Goddess Without – hin und her. Lächelnd dachte sie an den Abend, als sie und Jude bei einer Flasche Beaujolais diesen Namen ersonnen hatten, der den Frauen suggerierte, sie müssten einfach in den Salon gehen und würden anschließend als fröhliche, verwandelte, attraktive und begehrenswerte Halbgöttinnen herauskommen, denen kein Mann widerstehen könnte – einfach umwerfend eben! Jude hatte die Räumlichkeiten so geschickt gestaltet, dass man meinte, eine hell erleuchtete Höhle zu betreten, die einen magisch anzog und den Eindruck vermittelte, in einen von Jude beherrschten, verzauberten Ort zu kommen.
Jude massierte jetzt das Jojobaöl-Shampoo in Imogens Kopfhaut ein und knetete ihren Schädel, als formte sie einen Lehmklumpen.
»Ruf mich an, falls du deine Meinung änderst«, sagte Jude und griff nach einer anderen Flasche. »Ich bin immer für dich da.«
Imogen sah ihrer Freundin ins Gesicht, fand aber keinerlei Hinweis auf eine Anspielung. In letzter Zeit hatten sie oft in der Wohnung über dem Salon gesessen und darüber geredet, wie es wäre, wenn Imogen Edward verlassen würde. Wenn Imogen den definitiven Schritt wagte, um wieder frei zu sein. Sie...




